Stellen Sie sich vor, auf dem Weg zum Spiel finden Sie in der Johannisau ein Päckchen, das die Aufschrift trägt „Spiel auf Augenhöhe“. Eben jenen Charakter trug die Aufgabe der SG Barockstadt Fulda-Lehnerz am Mittwochabend gegen die U21 des Bundesligisten Eintracht Frankfurt. Stimmige und ansprechende Atmosphäre kamen hinzu. Ein Flutlichtspiel. Ein Hessenderby. 2.180 Zuschauer, eine sehr ansprechende Marke. Heraus kam aber – so schön das Päckchen auch war -, eine 1:2 (1:0)-Niederlage der SGB, die nach sechs Spielen bis auf den viertletzten Platz der Regionalliga Südwest abgerutscht ist – und seit dem Saisonauftakt mit dem Sieg in Trier auf einen dreifachen Punktgewinn wartet. Ärgerlich war der Spielausgang aus SGB-Sicht am Mittwochabend. Sehr ärgerlich. Unterdessen gibt es einige Dinge, die das Team aus Osthessen schnellstmöglich verbessern sollte.
Etwa darauf zu reagieren – oder idealerweise zu agieren -, wenn der Gegner presst. Oder hoch presst. Frankfurt tat das vor allem in den ersten 20 Minuten. Auch Fuldas Trainer Daniyel Cimen befand, „dass wir überhaupt nicht ins Spiel gekommen sind. Frankfurt hatte viele Spieler im Zentrum und überlagerte oft seine Seite.“ Stimmt, oder anders ausgedrückt: Die Gäste-Spieler waren früh in den Situationen, gewannen fast jedes Eins-gegen-eins Duell im Mittelfeld – vor allem Marvin Dills ragte in Halbzeit eins heraus: stets anspielbar, behauptete sich auch in engen Räumen, löste gut auf, sehr trick- und fintenreich. Paul Wünsch, zusammen mit Innenverteidiger Niklas Scheller (nicht umsonst bereiteten sie das 2:1-Siegtor vor) bester Spieler des Gästeteams. Wünsch klebte an der Außenlinie der linken Seite, um dann nach innen zu ziehen und beschwor mit seinen Schnelligkeits-Momenten so manche Gefahr herauf.
Bald aber wurde sichtbar, warum der Eintracht-Nachwuchs bisher erst sieben Saisontore geschossen hatte. Im Zentrum oder in der Box spielte sich wenig Gefährliches in Richtung Tor ab, die Spitzen Sonnenwald und und Henrik Peter – der Spieler aus dem nordosthessischen Fußball-Kultort Weidenhausen machte sein erstes Spiel für die U21 der Eintracht – bewegten sich in ihrer Effektivität nicht so toll. Dennoch hätte der Gast zeitig in Führung gehen können: Schon in Minute eins war Wünsch links durch, spielte noch einmal quer – und hätte selbst abschließen können, später bereitete Wünsch wieder vor, passte von der Grundlinie zurück, Peter kam indessen nicht ganz heran (8.). Eine Minute darauf tauchte SGB-Keeper Horz gut ab nach Dills verdecktem Flachschuss. Oder als die Eintracht einen zügigen Angriff über rechts initiierte, die Eingabe aber missriet (24.).
Die SGB reagierte eine halbe Stunde lang mehr oder weniger. Kein gutes Spiel mit Ball, kein Nachrücken im Ballbesitz, auch kein tolles Verhalten in der Rückwärtsbewegung, kein gutes mannschaftliches oder gruppentaktisches Verhalten. Während sich Mo Reinhard oft auf die „Zehn“ zog – oft tat dies bei Ballbesitz auch Moritz Dittmann als zweite Spitze – fragte man sich, welche Rolle Sarpei und Pomnitz zufiel. Positive Ausnahme von Beginn an: „Manu“ Elekwa im Zentrum in der Spitze. Beispiel gefällig? In Minute 10 setzte er sich Eins-gegen-eins energisch an der Seitenauslinie gegen Is durch, passte zurück – seine Mitspieler aber gingen nicht darauf ein.
Bis, ja bis, die SGB mit ihrer ersten echten Chance in Führung ging. Erstmals wirkte der Gastgeber im Spiel mit Ball entschlossen und hartnäckig. Keanu Kraft flankte aus dem rechten Halbraum stark und lang auf den zweiten Pfosten, ein Mitspieler brachte den Ball per Kopf und mit bravourösem Einsatz zurück – und Ali Gün nutzte dies per Flachschuss zum 1:0. In Minute 35. Drei Minuten später hätte Gün sein zweites Tor hätte machen können, als er nach Elekwas toller Vorarbeit krachend und knapp übers Tor zog – und im Abschluss-Pech war. Die SGB bestimmte die letzten Minuten – und Reinhard wäre beinahe ein Tor gelungen, als SGE-Keeper Möhler seinen Kopfball nach einer Ecke aus dem Winkel holte (43.). Nochmals Reinhard – und so überraschend und „verrückt“ ist Fußball: Ebenfalls per Kopf rettete er vor der Linie des eigenen Tores (44.).
