Humor und Sterben, geht das überhaupt? Diese Frage gingen Hanna Münch und Katrin Jantz als die Gesundheitsclowns „Lotti“ und „Liesel“ im Rahmen einer gemeinsamen Veranstaltung der Deutschen PalliativStiftung und des Deutschen Caritasverbandes in den Räumlichkeiten der STEINBECK GmbH in Fulda nach.
Glück und Leid liegen bekanntermaßen nah beieinander. Für die professionellen Gesundheitsclowns Hanna Münch und Katrin Jantz, die in Altersheimen und Hospizen in die Rollen von „Lotti“ und „Liesel“ schlüpfen, erfordert „die Annäherung“ an einen sterbenden Menschen ein Höchstmaß an Konzentration und sehr viel Fingerspitzengefühl. Denn: Wenn sie kommen, leben die Menschen noch, und bekommen noch sehr viel mehr mit als viele glauben.
Mancher von uns hat, wenn er an einen Clown denkt, eine kostümierte Gestalt mit Perücke und roter Nase im Kopf, doch die Arbeit mit demenziell veränderten und schwerstkranken erwachsenen Menschen geht darüber hinaus. „Bunt und mit roter Nase, das mag auf die Arbeit der Krankenhaus-Clowns mit Kindern zutreffen, nicht aber auf die mit Erwachsenen, bei der es gilt, dem Todkranken mit Würde und Respekt zu begegnen“, sagt Katrin Jantz, die seit sechs Jahren als Gesundheitsclown arbeitet. Auch die Bezeichnung „demenziell verändert“ anstatt „demenzkrank“ oder „senil“ ist ganz bewusst gewählt; aus Respekt vor dem Menschen und dessen Leben. „Der Klinikclown wird bildlich und in der Vorsteller immer der Kinderclown im Kinderkrankenhaus bleiben, und das darf er auch. Wenn ich als Kinderclown arbeite und ich habe am Nachmittag einen Einsatz im Hospiz oder auf der Palliativstation, dann ziehe ich mich um; da schminke ich mich anders, habe eine andere Frisur und auch ganz andere Requisiten im Koffer“, erklärt Jantz.
„Es geht darum, dem eigenen Gespür zu vertrauen und authentisch zu bleiben.“
In der Beziehungsarbeit der Zimmerclowns oder Begegnungsclowns geht es darum, dem Sterben oder auch dem Sterbeprozess eine gewisse „Leichtigkeit zu verleihen“, Brücken zu dem Schwerkranken aufzubauen und den vorhandenen, ungeahnten Humor freizulegen. Um diese Arbeit machen zu können, muss man sehr Feinfühlig sein und gute Antennen haben. „Wir gehen in ein Zimmer und lesen dieses Zimmer. Inzwischen können wir das in Speedgeschwindigkeit“, sagen Lotti und Liesel, die zwischen ihrer reellen Persönlichkeit und ihrer Rolle hin und her wechseln. Um dort hinzugelangen habe es Jahre gedauert, räumen die beiden Profis ein. Ebenso wichtig bei ihrer Arbeit: Authentisch sein. Der Clown ist kein Schauspieler. Ebenso ist er nicht nur fürs Lachen da. Ihm sind alle Emotionen willkommen, sagt Lotti. Und ganz wichtig: Sein Gegenüber ernst nehmen. „Es geht um Wertschätzung, Respekt und Demut. Mitleid ist das Letzte, was Sterbende brauchen. Das ist das Schlimmste, was man diesen Menschen antun kann. Genauso wie Sätze: Ach, das wird schon wieder. oder Der kriegt doch eh nix mehr mit! Jeder Mensch kriegt noch was mit. Bis ganz zum Schluss“, weiß Begegnungsclown Liesel.
