Zahl der Klagen vor deutschen Arbeitsgerichten erreicht Fünfjahreshoch – Anstieg in Fulda um 21 Prozent

Die Zahl der erstinstanzlich abgeschlossenen Urteilsverfahren an Deutschlands Arbeitsgerichten ist auf den höchsten Stand seit fünf Jahren geklettert. Wie eine Analyse des Verbraucherportals Allright auf Basis der statistischen Berichte zur Arbeitsgerichtsbarkeit zeigt, schlossen die Gerichte im Jahr 2025 insgesamt 327.119 Urteilsverfahren ab. Das entspricht 9,4 Klagen je 1.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Höher lag diese Klagedichte zuletzt im Corona-Jahr 2020 mit einer Quote von 10,0. Nach dem Tiefststand im Jahr 2022 mit 7,5 Klagen pro 1.000 Beschäftigten ist der Wert seither um rund ein Viertel gestiegen. Zudem erweist sich der September als ausgeprägte Hochsaison für arbeitsrechtliche Konflikte: In keinem anderen Monat gehen beim Portal Allright mehr Anfragen zu Kündigungen, Abfindungen oder Aufhebungsverträgen ein.

Zwischen den einzelnen Gerichtsbezirken zeigen sich erhebliche regionale Unterschiede. Die mit Abstand höchste Klagedichte verzeichnet das Arbeitsgericht Wiesbaden. Mit 6.393 abgeschlossenen Verfahren im Jahr 2025 kommt die hessische Landeshauptstadt auf 25,1 Klagen pro 1.000 im Gerichtsbezirk registrierte Beschäftigte. Dieser Spitzenwert erklärt sich jedoch nicht allein aus örtlichen Entlassungen. Wiesbaden ist Erfüllungsort und Gerichtsstand für Klagen der Sozialkassen des Baugewerbes gegen Arbeitgeber, weshalb dort sämtliche Beitragsklagen gegen Baubetriebe in Westdeutschland verhandelt werden.

Auf den Rängen zwei und drei folgen Wuppertal mit durchschnittlich 16,9 und Gelsenkirchen mit 15,1 Verfahren pro 1.000 Beschäftigten. Die Plätze vier und fünf belegen Eberswalde und Solingen mit einer Klagedichte von jeweils 13,9. Komplettiert werden die Top Ten durch Iserlohn (13,2), Bochum (13,0), Dortmund (12,8), Mönchengladbach (12,7) und Duisburg (12,3). Damit liegen acht der zehn Spitzenreiter in Nordrhein-Westfalen. In Fulda liegt die Klage-Quote bei durchschnittlich 10,3 Verfahren pro 1.000 Beschäftigten. Gegenüber dem Tiefstwert von 8,5 im Jahr 2024 entspricht das einem Anstieg um 21 Prozent.

Deutlich seltener gehen Arbeitnehmer und Arbeitgeber in Frankfurt (Oder) vor das Arbeitsgericht. Die Quote in der brandenburgischen Stadt liegt mit durchschnittlich 5,7 Verfahren pro 1.000 Beschäftigte bundesweit am niedrigsten. Auch in Ulm müssen Kündigungen, Vergütungsansprüche oder Abmahnungen nur selten gerichtlich geklärt werden (6,3 Verfahren). Es folgen Münster mit 6,9 sowie Chemnitz und Rosenheim mit jeweils 7,0 Verfahren pro 1.000 Beschäftigten.

Paul Krusenotto, Rechtsanwalt und Arbeitsrechtsexperte bei Allright, führt die steigenden Fallzahlen auf die angespannte wirtschaftliche Lage in Deutschland zurück. Viele Unternehmen stünden unter Spardruck, bauten Stellen ab oder strukturierten ganze Bereiche um, sodass viele Beschäftigte derzeit mit Kündigungen, Abfindungen oder Aufhebungsverträgen konfrontiert seien. Dass die Anfragen im September besonders stark zulegen, erklärt der Experte damit, dass nach der Sommerpause zuvor aufgeschobene Personalentscheidungen und Restrukturierungen umgesetzt werden. Zudem rücke das Jahresende näher, weshalb Unternehmen ihre Strukturen und Personalbudgets für das kommende Jahr aufstellen.

Betroffenen empfiehlt Krusenotto, nach Erhalt einer Kündigung möglichst schnell zu handeln und diese juristisch prüfen zu lassen. Wer dagegen vorgehen möchte, hat ab Zugang lediglich drei Wochen Zeit. Nach Ablauf dieser Frist gilt die Kündigung grundsätzlich als wirksam, selbst wenn sie rechtlich angreifbar gewesen wäre. Beschäftigte sollten Kündigungen daher nicht vorschnell hinnehmen oder unüberlegt einen Aufhebungsvertrag unterschreiben, da sich häufig noch Erfolge wie der Erhalt des Arbeitsplatzes oder eine bessere Abfindung erzielen lassen. Dafür sei der Gang vor Gericht keineswegs immer zwingend erforderlich, da sich viele Konflikte bereits außergerichtlich lösen lassen. Auch vor Gericht enden erfahrungsgemäß rund 95 Prozent der Verfahren mit einem Vergleich. +++


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