Sachsen-Anhalt nach dem AfD-Sieg: Zwischen Wut, Ernüchterung und der Suche nach Zukunft

In der vergangenen Woche erst haben wir Prof. Dr. Joseph Dehler bereits zu seiner neuen Produktentwicklung „Joseph’s Eis“ befragt. Heute haben wir mit ihm über ein deutlich politischeres Thema gesprochen, nämlich über die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. – Und dabei über verlorenes Vertrauen, die Wunden der Wiedervereinigung, die Verantwortung der Politik und die Frage, warum Sachsen-Anhalt seine Zukunft nicht den Populisten überlassen darf.

Dehler war von 2001 bis 2009 für die Landesregierung in Sachsen-Anhalt tätig. – Unter anderem als Innovationsbeauftragter und Abteilungsleiter für Mittelstand und Innovationspolitik im Ministerium für Wirtschaft und Arbeit. – Und zwar unter drei sehr unterschiedlichen politischen Konstellationen: zunächst in einer von der PDS tolerierten SPD-Minderheitsregierung, anschließend in einer CDU-FDP-Regierung und schließlich in einer großen Koalition aus CDU und SPD.

fuldainfo: Herr Prof. Dr. Dehler, wie kam es überhaupt dazu, dass Sie für die Landesregierung in Sachsen-Anhalt tätig wurden?

Dehler: Während meiner Zeit als Regierungsbeauftragter für Innovation und Technologieentwicklung in Hessen hatte ich für die Landesregierung Sachsen-Anhalts eine Innovationsstrategie erarbeitet. In meiner Berliner Zeit kam es hierzu zu einem Grundsatzgespräch mit dem damaligen Ministerpräsidenten Reinhard Höppner. Er bat mich anschließend, einmal ernsthaft darüber nachzudenken, ob ich dem Land kurzfristig unter die Arme greifen könne. Dieser Bitte konnte ich mich nicht glaubwürdig entziehen, insbesondere, weil es Sachsen-Anhalt damals wirtschaftlich besonders schlecht ging. Im Wechsel mit Mecklenburg-Vorpommern hatte das Land meist die sogenannte „Rote Laterne“; also besonders schlechte wirtschaftliche Kennzahlen und geringe Investitionen.

fuldainfo: Die AfD ist bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt stärkste Kraft geworden. Was hat dieses Ergebnis bei Ihnen ausgelöst?

Dehler: Das Ergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat mich sehr betroffen gemacht. Wenn man so viele Jahre für dieses Land gearbeitet hat, da können einem die Tränen kommen. So ungeheuer viele und wahnsinnig kreative Menschen verdienen dieses Wahlergebnis „objektiv“ nicht, auch wenn sie selbst AfD z.B. aus Protest und Verunsicherung gewählt haben mögen. Die wenigsten der Wählerinnen und Wähler der AfD gehören jedoch dem rechtsradikalen Sumpf an. Es war wohl für viele der letzte Ausweg, sich irgendwo wiederzufinden, wo Klartext gesprochen wird, selbst wenn am Ende auch Klartext in die Irre führen kann. Dass jedoch die AfD an inhaltlicher Überzeugungskraft gewonnen hat, ihr vermehrt Kompetenz zugesprochen werden, und von der Hälfte der Wähler als Partei angesehen wird, die den Bürgern am nächsten steht, stehen wir vor einem großen Problem. – Nämlich, dass sich die sie wählenden Bürgerinnen und Bürger mit der von der AfD propagierten Politik ihrer Zukunft selbst berauben. Ich habe insbesondere in meiner Zeit als Innovationsbeauftragter erlebt, wie viel Arbeit und Hoffnung die Akteure in die Entwicklung Sachsen-Anhalts gesteckt haben. Deshalb schaue ich auf dieses Ergebnis nicht nur als politischer Beobachter. Ich frage mich: Was ist passiert, dass so viele Menschen heute sagen: Wir vertrauen den etablierten Parteien nicht mehr. … Aber es gibt darauf leider keine einfache Antwort.

fuldainfo: Sie meinen, die AfD wählenden Bürgerinnen und Bürger würden sich mit der von der AfD vertretenen Politik ihrer eigenen Zukunft berauben. Woran denken Sie dabei?

Dehler: Dafür gibt es mehrere Gründe. Die deutsche Wirtschaft ist aufgrund des demografischen Wandels auf qualifizierte Zuwanderung angewiesen. Eine Politik der Ausgrenzung kann deshalb Fachkräfte und Investoren abschrecken. Im Übrigen beträgt der Anteil der Bevölkerung mit einer Einwanderungsgeschichte (Migrationshintergrund im weitesten Sinne) in Sachsen-Anhalt gerade einmal 11,5 Prozent. Damit kann die Ausländerfeindlichkeit im Zusammenhang mit dem Wahlverhalten in Sachsen-Anhalt nicht gerade als Bedrohung empfunden worden sein, wenn man bedenkt, dass dieser Anteil in Bremen bei über 44 Prozent liegt. – Abgesehen davon, dass die AfD eine solche Argumentationskette schürt.

Auch ein oft diskutierter möglicher Austritt aus der Europäischen Union hätte erhebliche Folgen. Im Übrigen ist die AfD eine radikale Klimaleugner-Partei. – Das ist das Allerletzte, was wir im Hinblick auf eine generationengerechte Politik verkraften können. Darüber hinaus brauchen wir für eine zukunftsorientierte Politik gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Bereitschaft zum Kompromiss. Eine politische Sprache, die vor allem auf Polarisierung und die Suche nach Schuldigen setzt, hilft dabei nicht. Im Gegenteil: Polarisierung ist für eine innovative Gesellschaft pures Gift. Das gilt auch für Angriffe auf zivilgesellschaftliche Organisationen, Kirchen oder unabhängige Medien.

fuldainfo: Sie haben im Vorgespräch gesagt, man müsse weiter zurückblicken, um das Wahlverhalten der Menschen in Sachsen-Anhalt verstehen zu können. Weshalb?

