Feuerwehr im Vogelsberg: Zwischen wachsender Verantwortung und gelebtem Ehrenamt

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Wer die Zukunft der Feuerwehren verstehen will, muss nicht auf spektakuläre Einsätze oder große Katastrophen blicken. Oft genügt der Blick in eine Delegiertenversammlung. Beim Kreisfeuerwehrverband Vogelsberg wurde am Samstag in Bernsfeld deutlich, wie eng Einsatzbereitschaft, Nachwuchsarbeit, gesellschaftlicher Zusammenhalt und ehrenamtliches Engagement miteinander verbunden sind.

Auf der Tagesordnung standen Berichte, Zahlen, Wahlen und Beschlüsse. Doch hinter den formalen Abläufen verbarg sich weit mehr als ein gewöhnlicher Verbandsnachmittag. Die Delegiertenversammlung zeichnete das Bild einer Organisation, die tief in den Städten und Gemeinden des Vogelsbergkreises verankert ist und deren Bedeutung weit über die klassische Brandbekämpfung hinausreicht.

Zum Jahresende 2025 gehörten dem Kreisfeuerwehrverband insgesamt 25.399 Mitglieder an. Hinter dieser Zahl stehen Menschen, die rund um die Uhr bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Sie rücken zu Einsätzen aus, bilden Nachwuchskräfte aus, organisieren Veranstaltungen, pflegen Fahrzeuge und Technik oder engagieren sich in Musikzügen und Ehrenabteilungen. Ihr Beitrag wird häufig erst dann sichtbar, wenn Hilfe benötigt wird.

Die Vorsitzende des Kreisfeuerwehrverbandes zog eine positive Bilanz des vergangenen Jahres. Seit der Neuausrichtung des Verbandes im Mai 2025 seien zahlreiche Schritte unternommen worden, um die Arbeit der Feuerwehren und die Aktivitäten des Verbandes stärker sichtbar zu machen. Gleichzeitig machten die Ausführungen von Kreisbrandinspektor Marcell Büttner deutlich, wie hoch die Anforderungen an die Feuerwehren im Vogelsbergkreis inzwischen geworden sind.

In allen 19 Städten und Gemeinden stehen Feuerwehren bereit, organisiert in 161 Einsatzabteilungen. Im Jahr 2025 wurden sie zu insgesamt 1.159 Einsätzen alarmiert. Darunter befanden sich 244 Brandeinsätze sowie 752 technische Hilfeleistungen. Die Zahlen spiegeln ein Einsatzspektrum wider, das stetig wächst. Der Scheunenbrand in Angersbach, ein tödlicher Wohnhausbrand in Schotten, die Explosion auf einem Campingplatz in Kirtorf, Waldbrände in Herbstein und Lauterbach sowie der Großbrand bei der Firma Boomex in Alsfeld gehörten zu den prägenden Ereignissen des vergangenen Jahres. Gerade beim Brand in Alsfeld arbeiteten mehr als 150 Einsatzkräfte über Kreisgrenzen hinweg zusammen.

Solche Einsätze verdeutlichen, wie stark sich das Aufgabenprofil der Feuerwehren verändert hat. Brandbekämpfung bleibt eine Kernaufgabe, doch längst gehören technische Hilfeleistungen, Katastrophenschutz, Krisenmanagement und die Betreuung von Menschen in Ausnahmesituationen ebenso dazu. Hinzu kommen neue Herausforderungen durch Extremwetterlagen. Anfang Mai führte ein schweres Unwetter zu rund fünfzig Einsätzen im Kreisgebiet. Verkehrsunfälle, Personensuchen, Sturmschäden und zusätzliche Anforderungen entlang der A49 erweitern das Einsatzgeschehen kontinuierlich.

Die Einsatzabteilungen zählten zum Jahresende 4.239 Mitglieder. Während 221 Personen neu eintraten, verzeichneten die Feuerwehren gleichzeitig 270 Austritte. Diese Entwicklung verweist auf gesellschaftliche Veränderungen, die auch vor den Feuerwehren nicht haltmachen. Demografischer Wandel, veränderte Arbeitsbedingungen und zunehmende Mobilität erschweren langfristige Bindungen. Umso bemerkenswerter erscheint die Bereitschaft vieler Menschen, sich dennoch dauerhaft einem Ehrenamt zu verpflichten, das Ausbildung, Disziplin und hohe zeitliche Verfügbarkeit verlangt.