Aktuell schreiben die beiden Buchautorinnen, Hanna Münch und Katrin Jantz, an ihrem zweiten Buch, das den Titel „Sterbestammtisch“ tragen soll. Ihr erstes Werk, „Hoffentlich gibt´s da oben Currywurst und Kuchen“, ist 2024 im Bonifatius Verlag als Taschenbuchausgabe erschienen und gibt ein Einblick in ihre Arbeit als professionelle Begegnungsclowns. Aus dem Manuskript lasen die beiden Autorinnen gestern ausgewählte Textstellen, womit sie ihr Publikum zum Nachdenken anregten, und gleichermaßen fesselten. „Für Vieles gibt es ein Heilmittel. Und wenn wir als Kinder über Zahnschmerzen, Bauchschmerzen, Ohrenschmerzen klagten, oder uns sonst nicht so wohl fühlten, schmierte uns die Oma Zwiebelsaft, warmes Öl oder zerdrückte Kartoffeln drauf; das half immer. Aber es gibt Krankheiten, die nicht wieder gut werden. Auf der Palliativstation ist es oft der Krebs. Der Tumor trachtet nach dem Leben und den Menschen, denen wir begegnen. Da helfen keine liebevollen Umschläge, welcher Art auch immer. Nicht mehr. Was aber für den Moment helfen kann, ist eine Ablenkung, ein Perspektivwechsel, der Blick weg von der Krankheit.“
„Jeder Mensch hat sein eigenes Leben, seinen eigenen Charakter und eine Geschichte.“
„Vor einer Tür bleiben wir oft einen Moment stehen. Nicht lange, vielleicht nur einen Atemzug. Genug Zeit, um anzuklopfen und uns bewusst zu machen, dass wir nicht wissen, was uns hinter dieser Tür erwartet. Wer wird uns begegnen? Welche Geschichte bringt dieser Mensch mit? Welche Stimmung erfüllt den Raum? Wird gelacht, geschimpft, geweint, getanzt oder einfach nur gemeinsam ausgehalten, was gerade ist? Als Begegnungs-Clowns gehen wir in diese Räume ohne Drehbuch und ohne Garantie auf ein gutes Ende. Auch möchten wir nicht so tun als könnte ein Clown jede Situation ins Positive wenden oder als würde jeder Besuch in einem Zimmer fröhlich und leicht enden. Oft begegnet uns dieses Vorurteil bei Angehören oder auch Pflegenden, die uns das erste Mal begegnen. Hinter jeder Tür begegnen uns andere Menschen, andere Geschichten und andere Schicksale, da gibt es kein Patentrezept, keine einstudierte Comic, kein gleicher Ablauf.
Ein Clown am Bett eines sterbenden Menschen – für viele kaum vorstellbar. Doch sterbende Menschen sind lebende Menschen und solange wir ihnen begegnen, leben sie. Natürlich geht es auch um das Sterben. Natürlich wird darüber gesprochen. Diesen Gesprächen weichen wir nicht aus, sondern geben ihnen Raum. Aber bis zuletzt geht es eben auch um das Leben. Es geht um die Würdigung eines Menschen mit seiner ganzen Geschichte, seinen Ängsten, Hoffnungen, Erinnerungen und Gefühlen. Als Begegnungsclowns sind wir für alle diese Begegnungen offen. Wir begegnen Menschen auf Augenhöhe und wagen gleichzeitig jene liebevolle Grenzüberschreitung, die manchmal ein Lächeln, einen neuen Gedanken oder einen unerwarteten Moment der Nähe entstehen lässt.“
„Ein Clown bewertet nicht, für ihn sind es Menschen.“
Hanna Münch und Katrin Jantz sprachen im Rahmen der gestrigen Veranstaltung auch über Herausforderungen in dem Beruf, den sie heute hauptberuflich ausüben. Bis heute arbeiten immer noch mehr Frauen als Männer in diesem Beruf, der einem viel abverlangt. Mehr als einen bis zwei Einsätze am Tag würden sie kognitiv nicht standhalten. „Manchen würden denken, ich ziehe die rote Nase an und bin jetzt mal für eine Stunde lustig, so ist es nicht. Unsere Einsätze erfordern ein Höchstmaß an Konzentration. Man muss sehr ausgeschlagen und präsent sein, um alle Schwingungen und Nuancen einzufangen. Wir haben am Tag einen bis zwei Einsätze, danach sind wir platt“, sagt Katrin Jantz, weshalb sie und ihre Kollegin jeden Morgen nach dem Aufstehen sportlich aktiv werden. Der Beruf des Begegnungsclowns ist körperliche Schwerstarbeit.
