Es wäre unangemessen und unfair, die Leistung des Hünfelder SV bei der 0:2-Heimniederlage gegen Türk Gücü Friedberg auf die letzten zehn Minuten des Spiels zu reduzieren. Klar passierte in dieser kurzen Zeitspanne viel und Entscheidendes. Sogenannte Knackpunkt-Situationen waren darunter, aus HSV-Sicht verdammt unglückliche Entscheidungen des Schiris, die gegen das Team aus der Rhönkampfbahn ausfielen – und die nicht zuletzt die Entscheidung des Hessenliga-Duells herbeiführten. Vielmehr ist es an der Zeit, den HSV zu stützen in dieser schwierigen Phase, positive Dinge zu benennen – aber auch solche, die verbesserungswürdig sind oder einfach besser besser gemacht werden müssen in der höchsten Klasse des hessischen Amateurfußballs. Im äußerst unterhaltsamen, temporeichen und intensiven Kampfspiel, das bisweilen Szenen eines rassigen Vergleichs hatte, sah es zwar lange so aus, als würde es torlos enden – dennoch ereignete sich einiges, das es lohnt, näher betrachtet zu werden.
Beginnen wir mit dem ausnehmend Positiven seitens des HSV. Der bot dem fraglos favorisierten Kontrahenten, der für seine Spielstärke bekannt ist, 80 Minuten lang die Stirn. Wehrte sich nicht nur mutig, sondern verteidigte aufopferungsvoll und mit Herz – und hielt das Spiel des Gegners vom Tor weg. Mit offenem Visier. Die Körpersprache passte. Die Bereitschaft zu Zweikampfverhalten und Laufbereitschaft ebenso. Auch das Rückzugsverhalten. Immer wieder verengten Hünfelds Spieler geschickt die Räume. Das Spiel gegen den Ball war da. An diesem Verhalten und dem tiefen und kompakt stehenden Block des HSV biss sich Türk Gücü lange die Zähne aus. Der Gast war optisch überlegen, hier und da einen Schritt eher am Ball – doch im letzten Drittel wirkten Spiel und Verhalten des Gästeteams hektisch, ungenau oder aber die Spieler trafen falsche Entscheidungen. Gut sah es aus, wenn Tempo ins Spiel kam beim Kontrahenten – doch es sprach für den HSV, dass er wenig zuließ.
Auffallend, dass sich Hünfelds Spieler oft halfen und gegenseitig unterstützten. Auf der rechten Angriffsseite des Gastes trieb Daniel Siebert viel an – doch seine Anschlussaktionen verpufften oft, Max Lindemann verteidigte ihn gut im Duell ehemaliger Barockstadt-Spieler. Natürlich gehörte ein wenig Glück dazu aus Sicht des HSV – etwa, als Türk Gücüs Spieler zweimal innerhalb von Sekunden Eingaben verpassten (33.), oder als Reljic nach einer Flanke von links einen Tick weit aufgerückt war und die Kugel direkt auf den Fuß bekam (36.). Aber auch der HSV machte offensiv auf sich aufmerksam: So rettete Sarr im letzten Moment gegen Maxi Fröhlich (34.), Minuten später erreichten Hünfelds Spieler eine gefährliche Eingabe nicht ganz (39.).
Im zweiten Abschnitt atmeten drei HSV-Aktionen gar das Etikett „schade, dass daraus nichts wurde“. Etwa, als ein feiner Konter über Luca Uth und „Linde“ zu Fröhlich führte, der ein Abseitstor erzielte (48.). Oder bei der bis dato „größten Chance“ für den Gastgeber: Die Flanke des wie immer ein großes Laufpensum absolvierenden und stets antreibenden Uth erreichte Boas Kümmel am zweiten Pfosten, der Mansbacher legte zurück – und „Linde“ war im Abschluss-Pech, als sein Versuch ans Außennetz ging (53.). Die letzte: Hünfeld arbeitete und spielte sich über die rechte Seite durch, „Lindes“ Eingabe in den Torraum erwischte Costa Sabate nicht richtig (73.).
