Nachdem der Städtische Konzertchor „Winfridia Fulda“ die vergangenen Monate sein 150-jähriges Bestehen in diesem Jahr mit den unterschiedlichsten Formaten begangen hat, bot das älteste Oratorium Fuldas am gestrigen Samstagabend unter dem Motto „Freudentänze – Festgesänge“ im Stadtsaal der Orangerie Fulda im Rahmen der Jubiläumsgala den rund 300 Konzertbesucherinnen und Konzertbesuchern ein Feuerwerk der letzten 80 Jahre seines musikalischen Wirkens. Begleitet wurde die Winfridia dabei von der Vogtland Philharmonie aus Greiz Reichenbach sowie der Sopranistin Christina Rümann. Durch den Abend führte Michael (Shaggy) Schwarz.
„Es war ein beeindruckendes Konzerterlebnis, das seinesgleichen sucht“, attestierte der Winfridia Fulda und der Vogtland Philharmonie ein Konzertbesucher nach rund 90-minütigem Konzertprogramm, das seine anspruchsvollen Zuhörerinnen und Zuhörer verwöhnte und gleichermaßen begeisterte. Mit chorsinfonischen Klassikern von Haydn, Staehle, Schumann, Verdi, Händel, Brahms und anderen – aber auch neukomponierte wie -arrangierte Werke aus den vergangenen zehn Jahren sowie Bearbeitungen von Werken für Chor und Orchester assoziiert mit Klavier bildete das Jubiläumskonzert das Repertoire der letzten 80 Jahre ab, die seit 1946 wiederholt auf dem Spielplan stehen und sinnbildlich für den Konzertchor stehen.
Viele Jahre prägten vor allem geistliche Werke den Städtischen Konzertchor, die ein großer Teil seiner Identität sind. Jenen widmete sich der erste Teil des gestrigen Konzerts. Den Auftakt gab Haydns „Schöpfung“. Wie auch in den „Jahreszeiten“ sind im Spätwerk des Komponisten dessen lebenslange Erfahrung zusammengefasst, womit er nach Aussagen von Chorleiter Carsten Rupp etwas „Neues“, „Zukunftsweisendes“ und „Modernes“ schuf. Das Oratorium als „persönliches Gesamtkunstwerk“. Gefolgt vom 95. Psalm op. 46 von Bartholdy. Inspiriert von den Kompositionen von Bach und Händel hatte Felix Mendelssohn Bartholdy ein reges Interesse daran, insbesondere die Werke von Bach zu studieren, diese aufzuführen und selbst Kirchenmusik zu komponieren. So entwickelte Mendelssohn seine eigene musikalische Sprache, indem er auf einzigartige Weise die Bach`sche Stilistik und Formensprache mit der Emotionalität und dem Farbenreichtum der Romantik verband.
Nach Dirigent Carsten Rupp brauche es bei einem Konzert „eine gewisse Dramaturgie“. Und so widmete sich die Winfridia im zweiten Teil ihres Konzerts mit Brahms „Liebeslieder-Walzer“, Williams „A Sea Symphony“ und Haydns „Jahreszeiten“ und neukomponierten Stücken den weltlichen Werken, die beim Publikum auf rege Zustimmung stießen. Unterstützung erfuhr die Winfridia Fulda wie bereits im ersten Konzertteil von der Sopranistin und einst Chormitglied Christina Rümann. Rümann und Rupp kennen einander schon viele Jahre. Die musikalische Zusammenarbeit reicht dabei bis in ihre Jugend zurück.
Die Vogtland Philharmonie, die auch bei der Jubiläumsgala in perfekter Symbiose stand, war für das Jubiläumskonzert, wie Carsten Rupp im Rahmen des Jubiläumsreigens verriet „die erste Wahl“. Demnach blicken die „Vogtland Philharmonie“ und die „Winfridia Fulda“ auf viele schöne Erinnerungsmomente zurück. Wie es klinkt, wenn zwei hochkarätige musikalische Parallelwelten aufeinandertreffen, brachte die Zugabe am Ende des Konzerts zum Ausdruck. Das letzte Mal als die Winfridia Fulda und die Vogtland Philharmonie das Stück darboten, war in 2013, wie Dirigent Carsten Rupp, dessen Engagement am Samstagabend von tadelloser Präzision geprägt war, verriet. Am Ende feierten die rund 300 Konzertbesuchenden einen gelungenen Jubiläumsabend, erhoben sich von ihren Plätzen und gaben der Winfridia minutenlangen Beifall. Ein emotionaler Moment für alle Anwesenden im Saal.
150 Jahre Chorgeschichte sind mehr als eine Zahl. Sie erzählen von Menschen, die über Generationen hinweg ihre Zeit, ihre Stimme und ihre Leidenschaft in den Dienst der Musik gestellt haben. Der Städtische Konzertchor „Winfridia Fulda“ kann in diesem Jahr auf eine solche Geschichte zurückblicken. Gegründet 1876, gehört der Chor heute zu den wenigen leistungsorientierten Konzertchören Hessens. Als einziger weltlicher Konzertchor der Region Fulda verbindet die Winfridia dabei musikalischen Anspruch mit einer langen regionalen Tradition.