Dehler: Weil die Geschichte Sachsen-Anhalts nicht erst in diesem Jahr begonnen hat. Viele Probleme haben ihre Wurzeln in der Zeit nach der Wiedervereinigung. Nach 1990 veränderte sich das Leben der Menschen im Osten innerhalb kürzester Zeit. Radikal. Betriebe wurden geschlossen oder verkauft, Arbeitsplätze gingen verloren und viele Menschen mussten sich beruflich völlig neu orientieren. Für zahlreiche Familien war das eine sehr harte Zeit. Ich glaube, wir haben damals unterschätzt, wie tief diese Erfahrungen sitzen und wie lange sie nachwirken können. Ganz abgesehen davon, dass die Menschen hier mit Haut und Haaren – und aus deren möglichem Empfinden – gefühlsmäßig nicht unbedingt schlecht gelebt haben. Hinzu kam bei vielen das Gefühl mangelnder Anerkennung. Menschen, die ihr ganzes Leben gearbeitet haben, hatten größtenteils den Eindruck, dass ihre Lebensleistung nach 1989 nicht ausreichend gewürdigt wurde. Daraus konnte das Gefühl entstehen, Bürger zweiter Klasse zu sein. Solche Erfahrungen verschwinden nicht einfach nach einigen Jahren. Sie werden innerhalb von Familien weitererzählt und prägen auch die nächste Generation.

fuldainfo: Können Sie das strukturell erklären?

Dehler: Sachsen-Anhalt gehört wirtschaftlich nach wie vor zu den schwächeren Bundesländern. Die jahrzehntelange Abwanderung junger Menschen und Fachkräfte sowie das Ausdünnen der Infrastruktur im ländlichen Raum haben zu einer anhaltenden Verunsicherung beigetragen. Auch niedrigere Löhne spielen eine Rolle. Sachsen-Anhalt liegt bei den Durchschnittsverdiensten nach wie vor zusammen mit Mecklenburg-Vorpommern am unteren Ende der Bundesländer. Während das durchschnittliche Jahreseinkommen in Hamburg bei etwa 50.000 Euro liegt, sind es in Sachsen-Anhalt etwa 39.000 Euro. Wenn dann noch Krisen wie Inflation oder hohe Energiepreise hinzukommen, und auch das bisherige Rentensystem angeknackst werden soll, kann der Glaube an die Handlungsfähigkeit des Staates weiter schwinden. Für die Menschen ist das keine abstrakte wirtschaftspolitische Frage. Es geht um ihr Leben. Ein Arbeitsplatz bedeutet schließlich mehr als ein monatliches Einkommen. Der Betrieb war für viele der Ort, an dem sie ihren Beruf gelernt haben, an dem Freundschaften entstanden und an dem sie Anerkennung erfahren haben. Wenn dieser Betrieb verschwindet, geht für viele auch ein Teil ihrer eigenen Lebensgeschichte verloren.

fuldainfo: Welche Rolle spielte dabei die Treuhand?

Dehler: Die Treuhandanstalt gehört sicherlich zu den schwierigsten Kapiteln der Wiedervereinigung. Sie übernahm 1990 die Verantwortung für Tausende ostdeutsche Unternehmen und Unternehmensteile. Insgesamt waren der Treuhand mehr als 12.000 Unternehmen und Unternehmensteile zugeordnet. Mehr als 3.700 Betriebe wurden bis Ende 1994 stillgelegt, während mehr als 7.800 in private oder kommunale Hände übergingen. Von den rund 4,1 Millionen Arbeitsplätzen, die 1990 in den von der Treuhand verwalteten Unternehmen bestanden, waren Ende 1994 nur noch etwa 1,5 Millionen vorhanden. Damit gingen in diesem Zeitraum mehr als 2,5 Millionen Arbeitsplätze verloren. Hinzu kommt: Die Treuhand hatte nicht nur mit einzelnen Unternehmen zu tun. Es ging um eine komplette wirtschaftliche Umstrukturierung innerhalb kürzester Zeit. Für viele Menschen bedeutete das den Verlust von Sicherheit, beruflicher Identität und sozialem Umfeld. Deshalb ist es verständlich, dass die Treuhand bis heute mit unterschiedlichen und teilweise sehr schmerzhaften Erinnerungen verbunden wird.

fuldainfo: Nach der Wiedervereinigung kamen auch viele Führungskräfte aus Westdeutschland in den Osten. Welche Probleme waren damit verbunden?

Dehler: Ja, auch das kann man in diesem Zusammenhang ansprechen. Ich habe daraus allerdings nie einen grundsätzlichen Konflikt zwischen Ost und West gemacht. Das wäre falsch. Aber viele Menschen im Osten erlebten, dass andere plötzlich über ihre Betriebe, ihre Verwaltungen und damit auch über ihre berufliche Zukunft entschieden. Teilweise herrschte dabei die Haltung vor, im Osten müsse man praktisch bei null anfangen. Das war für viele Menschen eine große Verletzung, weil damit zum Ausdruck gebracht wurde, ihre zurückliegenden Leistungen wären gar nichts wert gewesen. Ich kann mich noch erinnern, als ich mich mit einem Wissenschaftler über die Innovationskraft der „Neuen Länder“ unterhielt. Er sagte damals: „Mit denen brauchst du nicht zu reden – die haben die Zange das zweite Mal erfunden.“ Bösartiger konnte man über die Menschen dort nicht sprechen. Versetzen Sie sich einmal in ihre Lage: Sie haben 20 oder 30 Jahre in einem Betrieb gearbeitet, dort Ihre Ausbildung gemacht, Freunde gefunden und Ihr Leben aufgebaut. Und plötzlich kommen andere und entscheiden darüber, wie es weitergeht. Das erzeugt verständlicherweise das Gefühl: „Wir haben hier unser ganzes Leben lang gearbeitet, und jetzt entscheiden andere über unsere Zukunft.“ Abgesehen davon, dass oft nicht gerade die fähigsten Manager am Werk waren. Und natürlich gab es erhebliche Kommunikationsstörungen. Darüber könnte ich Bände schreiben.

fuldainfo: Kann so etwas auch nach Jahrzehnten noch wirken?