Maik Vetter, Trainer des Gästeteams, nahm die Chance wahr, offensiv zu wechseln. Nach einer Stunde brachte er Noah Michel als zweite Spitze; der ins Spiel kommende Faqiryar besetzte den offensiven linken Flügel. Spannung machte sich breit – verbunden mit der Frage, ob der Vergleich noch einen Sieger finden würde. Das tat er. Denn die letzten zehn Minuten brachen an.
Und die erste „Knackpunkt-Situation“. Im Nachhinein betrachtet, die Schlüsselszene des Spiels. Ohne sie wären die nachfolgenden Szenen möglicherweise nicht passiert. Und der HSV sollte dringend daraus lernen. Der zur zweiten Hälfte für Siebert eingewechselte Jost trat einen Eckball, der wurde verlängert – und „Joker“ Michel köpfte zu Türk Gücüs Führung ein. Dass ihm das gelang, ist kaum bis gar nicht zu verteidigen – die Kopfball-Verlängerung indessen schon. Früher galt einmal die Regel, dass der „kurze Fünfer“ von einem Spieler der verteidigenden Mannschaft zum aktiven Einsatz abgedeckt werden muss, dass dieser Spieler vor dem verlängernden Akteur an den Ball kommt. Der HSV kassierte solch ein Tor nicht zum ersten Mal – und es war spielentscheidend.
Die folgenden hektischen Schlussminuten verliefen unglücklich für den HSV. Verdammt unglücklich. So hätte der Gastgeber durchaus einen Elfer bekommen können, als Fröhlich runtergezogen wurde im Strafraum-Duell (85.). War nicht der Fall. Stattdessen fiel im Gegenzug das 2:0 für den Gast – aus stark abseitsverdächtiger Position; der Assistent hatte bereits seine Fahne gehoben. Und jetzt kommt der Schiedsrichter ins Spiel, der in mancher Situation nicht so glücklich entschied und offenbar nicht seinen besten Tag hatte. So musste einem David Costa Sabate fast leidtun, als er – zurückhaltend gesagt -, mehr als nur eng beschattet wurde im Zweikampf. Hautnah. Ob es in diesen Situationen richtig ist, stets den „Vorteil“ laufen zu lassen oder darauf zu spekulieren?
Zweiter Aspekt, der mit Leben gefüllt werden sollte beim HSV: Der Angriff, oder besser gesagt, die Abschlussaktionen, besitzen derzeit keine Durchschlagskraft, wie auch Trainer Benjamin Fuß anschließend in der Pressekonferenz anmerkte. Bricht man diese Erkenntnis herunter, kommt man zu dem Schluss: Nur Maxi Fröhlich beißt sich rein, acht Tore hat er schon erzielt in dieser Saison. Irgendwelche Statistiken oder Teilbilanzen zu bemühen, das hat noch keinem geholfen in solchen Phasen. Nur müssen Dinge klar angesprochen werden, das wissen auch alle Verantwortlichen.
Ziehen wir lieber ein Sprachbild hinzu. Eines, das imaginär ist – aber doch so treffend. Als alles vorüber war, kreiste ein Helikopter über der Rhönkampfbahn. Ein kleines Banner fiel herunter. Und Michael Wingenfeld, Mädchen für alles beim HSV, hob es auf. Darauf stand: Weiter. Weiter. Immer weiter. Auch das sagte Fuß.
Hünfelder SV: Maul – Zentgraf (75. Häuser), Dücker, Banh (87. Witkowski), Lindemann – Kemmerzell, Uth – Kümmel (56. Paliatka), Kassa (70. Hütsch), Fröhlich – Costa Sabate
Türk Gücü: Bagus – Izberovic, Knothe, Sarr, Bhatti – Henrich (88. Duda), Nsandi (89. Pehratovic) – Böger (65. Faqiryar), Siebert (46. Jost) – Korobskyi (60. Michel), Reljic
Schiedsrichter: Maximilian Prölss
Tore: 0:1 Alija Izberovic (80.), 0:2 Noah Michel (86.)
Rot: Marcel Dücker (HSV, 90.) +++ rl

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