Karneval in Bornheim, in Hünfeld erst recht

Zwei Scorerpunkte: Luca Uth. Foto: privat

Abende wie diese müssen nicht zwingend in einem Happy End münden. Es gibt Wichtigeres als dieser finale Glücksmoment. Auch wenn er die Fußball-Seele streichelt. Ihr Selbstwert verschafft. Montanes Selbstvertrauen anhäuft. Die Moral stärkt. Und was auch immer. Klar, ins Viertelfinale des Fußball-Hessenpokals einzuziehen und in der nächsten Runde „ein großes Los“ zu erwischen, das hätte was gehabt. Wichtiger scheint indessen, dass man sich daran erinnert, wozu man fähig, imstande und in der Lage ist – etwas zu leisten, das man lange erhofft hatte, und das gegen einen höherklassigen Gegner. Was spricht dagegen, die 3:6-Niederlage nach Elfmeterschießen – nach regulärer Spielzeit hatte es 2:2 gestanden – des Hessenligisten Hünfelder SV gegen den Regionalligisten FSV Frankfurt unter diesem Aspekt zu betrachten. Einen, den Hünfelds Mannschaft weiter- und voranbringt in ihrer Entwicklung. Denn die Kicker des HSV hatten 90 Minuten mitgehalten – und zur Pause gar noch 2:0 geführt. Kommen Sie doch einfach mit auf die Reise und Geschichte dieses Abends in der Rhönkampfbahn.

Es sind spezielle Momente für den Hünfelder SV. Solche, die in Erinnerung bleiben. Augenblicke der Vereinsgeschichte. Man reibt sich die Augen auf der Tribüne. Fans des FSV Frankfurt kommen. Zuhauf. Mit kleiner Wucht. Es werden immer mehr. Wie eine kleine Invasion fast. Ein Banner hängen sie auf an der Barriere. Einlaufkinder schmücken die Szenerie. Sie bekommen warmen Applaus. Die Fans positionieren sich. „Auf geht‘s, Bornheim. Kämpfen und siegen“, schallt es. Irgendwie bekannte Schlachtrufe. Klatschendes Stakkato begleitet die Anfeuerung. Es ist Stimmung in der Rhönkampfbahn. Und das ist gut so. Sie überträgt sich schließlich aufs Feld. Dieses Mal ist es der hell beleuchtete Kunstrasen.

Und da findet der HSV prima rein in dieses besondere Spiel. Die Spieler scheinen beseelt und präsentieren sich als Mannschaft, als gäbe es kein Morgen. Schon im Minute zwei haben sie ihre erste Torchance. Jemo Kassa und Boas Kümmel spielen über rechts Doppelpass, Kassas Eingabe nimmt Sven Kemmerzell – erstmals nach langer und verletzungsgeplagter Zeit wieder von Beginn an dabei – aus nicht allzu großer Entfernung direkt, trifft die Kugel aber nicht richtig, FSV-Keeper Becker hält. Auch der FSV hat wenig später eine erste Gelegenheit, als Innenverteidiger Gottwald am langen Pfosten frei zum Kopfball kommt – aus Nahdistanz, aber spitzem Winkel. Auch hier ist der Torwart wach: Hünfelds Jannis Maul.

Unterdessen melden sich die Frankfurter Fans wieder. Gänsehaut bekommt man. Ist dies so gemeint, fragt man sich. In jedem Fall ist es eindringlich. „Für dich kämpfen wir. Für dich sterben wir. Ein Leben für den FSV.“ Wenn es doch nur so wäre, denkt man sich. Bald, nach nicht mal einer Viertelstunde, folgt der zweite Abschluss des HSV. Max Lindemann, wie beseelt und aufgedreht an diesem Abend, nimmt Maxi Fröhlich mit, der flach abschließt. Becker hält. Und eine Minute später das – Hünfelds Fans reiben sich die Hände, ihre Seele wird noch wärmer. Dieses Mal spielt Lindemann, der sich in Halbzeit eins in jeden Angriff einschaltet als linker Verteidiger, Kassa – und bei dessen Abschluss greift Frankfurts Torwart mit einer Hand über. Spektakulär sieht‘s aus. Den muss er allerdings haben. Zwei Minuten später fast das 1:0 für den HSV: Costa Sabate spritzt in einen Angriffsball, der FSV verteidigt hoch, aber weder gut noch konsequent, auch in der Abstimmung, der Keeper ist weit draußen – der Abschluss geht knapp vorbei.

