Stütze für Hinterbliebene: Krug würdigt Trauerbegleitung des „Hellen Hauses“ im Vogelsbergkreis

Patrick Krug mit Trauerbegleiterinnen des „Hellen Hauses“. Foto: privat

Der Tod eines nahestehenden Menschen verändert das Leben von einem Augenblick auf den anderen: Vertraute Stimmen verstummen, ein Platz am Tisch bleibt leer und die bisherige Welt gerät aus den Fugen. Während Erwachsene oft mühsam nach Worten für ihren Schmerz suchen, fällt es insbesondere Kindern schwer, ihre innere Gefühlswelt zu artikulieren. Genau an dieser Stelle setzt die ehrenamtliche Arbeit des Vogelsberger Vereins „Das Helle Haus“ an. Bei einem Treffen mit dem Ersten Kreisbeigeordneten Patrick Krug gaben die Vorstands- und Vereinsmitglieder Melanie Schürer, Heike Müller und Beate Jung Einblicke in ihre Arbeit und stellten die vielfältigen Möglichkeiten vor, wie Trauernde in der Region aufgefangen werden.

Patrick Krug würdigte den Einsatz der Ehrenamtlichen mit deutlichen Worten: „Was Sie hier leisten, ist unglaublich wertvoll. Es ist alles andere als selbstverständlich, dass Menschen sich dieser schwierigen und zugleich so bedeutenden Aufgabe annehmen.“ Er sei sehr froh darüber, dass es ein solches Angebot im Vogelsbergkreis gebe. Menschen in Zeiten des Abschieds nicht allein zu lassen, ihnen zuzuhören und einen geschützten Raum zu geben, halte er für enorm wichtig.

Diesen geschützten Raum versteht das „Helle Haus“ als einen Ort der Geborgenheit, des Verständnisses und der Zuversicht. Wo früher oft Großfamilien und eng geknüpfte Gemeinschaften Halt gaben, fehlt vielen Menschen heute ein solch tragendes Netzwerk. Um diese Lücke zu schließen, entstand die Idee, unmittelbar an die Hospizarbeit anzuknüpfen und Angehörige auch über den eigentlichen Abschied hinaus zu begleiten. Wie die Vereinsvorsitzende Melanie Schürer verdeutlichte, möchte man ein Ort sein, an dem Trauer mit all ihrer Schwere und ihren Facetten, aber ebenso mit den leisen Momenten der Hoffnung ihren festen Platz haben darf.

Im September hat der Verein sein Engagement weiter ausgebaut: Neben der Begleitung erwachsener Hinterbliebener richtet sich die Arbeit nun auch gezielt an Kinder und Jugendliche. Mit der Gruppe „Hoffnungshüpfer“ wurde ein geschützter Rahmen geschaffen, der den Jüngsten hilft, Verlusterfahrungen auf eigene Art und Weise zu verarbeiten. Die Treffen finden wöchentlich in den Räumen von „Kompass Leben“ in Alsfeld statt.

Gründungsmitglied und Mitinitiatorin Heike Müller schilderte die Hintergründe der Kindergruppe: Kinder trauern anders als Erwachsene. Sie fühlen das Erlebte eher, als dass sie darüber reden, und können die Situation oft noch nicht rational erfassen. Das führt bisweilen zu Verhaltensweisen, die bei Erwachsenen auf Unverständnis stoßen können. Manche Mädchen und Jungen ziehen sich zurück, andere werden besonders lebhaft oder wirken zeitweise abwesend. Nicht selten weinen Kinder in einem Moment und beobachten im nächsten Augenblick wieder fasziniert einen Schmetterling am Fenster. Schmerz und unbeschwerte Lebensfreude liegen bei ihnen oft direkt nebeneinander. Kinder brauchen deshalb ein Umfeld, in dem all diese Reaktionen sein dürfen, ohne bewertet zu werden. Bei den „Hoffnungshüpfern“ müssen sie nicht stark sein, sondern dürfen schlicht Kind bleiben.

Aus diesem stetigen Wechselspiel leitet sich auch der Name des Projekts ab: Er verbildlicht das Hin- und Herspringen zwischen Niedergeschlagenheit und Unbeschwertheit, zwischen Schmerz und Neugier. Beides darf gleichzeitig existieren. Die Kinder erfahren in der Gemeinschaft, dass all ihre Gefühle berechtigt sind, jede Frage willkommen ist und sie mit ihrem Kummer nicht alleinstehen.

Um Orientierung und Sicherheit zu geben, folgt jedes Treffen einem verlässlichen Ablauf. Beate Jung hob hervor, dass feste Begrüßungs- und Abschlussrituale den Teilnehmenden Halt vermitteln. Als Vermittler dient dabei eine Froschhandpuppe. Wie Heike Müller ergänzte, erleichtert die Figur den Kindern das Ankommen ungemein; sie sprechen gern mit ihr und vertrauen ihr Gedanken an. Daran schließen sich Gesprächsrunden und kreative Beschäftigungen an. Es wird gemalt, gespielt, gesungen oder sich bewegt – abgestimmt auf das, was den Mädchen und Jungen im Moment guttut. Auch Momente des Innehaltens gehören dazu. Ob das Bedürfnis nach Reden, Bewegung oder Ruhe überwiegt: Die Gruppe eröffnet den Raum, einen eigenen Weg im Umgang mit dem Verlust zu entwickeln.

