Einführung in die politische Pathologie, Teil 1: Die Schockstarre

Die Schockstarre kann sowohl Individuen als auch Kollektive befallen

Bundestag

Gießen/ Fulda. Dass das Patentrezept kein Allheilmittel ist und dass es umgekehrt das Allheilmittel nicht auf Rezept gibt, schon gar nicht auf Patent- resp.: auf Kassenrezept, das haben wir in dieser Kolumne an anderer Stelle erörtert. In Zeiten des morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleichs würde ein solcher Rückfall in die Zeiten der Vollkaskomentalität unmittelbar zu einer Schockstarre des gesamten Gesundheitswesens führen. Womit wir beim Thema wären.

Die Schockstarre, auch Angststarre genannt, ist ein Zustand starrer Bewegungslosigkeit bei einem Schock bzw. eine durch Bestürzung, Erschütterung hervorgerufene teils zeitlich befristete teils andauernde, pathologisierte Passivität. Die Schockstarre kann sowohl Individuen als auch Kollektive befallen, weder Stadt, Land noch Fluss noch Mensch oder Tier sind gegen sie gefeit. Bevorzugt scheint sie übrigens in letzter Zeit solche Exemplare der Spezies homo journalisticus zu befallen, die sich vor die Herausforderung gestellt sehen, die Reaktionen anderer Spezien in ihrem Habitat zu beschreiben und deren spezifische, bereits weitgehend habitualisierte und pathologisierte Passivität daraus resultiert, dass die Blutzufuhr zum Sprachzentrum gestoppt wird, so dass ihnen nur noch das Wort „Schockstarre“ einfällt. Es handelt sich in diesen Fällen um die sogenannte „sekundäre Schockstarre“. Doch führt ein solcher Ausflug auf die Metaebene – wie meist – nicht wirklich weiter.

Von originärer oder primärer Schockstarre befallen wurden in der Vergangenheit bevorzugt Länder, Städte oder sonstige Gemeinwesen, die von terroristischer Gewalt oder sonstigen Akten massenhafter Bluttaten betroffen worden waren, also praktisch alle. Bemerkenswert ist, dass die diagnostizierte Schockstarre die von ihr angeblich befallenen Mitglieder des betroffenen Kollektivs, also z.B. die Bewohner der Städte Berlin, München und Wiesbaden-Biebrich, nicht von gewissen in solchen Fällen rituellen Handlungen wie Kerzen-Aufstellen, Blumen- und Tedybärenniederlegen, Facebookposten etc. abhielt. Interessant ist auch das ebenfalls zu verzeichnende Ansteigen von Aktivitäten im engeren und weiteren Umfeld der von Schockstarre geplagten Kollektive, die offensichtlich als Akte der Kompensation der zu verzeichnenden Passivität dort zu verstehen sind. Dazu gehören z.B. ein gesteigerter Output von Facebook-Posts des Inhalts „Oh my god!“ (oder auch „OMG“) bzw. „Je suis XYZ“.

Manchmal sind es aber auch unblutige politische Massaker, die Schockstarre auslösen, so wurde z.B. in Bezug auf die rot-rote Koalition in Brandenburg gerätselt, ob sie angesichts der Massenproteste gegen ihre Kreisreform in, ja genau: Schockstarre gefallen und deshalb zum Stellen von Anträgen nicht mehr in der Lage sei. Andere Spekulationen gingen in Richtung Roter-Faden-Verlust bzw.- eher banal – Erkrankung des SPD-Fraktionsvorsitzenden. Ob letzterer im Verdacht stand, seinerseits an Schockstarre zu leiden, wurde leider nicht weiter unerörtert. Misslich ist der beobachtete Mangel an – in diesem Fall politischer – Aktivität in jedem Fall.

Misslich ist gewiss auch, dass die 1448. Folge der „dahoam is dahoam“-Serie des Bayerischen Rundfunks zwar den Titel „Schockstarre“ trug war, dieser Titel aber insofern trügerisch war, als die Serie nichtsdestoweniger fortgesetzt wurde und bis heute, d.h. aktuell bis zur Folge 1870 *, ein Umstand, der außerhalb Bayerns durchaus zur Schockstarre führen kann.
In einer noch geringen, allerdings zunehmenden Zahl von Fällen wird die Schockstarre auch durch ein unter dem Namen Martin Schulz bekannt gewordenes, bisher aber wenig erforschtes Phänomen hervorgerufen. Sie befällt dann offensichtlich hauptsächlich Bundeskanzlerinnen. Eine Neubewertung der bisher ausschließlich negativ konnotierten Schockstarre steht insofern aus. Schmerzlich vermisst wird seit der Wahl Donald Trumps eine bündige englische Übersetzung. +++ (gerhard merz)

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