Die neuen Fanschals verkaufen sich ganz ordentlich. Für Heike Hartmann ist das ein kleines, aber durchaus aussagekräftiges Zeichen dafür, dass sich rund um die Tischtennis-Damen der KSG Haunedorf etwas verändert hat. „Im Verein ist schon Euphorie da, das spüren wir“, sagt die langjährige Mannschaftsführerin und schmunzelt. Gleichzeitig weiß sie, dass auf die Mannschaft in den kommenden Monaten eine Aufgabe wartet, die mit den bisherigen Jahren nur noch wenig gemein hat. „Aber wir sind auch ganz realistisch. Schon der Klassenerhalt wäre ein riesiger Erfolg.“ Fast 20 Jahre lang waren die Haunedorferinnen in Hessen- und Oberliga unterwegs. Nun spielt die Mannschaft erstmals in der Regionalliga West und damit in der vierthöchsten deutschen Spielklasse. Für einen Dorfverein aus der Gemeinde Petersberg ist dieser Aufstieg mehr als nur eine sportliche Höherstufung. Er ist ein Meilenstein in der Geschichte der Tischtennisabteilung und zugleich der Beginn eines Abenteuers, dessen Ausgang niemand voraussagen kann.
Den entscheidenden Schritt machte die Mannschaft in der vergangenen Saison. Mit der 16-jährigen Arzellerin Vivien Litzka hatten sich die Haunedorferinnen verstärkt und anschließend direkt die Oberligameisterschaft eingefahren. Der Aufstieg war damit perfekt. Doch mit dem sportlichen Erfolg änderte sich auch die Perspektive. Gegner, die nun auf dem Spielplan stehen, kommen überwiegend aus Nordrhein-Westfalen und Hessen und verfügen teilweise über eine ganz andere sportliche Tradition und Infrastruktur. Schwalbe Bergneustadt, TUSEM Essen oder BW Annen gehören zu den Namen, mit denen es die KSG künftig zu tun bekommt. Vereine, die teilweise auf Bundesligavergangenheit zurückblicken können. Für Haunedorf bedeutet das einen Sprung in eine Welt, in der die Maßstäbe andere sind. „Da spielen Mannschaften, die über ganz andere Ressourcen verfügen“, sagt Steffen Weber, Abteilungsleiter Tischtennis bei der KSG. Dass ein Verein wie Haunedorf dennoch in dieser Liga angekommen ist, erfüllt ihn mit Stolz. „Dass wir das aus unserer Struktur heraus schaffen, macht uns schon ein bisschen stolz.“
Der sportliche Aufstieg bringt allerdings nicht nur neue Gegner, sondern auch neue Herausforderungen abseits der Platte. Schon am ersten Spieltag führt der Weg der Mannschaft bis nach Kleve an die holländische Grenze. Fahrten von teilweise vier Stunden sind in dieser Spielklasse keine Ausnahme. Bei manchen Auswärtsspielen werden Übernachtungen notwendig. Was auf dem Spielplan zunächst nur nach einem weiteren Termin aussieht, bedeutet für die Spielerinnen einen erheblichen zusätzlichen Zeitaufwand. „Der Aufwand ist schon hoch“, sagt Weber. Es gehe nicht allein um die langen Strecken. „Die Mädels müssen privat einiges anders organisieren und deutlich mehr Zeit investieren.“ Regionalliga bedeutet damit für die KSG nicht nur anspruchsvolleres Tischtennis, sondern auch einen größeren organisatorischen Kraftakt. Training, Spiele, Fahrten und das private Leben müssen miteinander vereinbart werden.
Trotzdem war für die Mannschaft nach dem Aufstieg schnell klar, dass sie sich dieser Herausforderung stellen will. „Nach dem Aufstieg war sofort klar: Wir haben alle Bock auf die Herausforderung“, sagt Spitzenspielerin Lena Auth. Die Vorfreude überwiegt, auch wenn der Respekt vor dem Niveau der neuen Spielklasse groß ist. Denn auf dem Papier sind die Haunedorferinnen klarer Außenseiter. Dass sie diesen Umstand nicht mit einer radikalen Personalpolitik verändern wollen, ist Teil der Vereinsphilosophie. Externe Spielerinnen einzufliegen oder für einzelne Einsätze einzukaufen, kam trotz verschiedener Angebote, die an den Verein herangetragen wurden, nicht infrage. Die KSG Haunedorf versteht sich weiterhin als klassischer Breitensportverein. Elf Mannschaften gehören zur Tischtennisabteilung, Damen, Herren und Jugendliche sind eng miteinander verbunden. Der Aufstieg der ersten Damenmannschaft soll deshalb nicht dazu führen, dass sich innerhalb des Vereins eine eigene kleine Welt entwickelt. Im Gegenteil: Die Regionalliga-Mannschaft bleibt Teil der bestehenden Strukturen.
