Das Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung (ZI) rät dazu, weiterhin auch Dosen des Herstellers Astrazeneca zu verimpfen. „Wegen der pandemischen Lage sollte trotz laufender Prüfung von Astrazeneca der Impfstopp aufgehoben werden“, sagte Dominik Graf von Stillfried, Chef des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung in Deutschland, der „Welt“. Die Wahrscheinlichkeit, an Covid-19 zu sterben, liege im Schnitt um den Faktor fünf höher als die Wahrscheinlichkeit, an den bislang bekannten Nebenwirkungen des Impfstoffs zu sterben. „Je höher das Lebensalter, desto höher der Nutzen der Impfung. Die Menschen sollten über die Risiken aufgeklärt werden und dann selbst entscheiden können, ob sie sich mit Astrazeneca impfen lassen“, fordert von Stillfried.
Bei einem vollständigen Impfstopp mit Astrazeneca würde man einen Monat verlieren. „Das bedeutet, dass die geplante Durchimpfung der Bevölkerung in Impfzentren und Arztpraxen erst Ende August, anstatt Ende Juli erreicht würde“, so der ZI-Chef. „Dieser Zeitverlust ist gravierend, weil in der Zwischenzeit die Ansteckungen und Todesfälle infolge Corona ansteigen werden.“ Der Einsatz von Astrazeneca könnte bei den aktuellen Indizenzwerten rechnerisch etwa 40 bis 45 Todesfälle wöchentlich verhindern. Bei einem Anstieg der Inzidenzrate wären es entsprechend mehr. Eugen Brysch, Vorstand von der Deutschen Stiftung Patientenschutz, fordert, die Anstrengungen zum Einsatz von Schnell- und Selbsttests zu forcieren. „Der Stopp von Astrazeneca wird sämtliche Impf- und Zeitpläne durcheinanderbringen. Und wenn ein Impfstoff fehlt, werden die Todeszahlen steigen“, prognostizierte er. Dazu sei nötig, die Testmöglichkeiten auszubauen, überall dort, wo Menschen aufeinanderträfen. „Gerade Schwerstkranke können sich nicht isolieren, die brauchen Menschen, die ihnen helfen“, sagte Brysch der „Welt“. Die dafür nötigen Schnelltests seien seit Monaten verfügbar. „Die Politik muss nur endlich dafür sorgen, dass sie umfassend und wirksam eingesetzt werden.“
Kassenärzte fürchten Verzögerungen bei Impfungen in Praxen
Nach dem Astra-Zeneca-Impfstopp warnen die Kassenärzte vor weiteren Verzögerungen bei flächendeckenden Impfungen in Arztpraxen. „Von den 60 Millionen Impfdosen, die im zweiten Quartal fest eingeplant sind, entfallen knapp 17 Millionen auf Astra-Zeneca“, sagte der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, dem „Handelsblatt“. „Wenn die auch nur vorübergehend ausfallen, dann wird es schwieriger, mit dem Impfen in den Praxen zu beginnen.“ Gassen sagte, er rechne „auf jeden Fall mit Verzögerungen“. Zugleich zeigte er Verständnis für die Entscheidung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). „Was hätte Jens Spahn denn anderes entscheiden sollen? Hätte er sich als Gesundheitsminister über die fachliche Empfehlung des Paul-Ehrlich-Instituts hinwegsetzen sollen“, so Gassen. Das wäre keine echte Option gewesen. „Es ist immer wohlfeil, so etwas zu fordern, wenn man das nicht selbst entscheiden muss.“ Der KBV-Chef forderte, den verschobenen Impfstoffgipfel von Bund und Ländern „sehr bald“ stattfinden zu lassen. „Schließlich wollen wir erreichen, dass wir die Bevölkerung im Sommer größtenteils durchgeimpft haben, um dann auch alle sonstigen Maßnahmen einstellen zu können“, sagte der Mediziner. Deshalb müssten Bund und Länder dafür sorgen, „dass die Impfstofflieferungen verlässlich in die Praxen kommen“. Der Impfstoffexperte Leif Erik Sander geht davon aus, dass der Impfstopp für Astrazeneca die „ohnehin schleppende“ Impfkampagne in Deutschland weiter