Dehler: Ja. Solche Erfahrungen lassen sich nicht einfach aus dem Kopf und dem Herzen löschen. Kinder hören von ihren Eltern, dass der Betrieb geschlossen wurde, dass die Arbeit verloren ging und dass man plötzlich neu anfangen musste. Das wird Teil der Familiengeschichte. Gleichzeitig muss man aber auch sehen, was seitdem erreicht wurde. Sachsen-Anhalt hat sich verändert, es wurde viel investiert und aufgebaut. Das müssen wir ausdrücklich anerkennen. Wir haben sehr viel in Forschung, Innovation und neue Unternehmen investiert – z.B. über Förderprogramme für Infrastruktur, Regionalentwicklung und Innovation. – Aber wirtschaftlicher Fortschritt allein reicht bekanntlich nicht aus, um alte Verletzungen zu heilen. Menschen brauchen nicht nur Infrastruktur und Arbeitsplätze. Sie wollen auch das Gefühl haben: Meine Erfahrung, mein Wissen und Können sind etwas wert, meine Arbeit wird gesehen und meine Heimat hat eine Zukunft.

fuldainfo: Welche Rolle spielte dabei die Abwanderung?

Dehler: Eine sehr große. Viele junge Menschen sind nach der Wende weggegangen, weil sie im Westen bessere berufliche Chancen gesehen haben. Das war verständlich, für Sachsen-Anhalt aber ein großes Problem. Mit ihnen gingen Familien, Fachkräfte und später auch potenzielle Unternehmerinnen und Unternehmer. In manchen Orten sind ganze Generationen weggezogen. Diejenigen, die geblieben sind, mussten mit Bitterkeit erleben, dass ihre Kinder und Enkel nicht mehr in der Nähe leben. Das erzeugt irgendwann ein Gefühl von Verlust und tiefsitzender Angst, so etwas könnte noch einmal passieren.

fuldainfo: Ist das ein Grund dafür, dass manche Menschen heute sagen: „Hier interessiert sich niemand für uns“?

Dehler: Ich glaube, dieses Gefühl gibt es, und wir sollten es nicht einfach als falsch abtun. Man kann einem Menschen nicht sagen: „Du hast doch heute eine bessere Straße und ein renoviertes Krankenhaus, also musst du zufrieden sein.“ Menschen vergleichen nicht nur Einkommen und Infrastruktur. Sie fragen sich auch, welche Chancen sie haben, welchen Stellenwert sie in der Gesellschaft besitzen und ob sie mit ihren Sorgen überhaupt wahrgenommen werden.

fuldainfo: Warum führt diese Unzufriedenheit dann gerade zur AfD?

Dehler: Weil die AfD sehr unterschiedliche Formen der Unzufriedenheit ganz berechnend miteinander verknüpft und ideologisch verbrämt. Sie bietet für komplizierte Entwicklungen meist einfache Erklärungen. Vereinfacht gesagt lautet eine solche Botschaft: „Ihr seid nicht schuld, die anderen sind schuld.“ Das kann für Menschen attraktiv sein, die über Jahre das Gefühl hatten, dass andere über ihr Leben bestimmen. Aber genau hier müssen die demokratischen Parteien ansetzen. Wir dürfen Menschen, die AfD wählen, nicht einfach abschreiben. Man muss der Politik der AfD widersprechen. Gleichzeitig muss man fragen: Warum wenden sich Menschen von den anderen Parteien ab? Wenn wir diese Frage nicht beantworten, wird sich das Problem nicht lösen lassen.

fuldainfo: Was macht Sie dabei persönlich am meisten betroffen?

Dehler: Dass Menschen, für die und mit denen wir damals gearbeitet haben, heute bei einem großen Teil der Politik offenbar nicht mehr das Gefühl haben, gesehen und verstanden zu werden. Das tut mir weh, weil ich weiß, wie viel Arbeit nach der Wende geleistet wurde und wie sehr sich die Menschen angestrengt haben, dieses Land aufzubauen. Umso trauriger ist es, dass so viel Vertrauen verloren gegangen ist. Meine Enttäuschung richtet sich deshalb nicht gegen die meisten Menschen, die AfD gewählt haben, persönlich. Vielmehr müssen wir uns fragen, was wir selbst falsch gemacht haben. Wenn eine Partei so stark wird, reicht es nicht zu sagen: „Die Wähler haben sich geirrt.“ Dann muss Politik unbedingt Selbstkritik üben.

fuldainfo: Was hätten Sie sich rückblickend gewünscht?

Dehler: Dass wir früher stärker über die Erfahrungen und Verletzungen der Menschen gesprochen hätten. Nicht nur über Wirtschaftsdaten, Förderprogramme und die Höhe der Investitionen, sondern darüber, was die Menschen tatsächlich erlebt haben. Verlorenes Vertrauen kann man aber nicht per Förderprogramm zurückholen. Vertrauen entsteht, wenn Menschen sehen und spüren, dass ihre Stimme zählt und ihre Lebensleistung anerkannt wird.

fuldainfo: Was würden Sie den Menschen in Sachsen-Anhalt im übertragenen Sinne heute sagen?

