Wie Familienberatung per Telefon funktioniert

Wenn in Corona-Zeiten die Probleme über den Kopf wachsen

Bei Kathrin Schinköthe im Sekretariat der Gelnhäuser Beratungsstelle gehen alle Anfragen ein. Die Corona-Krise verunsichert die Menschen und viele reagieren gestresst und überfordert auf die Herausforderung. Eine Familienberatung kann auch am Telefon stattfinden. Foto: mkk

Als der Shutdown wegen Corona kam, war der Kalender der Erziehungsberatungsstelle Gelnhausen für mehrere Wochen voll bis oben hin. Das Team der Jugendhilfeeinrichtung des Main-Kinzig-Kreises, die zum Zentrum für Kinder, Jugendliche und Familien (ZKJF) gehört, musste sich aufgrund des Kontaktverbots von jetzt auf gleich auf telefonische Beratung umstellen, berichtet Kreisbeigeordneter Winfried Ottmann.

„Gerade in der Familienberatung ist die persönliche Begegnung so wichtig“, sagt Irmgard Schell, Fachbereichsleiterin für Erziehungsberatung. „Schon der erste Händedruck beim Kennenlernen kann viel über die Ratsuchenden aussagen, zum Beispiel, wie angespannt sie sind. Oder wenn Jugendliche gar den Handschlag ganz ablehnen, um damit auszudrücken, dass sie es ablehnen, zur Beratung zu kommen.“ In der Beratungsstelle arbeiten Fachkräfte aus den Bereichen Sozialpädagogik, Sozialarbeit, Psychologie und Frühe Hilfen (Familienhebammen und Familien-Gesundheits-und Kinderkrankenpflegerinnen). Sie helfen bei Konflikten zwischen Eltern und Kindern, wenn Eltern sich trennen oder wenn es Probleme im Kindergarten oder in der Schule gibt. Auch Familien oder Alleinerziehende mit Säuglingen und Kleinkindern bekommen hier Unterstützung.

Seit dem Shutdown bestimmt Corona die Agenda. Gemischte Beratungsformen, sogenanntes „blended counseling“ entstanden. Das bedeutet, die persönliche Beratung wurde reduziert und die Telefonberatung ausgebaut. „Wir haben uns zunächst alle möglichen Informationen zum Thema Telefonberatung beschafft“, berichtet Irmgard Schell. Die Beraterinnen und Berater müssen sich dabei auf das reine Zuhören konzentrieren, ohne die Mimik des Gegenübers und andere nonverbale Signale zu nutzen. Auch die formalen Abläufe veränderten sich. So wird das Einverständnis zum Datenschutz jetzt am Telefon abgefragt und dann das Formular per E-Mail zugeschickt.

Die Zahl der Neuanmeldungen war im ersten Halbjahr zunächst eingebrochen, seit Mai stiegen sie stetig stark an, 2019 hatte die Beratungsstelle 750 Beratungsgespräche, davon waren 550 Neuanmeldungen. Das Vorjahresniveau war Ende November zu 80 Prozent wieder erreicht. „Momentan sind es pro Woche sogar mehr als die sonst üblichen Neuanmeldungen“, sagt Schell. Die Verunsicherung wegen Corona ist groß, die Ratsuchenden haben deutlich mehr Gesprächsbedarf und rufen öfter an. „Die Beschäftigten der Beratungsstelle sind hier mit ihrem Fachwissen und ihrer Erfahrung eine wichtige Stütze für Familien, denen in der derzeitigen Krisensituation die Probleme über den Kopf wachsen“, sagt Jugend- und Schuldezernent Winfried Ottmann.

Durch Corona gibt es „neue Gefährdungen“, sagt Irmgard Schell. Der Alltag ist durcheinandergewirbelt, es fehlt die gewohnte Struktur. Kurzarbeit oder Homeoffice der Eltern, die gleichzeitig die Kinder betreuen und bei den Schulaufgaben unterstützen müssen, führen zu Frust, Stress und Überforderung. Schwelende Konflikte eskalieren, manchmal bis hin zu massiven Bedrohungen.
Oder weil Kindern das Toben und Spielen mit Freunden fehlt und sie Aggressionen so nicht mehr abbauen können entstehen Konflikte in den Familien. Besonders Mütter oder Väter, deren Kinder einen sogenannten „begleiteten Umgang“ haben, melden sich häufiger. Die Eltern haben sich im Streit getrennt und das Kind wird bei Treffen mit dem Elternteil, mit dem es nicht zusammenlebt, von einer Fachkraft der Beratungsstelle begleitet. Die Sorge, dass durch den begleiteten Umgangskontakt zu viele Personen aus verschiedenen Haushalten zusammenkommen, schürt zuweilen den Rosenkrieg der Eltern. Ein Beispiel: Wenn geplante Treffen mit der Begründung „wegen Corona“ abgesagt werden, fürchtet der betroffene Elternteil, dass ihm das Kind vorenthalten wird. Gut ist, dass die Telefonberatung manchen getrenntlebenden Eltern weite Wege von zum Teil hunderten Kilometern erspart. Und in manchen Fällen gelingt es sogar gerade „wegen Corona“, sich wieder gemeinsam auf die Gesundheit und damit auf das Wohl ihres Kindes zu fokussieren. Es zeigten sich auch positive Auswirkungen der Telefonberatung statt Präsenzberatung. So fanden beispielsweise Eltern, die zuvor nicht bereit waren, sich in einem Raum zusammen zu setzen, mithilfe der telefonischen Distanz wieder zurück zu Gesprächen miteinander und konnten einander zuhören und Absprachen treffen.

Mit den Familien versuchen die Fachleute, neue Rituale zu finden und einen Tagesplan zu entwickeln, der die Bedürfnisse aller berücksichtigt. Neues zu entdecken, das alle gern tun, etwa gemeinsam kochen oder ein Vogelhäuschen bauen, oder anzuknüpfen an frühere Hobbies, für die vor der Pandemie die Zeit fehlte. „Wir versuchen durch Beratung und Informationen die Perspektive auf die Konflikte zu ändern und Empathie füreinander zu wecken“, so Schell. „Einfach mal das Kind in den Arm nehmen, ihm Zuversicht und Hoffnung vermitteln – das wirkt sich auch positiv auf die elterlichen Gefühle aus und hilft in Konfliktsituationen mehr als der Versuch, die eigene Autorität mit Macht durchzusetzen.“ Die Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche ist täglich von 8 bis 13 Uhr unter der Telefonnummer (06051) 911010 erreichbar, um Termine, die bis 18 Uhr möglich sind, zu vereinbaren. +++

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