Ein zentraler Baustein ist die Begegnung unter Gleichaltrigen. Viele Kinder versuchen instinktiv, ihre ebenfalls trauernden Eltern zu schonen, und halten sich mit eigenen Gefühlen zurück. In der Gruppe müssen sie diese Rücksichtnahme nicht tragen. Die Teilnahme setzt stets ein vorheriges Kennenlerngespräch sowie den ausdrücklichen eigenen Wunsch des Kindes voraus.

Therapeutische Hilfe will und kann die Gruppe nicht ersetzen. Sollte sich zeigen, dass weitergehende professionelle Unterstützung erforderlich ist, werden die Eltern rechtzeitig darauf hingewiesen. Parallel zu den Treffen der Kinder haben Mütter und Väter die Möglichkeit, sich in ihrer eigenen Trauer begleiten zu lassen. Heike Müller wies darauf hin, dass die Eltern zudem eine Art Notfallkoffer mit Fachliteratur und praktischen Hilfestellungen für akute Krisenphasen an die Hand bekommen.

Sozialdezernent Patrick Krug unterstrich die gesellschaftliche Tragweite dieser Initiative: Auch wenn das Sprechen über den Tod schwerfalle, gehöre er unvermeidlich zum Leben dazu. Die verschiedenen Hilfen – von den „Hoffnungshüpfern“ über die Gesprächskreise für Erwachsene bis zur individuellen Trauerbegleitung – tragen wesentlich dazu bei, dass Betroffene in schweren Phasen Halt und Orientierung finden.

Dass Trauer weder ein bestimmtes Alter noch starre Zeitpläne kennt, betonte Beate Jung. Der Schmerz kann unmittelbar nach einem Verlust übermächtig sein, sich aber auch erst Wochen später bahnen oder den Alltag über lange Zeit begleiten. Da der Umgang mit dem Verlust höchst individuell ist – manche suchen das Gespräch, andere benötigen Stille, manche bevorzugen den Austausch in der Gruppe, andere die Einzelbegleitung –, deckt der Verein dieses Spektrum mit flexiblen Angeboten ab.

Neben der emotionalen Bewältigung geraten Hinterbliebene häufig an bürokratische Grenzen. Melanie Schürer erläuterte, dass schon das Ausfüllen von Anträgen auf Hinterbliebenenrente in einer akuten Ausnahmesituation eine enorme Hürde darstellen kann. Auch hier springt der Verein helfend ein, unterstützt bei Formalitäten oder stellt den Kontakt zu passenden Anlaufstellen her. Betroffene sollen ermutigt werden, Hilfe anzunehmen, selbst wenn ihnen im ersten Schock noch nicht klar ist, welche Unterstützung sie konkret benötigen. Patrick Krug bekräftigte dies: Der Verlust eines Menschen stelle die vertrauten Lebensumstände schlagartig auf den Kopf, weshalb Anlaufstellen mit offenem Ohr und handfester Alltagshilfe unverzichtbar seien.

Ein großes Anliegen des Teams bleibt das Aufbrechen von Tabus. Vielen falle es weiterhin schwer, den Tod offen zu thematisieren, ganz besonders im Beisein von Kindern. Aus Furcht vor falschen Worten oder zusätzlichem Kummer bleiben drängende Fragen nicht selten ungeklärt. Kinder nehmen Veränderungen in der Familie jedoch sehr genau wahr und benötigen Aufrichtigkeit, Verlässlichkeit sowie Bestätigung für ihre Empfindungen. Heike Müller hob hervor, dass jeder Verlust – ob Eltern, Großeltern, Geschwister, Nachbarn oder ein Haustier – tiefe Einschnitte hinterlassen kann. Trauer zeige unzählige Gesichter, und jedes davon habe im „Hellen Haus“ seine Berechtigung.

Damit dieses Angebot dauerhaft fortgeführt werden kann, sucht der Verein engagierte Ehrenamtliche mit Feingefühl, Zeit und Offenheit. Vorkenntnisse in der Trauerarbeit sind laut Vereinsvorsitzender Schürer nicht erforderlich, da neue Helferinnen und Helfer fundiert geschult und vorbereitet werden.

Für Patrick Krug ist das Engagement ein wesentlicher Pfeiler für die Gemeinschaft im Vogelsbergkreis: Der Zusammenhalt zeige sich dort, wo Menschen verletzlich sind und Hilfe benötigen. Das „Helle Haus“ gebe Trauernden einen Ort, an dem sie nicht begründen müssen, warum sie traurig sind. Er wünsche dem Verein für seine weitere Arbeit viel Erfolg und eine wachsende Zahl an Unterstützern.

Während Hospizdienste schwerstkranke Menschen und Angehörige bis zum letzten Moment begleiten, steht das „Helle Haus“ Hinterbliebenen in der Zeit danach zur Seite. Ein Verlust lässt sich nicht rückgängig machen. Menschen, die zuhören und das Geschehene mittragen, helfen jedoch dabei, das Unbegreifliche auszuhalten und schrittweise den Weg zurück in ein verändertes Leben zu finden. +++


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