Schwere Vorwürfe gegen Klinikum Kassel – Behörden kontrollieren OP-Bereiche

Gegen das Klinikum Kassel werden schwere Vorwürfe erhoben. Ein anonymer Brandbrief, der dem Hessischen Rundfunk vorliegt und von dem ehemaligen Linken-Stadtrat und früheren Mitglied des Klinik-Aufsichtsrats Kai Boeddinghaus öffentlich gemacht wurde, beschäftigt inzwischen auch die zuständigen Behörden. Im Raum stehen unter anderem hygienische Missstände in der Pathologie, der Einsatz abgelaufener Medizinprodukte sowie die Frage, ob hochspezialisierte Eingriffe unter Bedingungen vorgenommen wurden, die dafür nicht ausreichend gewesen sein könnten. Das Klinikum beziehungsweise die Gesundheit Nordhessen Holding (GNH) hat inzwischen zu mehreren Punkten Stellung genommen und einzelne Vorgänge bestätigt, zugleich aber deutlich anders eingeordnet.

Besonders konkret ist der Vorwurf im Zusammenhang mit einem medizinischen Implantat. Nach Angaben der GNH wurde bei einem Patienten Mitte Juni während eines Gefäßeingriffs ein Stent eingesetzt, dessen Haltbarkeitsdatum am 31. März abgelaufen war. Nach Darstellung des Ärztlichen Direktors Thomas Fischer bestand zu diesem Zeitpunkt eine Gefährdung der Durchblutung des Beines. Der Operateur habe deshalb zwischen einem Abbruch des Eingriffs mit dem Risiko einer nicht wiederhergestellten Durchblutung und der Verwendung des vorhandenen Stents abwägen müssen. Die GNH spricht in diesem Zusammenhang von einer Pflichtenkollision.

Nach Angaben des Klinikums entwickelte der Patient nach dem Eingriff keine Infektion und befinde sich in einem guten Zustand. Die GNH ließ den Vorgang nach eigenen Angaben zusätzlich durch einen externen Medizinrechtler überprüfen und gab ein hygienetechnisches Gutachten in Auftrag. Zugleich sei das Materialmanagement nachgeschärft worden. Das Klinikum weist darauf hin, dass ein abgelaufenes Medizinprodukt nicht automatisch am Tag nach Ablaufdatum seine Funktion verliere. Entscheidend seien unter anderem die konkreten Eigenschaften und insbesondere die Sterilität des Produkts.

Auch der Vorwurf, im Klinikum seien abgelaufene Medizinprodukte im Wert von mehr als einer Million Euro entsorgt worden, wird von der GNH zurückgewiesen beziehungsweise in dieser Größenordnung nicht bestätigt. Nach Angaben des Ärztlichen Direktors komme es in einem Krankenhaus dieser Größe zwar vor, dass einzelne Produkte ihr Verfallsdatum erreichen. Die Größenordnung liege nach Darstellung der GNH jedoch eher bei etwa 100.000 Euro. Das Materialmanagement solle deshalb weiter verbessert werden.

Für Aufsehen sorgt daneben ein Vorwurf aus der Pathologie. In dem anonymen Schreiben ist von einem massiven Madenbefall bei Leichen die Rede. Die GNH bestätigt, dass es entsprechende Fälle gegeben hat, ordnet sie jedoch anders ein. Nach Angaben von Vorstandschef Michael Knapp handelte es sich um Leichen, die von externen Stellen, unter anderem der Staatsanwaltschaft, bereits in einem weit fortgeschrittenen Verwesungszustand und teilweise mit Madenbefall angeliefert worden seien. Es habe sich dabei nicht um Patienten gehandelt, die im Klinikum verstorben waren.

Die GNH teilte nach eigenen Angaben der Staatsanwaltschaft mit, dass solche Leichen unter den bisherigen Bedingungen vorerst nicht mehr aufgenommen werden könnten. Ziel sei es, künftig innerhalb eines überschaubaren Zeitraums eine Obduktion zu ermöglichen. Die Kasseler Staatsanwaltschaft bestätigte den vorläufigen Aufnahmestopp. Gleichzeitig liefen Gespräche darüber, wie Verwahrungen und Obduktionen künftig wieder in den Räumlichkeiten des Klinikums ermöglicht werden könnten.

Nach einer anonymen Beschwerde über hygienische Missstände in der Pathologie führte das Gesundheitsamt der Stadt Kassel eine unangekündigte Begehung durch. Die Stadt teilte dazu mit, dass die beschriebenen Missstände in der behaupteten Form nicht vorgefunden worden seien. Die Problematik sei vor Ort allerdings bekannt gewesen. Nach Angaben der Stadt hatte das Klinikum bereits organisatorische, hygienische und bauliche Maßnahmen eingeleitet. Die betroffenen Räumlichkeiten seien nach Darstellung der GNH gereinigt und desinfiziert worden. Zudem seien die Belüftung überprüft sowie Veränderungen am Boden und am Kühlsystem vorbereitet worden.