„Wir haben hier bodenständige Strukturen und eine klare Philosophie, die eine gesunde Weiterentwicklung des Vereins fokussiert. Alles andere passt aktuell nicht zu uns“, sagt Weber. Eine Aussage, die auch erklärt, warum der Verein bewusst mit jener Mannschaft in die Regionalliga geht, die den Aufstieg geschafft hat. „Wir wollen mit der Aufstiegsmannschaft zusammenbleiben und die Saison genießen“, ergänzt Auth. Das klingt weniger nach vorsichtiger Zielsetzung als nach einer bewussten Entscheidung. Die KSG will sich nicht verbiegen, um unbedingt den Eindruck zu erwecken, in der neuen Spielklasse mithalten zu müssen. Sie will sehen, wie weit die eigenen Möglichkeiten reichen. Auch im Trainingsbetrieb bleibt die Mannschaft eng mit dem restlichen Verein verbunden. Trainiert wird gemeinsam als Team, gleichzeitig gibt es immer wieder Einheiten mit den Männerteams. Die Halle ist zu den Trainingszeiten regelmäßig voll. „Wir haben zu den Trainingszeiten immer eine volle Halle. Die Bedingungen sind gut“, sagt Hartmann.
Diese Atmosphäre dürfte gerade in einer Saison wichtig werden, in der die Mannschaft auf Gegner trifft, die sportlich teilweise aus einer anderen Welt kommen. Denn die KSG kann nicht mit den finanziellen oder personellen Möglichkeiten vieler etablierter Regionalligisten konkurrieren. Was sie dagegen mitbringt, ist ein Umfeld, in dem die Mannschaft gewachsen ist und in dem der Aufstieg nicht das Ergebnis einer kurzfristigen Investition, sondern einer langfristigen Entwicklung ist. Jetzt fiebert der gesamte Verein dem Saisonstart entgegen. Auch außerhalb der Mannschaft ist die Unterstützung spürbar. Bürgermeisterin Claudia Brandes und Ortsvorsteher Matthias Balzer haben sich bereits als Fahrer für Auswärtsfahrten angeboten. Für Weber ist das ein Zeichen dafür, dass die Regionalliga-Premiere längst nicht mehr nur eine Angelegenheit der Tischtennisabteilung ist.
Schwieriger gestaltet sich dagegen die Suche nach Sponsoren. Der Tischtennissport verfügt nicht über die öffentliche Aufmerksamkeit, die beispielsweise Fußballvereine genießen. „Tischtennis ist natürlich kein Fußball“, sagt Weber. Dennoch sieht er keinen Grund, sich davon entmutigen zu lassen. „Wir sind ordentlich aufgestellt und werden das gemeinsam schaffen.“ Gemeinsam – dieses Wort zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Haunedorferinnen. Der Aufstieg hat den Verein in eine Spielklasse geführt, in der die sportlichen Herausforderungen größer, die Fahrten länger und die Gegner finanziell teilweise deutlich stärker sind. Die Antwort der KSG darauf lautet nicht Größenwahn, sondern Zusammenhalt.
Am 19. September steht das erste Heimspiel der Saison gegen Holzbüttgen an. Dann wird sich erstmals auch vor heimischem Publikum zeigen, was die Regionalliga für die Haunedorferinnen tatsächlich bedeutet. Gespielt wird wie gewohnt im Dorfgemeinschaftshaus in Almendorf. Der Verein hofft auf viele Zuschauer und damit auf jene Unterstützung, die gerade in einer Premierensaison einen zusätzlichen Unterschied machen kann. Die Erwartungen bleiben dabei bewusst überschaubar. Die Mannschaft weiß, dass sie in vielen Begegnungen als Außenseiter an die Tische gehen wird. Sie weiß aber ebenso, dass sie sich ihren Platz in dieser Liga sportlich verdient hat. Darin liegt vielleicht auch der besondere Reiz dieser Saison. „Wir bleiben mit beiden Beinen auf dem Boden. Die Regionalliga ist ein Abenteuer, das wir gemeinsam erleben wollen“, sind sich die Verantwortlichen einig.
Für einen Verein, der fast zwei Jahrzehnte in Hessen- und Oberliga verbracht hat, ist allein die Tatsache, nun gegen Mannschaften mit Bundesliga-Vergangenheit anzutreten, außergewöhnlich. Ob am Ende der Klassenerhalt gelingt, wird sich erst zeigen. Sicher ist aber schon jetzt: Die KSG Haunedorf hat mit ihrem Aufstieg eine neue Seite ihrer Vereinsgeschichte aufgeschlagen. Und diese Geschichte soll vor allem eines bleiben: ein Abenteuer, das man gemeinsam erlebt. +++

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