Der Chor erinnert in seiner Namensgebung an Winfried von Crediton, besser bekannt als Bonifatius, den Gründer des Klosters Fulda. 1876 entstand die „Winfridia“ zunächst als katholischer Männergesangverein. Es war die Zeit des Kulturkampfes, von dem auch das kirchliche Leben nicht verschont blieb. 1873 hatte sich der Domchor aufgelöst. Grund für die Entstehung der Winfridia waren seinerzeit 12 Handwerksmeister, die die Auflösung des Domchores nicht hinnahmen, und die Gesang-Gesellschaft „Winfridia“ – zunächst als katholischer Männergesangsverein gründeten. Ihre Ambitionen: Im Fuldaer Dom sollte wieder gesungen werden. Im Jahr 1928 wurde die Gesang-Gesellschaft gemeinsam mit dem Oratorienchor Cäcilia zu einem gemischten Chor zusammengeschlossen. Seit 1948 trägt die Winfridia den Titel „Konzertchor der Stadt Fulda“. Verliehen wurde diese Bezeichnung durch den Magistrat der Stadt Fulda, vertreten durch den damaligen Oberbürgermeister Dr. Cuno Rabe, aufgrund „besonderer Verdienste um das musikalische Wirken innerhalb und außerhalb Fuldas“.
Heute gehören dem Chor rund 60 aktive Sängerinnen und Sänger an. Hinter den Konzerten, die das Publikum später als fertige Aufführung erlebt, stehen dabei viele Stunden konzentrierter Arbeit. In wöchentlichen Proben und zusätzlichen Probenwochenenden erarbeitet der Chor seine Programme. Die musikalische Arbeit reicht dabei vom klassischen Konzertrepertoire bis zu weniger bekannten und zeitgenössischen Werken. Dieser Anspruch ist Teil des sogenannten „Singakademischen Gedankens“. Die Winfridia will Bewährtes pflegen, ohne sich darauf zu beschränken. Immer wieder arbeitet der Chor deshalb mit herausragenden Musikern, namhaften Orchestern und Solisten zusammen. Die Konzerte haben dabei auch über Fulda hinaus Beachtung gefunden. Aufführungen wie „Yunus Emre“ und „Fuldensie II – Hugo Staehle“ wurden vom Hessischen Rundfunk für das Radioprogramm mitgeschnitten.
Auch Gastspiele und Konzertreisen gehören zur Geschichte des Chores. Die Winfridia war unter anderem in Berlin, Italien, Tschechien, Israel und den Niederlanden zu Gast. Damit ist der Städtische Konzertchor nicht allein ein Teil des Fuldaer Kulturlebens, sondern zugleich ein kultureller Botschafter der Stadt und der Region. 150 Jahre lassen sich allerdings nicht allein über Konzertprogramme und Auftrittsorte erzählen. Dahinter stehen vor allem Menschen. Menschen, die Verantwortung übernommen haben, die über Jahre und Jahrzehnte mitgewirkt haben und die den Chor immer wieder durch Veränderungen geführt haben.
Chordirektor Carsten Rupp gehört zu den prägenden Persönlichkeiten der jüngeren Geschichte. Der in Fulda geborene Musiker erhielt dort zunächst umfassenden Unterricht in Klavier und Orgel sowie Schlagzeug und Gesang. Seine Ausbildung führte ihn an die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt und an die Akademie für Tonkunst in Darmstadt. Zudem studierte er Kultur- und Medienmanagement an der Hochschule für Musik und Tanz in Hamburg. Meisterkurse unter anderem bei Linda Hurst, Richard Wistreich, Frieder Bernius, Kurt Widmer und dem Hilliard-Ensemble ergänzten seine Ausbildung.
Seit fast 30 Jahren arbeitet Rupp als Chordirigent mit verschiedenen Konzert- und Kirchenchören sowie Vokalensembles. Dazu gehörte unter anderem die Kantorei am St. Markus in Frankfurt am Main. Seit 2011 ist er Chordirektor des Städtischen Konzertchors Winfridia Fulda. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf konzeptionell innovativen und musikalisch-kulturell anspruchsvollen chorsymphonischen Konzerten. Dabei arbeitete er mit Orchestern wie der Thüringen Philharmonie Gotha, der Vogtland Philharmonie Greiz/Reichenbach, der Erzgebirgischen Philharmonie Aue, dem Göttinger Symphonieorchester und den Virtuosi Brunensis zusammen.
2017 zeichnete ihn die Bundesvereinigung Deutscher Chorverbände mit dem Titel „Chordirektor“ aus. Mehrfach wurden von ihm geleitete Konzerte durch den Hessischen Rundfunk aufgezeichnet und gesendet. Rupp leitete außerdem verschiedene Uraufführungen, unter anderem im Rahmen der Tage für Neue Musik in Darmstadt. Hinzu kamen musikalische Leitungen bei Opern- und Musicalproduktionen, zuletzt beim „Fuldaer Musicalsommer“, sowie Gastdirigate bei Konzertchören wie der Frankfurter Singakademie, dem German-American-Community-Choir Frankfurt und dem Bad Hersfelder Festspielchor.
