Merz hört mit – Auf dem Flickenteppich bleiben!

Gießen/ Fulda. Das Bodenständige erfreut sich in Gesellschaft und Politik größten Ansehens. Mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen resp. im Leben zu stehen ohne gleichzeitig auf beiden, den Beinen nämlich, zur Unzeit Hurra zu rufen ist Beleg äußerster Realitätstauglichkeit und Nüchternheit. Der solchermaßen im Reich der alternativlosen Fakten verankerte homo habilis – nicht zu verwechseln mit dem homo immobilis, der im Reich der Immobilien, auf Amerikanisch: real estate = Reich des Realen, anzutreffenden Spezies des Maklers – ist von seiner ganzen Anlage her nicht in der Lage, vom Boden und damit zugleich von den ebenfalls dort verankerten Mitmenschen abzuheben. Auf dem Boden bleibend bewegt er sich folglich von vorneherein auf Augenhöhe mit diesen und ist daher besonders befähigt, dieselben dort abzuholen, wo zu stehen ihnen das Gesetz der Schwerkraft, die Geschäftsgrundlage alles Bodenständigen, befahl. Soweit ist also alles in schönster Ordnung!

Nun ist es freilich so, dass im vorschulzianischen Zeitalter der sozialen Ungerechtigkeit auch vom Boden der Tatsachen eine gewisse frostige Kälte ausgeht. Wer also dort länger steht, läuft Gefahr, sich einen gehörigen Schnupfen oder eine andere Schädigung der politischen Organe zu holen. Klug ist es daher, nicht nur auf dem Boden der Tatsachen, sondern auch auf dem Teppich zu bleiben, denn dieser mindert die Kälte und Härte, die von jenem ausgehen. Das Auf-dem-Teppich-Bleiben ist demzufolge eine unabdingbare Voraussetzung erfolgreicher Politik und es ist nicht demzufolge nicht unmittelbar einleuchtend, warum sich der Teppichhandel eines so schlechten Rufs in der Politik erfreut resp. eben gerade nicht erfreut.

Eine Theorie geht dahin, dass im Zeitalter zunehmender Islamophobie die Herkunft des Teppichs aus dem orientalischen Raum Verdacht erregt und zwar nicht vollkommen zu Unrecht: Mit den Füßen auf einem Perser-Teppich stehend könnte gar mancher schnell ein Kopftuch aufsetzen und wer weiß zu welchen gesetzwidrigen Handlungen ein Afghan-Teppich verleiten würde.
Orientalischen Ursprungs ist auch der fliegende Teppich, der natürlich das genaue Gegenstück zur westlich-abendländisch-christlich-jüdisch-aufgeklärten Bodenständigkeit darstellt und solchermaßen auf die Unvereinbarkeit der Wertehorizonte verweist – insbesondere was die festverzinslichen und die Immobilienwerte angeht.

Hilfe verspricht da ein heimisches Produkt, das abzuheben nach Herkunft und Machart weder willens noch in der Lage ist. Dieses Produkt ist kein anderes als der Flickenteppich (auch: Fleckenteppich oder Fleckerlteppich), ein meist sehr bunter Teppich, gewebt auf zweischäftigen Webstühlen in Schußrips, wodurch die schnurartigen Kettfäden fast unsichtbar werden und das Gewebe besonders strapazierfähig wird.

Eine große Tradition dieser Art von Teppich hat das Mühlviertel in Oberösterreich – ein an Bodenständigkeit kaum zu übertreffender Landstrich. Besonders nach dem Zweiten Weltkrieg – eine Zeit, in der zwar manchen der Boden zu heiß war, andere aber gerade wieder krachend auf dem Boden der harten Tatsachen aufgeprallt waren – war der Mühlviertler Fleckerlteppich sehr gefragt. Auch im Chiemgau und in Oberschwaben hat die Fertigung der Teppiche lange Tradition.

Leider ist aber auch der Flickenteppich politisch in Verruf geraten, hat er – trotz seiner bodenständig-mitteleuropäischen Abkunft – den Ruf des Unvollendeten, Unseriösen, Fehlerhaften, Irrlichternden und wird demzufolge mit vielen unerfreulichen politischen und allgemein gesellschaftlichen Phänomenen in Verbindung gebracht. So werden z.B. der offenen Ganztagsschule, dem Spockhöveler Wald, der Gesundheitsversorgung von Asylsuchenden, dem Dateneigentum und dem Datenschutzgesetz, der polizeilichen IT-Landschaft, dem EU-Urheberrecht, der Aus- und Weiterbildung im Allgemeinen, sowie Westjordanien, den USA nach Trump und den Textmustern in Adolf Hitlers „Mein Kampf“ im Besonderen flickenteppichähnliche Eigenschaften nachgesagt, ohne das gesagt würde, ob diese Eigenschaften nun auf die zweischäftigen Webstühlen, die Schußrips, die fast unsichtbaren schnurartigen Kettfäden oder den als Schuss verwendeten langen, zusammengenähten Stoffstreifen aus verschiedenen Reststücken zurückzuführen sind.

Man wird also vorerst damit leben müssen, dass auf dem Boden der Tatsachen stehen allzu häufig bedeutet: kalte Füße bekommen. Aber bald kommt Schulz und baut eine Fußbodenheizung ein! +++ (gerhard merz)

BU-FD

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.