Besonders eindrucksvoll präsentierte sich die Nachwuchsarbeit. Im Vogelsbergkreis bestehen 100 Jugendfeuerwehren sowie 67 Kindergruppen. Insgesamt engagieren sich dort 1.162 Jugendliche und 638 Kinder. Allein die Betreuerinnen und Betreuer der Jugendfeuerwehren leisteten im vergangenen Jahr nahezu 10.000 Stunden ehrenamtlicher Arbeit. Damit übersteigt ihr Engagement die Zahl der Stunden, die ein Kalenderjahr umfasst.

Die Bedeutung dieser Arbeit reicht weit über die Vermittlung feuerwehrtechnischer Kenntnisse hinaus. Kinder- und Jugendfeuerwehren vermitteln Verlässlichkeit, Teamgeist und Verantwortungsbewusstsein. Sie schaffen Bindungen in einer Zeit, in der viele Vereine um ihren Nachwuchs kämpfen. Die Feuerwehr bietet jungen Menschen konkrete Aufgaben, klare Strukturen und das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die gebraucht wird.

Auch die Ehren- und Altersabteilungen nehmen dabei eine wichtige Rolle ein. Ihre Mitgliederzahl stieg auf 2.336 und damit um 45 Personen gegenüber dem Vorjahr. Sie bewahren Erfahrungen, Traditionen und persönliche Verbindungen, die das Fundament der Feuerwehren bilden. Mit Ausflügen, Treffen und Veranstaltungen bleibt das Gemeinschaftsleben auch nach dem aktiven Dienst erhalten.

Ein weiterer Bestandteil dieser Gemeinschaft ist die Feuerwehrmusik. Vier Musikgruppen mit insgesamt 95 Musikerinnen und Musikern sowie 16 Auszubildenden gestalten das kulturelle Leben im Verband mit. Bei 35 Spielverpflichtungen im vergangenen Jahr wurde deutlich, dass Musik innerhalb der Feuerwehr weit mehr ist als ein Rahmenprogramm. Sie verbindet Generationen und verleiht Festen, Jubiläen und Gedenkveranstaltungen einen besonderen Charakter.

Zu den emotionalen Höhepunkten der Versammlung gehörten die Ehrungen. Für besondere Verdienste im Brandschutzwesen erhielt Hubert Helm von der Freiwilligen Feuerwehr Lautertal-Meiches das Ehrenkreuz in Silber des Kreisfeuerwehrverbandes Vogelsbergkreis. Die Auszeichnung würdigt ein Engagement, das über viele Jahre hinweg Verantwortung übernommen und die Feuerwehrarbeit nachhaltig geprägt hat.

Besondere Aufmerksamkeit erhielt zudem die Prüfsachverständigengesellschaft Ziersch mbH aus Mücke. Das Unternehmen wurde als „Partner der Feuerwehr“ ausgezeichnet, weil es ehrenamtliche Feuerwehrangehörige jederzeit für Einsätze und Ausbildungsdienste freistellt. Die Ehrung lenkte den Blick auf einen oft übersehenen Aspekt des Ehrenamtes. Feuerwehren sind auf die Unterstützung von Arbeitgebern angewiesen. Erst wenn Betriebe Verständnis zeigen und Beschäftigte im Alarmfall gehen lassen, kann die Tagesalarmsicherheit gewährleistet werden.

So wurde in Bernsfeld nicht nur auf das vergangene Jahr zurückgeblickt. Die Versammlung machte zugleich deutlich, welche Aufgaben die Feuerwehren künftig beschäftigen werden. Mitgliedergewinnung, Digitalisierung, Klimafolgen, Katastrophenschutz und die Zusammenarbeit über Gemeindegrenzen hinweg gehören zu den zentralen Themen der kommenden Jahre.

Am Ende blieb das Bild eines Verbandes, der moderne Herausforderungen annimmt, ohne seine Wurzeln aus dem Blick zu verlieren. Einer Organisation, die digitale Kommunikationswege nutzt, ohne die persönliche Begegnung zu ersetzen. Die Delegiertenversammlung zeigte, dass hinter jeder Statistik Menschen stehen. Menschen, die Verantwortung übernehmen, oft im Verborgenen. Bernsfeld wurde für einige Stunden zum sichtbaren Ausdruck einer Erkenntnis, die im Alltag leicht übersehen wird: Die Feuerwehr ist nicht nur Teil der Gesellschaft. Sie trägt sie in entscheidenden Momenten mit. +++


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