Die Sicherheitslage in Hessen bleibt angespannt. Innenminister Roman Poseck und der Präsident des Landesamts für Verfassungsschutz Hessen, Bernd Neumann, haben bei der Vorstellung des Verfassungsschutzberichts 2025 vor einer Vielzahl von Gefahren für die freiheitliche demokratische Grundordnung gewarnt. Rechtsextremismus bleibt nach Einschätzung des Innenministeriums die größte Bedrohung. Gleichzeitig nehmen linksextremistische Gewalt, islamistische Straftaten, Antisemitismus sowie Spionage und hybride Einflussoperationen neue Bedeutung an.
Im vergangenen Jahr wurden in Hessen 12.825 Personen dem extremistischen Personenpotenzial zugerechnet. Die Gesamtzahl der extremistischen Straf- und Gewalttaten sank von 2.527 auf 2.321 und damit um rund acht Prozent. Gleichzeitig stieg die Zahl der extremistischen Gewalttaten von 74 auf 80. Erstmals seit 2021 ist damit bei den Gesamtstraftaten ein Rückgang zu verzeichnen, das Niveau bleibt jedoch hoch.
Der Rechtsextremismus stellt mit 1.850 Personen weiterhin den größten extremistischen Bereich dar. Das Personenpotenzial stieg gegenüber 2024 um 60 Personen. 975 Rechtsextremisten gelten als gewaltorientiert. Die Zahl der Straf- und Gewalttaten ging zwar von 1.997 auf 1.748 zurück, dennoch entfielen rund 75 Prozent aller extremistischen Straftaten in Hessen auf diesen Bereich. Die Zahl der rechtsextremistischen Gewalttaten sank auf 30 und damit auf den niedrigsten Wert des Fünfjahreszeitraums.
Poseck warnte davor, daraus eine Entwarnung abzuleiten. Besonders die zunehmende Präsenz rechtsextremistischer Akteure in sozialen Medien bereite Sorgen. Junge Menschen würden zunehmend über scheinbar harmlose Inhalte und eine anschlussfähige Sprache erreicht. Traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit, Gemeinschaft und Patriotismus würden dabei ideologisch umgedeutet. Auch Proteste gegen CSD-Veranstaltungen in Wetzlar, Fulda und Friedberg hätten gezeigt, dass die queere Community zunehmend ins Visier rechtsextremistischer Gruppen gerät.
Im Bericht wird zudem der hessische AfD-Landesverband als rechtsextremistischer Verdachtsfall geführt. Das Verwaltungsgericht Wiesbaden bestätigte diese Einstufung im Juni 2026 im Hauptsacheverfahren und wies die Klagen des Landesverbands ab. Nach Auffassung des Gerichts bestehen hinreichende tatsächliche Anhaltspunkte für Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung. Die AfD hat gegen die Entscheidung Berufung eingelegt.
Deutlich gestiegen ist die linksextremistische Gewalt. Das Personenpotenzial erhöhte sich von 2.600 auf 2.640 Personen. Die Zahl der Straf- und Gewalttaten stieg von 155 auf 283, die Zahl der Gewalttaten von 15 auf 44. Damit gab es im Zeitraum 2021 bis 2025 erstmals mehr linksextremistische als rechtsextremistische Gewalttaten. Fast die Hälfte der linksextremistisch motivierten Gewalttaten ereignete sich bei Protesten gegen eine AfD-Wahlkampfveranstaltung am 1. Februar in Neu-Isenburg. Hinzu kamen unter anderem Brandanschläge auf Fahrzeuge des Regierungspräsidiums Gießen und zivile Einsatzfahrzeuge der Bundeswehr in Kassel.
Auch die Bedrohung durch ausländische Nachrichtendienste hat zugenommen. Russland gilt im Berichtsjahr als größte hybride Gefahr für Deutschland und Hessen. Das Spektrum reicht von Spionage und Sabotage über Cyberangriffe bis zu Desinformationskampagnen. Die Zahl der Verdachtsfälle mit Russland-Bezug hat sich seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine auf mehr als 2.000 mehr als verdoppelt. Auch China versucht laut Verfassungsschutz, seinen Einfluss auszuweiten.
Beim Islamismus ging das Personenpotenzial leicht von 3.890 auf 3.840 Personen zurück. Gleichzeitig stieg die Zahl islamistischer Straf- und Gewalttaten deutlich von 57 auf 95. Das entspricht einem Plus von fast 67 Prozent. Poseck warnte insbesondere vor der schnellen Radikalisierung junger Menschen im Internet. Der islamistische Terrorismus bleibe eine potenziell tödliche Bedrohung.
Besorgniserregend ist zudem die Entwicklung beim Antisemitismus. Die Zahl antisemitischer Straftaten stieg von 357 auf 374. Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Hessen registrierte mit 1.099 Vorfällen ebenfalls einen neuen Höchststand. Poseck warnte vor einem zunehmenden Zusammenspiel verschiedener extremistischer Milieus und bezeichnete die Sicherheit jüdischen Lebens in Hessen als nicht verhandelbar.
LfV-Präsident Neumann sieht die zunehmende Radikalisierung im Internet als eine der zentralen Herausforderungen. Extremisten würden ihre Botschaften häufig in scheinbar harmlosen Kurzvideos, Liedern oder sogenannten Challenges verstecken. Besonders Jugendliche seien gefährdet. Das Landesamt hat seine Präventionsarbeit deshalb ausgeweitet und 2025 mit 353 Veranstaltungen einen neuen Höchststand erreicht.
Poseck verwies zugleich auf die personelle Stärkung der Sicherheitsbehörden. Hessen verfügt inzwischen über 16.000 Polizisten. Beim Landesamt für Verfassungsschutz stieg die Zahl der Stellen von 312 im Jahr 2016 auf 387 im Jahr 2026. Mit einer eigenen Abteilung für Spionageabwehr und hybride Bedrohungen sowie weiteren organisatorischen Veränderungen soll Hessen besser auf die veränderte Sicherheitslage reagieren.
Zum Abschluss appellierte Poseck an die Bevölkerung, bei Extremismus, Hass und Hetze nicht wegzusehen. Neumann verwies darauf, dass das Landesamt in seinen 75 Jahren noch nie so stark gefordert gewesen sei wie heute. Das Ziel bleibe klar: kein Raum für Extremismus, Antisemitismus und Spionage. +++

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