Ehe sich Hünfeld belohnt für seinen beherzten Auftritt: Luca Uth trifft in Minute 19 zur Führung. Ja, Uth kommt in torgefährlich Räumen zum Abschluss; er traut es sich – wie so viele Hünfelder, bei denen der Funke vom Einen zum Anderen überzuspringen scheint. Der Vorsprung ist „verdient und gerecht“ – falls es das im Spiel Fußball überhaupt gibt. Doch die Mannschaftsleistung des HSV ist überzeugend. Und das Defensivverhalten oder das Spiel gegen den Ball im Speziellen. Äußerst wach sind die Spieler, äußerst früh in den Situationen, beherzt in den Zweikämpfen. Die Vierer-Reihe im Mittelfeld mit Kümmel, Kemmerzell, Uth und Fröhlich verschiebt nicht nur gut zum Ball hin, sie verengt vor allem zentrale Räume – und das Wichtigste: Sie hilft sich unentwegt.

Gar kein gutes Bild gibt der FSV ab in Hälfte eins. Er ist zwar ballsicher, spielt aber zu langsam, nicht druckvoll, es gibt – um eine massierte Deckung des Kontrahenten aufzuweichen -, keine vertikalen Läufe oder Anspiele. Auch wenn das offensive Hirn Cas Peters, meist auf der Zehn unterwegs, in Minute 23 aus abseitsverdächtiger Position vergibt. Und der schon früh offensiv werdende Sechser Deger den Ausgleich auf dem Fuß hat aus zentraler Position – Maul aber einen tollen Reflex zeigt. Apropos Peters: Kurz vor der Pause muss er nach längerer Verletzungspause runter – nach einem dumm gelaufenen Kopfballduell mit einem Hünfelder Kontrahenten.

Die HSV-Anhänger indessen geraten noch einmal aus dem Häuschen. Ihr Team, das in der ersten Hälfte griffig geblieben ist, erhöht in der Nachspielzeit auf 2:0. Fröhlich verlängert einen weiten und präzis getretenen Uth-Freistoß; von Abwehrverhalten kann man auf FSV-Seite nicht sprechen. Mehr noch: Im Anschluss an einen Eckball streicht Uths Versuch knapp am langen Pfosten vorbei – aus einer klassischen Position. Halbrechts für einen „Linken“. Zur Pause denkt man sich: Der HSV hatte (fast) alles richtig gemacht – mit großer Leidenschaft sein Herz auf dem Platz gelassen. Und mannschaftlich eine Top-Leistung geboten.

Hand aufs Hünfelder Fußball-Herz: So konnte es ja nicht weitergehen. Diese Leistung auf diesem Niveau zu halten. Und die Fan-Gesänge schienen den Weg zu weisen. „Auf geht‘s, Bornheim. Niemand zwingt dich in die Knie.“ Zwar hatte der Gast noch einmal kurz Glück, das heißt, er rettete im letzten Moment im Abschluss gegen Kümmel (53.) – aber im offensiven Verhalten des FSV änderte sich einiges – es musste sich auch. Der Regionalligst spielte endlich schneller, mit mehr Druck in seinen Aktionen. Erst recht änderte sich einiges mit der Einwechslung des Zielspielers Pandza. Der FSV spielte jetzt mit zwei echten Spitzen – was wohl auch auffallend Mc Donald entgegenkam. Der fühlte sich offenbar wohler in neuer Rolle. Sechser Deger konzentrierte sich ausschließlich auf offensive Aufgaben, auch der eingewechselte Harnafi sorgte für Impulse und Druck – ebenso der äußerst hoch agierende Doktorczyk auf der rechten Seite.