Dehler: Ich würde sagen: Ich verstehe, dass viele von ihnen enttäuscht sind. Die Jahre nach der Wende waren für viele Menschen nicht nur eine Erfolgsgeschichte. Viele haben sehr viel verloren. Aber ich würde ebenso sagen: Lassen wir uns nicht wieder in Ost und West auseinanderbringen. Die Probleme sind real, aber die Antwort darauf darf nicht darin bestehen, neue Feindbilder zu schaffen. Wir müssen hingegen wieder lernen, miteinander zu sprechen – auch dann, wenn wir unterschiedlicher Meinung sind. Demokratie lebt davon, dass Menschen miteinander diskutieren, argumentieren und am Ende auch Kompromisse finden.

fuldainfo: Und was würden Sie den Politikern sagen?

Dehler: Hört endlich genauer zu – und zwar nicht nur vor Wahlen und nicht nur, wenn es um Umfragen geht. Geht in die Regionen, sprecht mit den Menschen und fragt sie, was sie erlebt und warum sie so viel Vertrauen in die Politik verloren haben. Tummelt Euch weniger in den sozialen Medien mit schönen Bildchen von Euch selbst. – Es interessiert nicht, wo Ihr andauernd herumturnt, schöne Reden haltet und mit welcher Prominenz Ihr Euch hervortut. Geht hin zu den Menschen, schaut ihnen in die Augen und begreift endlich, dass das Galoppieren auf der Umfrage-Welle keine Zukunft hat. Niemandem tut Ihr damit einen Gefallen, nur Euch selbst. Sinn und Zweck Eurer Mandate ist nicht, Eure Politik an der Mehrheitsmeinung auszurichten. Und tut vor allem nicht so, als wären die heute alles durcheinanderwirbelnden Krisen, allem voran unsere katastrophale Umweltschädigung, jetzt erst auf uns hereingebrochen. Nehmt endlich wahr: 1970 war das letzte Jahr, in dem die Natur die ihr entnommenen Ressourcen noch verkraften konnte, oder anders gesagt – 1970 lag der Ressourcenverbrauch noch innerhalb der jährlichen Regenerationsfähigkeit unserer Erde. Seitdem leben wir über unsere Verhältnisse. Berücksichtigt bitte mehr denn je, was uns die Brundtland-Kommission schon 1987 ins Stammbuch geschrieben hat: „Die Menschheit muss ihre Entwicklung an objektiven ökologischen Grenzen und an den Bedürfnissen künftiger Generationen ausrichten.“ Deren damalige Vorsitzende, die ehemalige norwegische Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland, hatte dies einmal sinngemäß auf den Punkt gebracht: „Es wird künftig nicht mehr darauf ankommen, was sich dieser oder jener wünscht, sondern darauf, was wir zu tun gezwungen sind“. Was das ist, das solltet Ihr vorrangig recherchieren und es zur Leitlinie Eurer Politik machen. Und begreift in diesem Zusammenhang: Die Menschen sind im „Nehmen“ stärker als Ihr denkt, wenn man ihnen reinen Wein einschenkt. Und an ihren Enkeln liegt ihnen bekanntlich mehr als an noch so schönen Versprechungen, wenn sie am Ende in die Leere führen und dabei das Leben der geliebten Nachkommen in Gefahr bringt. Im Übrigen gesteht Eure Fehler ein und macht den Leuten nichts vor. Dann könnt Ihr neues Vertrauen gewinnen und gleichzeitig die Populisten in den Wind schlagen.

fuldainfo: Was ist für Sie die wichtigste Lehre aus dem Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt?

Dehler: Dass wirtschaftlicher Aufbau allein nicht genügt. Menschen müssen das Gefühl haben: Hier ist meine Heimat, hier kann ich etwas aufbauen, hier wird meine Arbeit anerkannt und hier hat meine Familie eine Zukunft. Und genauso wichtig ist: Meine Meinung, meine Kreativität zählt. Deshalb müssen wir den Wert von Arbeit wieder stärker in den Mittelpunkt stellen. Arbeit bedeutet nicht nur Einkommen. Sie bedeutet auch Anerkennung, Selbstwert, Verantwortung und Zugehörigkeit. Das gilt für den Unternehmer genauso wie für die Krankenschwester, den Handwerker, die Erzieherin, den Landwirt, den Mitarbeiter in einem Industriebetrieb oder den Menschen, der sich ehrenamtlich engagiert. Jeder Beitrag zu unserer Gesellschaft verdient Respekt.

fuldainfo: Wenn Sie heute noch einmal auf Ihre Zeit als Innovationsbeauftragter in Sachsen-Anhalt zurückblicken – was würden Sie anders machen?

Dehler: Ich würde noch stärker darauf achten, dass Innovation nicht nur als eine wirtschaftliche Frage verstanden wird. Neue Technologien, Unternehmen und Arbeitsplätze sind wichtig. Aber Innovation muss bei den Menschen ankommen. Ein junger Mensch muss sagen können: „Ich kann hierbleiben, gut leben und etwas erreichen.“ Und ein älterer Mensch muss sagen können: „Das, was ich in meinem Leben geleistet habe, war nicht umsonst.“ Beides gehört zusammen.

fuldainfo: Was wünschen Sie sich nun – zusammengefasst – für Sachsen-Anhalt und darüber hinaus für Deutschland?

Dehler: Ich wünsche mir, dass wir dieses Wahlergebnis als Weckruf verstehen und nicht als Anlass für gegenseitige Schuldzuweisungen. Wir müssen uns ehrlich mit der Geschichte der vergangenen Jahrzehnte beschäftigen, ohne alte Gräben wieder aufzureißen. Vor allem aber müssen wir den Blick nach vorn richten. Wir sollten wieder stärker miteinander statt gegeneinander arbeiten. Dazu gehört, Menschen zuzuhören, auch wenn ihre Meinung unbequem ist. Auch gehört dazu, Arbeit und Lebensleistung wertzuschätzen und Politik verlässlicher und durchschaubarer zu machen. – Auch wenn es noch so unbequem ist. Unbequem wird es auf jeden Fall werden. Das müssen die Menschen und die Politik gleichsam aushalten, ohne sich zu verbiegen. Dazu gehört in diesem Zusammenhang, Menschen wieder für einen gemeinsamen Dialog über unsere Zukunft zu gewinnen. Denn wir dürfen Politik nicht nur danach beurteilen, was sie bis zur nächsten Wahl erreicht. Wir müssen uns fragen, wie wir in 20, 30 oder 50 Jahren leben wollen. Und wir müssen dabei auch an diejenigen denken, die noch gar nicht geboren sind.

