Die Stimmung in der hessischen Wirtschaft bleibt von anhaltender Skepsis und Verunsicherung geprägt. Das belegt das aktuelle Energiewende-Barometer der IHK-Organisation in seiner Auswertung für das Land Hessen. Der Barometerwert liegt branchenübergreifend bei minus 9,6 Punkten. Besonders kritisch fällt das Urteil im industriellen Sektor aus, der mit minus 25 Punkten deutlich im negativen Bereich verharrt. Viele Betriebe verbinden den Umbau der Energieversorgung gegenwärtig weit stärker mit Risiken als mit Chancen für ihre Wettbewerbsfähigkeit.
Im Mittelpunkt der Untersuchung stand die Frage, wie die Unternehmen die konkreten Auswirkungen der Energiewende auf die eigene Marktposition beurteilen. Nahezu jedes zweite hessische Industrie- und Bauunternehmen – jeweils 47,4 Prozent – stuft diese Folgen als negativ oder sehr negativ ein. Dr. Felix Heusler, Vizepräsident des Hessischen Industrie- und Handelskammertages (HIHK), bezeichnete die Ergebnisse als deutliches Alarmsignal für den gesamten Wirtschaftsstandort Hessen. Hohe Energiepreise, eine zunehmende Bürokratie sowie langwierige Planungs- und Genehmigungsverfahren träfen Industrie und Bau besonders hart und gefährdeten deren Wettbewerbsfähigkeit.
Für die Wirtschaftsregion Osthessen und den Landkreis Fulda, die in hohem Maße durch einen breit aufgestellten Mittelstand, das Handwerk und einen bedeutenden Logistikknotenpunkt geprägt sind, spiegeln sich diese Belastungen direkt im Tagesgeschäft wider. Landesweit waren die Betriebe in den vergangenen zwölf Monaten erneut mit kräftigen Preissteigerungen konfrontiert. So melden 54,6 Prozent der Unternehmen höhere Strompreise im Jahresvergleich, während 67,7 Prozent gestiegene Ausgaben für Gas, Fernwärme oder Heizöl verzeichnen. Am stärksten fällt der Kostendruck im Verkehrssektor aus: 87,1 Prozent der Betriebe berichten von spürbaren Preissteigerungen bei Benzin, Diesel und weiteren Kraftstoffen. Für die osthessische Transport- und Speditionsbranche an den zentralen Verkehrsachsen sowie für gewerbliche Fuhrparks bedeutet dies eine erhebliche zusätzliche Belastung.
Anhaltend hohe Energie- und Kraftstoffpreise trieben die Kosten entlang der gesamten Wertschöpfungskette, zehrten an den Margen und bänden finanzielle Mittel, die für betriebliche Innovationen und die Transformation dringend benötigt würden, warnte Heusler. Wer dauerhaft weniger verdiene, könne auch weniger investieren. Die Politik müsse daher alle Unternehmen schnell und dauerhaft entlasten, anstatt lediglich einzelne Branchen befristet zu unterstützen. Notwendig seien wettbewerbsfähige Energiepreise, beschleunigte behördliche Genehmigungsverfahren und ein spürbarer Abbau administrativer Belastungen, um den Betrieben die erforderlichen Spielräume zurückzugeben.
Neben den finanziellen Faktoren betrachten die Unternehmen vor allem administrative Auflagen als wesentliche Bremse für den betrieblichen Klimaschutz: 63,6 Prozent nennen die Bürokratie als größtes Hindernis. Diese Vorbehalte schlagen sich inzwischen auch direkt in den betrieblichen Klimazielen nieder. Erstmals nennt mit 51,2 Prozent eine knappe Mehrheit der hessischen Betriebe kein eigenes Zieljahr für die Klimaneutralität, während dieser Anteil im Vorjahr noch bei 11 Prozent lag. Besonders drastisch ist der Rückgang beim Zieljahr 2045: Hatte 2025 noch knapp die Hälfte der Unternehmen dieses Ziel angegeben, sind es 2026 lediglich noch 6,5 Prozent. Die Erhebung verdeutlicht, dass viele Betriebe ihre Transformationspläne angesichts der Unklarheit über künftige Kosten, gesetzliche Auflagen und wirtschaftliche Rahmenbedingungen grundlegend neu bewerten.
Gleichzeitig gewinnt die Debatte über Produktionskürzungen im Inland und Verlagerungen ins Ausland an Dynamik. Mehr als jedes dritte hessische Industrieunternehmen (37,6 Prozent) hat entsprechende Schritte bereits umgesetzt, eingeleitet oder fest geplant; im Vorjahr lag der Wert noch bei rund 30 Prozent. Heusler mahnte, dass Verlagerungen längst kein abstraktes Zukunftsrisiko mehr darstellten, sondern den schleichenden Verlust von Wertschöpfung, Arbeitsplätzen, regionalen Lieferketten und Innovationskraft bedeuteten. Gerade für gewachsene Zuliefer- und Produktionsstrukturen, wie sie auch im osthessischen Raum das Rückgrat der Wirtschaft bilden, sei eine gezielte Stärkung der Standortbedingungen erforderlich, bevor aus bestehenden Plänen unumkehrbare Entscheidungen werden. +++
Das könnte Sie auch interessieren

Tegut-Aus in Schlüchtern: Bürgermeister kritisiert Migros und will um Nahversorgung kämpfen

Debatte um SPD-Führung: Bovenschulte stärkt Parteichef Klingbeil – Juso-Chef verlangt Kurswechsel

Wetter in Hessen: Dauerregen und stürmischer Wind


and then
Hinterlasse jetzt einen Kommentar