Das Jubiläum der Winfridia ist für Elke Hohmann, die dem Städtischen Konzertchor seit Anfang 2025 vorsteht, Anlass, nicht nur auf die lange Geschichte zurückzublicken, sondern vor allem den Menschen zu danken, die diese Geschichte möglich gemacht haben. 150 Jahre Chorgeschichte bedeuteten vor allem Menschen, die über Generationen hinweg ihre Begeisterung für Musik geteilt, weitergetragen und immer wieder neu mit Leben erfüllt hätten, erklärt Hohmann. Dass es den Chor nach 150 Jahren noch immer gebe, sei keineswegs selbstverständlich. Es sei vor allem das Ergebnis des persönlichen Einsatzes jeder einzelnen Sängerin und jedes einzelnen Sängers.
Jede Probe, jede Stimme, jede helfende Hand und jede Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, trage dazu bei, dass die Musik lebendig bleibe. Für Hohmann liegt ein wesentlicher Reiz des Chorsingens in der Verbindung von Gemeinschaft und musikalischem Erlebnis. Es sei die Erfahrung, gemeinsam Musik zu gestalten, die oftmals tief berührende Chorliteratur zu erleben und mit der eigenen Stimme Teil eines großen Ganzen zu sein. Zum Chorleben gehört allerdings nicht nur musikalisches Engagement. Auch die wirtschaftliche Grundlage ist entscheidend. Hohmann betont deshalb ausdrücklich die Bedeutung der Sponsoren und Förderer. Ihr besonderer Dank gilt dabei der Stadt Fulda und der Sparkasse Fulda für ihre langjährige und verlässliche Unterstützung. Ohne diese Unterstützung wären Chorarbeit und Aufführungen in dieser Form nicht möglich.
Damit wird zugleich deutlich, dass Kulturarbeit nicht allein auf der Bühne stattfindet. Hinter einer großen Konzertaufführung stehen Proben, Organisation, Finanzierung, ehrenamtliches Engagement und Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Die Winfridia kann ihre Tradition nur dann fortsetzen, wenn diese unterschiedlichen Bereiche zusammenwirken. Besonders hebt Hohmann den langjährigen Chordirektor Reinhold Feldmann hervor. Er leitete die Winfridia 28 Jahre lang, entwickelte den Chor musikalisch weiter und prägte ihn nachhaltig. Ein ebenso herzlicher Dank gilt seiner Frau Brigitte Groß-Feldmann, die ihn auf diesem Weg begleitete und den Chor stets unterstützte.
Das Jubiläumskonzert führt diese Geschichte musikalisch zusammen. Das Programm spannt einen weiten Bogen durch unterschiedliche Epochen, Stile und musikalische Ausdrucksformen. Es beginnt mit Joseph Haydns „Schöpfung“ und dem Chor „Die Himmel erzählen“. So erzählt das Jubiläumsprogramm der „Winfridia“ nicht nur 150 Jahre Chorgeschichte. Es führt zugleich durch mehr als zwei Jahrhunderte europäischer Musikgeschichte und verbindet geistliche Musik mit Oper, Oratorium, Sinfonie, Volkslied, zeitgenössischer Musik und sogar einem Videospiel-Song. Die eigentliche Konstante bleibt dabei der Chor selbst. Seit 150 Jahren verändert sich die musikalische Welt, verändern sich Hörgewohnheiten, Konzertformen und gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Geblieben ist der Gedanke, dass viele einzelne Stimmen gemeinsam etwas schaffen können, das eine einzelne Stimme nicht leisten kann.
Für die „Winfridia“ bedeutet das Jubiläum deshalb nicht nur Rückblick. Es ist auch eine Verpflichtung für die Zukunft. „150 Jahre Winfridia“, so fasst es Vorsitzende Elke Hohmann zusammen, seien 150 Jahre voller Musik, Gemeinschaft, Engagement und Verbundenheit. Menschen hätten ihre Zeit, ihre Kraft und ihre Leidenschaft eingebracht, damit Chormusik in Fulda lebendig bleibe. Genau darin liegt die eigentliche Herausforderung für die kommenden Jahre: Tradition lässt sich nicht allein bewahren, indem man zurückblickt. Sie muss immer wieder neu mit Leben gefüllt werden. Die Geschichte der Winfridia zeigt, dass dies möglich ist – wenn musikalischer Anspruch, engagierte Sängerinnen und Sänger, eine verlässliche Organisation und die Unterstützung der Stadtgesellschaft zusammenkommen.
Das Jubiläum bietet damit beides: einen Blick zurück auf 150 Jahre und einen Blick nach vorn. Die Hoffnung der Vorsitzenden ist entsprechend eindeutig formuliert: Die Winfridia soll auch künftig Menschen verbinden, Musik zum Klingen bringen und ein lebendiger Teil der Kulturlandschaft der Stadt Fulda bleiben. Auf die nächsten 150 Jahre. +++




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