Hessens Arbeitsmarkt: Lücken durch Boomer-Rente in neuer Studie ermittelt

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Der deutsche Arbeitsmarkt steht vor einer doppelten Herausforderung: Er muss nicht nur den Abschied einer ganzen Generation von Beschäftigten bewältigen, sondern zugleich feststellen, dass die nachrückenden Jahrgänge die entstehenden Lücken vielerorts nicht schließen können. Die Verrentung der Babyboomer ist kein fernes Szenario mehr, sondern eine Entwicklung, die sich bereits in den Statistiken niederschlägt. Der Fachkräftemangel wird dabei nicht allein durch die Zahl derjenigen verschärft, die altersbedingt aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Hinzu kommen Nachwuchslücken, die in ihrer Tragweite lange unterschätzt wurden. Auffällig ist dabei, dass es nicht nur an jungen Arbeitskräften mangelt. Ein Teil des vorhandenen Potenzials wird weder aus- noch weitergebildet, weil Künstliche Intelligenz in zahlreichen Unternehmen inzwischen Aufgaben übernimmt, die bislang Berufseinsteigern vorbehalten waren, und Investitionen in die Entwicklung junger Mitarbeiter zurückgehen.

Vor diesem Hintergrund hat die Karriereplattform JobLeads eine Arbeitsmarktstudie durchgeführt, um zu untersuchen, in welchen Bundesländern die größten Nachwuchslücken entstehen, während die Babyboomer in Rente gehen. Analysiert wurden die Entwicklungen der Beschäftigten- und Arbeitslosenzahlen nach Alter und Anforderungsniveau sowie die Relation von Arbeitssuchenden zu offenen Stellen und die Vakanzzeiten im Zeitraum von 2021 bis 2025. Die Ergebnisse zeichnen ein differenziertes Bild der Lage und machen deutlich, wie unterschiedlich die Bundesländer auf die demografischen Veränderungen vorbereitet sind.

Für Hessen fällt die Diagnose ernster aus, als es die vergleichsweise solide wirtschaftliche Stellung des Landes zunächst vermuten ließe. Nach den Berechnungen von JobLeads erwartet Hessen zwischen 2021 und 2031 die elftgrößte Nachwuchslücke im Zuge der Pensionierung der Babyboomer. In der Gesamtbewertung erreicht das Bundesland einen Indexwert von 7,79 von 10, wobei ein niedrigerer Wert eine größere Nachwuchslücke bedeutet. Bereits heute gehen die Beschäftigtenzahlen auf dem Niveau der Fachkräfte zurück. Bei den unter 25-Jährigen sinkt ihre Zahl durchschnittlich um 1,24 Prozent pro Jahr, bei den 25- bis unter 35-Jährigen um 1,15 Prozent.

Bemerkenswert ist dabei die Gleichzeitigkeit widersprüchlicher Entwicklungen. Zwar steigt in Hessen die Zahl der Arbeitssuchenden pro Stelle über drei der vier Anforderungsniveaus hinweg an. Für Fachkräftestellen allerdings nimmt die Zahl der Arbeitssuchenden im Jahresdurchschnitt um 0,75 Prozent ab. Zugleich verlängern sich die Vakanzzeiten deutlich. Besonders ausgeprägt zeigt sich dies bei Helferstellen, deren Besetzungsdauer jährlich um durchschnittlich 7,97 Prozent zunimmt. Hinzu kommt die Situation junger Arbeitsloser. Im Jahr 2025 waren in Hessen 33 Prozent aller Arbeitslosen jünger als 35 Jahre. Ein Drittel der Betroffenen verliert damit früh im Berufsleben die Möglichkeit, Berufserfahrung aufzubauen, die Voraussetzung für spätere Karriereschritte und die Übernahme höher qualifizierter Tätigkeiten sein kann.

Noch deutlicher treten die Probleme im Saarland hervor. Das Bundesland weist mit einem Indexwert von 4,62 von 10 die größte Nachwuchslücke auf. Zwar bleibt die Zahl der unter 25-jährigen Helfer mit einem durchschnittlichen jährlichen Anstieg von 0,19 Prozent nahezu unverändert. Gleichzeitig sinkt die Zahl der unter 25-jährigen Fachkräfte Jahr für Jahr um durchschnittlich 2,08 Prozent. Die Vakanzzeiten für Fachkräftestellen steigen jährlich um 12,76 Prozent. Die Zahlen legen nahe, dass junge Fachkräfte bereits heute fehlen. Vergrößert sich diese Lücke weiter, könnte dies auch die höheren Anforderungsniveaus betreffen, in die junge Beschäftigte unter normalen Bedingungen aufsteigen würden. Auch bei den 25- bis unter 35-jährigen Fachkräften zeigt sich im Saarland ein deutlicher Rückgang von durchschnittlich 2,86 Prozent pro Jahr. Der Anteil der Arbeitslosen im Alter von 15 bis 35 Jahren liegt dort mit 31 Prozent allerdings im bundesweiten Mittelfeld.

Sachsen folgt mit einem Indexwert von 5,13 von 10 auf dem zweiten Platz. Der Freistaat gehört zu lediglich zwei Bundesländern, in denen die Zahl der Arbeitssuchenden pro Helferstelle zurückgeht. Durchschnittlich 0,45 Prozent weniger Menschen suchen dort jährlich nach einer entsprechenden Beschäftigung. Gleichzeitig steigt die Zahl der unter 25-jährigen Beschäftigten auf allen vier Anforderungsniveaus im Schnitt zwischen 2,08 Prozent bei Fachkräften und 7,09 Prozent bei Spezialisten. Doch dieser Zuwachs verliert sich in der nächsten Altersgruppe. Bei den 25- bis unter 35-Jährigen gehen die Beschäftigtenzahlen auf allen Anforderungsniveaus mit Ausnahme der Spezialisten zurück. Den stärksten Rückgang verzeichnen wiederum die Fachkräfte, deren Bestand jährlich um durchschnittlich 6,04 Prozent sinkt. Auch die Vakanzzeiten für Fachkräftestellen verlängern sich in Sachsen jedes Jahr um 7,82 Prozent. Setzt sich diese Entwicklung fort, würde die durchschnittliche Vakanzzeit bereits im Jahr 2028 auf 232 Tage steigen. Gleichzeitig weist Sachsen mit 44 Prozent den bundesweit höchsten Anteil an Arbeitslosen im Alter zwischen 15 und 35 Jahren auf.

Die Studie macht damit auf einen Zusammenhang aufmerksam, der über die Debatte um fehlende Arbeitskräfte hinausweist. Der demografische Wandel entfaltet seine Wirkung nicht erst dann, wenn erfahrene Beschäftigte ihre Arbeitsplätze verlassen. Er wird bereits dort sichtbar, wo der Übergang zwischen den Generationen nicht mehr reibungslos gelingt, wo Berufseinstiege ausbleiben oder unterbrochen werden und wo Qualifizierung an Bedeutung verliert. Die Unterschiede zwischen den Bundesländern zeigen, dass es keine einheitliche Entwicklung gibt. Sie verdeutlichen aber auch, dass die Frage, ob junge Menschen den Weg in Beschäftigung, Weiterbildung und beruflichen Aufstieg finden, entscheidend dafür sein wird, ob die entstehenden Lücken geschlossen werden können. Die Verrentung der Babyboomer ist damit weniger eine plötzliche Zäsur als ein Prüfstein dafür, wie belastbar die Strukturen des Arbeitsmarktes tatsächlich sind. +++


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