Auch das sehen wir oft in der zweiten Halbzeit. Mit Beginn dieses Abschnitts entdeckte die SGB ihr Herz. Sie spielte wesentlich mutiger, besetzte offensive Räume besser und bot bisweilen gut anzusehenden Spielaufbau. Sie wirkte entschlossner und konsequenter. Indessen bleibt der Abschluss ein Thema bei Ali Gün. Schon gegen den FSV Frankfurt im letzten Heimspiel hätte er mehr daraus machen können – und in Minute 58 hatte er das 2:0 für die SGB auf dem Fuß. Der Gastgeber trug einen flüssigen Konter vor, Sarpeis gewonnener Zweikampf war die Grundlage, der Angriff führte über Dittmann, der Doppelpass mit Pomnitz spielte, Pomnitz „Ditti“ in der Box in den Fuß spielte, Ditti mit seinem Abschluss hängenblieb – Gün zum Nachschuss kam, den aber verzog.
Die Eintracht aber blieb jederzeit im Spiel. Nach einer Stunde hatte sie eine gute Möglichkeit, als das Mittelfeld der SGB nicht gut verteidigte, die Eingabe des eingewechselten Nana-Sarhenne aber an Aaron Frey hängenblieb. Wenig später glich der Gast aus: Der Gastgeber war bei einem langen Ball nicht auf der Höhe, Wünsch flankte – und der soeben erst ins Spiel gekommene mit dem wohlklingenden Namen Cherif Disse traf per Kopf aus Nahdistanz zum 1:1. Cisse schrieb den ersten Teil seiner „Erfolgsgeschichte“ an diesem Abend. Und das zweite Tor zum Sieg sollte eine ähnliche Entstehungsgeschichte haben.
Doch die SGB wollte den Sieg. Sie kämpfte beherzt. Krafts Abschluss blieb hängen (74.) – und der Freistoß des eingewechselten Wähling aus aussichtsreicher Position geriet zu hoch (84.). Besser machte es die SGE-Zweite. Und spielentscheidend. Der überragende Innenverteidiger Scheller schlug einen Ball auf Wünsch – der SGB unterlief ein Stellungsfehler, bei dem sie die „innere Linie“ nicht zumachte -, der flankte, und Cisse traf zum 2:1. Und zum Sieg. In seiner Entstehung ein ganz ähnliches Muster wie das Ausgleichstor.
Die Moral der SGB war erstklassig – und beinahe hätte sie den Ausgleich noch geschafft. Doch Ochojski rettete in höchster Not vor dem einschussbereiten Wähling, dem er die Kugel quasi vom Fuß weggrrätschte. „Wir haben eine sehr gute Partie abgeliefert“, freute sich anschließend Frankfurts Trainer Patrick Glöckner. Daniyel Cimen bewertete die Partie aus seiner Sicht: „Wir hatten dreimal die Chance, das 2:0 zu machen. Das haben wir uns vorzuwerfen. Dass wir in guten Phasen zu wenig daraus machen. Das müssen wir lernen. Für uns ist der Spielausgang sehr enttäuschend.“
Auch einen anderen Aspekt betonte er. Erneut. Man müsse „zu viele Tore hinnehmen, die zu einfach fallen“. Zu wie viel Prozent er damit Recht hat? Zu einhundert. Gut, dass die SGE schon bald die Möglichkeit hat, es besser zu machen. Am Samstag führt die Reise zu den Stuttgarter Kickers. Anzugs im GAZI-Stadion auf der Waldau ist um 14 Uhr. Die Kickers sind mit zehn Punkten Fünfter der Tabelle. Sie unterlagen am Dienstag nach einer Führung bei Astoria Walldorf mit 1:2. Zuletzt siegte die SGB bei den Kickers. Ob das zum guten Vorzeichen taugt? In jedem Fall aber liegt am Eingang wieder ein Päckchen mit dem Etikett „Spiel auf Augenhöhe“.
SG Barockstadt: Horz – Kraft, Habermehl, Frey, Hillmann (65. Schmitt) – Sarpei – Pomnitz, Dittmann (83. Iljazi), Reinhard (83. Lokaj), Gün (65. Wähling) – Elekwa (76. Göbel)
Eintracht Frankfurt II: Möhler – Ochojski, Etse, Scheller, Boakye – Yilderim (63. Prenaj), Is, Dills (89. Didoss), Wünsch (90.+1 Chemwor) – Sonnenwald (63. Cisse), Peter (46. Nana-Sarhene)
Schiedsrichter: Marvin Maier
Zuschauer: 2.180
Tore: 1:0 Ali Gün (35.), 1:1 Cherif Cisse (64.), 1:2 Cherif Cisse (88.) +++ rl

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