Organisierte Kriminalität wird in Deutschland nicht nur umfangreicher, sondern verändert auch ihr Erscheinungsbild. Kriminelle Netzwerke arbeiten zunehmend digital, werben über soziale Medien um neue Täter und bieten einzelne kriminelle Leistungen wie eine Dienstleistung an. Gleichzeitig nimmt die Gewaltbereitschaft zu und verlagert sich stärker in den öffentlichen Raum. Das geht aus dem Bundeslagebild Organisierte Kriminalität des Bundeskriminalamtes für das Jahr 2025 hervor, das Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) am Dienstag vorstellte.
Im vergangenen Jahr wurden bundesweit 683 Ermittlungsverfahren wegen Organisierter Kriminalität geführt. Dabei erfassten die Ermittlungsbehörden knapp 8.000 Tatverdächtige. Damit wurde der höchste Wert der vergangenen fünf Jahre erreicht. Rund 69 Prozent der Verfahren hatten einen transnationalen Bezug. Die Zahlen machen deutlich, dass Organisierte Kriminalität längst nicht mehr an nationalen Grenzen endet. Deutschland ist Tatort, Absatzmarkt, logistischer Knotenpunkt und in manchen Fällen auch Ziel für Geldwäsche und Einflussnahme.
Das klassische Bild einer kriminellen Organisation, die sich möglichst unsichtbar hält und ihre Aktivitäten streng abschottet, verliert dabei zunehmend an Bedeutung. Insbesondere jüngere kriminelle Akteure präsentieren Macht, Status und Gewalt demonstrativ in sozialen Netzwerken. Das Bundeskriminalamt spricht in diesem Zusammenhang von der sogenannten „Gen-Z-Mafia“. Gemeint ist damit nicht eine einheitliche Organisation, sondern ein verändertes Auftreten und neue Formen der Vernetzung innerhalb krimineller Strukturen.
Noch grundsätzlicher ist der Wandel durch das Prinzip „Crime-as-a-Service“. Kriminelle Leistungen werden gezielt angeboten, vermittelt und eingekauft. Das Spektrum reicht von Logistik und Waffen über Geldwäsche bis zur Rekrutierung von oftmals jugendlichen Tatverdächtigen für Gewalttaten. Auftraggeber, Vermittler und ausführende Täter müssen sich dabei nicht mehr persönlich kennen. Digitale Kanäle, soziale Netzwerke und verschlüsselte Messenger schaffen eine Infrastruktur, die kriminelle Aufträge über große Entfernungen hinweg ermöglicht.
Für die Strafverfolgung entsteht dadurch eine neue Herausforderung. Ein Auftraggeber kann sich im mutmaßlich sicheren Ausland befinden, während die eigentliche Tat in Deutschland von Personen ausgeführt wird, die er nie persönlich getroffen hat. Die klassische Vorstellung, dass Ermittler eine kriminelle Gruppe über ihre Mitglieder und Hierarchien erschließen können, stößt damit zunehmend an Grenzen. Die Strukturen werden flexibler, arbeitsteiliger und schwerer greifbar.
Gleichzeitig bleibt das Geschäft mit illegalen Drogen das wichtigste Betätigungsfeld der Organisierten Kriminalität. Rund 37 Prozent der OK-Verfahren entfielen 2025 auf Rauschgiftkriminalität. Besonders deutlich zeigt sich die Dimension beim Kokain- und Crackhandel. Im vergangenen Jahr wurden 39.414 Straftaten im Zusammenhang mit diesen Drogenarten festgestellt. Im Jahr zuvor waren es 38.671 Fälle.
Die Ermittler stellten insgesamt 10,1 Tonnen Kokain sicher. Allein 6,5 Tonnen davon wurden in deutschen Häfen entdeckt. Die Zahlen verdeutlichen die Bedeutung der internationalen Warenströme für den illegalen Drogenhandel. Große Mengen Kokain gelangen weiterhin über die Seehäfen mit legalen Warenlieferungen nach Europa. Kriminelle Netzwerke nutzen damit dieselben globalen Handelswege, auf denen auch legale Waren transportiert werden.
Dabei passen sich die Täter an die Maßnahmen der Ermittlungsbehörden an. Für den Schmuggel setzen kriminelle Netzwerke zunehmend auf schnelle sogenannte „Go-Fast-Boote“. Der Drogenhandel entwickelt sich damit zu einem hochgradig professionellen Geschäft, bei dem Logistik, internationale Kontakte, technische Möglichkeiten und Gewaltbereitschaft ineinandergreifen.
Die wirtschaftliche Dimension des Geschäfts reicht weit über den eigentlichen Drogenhandel hinaus. Die Milliardengewinne aus dem Kokainhandel können zur Bestechung und Einflussnahme eingesetzt werden. Zugleich wird gewaschenes Geld in den legalen Wirtschaftskreislauf eingebracht. Genau darin liegt eine der langfristig gefährlichsten Seiten Organisierter Kriminalität: Ihre Folgen beschränken sich nicht auf einzelne Straftaten. Kriminelles Kapital kann Strukturen schaffen, die in legale Bereiche hineinreichen.
Auch beim Cannabis zeigt sich eine deutliche Veränderung. Die Sicherstellungen von Marihuana haben sich 2025 gegenüber dem Vorjahr verdreifacht. Gleichzeitig wird Cannabis in Deutschland weiterhin illegal angebaut. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 567 Cannabis-Plantagen mit Anbaukapazitäten ab 20 Pflanzen sichergestellt. Das waren rund 55 Prozent mehr als im Vorjahr.