schwächt. „Ich befürchte, dass der Imageschaden und der Schaden für die Akzeptanz dieser Impfung groß sein wird“, sagte der Chef der Forschungsgruppe Infektionsimmunologie und Impfstoffforschung an der Charité Berlin dem „Spiegel“. Er sei sich sicher, dass die zuständige Behörde, das Paul-Ehrlich-Institut (PEI), seine Empfehlungen „faktenbasiert und korrekt und im besten Interesse für den Schutz der Bevölkerung“ treffe. „Es wird aber bedauerlicherweise wohl ein kommunikativer Schaden bleiben“, sagte Sander. Dabei sei das Präparat von Astrazeneca weiterhin ein „hochwirksamer und sehr sicherer Impfstoff“. Die Vorteile des Impfstoffes würden nach wie vor das Risiko übertreffen. „Wenn man die Zahlen der tödlich verlaufenen Hirnvenenthrombosen – drei auf 1,6 Millionen – gegen die verhinderten Todesfälle durch Covid-19 rechnet, überwiegt vermutlich weiterhin der Nutzen der Impfung deutlich.“ Die aktuelle Entwicklung der Covid-Inzidenzen und der zu erwartende baldige Anstieg der Krankenhauseinweisungen und Todeszahlen werde diesen Trend noch verstärken, so Sander. „Daher finde ich, dass wir nach sehr rascher Prüfung, je nach Ergebnis, so schnell wie möglich die Impfungen wieder aufnehmen sollten.“
CDU-Gesundheitsexpertin gegen Impfung Freiwilliger mit Astrazeneca
Die CDU-Gesundheitspolitikerin Karin Maag hat Vorschläge zurückgewiesen, den Impfstoff von Astrazeneca auf eigenes Risiko anzubieten. „Eine Handhabung frei nach dem Motto Jeder der sich traut, wird auch geimpft wäre für das Vertrauen der Bevölkerung in die Sicherheit von Impfstoffen verheerend“, sagte die gesundheitspolitische Sprecherin der Unions-Bundestagsfraktion dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“. Der Vorschlag sei „geradezu absurd“, sagte sie. Da man noch nicht wisse, ob es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen dem Impfstoff und Thrombosen gebe, sei eine angemessene Aufklärung von Impfwilligen gar nicht möglich. „Umgekehrt käme ein womöglich sicherer Impfstoff fälschlicherweise in Verdacht, wenn die Thrombosen eben nicht auf den Impfstoff zurückzuführen sind, sondern auf sonstige Prädispositionen der Geimpften“, fügte sie hinzu. Maag bedauerte die Aussetzung der Impfungen, bat aber um Verständnis. Die vom Paul-Ehrlich-Institut festgestellte auffällige Häufung einer speziellen Form von seltenen Hirnvenen-Thrombosen in zeitlichem Zusammenhang mit der Impfung müsse untersucht werden. „Selbstverständlich ist es der einzig richtige Weg, wenn der Bundesgesundheitsminister dieser fachlichen Empfehlung folgt“, sagte sie.
CDU-Gesundheitspolitiker will sparsameren Einsatz von Impfstoffen
Der Gesundheitspolitiker Peter Liese (CDU) drängt auf einen sparsameren Einsatz von Impfstoffen. Es sei möglich, aus den Ampullen von Biontech/Pfizer sieben statt sechs Dosen zu entnehmen, sagte der Europaabgeordnete dem „Handelsblatt“. Und aus den Ampullen von Moderna ließen sich elf statt zehn Dosen aufziehen. Der Immunologe Carsten Watzl von der TU Dortmund bestätigte die Beobachtung. Voraussetzung ist ein hochwertiges Impfbesteck. Bei der Zulassung des Impfstoffs von Biontech/Pfizer im Dezember waren pro Ampulle fünf Dosen definiert, die Zahl wurde im Januar auf sechs erhöht. Außerdem schlägt Liese vor, Impfwilligen Antikörpertests anzubieten. Diese Tests können einen Infektionsschutz anzeigen, der durch eine Corona-Infektion aufgebaut wurde. Wer diesen Infektionsschutz habe, könne freiwillig auf eine frühe Impfung verzichten, so Liese. Damit könnten andere früher geimpft werden. +++
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