Die Zahl antisemitischer Vorfälle in Deutschland verharrt auf einem alarmierend hohen Niveau. Der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (Rias) dokumentierte im Jahr 2024 insgesamt 8.725 antisemitische Vorfälle. Das geht aus dem Jahresbericht hervor, der am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde. Damit bewegt sich das Vorfallgeschehen weiterhin auf einem ähnlich hohen Stand wie im Vorjahr. Im Vergleich zu 2022 hat sich die Zahl der registrierten Fälle verdreifacht. Rechnerisch wurden im Jahr 2025 knapp 24 antisemitische Vorfälle pro Tag erfasst.
Jüdisches Leben in Deutschland war dabei erneut Ziel von Bedrohungen und Angriffen. Nach Angaben von Rias wurden 178 Angriffe und 257 Bedrohungen registriert, viele davon an Orten des täglichen Lebens. In Kehl wurden vier Mitglieder einer jüdischen Gemeinde vor einem Gebetsraum beleidigt und bespuckt. In Hessen wurde ein Rabbiner in einem Supermarkt angegriffen. In zahlreichen Fällen wurden die Betroffenen für das Handeln Israels verantwortlich gemacht. Zudem dokumentierte Rias vier Fälle extremer Gewalt. Dazu zählt auch ein terroristischer Anschlag am Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin.
Zugleich verlagert sich ein erheblicher Teil der Vorfälle in den digitalen Raum. Mehr als ein Viertel aller dokumentierten Fälle ereignete sich im Internet. Fast 43 Prozent aller erfassten Bedrohungen wurden online registriert. Rechtsextrem motivierte antisemitische Vorfälle erreichten mit 807 Fällen den höchsten Stand seit Beginn der Erhebungen im Jahr 2020. In vielen der dokumentierten Vorfälle spielte zudem das Feindbild „Zionismus“ eine zentrale Rolle.
Benjamin Steinitz, geschäftsführender Vorstand des Bundesverbands Rias, sieht insbesondere im Internet Handlungsbedarf. Gegenüber der dts Nachrichtenagentur sagte er, Online-Räume dürften keine „rechtsfreien Räume“ sein. Nach seiner Wahrnehmung erfolgten viele antisemitische Vorfälle im Netz deutlich ungehemmter. Deshalb müssten die Plattformen stärker in die Verantwortung genommen werden.
Steinitz verwies zudem auf eine langjährige Forderung seines Verbandes. Strafverfolgungsbehörden sowie zivilgesellschaftliche Experten und Organisationen, die antisemitische, rechtsextreme und rassistische Vorfälle dokumentieren, müssten enger zusammenarbeiten. Der Austausch und die gemeinsame Auswertung entsprechender Informationen seien aus seiner Sicht von großer Bedeutung.
Während der aktuelle Bericht die Entwicklung antisemitischer Vorfälle beschreibt, zieht der scheidende Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, nach acht Jahren im Amt eine gemischte Bilanz. Positiv bewertet er den Aufbau von Strukturen, die Politik, Verwaltungen und Gesellschaft in die Lage versetzen sollen, systematisch auf Antisemitismus zu reagieren. Als Beispiele nennt er den Aufbau des Bundesverbands Rias sowie die Einrichtung von Antisemitismusbeauftragten bei den Generalstaatsanwaltschaften in ganz Deutschland.
Auch gesetzliche Maßnahmen bewertet Klein positiv. Das Verbot der Flaggenverbrennung ausländischer Staaten habe sich aus seiner Sicht bewährt. Seit dem 7. Oktober habe es bei Demonstrationen zwar zahlreiche Fälle von Hass, Hetze und problematischen Parolen gegeben, Israel-Fahnen seien jedoch nicht verbrannt worden. Darin sieht Klein einen Hinweis auf die generalpräventive Wirkung des Strafrechts.
Gleichzeitig verweist der Regierungsbeauftragte auf Bereiche, in denen aus seiner Sicht weiterer Handlungsbedarf besteht. In der Präventionsarbeit müssten zusätzliche Strukturen geschaffen werden. So sollten Module zum Umgang mit Rassismus und Antisemitismus verpflichtender Bestandteil der Lehramtsausbildung werden. Darüber hinaus müsse der deutsch-israelische Jugendaustausch gestärkt und insbesondere der israelbezogene Antisemitismus wirksamer bekämpft werden.
Kritisch äußert sich Klein vor allem mit Blick auf die Ursachen antisemitischer Einstellungen und Vorfälle. Die Quellen dessen, was bekämpft werden solle, habe man bislang nicht in den Griff bekommen. Die Entwicklungen im Nahen Osten und der Krieg in Gaza hätten unmittelbare Auswirkungen auf das Ausmaß des Antisemitismus in Deutschland. Diesen Mechanismus zu durchbrechen, sei bislang nicht gelungen. Auch die Anfälligkeit der Gesellschaft für antisemitische Narrative in Zeiten von Unsicherheit und Krisen sieht Klein als ungelöste Herausforderung.
Felix Klein ist seit 2018 Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus. Im Sommer 2026 wechselt er als Ständiger Vertreter Deutschlands zur OECD. Wer ihm als Antisemitismusbeauftragter nachfolgen wird, ist bislang offen. +++
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