Oft werden Münch und Jantz, die ihren Wirkungskreis im Baden-Württembergischen Ulm haben, gefragt, ob sie die Arbeit des Begegnungsclowns ehrenamtlich ausüben. Für die beiden Frauen ist diese Frage zwar legitim, wenn sie auch suggeriert, dass die Arbeit oder der Beruf des Gesundheitsclowns, den Münch und Jantz wie sehr viele ihrer Kollegen als Freiberufler ausüben, noch viel mehr in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung gerückt werden muss. Genauso wie das Thema Sterben selbst. Ihrer Meinung nach sei das Thema vielerorts immer noch ein Tabu-Thema. Die Gründe hierfür mögen vielschichtig sein. Münch und Jantz machten am Dienstagabend keinen Hehl daraus, den Gästen vorzuenthalten, dass auch die Gesundheitsclowns vom Fachkräftemangel betroffen sind. Ein Grund liege nach Jantz darin, dass das Tätigkeitsfeld der Gesundheitsclowns kein anerkannter Beruf ist.
Mehr Mitmenschlichkeit
Im Rahmen der Veranstaltung sprachen Hanna Münch und Katrin Jantz mit dem Vorsitzenden der Deutschen PalliativStiftung, dem Palliativmediziner Dr. Thomas Sitte, der Präsidentin des Deutschen Caritasverbandes Eva Welskop-Deffaa, die der Veranstaltung im Rahmen ihrer letzten Sommerreise als Caritas-Präsidentin beiwohnte, und dem Vorsitzenden des Hospiz-Fördervereins Fulda Michael Brand MdB über Ängste, Vorbehalte, Hürden und gesellschaftliche wie politische Herausforderungen im Umgang mit dem Sterben bzw. Sterbeprozess. In diesem Kontext rückte der Vorsitzende der Deutschen PalliativStiftung, deren Sitz in Fulda ist, Dr. Thomas Sitte, die Frage, Was wir selbst, andere, die Gesellschaft oder auch die Politik für uns tun kann, damit es uns am Lebensende besser geht, in den Fokus. Die Antworten auf diese Frage mündeten in der Übereinstimmung, dass die Gesellschaft wacher und resilienter gegenüber dem Sterben werden müsse. Auch Nächstenliebe, Mitmenschlichkeit und Hilfsbereitschaft wurden genannt.
Berufsbilder im Gesundheits- und Pflegesektor können helfen, Hemmschwellen gegenüber Tod und Sterben abzubauen. Ein weiterer wichtiger Multiplikator ist die Zeit, die wir Menschen, insbesondere Alten und pflegebedürftigen Menschen viel zu selten schenkten. Gerade die Einsamkeit von alten Menschen sei nach Jantz etwas, das diese nur noch schneller in die Demenz treibe oder die Todessehnsucht verstärke. Michael Brand rückte das Thema Vorsorgevollmacht in den Mittelpunkt. Und damit auch das Bestreben, sich hier frühzeitig zu kümmern. Der HospizFörderverein Fulda sei diesbezüglich schon seit vielen Jahren gemeinsam mit weiteren Partnern und Initiativen aus der Region auf einem sehr guten Weg. Caritas-Präsidentin Welskop-Deffaa dankte allen Begegnungsclowns sowie jenen Berufsgruppen in Altenheimen, Palliativstationen und Hospizen für den souveränen Umgang mit den Themen Tod und Sterben.
Im Nachgang an den offiziellen, rund zweistündigen Veranstaltungsteil nutzten viele Gäste die Möglichkeit mit Hanna Münch und Katrin Jantz sowie weiteren Podiumsdiskutanten ins Gespräch zu treten. Der Künstler Walter Steinbeck bot Führungen durch die Ausstellung an, was den Abend bereicherte und symbolisch dem Willen nach Selbstbestimmung am Ende des Lebens bunt und farbenfroh Ausdruck verlieh. +++ jessica auth










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