Zeitiger Lohn für den Gast: der Anschluss nach knapp einer Stunde. Harnafi führte einen Freistoß geschickt und schnell aus – und Mc Donald traf mit links aus der Drehung; sein Schuss ging von der Latten-Unterkante hinter die Linie. Reaktion der Fans: Sie brachten Qualm und Rauchschwaden ins Spiel; einige Hünfelder Zuschauer flohen aus dem nahen Geschehen. Der HSV geriet zunehmend und fast erwartungsgemäß in Bedrängnis, wurde defensiv durch Frankfurts schnelles und zielgerichtetes Spiel auseinander gezogen – verteidigte indessen seinen Vorsprung jederzeit aufopferungsvoll. Die Spieler des Gastgebers gaben ihr letztes Hemd. Keanu Banh rettete am kurzen Pfosten – und sein Team hatte etwas Glück, als Keeper Maul ein Distanzschuss fast durchrutschte (71.).

Dennoch kam der FSV, der seinerseits offensive Räume öffnete. Der HSV verteidigte zu tief, wurde dazu aber vom Gegner gezwungen. Spannung elektrisierte nun das Geschehen – und so manch Hünfelder Anhänger hatte jetzt alles, nur keinen gesunden Blutdruck. Schade aus HSV-Sicht, dass ein fein vorgetragener Angriff keinen passenden Abschluss fand auf der linken Seite. Lindemann bediente Paliatka, der leitete One-Touch mit der Hacke in den freien Raum weiter, Uth aber zog drüber (74.). Sekunden später strich Paliatkas Heber knapp am langen Eck vorbei. Lebenszeichen des HSV – der FSV musste etwas mit dem Glück spielen.

Noch zehn Minuten, die Schlussphase brach an in der Rhönkampfbahn. Glück für den HSV, als er nach Doktorczyks Anspiel in den halbrechten Raum von einer Abseitsposition profitierte – endlich mal ein vertikaler Lauf des FSV, hinter die letzte Reihe des Gegners. Bis fünf Minuten vor Schluss hielt das 2:1 des HSV – bis Doppelpacker Mc Donald eine Flanke von der rechten Seite an den zweiten Pfosten nutzte. In den letzten Minuten dieses packenden Vergleichs spitzte sich die Anspannung zu, Dramatik zog ein in die Rhönkampfbahn.

Doch dann war es vorbei. Elfmeterschießen. Fast ist dies wie Roulette für Fußballer. Die Einen gewinnen – und gehen aus dieser Situation als „Helden“ hinzu; was für ein Quatsch, dieses Etikett. Die Anderen, in dem Falle Hünfelds Spieler, erhalten nicht den Lohn für ihre Leistung. Denn daran sollten sich orientieren und ausrichten – und nicht dem Moment des finalen Glücksmomentes. Das Spiel oder der Ernst, der jetzt kommt, das gilt für sie. Umschalten auf den Liga-Alltag. Am Samstag kommt der KSV Baunatal in die Rhönkampfbahn, Anstoß: 15 Uhr. Die Mannschaft hat sicher viele Freunde gewonnen – doch auch die drei Punkte gegen Baunatal muss sie sich erarbeiten. Und diese Leistung ist das Wichtige.

Unterdessen feierten die Fans. Sie spritzten mit Getränken. Und sangen: „Karneval in Bornheim“. In Hünfeld erst recht.

Hünfelder SV: Maul – Häuser, Dücker, Banh, Lindemann – Kümmel (64. Witkowski), Kemmerzell, Uth, Fröhlich – Kassa (76. Zentgraf), Costa Sabate (67. Paliatka)

FSV Frankfurt: Becker – Doktorczyk, Gottwalt, Kemper, Ehlich (84. Meene) – Breir, Deger (80. Suljic), Obiogumu (54. Pandza), Peters (43. Harnafi), Iorga (54. Bock) – Mc Donald

Schiedsrichter: Tim Waldinger

Tore: 1:0 Luca Uth (19.), 2:0 Maximilan Fröhlich (45.+2), 2:1 Emmanuel-Godwin Atutononu Mc Donald (57.), 2:2 Emmanuel-Dowin Atutononu Mc Donald (85.)

Elfmeterschießen: 2:3 Phil Kemper, 2:4 Emmanuel-Godwin Atutononu Mc Donald, 2:5 Lukas Gottwalt, 3:5 Keanu Banh, 3:6 Ismael Harnafi +++ rl


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