Das betrifft Bildung, Wirtschaft, Arbeitsplätze und die soziale Absicherung auf allen Ebenen. Aber ebenso den gesellschaftlichen Zusammenhalt und unsere Umwelt. Wir leben in Deutschland in vieler Hinsicht so, als hätten wir drei Erden zur Verfügung. Auf Dauer können wir so nicht weitermachen. Wir müssen deshalb unseren Umgang mit Energie, Ressourcen, Natur und Lebensraum ernsthaft hinterfragen. Dabei geht es nicht darum, den Menschen Angst zu machen oder ihnen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben. Es geht um die Förderung von Verantwortung. Wir haben nur diese eine Erde und tragen Verantwortung dafür, was wir unseren Kindern, Enkeln und den Generationen hinterlassen, die nach uns kommen.

Und genau deshalb muss Politik wieder stärker als dauerhafte, in die Zukunft gerichtete Arbeit mit Visionen und nachvollziehbaren Strategien verstanden werden. Natürlich gehört Wahlkampf zur Demokratie. Aber das Fundament der Demokratie zeichnet sich nicht in erster Linie durch den verengten Blick auf die Wahltermine aus. Nun, besonders nach dieser und den kommenden Wahlen beginnt die eigentliche Arbeit: zuhören, Probleme lösen, Entscheidungen treffen, erklären, Fehler eingestehen und gemeinsam nach Lösungen suchen. – Wenn wir das schaffen, können wir vielleicht auch Menschen zurückgewinnen, die sich von einem demokratischen Politikverständnis abgewendet haben. – Nicht, indem wir ihnen sagen, was sie zu denken haben, sondern indem wir wieder mit ihnen reden. Gründlich, nicht hopphopp. Vielleicht ist das die wichtigste Aufgabe der kommenden Jahre: wieder miteinander ins Gespräch zu kommen, die Arbeit und die Leistung der Menschen wertzuschätzen und gemeinsam Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen – für unsere eigene Generation und für diejenigen, die nach uns kommen.

fuldainfo: Wir bedanken uns für das offene Gespräch.

Dehler: Gern geschehen. … Wenn ich jedoch abschließend noch etwas anmerken darf, wäre ich sehr dankbar: Sie wissen, meine hauptberuflich aktive Zeit in Sachsen-Anhalt endete 2009. Das ist eine ganze Weile her, weshalb ich die aktuelle Lage vor Ort möglicherweise nicht mehr in allen Einzelheiten erfassen konnte. Aus diesem Grund – aber auch ganz allgemein – würde ich mich über die Meinung Ihrer Leserinnen und Leser im Kommentarfeld dieses Beitrags sehr freuen. Bitte verstehen Sie meine Antworten auf Ihre Fragen lediglich als Anstoß für eine weiterführende Diskussion zum Thema. Das schließt auch die wieder aufkeimende Debatte über ein AfD-Verbotsverfahren mit ein, zu der ich mich heute nicht geäußert habe, auch weil ich Ihnen dazu noch keine abschließende Meinung hätte sagen können. Bestimmt gibt es jedoch Leserinnen und Leser, die sich damit bereits fundiert auseinandergesetzt haben und wertvolle Argumente dazu beitragen können. +++

Zur Person
Prof. Dr. Joseph Dehler

Joseph Dehler war nach seiner Zeit als Fuldaer Hochschulrektor (1982–1994) bis 2000 Regierungsbeauftragter für Innovation und Technologieentwicklung in Hessen. Danach war er als Koordinator für regionale Innovationsförderung der Bundesregierung tätig, insbesondere im Rahmen des „Aufbau Ost“, bis er auf Bitte des damaligen Ministerpräsidenten Reinhard Höppner Ende 2001 die Funktion des Innovationsbeauftragten in Sachsen-Anhalt übernahm. Gleichzeitig war er im Ministerium für Wirtschaft und Arbeit Abteilungsleiter für Mittelstand und Innovationspolitik. Überdies kümmerte sich Joseph Dehler auch nebenberuflich um die Entwicklung im Osten des Landes: So war er Anfang der 1990er-Jahre Aufsichtsratsvorsitzender der Südthüringischen Entwicklungsgesellschaft mbH Arbeit und Umwelt (Stegau) und viele Jahre Vorstandsvorsitzender der Stiftung „Regionales Zentrum für Wissenschaft und Kultur Osthessen / Westthüringen / Bayerische Rhön“ RWZ, um mitzuhelfen, auch in der östlichen Region Innovationen zu beschleunigen. Seit 2009 ist er als unabhängiger Politikberater tätig.


