Die finanzielle Schieflage der Pflegeversicherung zwingt die Politik zu Entscheidungen, die tief in das Gleichgewicht zwischen Solidarität, Leistungsversprechen und individueller Belastung eingreifen. Mit ihrem Entwurf für ein Pflegeneuordnungsgesetz hat Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) eine Reform angestoßen, die zusätzliche Milliarden in die Kassen bringen soll. Zugleich wächst die Kritik aus nahezu allen Bereichen des Pflegesektors. Während die Bundesregierung auf die Stabilisierung eines defizitären Systems verweist, sehen Verbände und Opposition die Gefahr, dass die Kosten der Krise zunehmend auf Versicherte, Pflegebedürftige und Angehörige verlagert werden.
Wie das „Handelsblatt“ unter Berufung auf den Entwurf des Pflegeneuordnungsgesetzes (PNOG) sowie Berechnungen des unabhängigen Beratungsinstituts IGES berichtet, sollen insbesondere Gutverdienende künftig deutlich höhere Beiträge zur Pflegeversicherung zahlen. Kern des Vorhabens ist eine Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze bereits zum 1. Januar 2027. Die Pflegeversicherung könnte dadurch in den kommenden Jahren zusätzliche Einnahmen in Milliardenhöhe erzielen.
Vorgesehen ist, die Beitragsbemessungsgrenze der Pflegeversicherung zunächst an die Jahresarbeitsentgeltgrenze der gesetzlichen Krankenversicherung anzupassen. Nach Berechnungen von IGES würde die Grenze von 69.750 Euro im Jahr 2026 auf rund 75.815 Euro im Jahr 2027 steigen. Darüber hinaus sieht der Gesetzentwurf vor, die Beitragsbemessungsgrenze auf das Niveau der Versicherungspflichtgrenze in der gesetzlichen Krankenversicherung anzuheben. Dies entspräche einem Wert von knapp 84.000 Euro.
Für Beschäftigte mit einem Kind und einem Einkommen oberhalb der neuen Grenze hätte dies laut IGES eine maximale Mehrbelastung von rund 21 Euro im Monat zur Folge. Einschließlich des Arbeitgeberanteils läge die zusätzliche Belastung bei etwa 42 Euro monatlich beziehungsweise rund 500 Euro im Jahr. Nach Einschätzung des Instituts könnten rund sechs Millionen Beschäftigte von den Änderungen betroffen sein.
Die geplanten Mehreinnahmen sollen dazu beitragen, das wachsende Defizit der Pflegeversicherung auszugleichen. Doch die Reform stößt auf erheblichen Widerstand. Besonders scharf äußert sich der Deutsche Pflegerat, der die Vorschläge als Sparprogramm zulasten der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen bewertet. Gegenüber dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ erklärte die Präsidentin des Deutschen Pflegerats, Christine Vogler, im Mittelpunkt stehe nicht die langfristige Sicherung der pflegerischen Versorgung, sondern die kurzfristige Konsolidierung der Finanzen.
Nach Ansicht des Pflegerats werden die Einsparungen vor allem auf Pflegebedürftige, Angehörige und professionell Pflegende verlagert. Leistungen würden eingeschränkt, Zuschüsse später wirksam, Zugänge neu geregelt und Ansprüche reduziert. Der tatsächliche Pflegebedarf verschwinde dadurch jedoch nicht. Vielmehr werde er aus der Pflegeversicherung heraus in die Familien, die Kommunen und andere Bereiche des Gesundheitswesens verschoben.
Besonders kritisch bewertet der Pflegerat die geplante Absenkung der Rentenversicherungsbeiträge für pflegende Angehörige. Vogler verweist darauf, dass die Bedeutung häuslicher Pflege seit Jahren politisch hervorgehoben werde. Nun drohten ausgerechnet jene Menschen schlechter gestellt zu werden, die den größten Teil der Versorgung in Deutschland sicherstellten. Wer die häusliche Pflege stärken wolle, könne ihre tragenden Säulen nicht zugleich finanziell schwächen.
Ähnliche Einwände kommen aus der Opposition. Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Misbah Khan, kritisierte gegenüber den Zeitungen, die Reform gehe die strukturellen Probleme der Pflegeversicherung nicht an. Stattdessen würden die Lasten erneut auf Beitragszahler und Pflegebedürftige verlagert. Die unterschiedliche Behandlung von privat und gesetzlich Versicherten bezeichnete sie als die zentrale Ungerechtigkeit des bestehenden Systems.
Khan sieht darüber hinaus ein grundsätzliches Muster in der Sozialpolitik der Bundesregierung. Bei nahezu jedem Reformvorhaben steige die finanzielle Belastung der Beitragszahler, während zugleich Leistungen gekürzt oder Eigenanteile erhöht würden. Eine Reform nach dem Prinzip „mehr zahlen, weniger bekommen“ sei nicht geeignet, Vertrauen zu schaffen. Notwendig sei vielmehr eine solidarische Finanzierung, die alle einbeziehe und die Pflegeversicherung dauerhaft auf eine gerechte und stabile Grundlage stelle. Wenn Menschen stetig höhere Beiträge entrichten müssten und gleichzeitig weniger Leistungen erhielten, gerate das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Sozialstaats ins Wanken.
Noch schärfer fällt die Kritik aus der Pflegewirtschaft aus. Gegenüber der „Rheinischen Post“ sprach Thomas Greiner, Präsident des Arbeitgeberverbandes Pflege (AGVP), von einem „Raubzug“ zulasten von Beitragszahlern, Pflegebedürftigen und Kommunen. Die Reform schaffe keinen einzigen zusätzlichen Pflegeplatz und löse keines der drängenden Probleme in der Versorgung. Statt nachhaltige Strukturen aufzubauen, werde mit milliardenschweren Umverteilungen gearbeitet, ohne die eigentlichen Engpässe zu beseitigen.
Greiner verweist auf lange Wartezeiten für Pflegeplätze, die vielerorts inzwischen bis zu anderthalb Jahre betragen könnten. Keine der vorgesehenen Maßnahmen werde daran etwas ändern. Auch eine stärkere Ausrichtung auf Angehörigenpflege hält er für keine ausreichende Antwort auf die Herausforderungen. Nach seiner Einschätzung wolle oder könne nicht einmal die Hälfte der Bevölkerung pflegebedürftige Angehörige selbst versorgen. Vor diesem Hintergrund stelle sich die Frage, wer künftig von den geplanten Pflegebegleitern überhaupt begleitet werden solle.
Stattdessen fordert der Verband eine stärkere Berücksichtigung innovativer Versorgungskonzepte und praktischer Erfahrungen aus den Einrichtungen. Pflegekräfte und Träger wüssten aus ihrer täglichen Arbeit, welche Lösungen vor Ort benötigt würden und wie Versorgung langfristig gesichert werden könne.
Mit dem Referentenentwurf hat Gesundheitsministerin Warken am Mittwoch die Ressortabstimmung eingeleitet. Das Maßnahmenpaket umfasst Veränderungen auf der Einnahmen- und Ausgabenseite sowie neue Regelungen zur Entlohnung im Pflegesektor. Die Bundesregierung verfolgt damit das Ziel, das Defizit der Pflegeversicherung auszugleichen. Die kontroverse Debatte zeigt jedoch, dass die eigentliche Herausforderung weit über die Schließung einer Finanzierungslücke hinausgeht. Die Frage lautet nicht nur, wie Pflege künftig bezahlt wird, sondern auch, welche Lasten eine alternde Gesellschaft bereit ist zu tragen – und wer am Ende die Rechnung dafür übernimmt. +++
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