Neben dem Drogenhandel rückt die Gewalt stärker in den Mittelpunkt. Nach Angaben des Bundeskriminalamtes nimmt die Anwendung von Gewalt sowohl bei der Begehung von Straftaten als auch zur Sicherung der inneren und äußeren Ordnung krimineller Gruppierungen weiter zu. Besonders problematisch ist dabei, dass Gewalt zunehmend im öffentlichen Raum ausgetragen wird.
Schutzgelderpressungen gehören ebenso zu den Erscheinungsformen wie eine niedrige Hemmschwelle beim Einsatz von Schusswaffen. Die Gewalt dient dabei nicht allein dazu, Opfer einzuschüchtern. Sie kann innerhalb krimineller Strukturen auch dazu eingesetzt werden, Ansprüche durchzusetzen, Konkurrenten zurückzudrängen oder die eigene Stellung zu sichern.
Eine zusätzliche Gefahr entsteht durch die zunehmende Verfügbarkeit illegaler Schusswaffen. Seit einigen Jahren werden in Deutschland vermehrt sogenannte „totalgefälschte Schusswaffen“ festgestellt, die aus der Türkei nach Europa gelangen. Sie werden außerhalb legaler Produktionsstätten illegal hergestellt und originalen Waffenmodellen täuschend echt nachempfunden.
Die Waffen werden nach Angaben des Bundeskriminalamtes auf dem Landweg nach Deutschland geschmuggelt und anschließend durch kriminelle Gruppierungen weiterverbreitet. Je leichter solche Waffen verfügbar sind, desto größer wird das Gewaltpotenzial der Täter. Das gilt insbesondere dann, wenn Konflikte zwischen kriminellen Gruppen nicht mehr im Verborgenen ausgetragen werden, sondern sichtbar im öffentlichen Raum.
Damit entsteht ein Bild der Organisierten Kriminalität, das mit dem traditionellen Begriff der „Unterwelt“ nur noch teilweise zu erfassen ist. Die neuen Strukturen verbinden internationale Warenströme mit digitalen Kommunikationswegen, soziale Medien mit professioneller Logistik und junge Rekrutierte mit Auftraggebern, die selbst im Ausland sitzen können. Die technische Entwicklung macht kriminelle Geschäfte nicht nur schneller, sondern auch flexibler.
Für die Sicherheitsbehörden bedeutet das, dass die Bekämpfung der Organisierten Kriminalität nicht bei der Festnahme einzelner Täter enden kann. Entscheidend ist vielmehr, die Netzwerke hinter den einzelnen Taten zu erkennen und ihre finanziellen Grundlagen zu zerstören. Wer lediglich den ausführenden Täter ermittelt, erreicht möglicherweise nur das Ende einer Kette, nicht aber deren Auftraggeber und Organisatoren.
Bundesinnenminister Dobrindt bezeichnete die Organisierte Kriminalität als „wachsende Gefahr für unsere innere Sicherheit“. Kriminelle Banden würden professioneller, brutaler und skrupelloser. Mit dem gemeinsamen Aktionsplan zur Bekämpfung von Organisierter Kriminalität sowie Finanz- und Rauschgiftkriminalität sollen kriminelle Strukturen nach seinen Worten besser bekämpft, illegale Vermögenswerte beschlagnahmt und Täter härter bestraft werden. Zugleich soll der illegale Drogenhandel konsequent zurückgedrängt und ihm der wirtschaftliche Nährboden entzogen werden.
Der entscheidende Punkt liegt dabei nicht allein in der Zahl der Ermittlungsverfahren. 683 Verfahren und knapp 8.000 Tatverdächtige sind wichtige Kenngrößen, sagen aber noch wenig über die tatsächliche Größe der kriminellen Märkte aus. Gerade bei Organisierter Kriminalität bleibt ein erheblicher Teil der Aktivitäten naturgemäß im Verborgenen. Umso wichtiger ist die Entwicklung hinter den Zahlen: Kriminelle Strukturen werden digitaler, internationaler und arbeitsteiliger, während Gewalt zugleich sichtbarer wird.
Die Antwort darauf kann deshalb nicht nur aus mehr Kontrollen und härteren Strafen bestehen. Notwendig ist ebenso die Fähigkeit der Ermittlungsbehörden, digitale Kommunikation auszuwerten, internationale Finanzströme nachzuverfolgen, Vermögenswerte konsequent zu sichern und junge Menschen nicht erst dann in den Blick zu nehmen, wenn sie bereits Teil krimineller Netzwerke geworden sind. Gerade die Rekrutierung oftmals jugendlicher Täter zeigt, dass Organisierte Kriminalität dort ansetzt, wo gesellschaftliche Kontrolle und Perspektiven fehlen.
Das Bundeslagebild für 2025 ist damit weniger eine Momentaufnahme als ein Hinweis darauf, wie sich die Sicherheitslage verändert. Organisierte Kriminalität verschwindet nicht im Verborgenen, sondern tritt teilweise sogar demonstrativ auf. Sie nutzt moderne Kommunikation, globale Handelswege und wirtschaftliche Verflechtungen. Je stärker diese Entwicklung fortschreitet, desto wichtiger wird eine Strafverfolgung, die nicht nur auf einzelne spektakuläre Taten reagiert, sondern die dahinterliegenden Geschäftsmodelle angreift. +++
Das könnte Sie auch interessieren
Ein Jahrzehnt Bio Breadness: Von der geräuschlosen Firmengründung zur größten Biobäckerei Europas
Hohe Spritpreise setzen die Bundesregierung unter Druck – Streit über den richtigen Entlastungsweg
Reiner Haseloff fordert von Friedrich Merz mehr Empathie und Nähe zu den Bürgern
Merz kündigt Entlastungen bei Spritpreisen an – Koalition sucht gemeinsamen Kurs

Hinterlasse jetzt einen Kommentar