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11 Kommentare

  1. Dieses Interview ist sehr aufschlussreich und enthält wertvolle Informationen über das Leben und die Menschen in Sachsen-Anhalt. Und darüber hinaus, denn die Entwicklung in Sachsen-Anhalt unterscheidet sich nicht so stark von der anderer Bundesländer im Osten. Vieles von dem, was Herr Prof. Dr. Dehler beschreibt, kann ich sehr gut nachvollziehen. Denn ich habe für meinen ehemaligen Arbeitgeber sehr intensiv in den neuen Ländern gearbeitet. Und ich habe dort ebenfalls äußerst interessante Erfahrungen gemacht. Sofort nach Grenzöffnung war ich in allen neuen Bundesländern und habe viel Zeit damit verbracht, mit den Menschen zu sprechen. Und daher kann ich vieles in dem Interview bestätigen und wiederfinden. In einem einzigen Punkt weiche ich leicht von der Einschätzung ab. Dass so viele Jahre nach der Wiedervereinigung noch so ein „Groll“ über die sicher nicht adäquate Behandlung da sein soll, möchte ich infrage stellen. Meines Erachtens hat die dortige Bevölkerung ein viel sensibleres Gespür für Bevormundung, Arroganz und Benachteiligung. Ja, es wurden seinerzeit viele Menschen dort über den Tisch gezogen. Und wer hat sich wirklich mit ihren Lebensumständen, ihrer Entwicklung auseinandergesetzt? Natürlich war nicht alles schlecht. Und man hätte auch viel lernen können, manches übernehmen können. Ich habe die Menschen vor allem für ihre Dankbarkeit und Offenheit geschätzt. Und das soziale Miteinander war sicher auch nicht so schlecht. Man muss ja auch offen zugeben, dass der Kapitalismus auch eine hässliche Seite hat.

  2. Zu Sachsen-Anhalt:

    Danke, Joseph, für den tiefgründigen, weitsichtigen und selbstkritischen Text.

    Man muss verstehen, was da passiert und passierte. Es geht nur um Verstehen, nicht um Verständnis oder gar Billigung. In erster Linie war es Kolonialismus 1990 und nur in zweiter Linie Wiedervereinigung, Freiheit und all das.

    Den Blick zu weiten und die Interessenlagen real lebender Individuen mit ihren relevanten Prägungen zu sehen und zu verstehen, ohne gleich alle gezogenen Schlüsse billigen zu müssen, das bringt wirklich Erkenntnis und vielleicht sogar den Hauch einer Hoffnung.

  3. Mit Zustimmung und gleichzeitigem Erschrecken habe ich Prof. Dr. J. Dehler Einlassung zum Wahlergebnis und seiner Analyse gelesen. Meine Biographie ist familiär sehr stark mit der DDR verknüpft. Meine Eltern stammen aus Dresden. Meine Mutter war während des Angriffs auf Dresden im Februar 1945 mit meiner kleinen Schwester verschüttet und die beiden hat man als einzig Überlebende von 30 Menschen im Keller gerettet. Alle meine Verwandte sind im Osten geblieben, nur meine Eltern sind durch verschiedene Umstände in den Westen gekommen, sodass ich hier geboren wurde. Der Kontakt in den Osten war für beide Teile überlebensnotwendig. Das bedeutete auch jährliche Besuche in Dresden, Borna und Leipzig. Ich sage das deswegen, weil ich glaube, dass ich all‘ die Jahre hindurch einen Einblick in den Osten und zu den Ostlern hatte und noch habe.

    auch wenn sich die Analyse von Prof. Dehler größtenteils mit den Diskussionen deckt, die ich mit meinen Verwandten jahrelang geführt habe, so kann ich trotzdem nicht in allen Teilen nachvollziehen, dass der Unmut von Bürgern, die den Sozialismus gelebt und erlebt haben, zu einem solchen Wahlergebnis führen kann. Einer meiner Cousins hatte mir 2021 zu „30 Jahre Deutsche Einheit“ einen langen Brief geschrieben. Bei aller Kritik formulierte er, dass er sich als Gewinner der Deutschen Einheit sieht, obwohl er sehr pragmatisch die Situation beschrieb.
    Er schickte mir einen Artikel der FAZ mit der Überschrift „Wie sich der Westen den Osten erfindet“ aus dem Jahr 2022 von dem Germanisten Dirk Oschmann. Ich zitiere: „Wer den gegenwärtigen ostdeutschen Unmut verstehen will, muss sich klarmachen, wie einseitig die Diskursmacht hierzulande verteilt ist.“ Nun ist das Kind in den Brunnen gefallen. Offensichtlich haben wir Wessis zu spät die Ossis gehört und gesehen.

  4. Für mich ist eines der größten Probleme unserer heutigen Politik: Die Politiker entfernen sich immer weiter von den Menschen, die sie gewählt haben. Ich habe als mittlerweile 80-Jähriger seit 1972 Jahrzehnte Kommunalpolitik erlebt und mitgestaltet. Mein Vorbild war Willy Brandt mit dem Zitat von 1969: Willy Brandt sagte 1969: „Wir wollen mehr Demokratie wagen.“

    Dieser Satz ist heute aktueller denn je. Demokratie bedeutet nicht, dass Politiker über die Menschen hinweg entscheiden oder sich selbst verwirklichen. Demokratie bedeutet Zuhören, Beteiligung, Respekt und Verantwortung gegenüber den Wählerinnen und Wählern.

    Dabei habe ich gelernt: Wer Politik erfolgreich machen will, muss nah bei den Menschen sein, zuhören, ihre Sorgen ernst nehmen und ihnen auch dann Rede und Antwort stehen, wenn die Antwort unbequem ist.

    Heute entsteht dagegen leider allzu oft ein anderes Bild. Politiker sind ständig auf irgendwelchen Bühnen, vor Kameras und in sozialen Medien präsent. Es wird geredet, kommentiert und sich selbst inszeniert. Aber der persönliche Kontakt zu den Bürgerinnen und Bürgern, das geduldige Zuhören und die anschließende konkrete Rückmeldung bleiben vielfach auf der Strecke. Aus dem politischen Mandat wird dann schnell persönliche Selbstverwirklichung.

    Das aber ist ein gefährlicher Irrweg. Ein Mandat ist kein persönlicher Besitz und schon gar keine Eintrittskarte in eine politische Karrierewelt. Es ist ein Vertrauensauftrag der Bürgerinnen und Bürger.