Auch die zuständige Aufsichtsbehörde wurde inzwischen tätig. Nach Angaben des Regierungspräsidiums Kassel untersuchten Mitarbeiter des Dezernats für Medizinprodukte und Produktsicherheitsrecht unangekündigt mehrere OP-Bereiche des Klinikums. Dabei seien in geringem Umfang weitere abgelaufene Produkte gefunden worden. Das Regierungspräsidium bezeichnete dies allerdings als nicht ungewöhnlich. Der Gesamteindruck der Kontrolle sei unauffällig gewesen. Die Unterlagen zu dem Fall mit dem abgelaufenen Stent sollen nach Angaben des Hessischen Rundfunks nun gesichtet werden.

Ein weiterer Vorwurf betrifft hochspezialisierte Eingriffe bei Kindern. Nach Darstellung der GNH hat das Klinikum in den vergangenen Jahren besondere Expertise in der Kinderkardiologie und bei der Implantation von Herzschrittmachern bei sehr kleinen Kindern aufgebaut. In einem Fall habe es sich um ein Kind mit einem Gewicht von rund 770 Gramm gehandelt. Der Eingriff sei nach Einschätzung der behandelnden Ärzte in Kassel vorgenommen worden, weil ein Transport zu diesem Zeitpunkt ein höheres Risiko dargestellt hätte.

Gleichzeitig räumt die GNH ein, dass die geltenden Vorgaben für bestimmte Eingriffe bei Minderjährigen die Anwesenheit eines Kinderherzchirurgen vorsehen. Nach Angaben des Ärztlichen Direktors habe es dabei Probleme gegeben, weil Kinderherzchirurgen in der näheren Region nicht mehr in ausreichender Zahl zur Verfügung stünden. Inzwischen würden Kinder für bestimmte Schrittmacher- oder Defibrillatoreingriffe deshalb in andere Einrichtungen verlegt. Das Klinikum arbeite zugleich daran, für bestimmte Eingriffe eine Ausnahmegenehmigung zu erhalten und die Kooperation mit einem großen kinderherzchirurgischen Zentrum auszubauen.

Im anonymen Schreiben werden darüber hinaus mögliche problematische Zielvereinbarungen mit Chefärzten angesprochen. Die GNH überprüfte nach eigenen Angaben sämtliche 34 Zielvereinbarungen mit ihren Chefärztinnen und Chefärzten. Dabei sei eine Handvoll Formulierungen gefunden worden, die bei sehr strenger Auslegung kritisch gesehen werden könnten, weil darin konkrete Leistungsmengen genannt wurden. Die entsprechenden Teilziele seien inzwischen auf übergreifende Ziele umgelegt worden. Vorstandschef Knapp betonte, es gehe ausdrücklich nicht darum, medizinische Entscheidungen über finanzielle Anreize zu beeinflussen.

Auch ein angeblich inoffizielles Dienstsystem wird von der GNH anders dargestellt. Vorstandschef Knapp erklärte, das Klinikum müsse als Haus der Maximalversorgung auch bei komplexen Fällen jederzeit auf entsprechende Expertise zurückgreifen können. Neben den regulären Diensten gebe es deshalb in einigen Abteilungen zusätzliche Hintergrundsysteme. Diese seien in den Dienstplansystemen vorgesehen. Nach einer erneuten Überprüfung habe man sichergestellt, dass diese Dienste vollständig dokumentiert und entsprechend vergütet würden.

GNH-Vorstandschef Michael Knapp erklärte zugleich, man nehme jeden Hinweis ernst. Viele der nun öffentlich diskutierten Themen seien dem Klinikum bereits seit längerer Zeit bekannt gewesen und über unterschiedliche Wege an die Verantwortlichen herangetragen worden. Teilweise seien entsprechende Maßnahmen bereits abgeschlossen.

Damit stehen sich derzeit die Vorwürfe aus dem anonymen Schreiben und die Einordnungen der Klinikleitung gegenüber. Mehrere Punkte sind durch die GNH bestätigt worden, darunter der Einsatz eines abgelaufenen Stents und die Fälle von Madenbefall bei extern angelieferten Leichen. Andere Vorwürfe weist die Klinik zurück oder ordnet sie anders ein. Die inzwischen erfolgten Kontrollen durch Gesundheitsamt und Regierungspräsidium sollen zur weiteren Klärung beitragen.


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