    Und genau deshalb sollten sich die etablierten Parteien angesichts der Wahlerfolge der AfD nicht zuerst fragen, wie sie diese politisch ausgrenzen oder verbieten können. Sie sollten sich vielmehr fragen: Warum wenden sich so viele Menschen von uns ab? Was haben wir überhört? Wo haben wir die Sorgen der Menschen nicht ernst genug genommen? Die Antwort darauf wird nicht immer angenehm sein.

    Wer die Menschen allerdings dauerhaft belehrt, statt ihnen zuzuhören, wer ihnen das Gefühl gibt, ihre Sorgen seien unberechtigt oder sie selbst seien das Problem, darf sich über zunehmende Politikverdrossenheit nicht wundern.

    Die Demokratie wird nicht dadurch gestärkt, dass Politiker über die Köpfe der Menschen hinweg entscheiden. Sie wird dadurch gestärkt, dass Politik wieder Vertrauen schafft. Dazu gehört für mich ganz schlicht: Raus aus den politischen Blasen – hinein in die Lebenswirklichkeit der Bürgerinnen und Bürger. Zuhören. Ernst nehmen. Handeln. Und anschließend Rechenschaft ablegen. Nicht nur sechs Wochen vor der Wahl.

    Denn Politik ist kein Selbstzweck. Politik ist Dienst am Menschen.

  5. Eine herausragende Analyse, die sich durch eigene Erfahrungen und Sachverstand von anderen unterscheidet. Schade, dass sie nicht ein halbes Jahr vor der Wahl erschienen ist. Die Frage nach dem Erfolg eines Verbotsverfahrens gegen die AfD ist nict sicher zu beantworten, obwohl sie in Landesverbänden als gesichert rechtsextrem eingstuft ist. Das bedeutet aber keineswegs, dass sie insgesamt verfassungsfeindlich ist, zumal in der Lehre Verfassungswidrigkeit von Teilen eines Parteiprogramms nicht ohne weiters mit Verfassungsfeindlichkeit gleichgesetzt wird. Aber angesichts des hohen Wahlergebnisses in Sachsen-Anhalt ist zu befürchten, dass eine Durchsetzung der von ihr verfolgten verfassungsfeindlichen Ziele nach der nächsten Bundestagswahl möglich erscheint, was dann zu einem Verbot führen könnte. Aber das wäre zu spät. Es muss gelingen, die AfD jetzt mit politischen Argumenten zu schlagen, denn über einen Verbotsantrag wird das Bundesverfassungsgericht nicht vor der nächsten Wahl entscheiden.

  6. Lieber Joseph, habe Dein Interview sehr ausführlich und mit großem Interesse gelesen. Sehr eindrucksvoll und nachdenklich stimmend. Im Mittelpunkt steht der Mensch. Dieser rote Faden zieht sich durch den ganzen Bericht. „Hier bin ich Mensch, hier darf ich‘s sein“
    (Johann Wolfgang von Goethe Werk Faust.) Bereits in der Familie ist die gegenseitige Wertschätzung ein unbedingtes MUSS und prägt das ganze Leben. Anerkennung und Lob gehören dazu. Zuhören, emphatisch und respektvoll miteinander kommunizieren. All das muss bereits in der Familie beginnen und dann nach außen weitergelebt werden. Dazu kommt eine positive Einstellung und Ausstrahlung (Optimismus) die ansteckt und motiviert.
    Der Mensch ist der Mittelpunkt und muß es auch bleiben. Artikel 1: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ Deine Worte lieber Joseph treffen genau den Punkt, den wir leider zu oft vernachlässigen. Wo es hinführt erleben wir in der ganzen Welt. Die AFD verbieten bringt nichts, wenn wir nicht die Nöte und Sorgen der Menschen ernst nehmen und nicht entsprechend reagieren.

  7. Eine sehr gute Analyse von Joseph Dehler! Das jahrelange Gerede von der Brandmauer hat genau das Gegenteil bewirkt! Ein Verbot der AFD wird wird sie zu Opfern machen und die Wähler fühlen sich nicht ernst genommen.

  8. Kann dem, was Joseph Dehler gesagt hat, nur uneingeschränkt zustimmen.
    Das größte Problem unserer heutigen Politiker scheint mir deren Populismus zu sein, denn was sie auch tun, ist zuvorderst danach ausgerichtet, sich selbst ins beste Lucht zu rücken. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit wird sich vor die Kameralinse gestellt, und irgendetwas Populäres von sich gegeben. Den Menschen wirklich zuhören, sich mit ihnen und ihren Problemen auseinandersetzen, findet meist nicht statt. Daher rührt auch die Politikverdrossenheit, die dann denjenigen in die Karten spielt, die die wahren Probleme populistisch aufgreifen und einfache Lösungen versprechen, die es nicht gibt, und die, wie versprochen, auch nicht finanzierbar sind.
    Das aber kommt, wie man an den stetig steigenden Wahlergebnissen der AfD sieht, gut an, wird jedoch spätestens dann, wenn sie je in Regierungsverantwortung kommen, sehr schnell wie eine Seifenblase platzen; dann jedoch kann es bereits zu spät sein.
    Also: Ran an den Dialog mit den Wählern, gut zuhören, sie (wirklich!) ernst nehmen und danach mit Augenmaß handeln, dann müsste es den traditionellen Parteien gelingen, wieder bessere Wahlergebnisse einzufahren und unser Land wieder auf Vordermann bringen.

  9. Zunächst mal möchte ich Herrn Dehler für diese sehr gute Analyse danken!

    Es macht eben einen Unterschied, ob man selber mal dort gewesen ist und die Menschen
    dort kennt oder nur vom fernen Berlin aus über die „Ossis“ die Nase rümpft.

    Der Wahlerfolg von Angela Merkel im Übrigen hatte seinerzeit auch damit zu tun,
    dass sie aus dem Osten war und die Menschen dort verstand.

    Erst mit den vielen Flüchtlingen änderte sich das 2015.

    Doch nun auch mal zu meiner eigenen „Ossi“ Geschichte:

    Mein Großvater mütterlicherseits war Möbelfabrikant in der Nähe von Dresden im Erzgebirge. Genauer gesagt in der Nähe von Freiberg in Sachsen im schönen Langenau.

    Nach der Wende bin ich mit meiner Mutter das erste Mal dort gewesen.

    Und wir waren auch in Dresden und haben uns die Ruine vom Schloss und von der Frauenkirche angesehen.

    Als dann die Dresdner – meine Oma war im Übrigen gebürtige Dresdnerin – ihre Frauenkirche wieder aufgebaut haben hatte ich Tränen in den Augen, weil diese Kirche auch ein Symbol war.

    Ein Symbol für die Menschen im Erzgebirge und in Dresden, das plötzlich wieder da war!

    Und das nach so vielen Jahren. Auch mit ein Verdienst der Politiker, die damals am Ruder waren.

    Die Menschen in Sachsen habe ich seinerzeit als warmherzig und gastfreundlich uns Wessis gegenüber empfunden.

    Und die im Erzgebirge als sehr erfinderisch und clever.

    Heutzutage aber verstehe ich sehr gut, dass viele im Osten sich abgehängt fühlen.

    Und sie fühlen sich verängstigt angesichts vieler Nachrichten von Gewalt von Ausländern.

    Und dann kommt mal wieder eine Partei, die sich als Heilsbringer inszeniert.

    Doch von denen hatten wir schon so viele in den letzten Jahrzehnten.

    Ganz abgesehen von Amerika, wo der akuelle „Heilsbringer“ so langsam entzaubert wird.

    Doch auch Helmut Kohl hatte den Ossis einst blühende Landschaften versprochen!

    Nur ist es für die AFD so leicht, sich als neue Heilsbringer zu inszenieren, wenn gleichzeitig in Berlin ein Kanzler regiert, dem mitlerweile selbst Maschmeier Arroganz und fehlende Empathie attestiert und ihn offen auffordert, zurückzutreten.

    Joseph Dehler hat somit Recht, wenn er fordert, dass Politik wieder mehr auf die einfachen Menschen zugehen muss und ihnen vorurteilsfrei zuhören sollte.

    Doch solche offenen warmherzigen Menschen sehe ich derzeit in Berlin leider nicht!

    Schade, dass auch den Rat von Dehler in Berlin wohl niemand zur Kenntnis nehme wird.

  10. Ein sehr gutes Interview! Mein persönlicher Bezug zu Sachsen-Anhalt: Meine Freundin Ingrid kenne ich seit 1960, wo wir uns mit zehn Jahren in Mittenwald kennen lernten. Wie tauschten Adressen, schrieben uns, wollten uns im nächsten Jahr wiedersehen in Mittenwald – tja, das wars dann. Sie kam aus Ermsleben. Die Mauer trennte uns für viele Jahrzehnte. Wir schrieben uns, bis nach dem Abi. Dann verloren wir uns aus den Augen. Ich suchte oft nach ihr, fand sie aber nicht mehr. Bis irgendwann im Jahr 2000 mein Telefon klingelte. Meine Tochter Carmen ging ran und sagte mir, wer anrief: Sie war es, hatte mich bei Stayfriends gefunden. Wir telefonierten an dem Tag stundenlang und erzählten uns unser Leben. Sie hatte in Ungarn Zahnmedizin studiert, klar fand ich sie dann nicht mehr. Lange hatte sie ihre Praxis in München, jetzt ist sie in Rente. Wir haben uns nach dem ersten Telefonat schnell getroffen und es war so, als wäre unsere zerbrochene deutsch-deutsche Freundschaft nie pausiert gewesen. Oft telefonieren wir inzwischen miteinander. Neulich erzählte sie mir, dass sie in der alten Heimat zum Klassentreffen gefahren war. Und sie erzählte auch, wie es für sie war, durch die menschenleeren Orte zu fahren, in denen es nichts mehr gab: Keinen Bäcker, keine Kneipe, keinen Supermarkt, keinen Arzt…Ingrid war schon früh weg, aber die heutigen jungen, gut ausgebildeten Frauen sind auch alle schon lange weg. Zurück bleiben die frustrierten jungen Männer, die keine Familien mehr gründen können. Da ist dann viel Frust und viel Wut. Die inzwischen veröffentlichte Wähleranalyse für die AfD gibt mir Recht.

  11. Ein fachlich, sachlich zutreffendes Interview! Ich war über zehn Jahre Bürgermeister der Stadt Fulda und auch CDU-Stadtverbandsvorsitzender. Mein Ziel war immer: Ran an die Bürger/-innen. Zuhören, ernst nehmen, der Sache nachgehen, nichts versprechen, Rückmeldung geben – auch wenn manche Entscheidung nicht positiv war.

    Ich habe seit Langem das Gefühl, dass sich Politik nur um sich selbst dreht: schöne Bilder, unter sich sein! Abgehoben!

    Auch fällt mir in Gesprächen mit den Bürgern/-innen auf, dass sie unser demokratisches System nicht so richtig kennen: Wer entscheidet, zum Beispiel? Nicht der Bürgermeister – er führt aus, was die Stadtverordnetenversammlung beschließt!

    Die Menschen sehnen sich nach Führung – aber in einer Demokratie entscheidet die Mehrheit, nicht der/die Einzelne!

    Es gibt eine Menge zu tun, und wenn ich zum Beispiel für fünf Jahre in den Landtag gewählt wurde – übrigens angemessen bezahlt –, bin ich dazu verpflichtet, „rund um die Uhr“ bei den Wählern zu sein! Nicht nur vor Wahlen.

    Also: Ran an die Bürger/-innen!

    Übrigens: Für mich war es eine sehr schöne Zeit. Man lernt viel dazu!

    Es lohnt sich, für die Demokratie und die Freiheit zu kämpfen.

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