Hessischer Denkmalschutzpreis 2026: Wenn aus alten Gebäuden wieder Zukunft wird

Denkmalschutz klingt auf den ersten Blick nach alten Mauern, Fachwerk, historischen Fassaden und behördlichen Auflagen. Doch wer sich die diesjährigen Preisträger des Hessischen Denkmalschutzpreises anschaut, erkennt schnell: Dahinter steckt weit mehr. Es geht um Menschen, die sich gegen Verfall stemmen, hohe Kosten in Kauf nehmen, historische Substanz bewahren und zugleich die Frage beantworten müssen, wie alte Gebäude in einer modernen Gesellschaft weiter genutzt werden können. Seit 40 Jahren zeichnet das Land Hessen Menschen aus, die sich dieser Aufgabe stellen. Bei der Preisverleihung im Lokschuppen Marburg wurde dieses Jubiläum am Donnerstag besonders gewürdigt.

Kunst- und Kulturminister Timon Gremmels überreichte den Hessischen Denkmalschutzpreis 2026 an Preisträgerinnen und Preisträger aus Künzell im Landkreis Fulda, Eltville im Rheingau-Taunus-Kreis, Limburg, Fulda, Schlitz im Vogelsbergkreis, Spangenberg im Schwalm-Eder-Kreis, Kronberg im Hochtaunuskreis, Nidda im Wetteraukreis, Darmstadt und Wiesbaden. Zum Programm gehörten außerdem Talkrunden, Musik und Ausstellungen mit bereits in früheren Jahren ausgezeichneten Projekten.

Gremmels stellte dabei einen Gedanken in den Mittelpunkt, der sich durch die ausgezeichneten Projekte zieht: Denkmalschutz erschöpft sich nicht darin, ein altes Gebäude möglichst unverändert zu konservieren. „Die Preisträgerinnen und Preisträger des Hessischen Denkmalschutzpreises zeigen seit 40 Jahren eindrucksvoll, dass es beim Denkmalschutz um mehr geht als den Erhalt alter Gebäude: Sie schenken historischen Orten eine Zukunft und machen Geschichte für kommende Generationen erlebbar“, sagte der Kunst- und Kulturminister.

Gerade diese Verbindung von Vergangenheit und Zukunft ist bei vielen der ausgezeichneten Projekte entscheidend. Historische Gebäude stehen nicht automatisch unter Denkmalschutz, damit sie anschließend leer stehen. Sie müssen genutzt, erhalten und vielfach auch technisch an heutige Anforderungen angepasst werden. Dahinter stehen nicht selten erhebliche finanzielle Belastungen, handwerkliches Können und die Bereitschaft von Eigentümern und Vereinen, sich über Jahre mit einem Gebäude oder einem historischen Ort auseinanderzusetzen.

Gremmels würdigte deshalb den „großen handwerklichen Können“ und den hohen finanziellen Einsatz ebenso wie privates und häufig ehrenamtliches Engagement. Dieses Engagement leiste einen wichtigen Beitrag zur Identität des Landes. Gleichzeitig verwies der Minister auf das neue Hessische Denkmalschutzgesetz, das zum 1. Januar 2027 in Kraft tritt. Es soll einen modernen, digitalen und bürgernahen Rechtsrahmen für den Umgang mit dem kulturellen Erbe schaffen.

Der Hessische Denkmalschutzpreis selbst ist dabei längst Teil dieser Geschichte. Er wurde 1986 vom Landesamt für Denkmalpflege in Hessen und der LOTTO Hessen GmbH ins Leben gerufen. In diesem Jahr ist der Preis mit insgesamt 25.000 Euro dotiert. Das Geld stellt LOTTO Hessen zur Verfügung. Das Preisgeld für den Ehrenamtspreis in Höhe von 7.500 Euro kommt aus der Hessischen Staatskanzlei.

In den vergangenen vier Jahrzehnten wurden rund 280 Objekte ausgezeichnet. Hinzu kommen 28 Preisträgerinnen und Preisträger des Ehrenamtspreises. Eine besondere Verbindung zwischen Glücksspiel und Denkmalschutz besteht dabei seit den Anfängen des Preises. Aus den Erlösen der Rubbellose, die 1986 erstmals verkauft wurden, sind nach Angaben des Landes bis heute mehr als 117 Millionen Euro für den Denkmalschutz zusammengekommen.

Martin J. Blach, Sprecher der Geschäftsführung von LOTTO Hessen, erinnerte an diese Verbindung. Vor vier Jahrzehnten hätten seine Vorgänger die Idee gehabt, Glücksspiel und Denkmalschutz gemeinsam zu denken. Damit sei zugleich die Geburtsstunde des Rubbelloses und des Hessischen Denkmalschutzpreises verbunden gewesen. Alle Reinerträge aus den Losverkäufen fließen nach seinen Worten in den Erhalt des kulturellen Erbes.

Prof. Dr. Markus Harzenetter, Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen, sieht in den vier Jahrzehnten vor allem ein Beispiel für gelebte Verantwortung. Rund 280 ausgezeichnete Objekte aus allen Teilen Hessens stünden für Menschen, die sich mit Leidenschaft und Ausdauer für den Erhalt von Denkmälern einsetzen. Denkmalpflege sei deshalb weit mehr als der Schutz historischer Bauten. Sie lebe von Menschen, die sich ihrer Geschichte verbunden fühlen und bereit seien, Verantwortung für deren Zukunft zu übernehmen.

Besonders deutlich wird das an einem Projekt aus dem Landkreis Fulda. Die Loheland-Stiftung erhält für die Instandsetzung der „Waggonia“ in der Reformsiedlung Loheland in Künzell einen Ehrenpreis der Jury, einen von drei ersten Preisen sowie 5.000 Euro Preisgeld.

Loheland ist selbst ein außergewöhnlicher Ort. Im Jahr 1919 errichteten Frauen dort eine Siedlung, in der Lernen, Arbeiten und Leben miteinander verbunden werden sollten. Ein besonderer Bestandteil dieses Reformprojekts ist die „Waggonia“. Dabei handelt es sich um ausrangierte Reichsbahnwaggons, die zu Wohnungen und Ateliers ausgebaut wurden. Die Jury bewertete die Instandsetzung als außerordentliches Zeugnis der Reformbewegungen des 20. Jahrhunderts.

Damit wird zugleich deutlich, dass Denkmalschutz nicht zwangsläufig mit repräsentativen Schlössern, Kirchen oder Bürgerhäusern verbunden sein muss. Auch ungewöhnliche Zeugnisse gesellschaftlicher und kultureller Entwicklungen können Geschichte sichtbar machen. Die Waggonia erzählt von einer Zeit, in der neue Formen des Zusammenlebens gesucht wurden. Ihre Erhaltung bewahrt deshalb nicht nur Bauteile, sondern auch ein Stück Ideengeschichte.

Einen weiteren ersten Preis und ebenfalls 5.000 Euro erhalten Stefan Jökel und Peter Jökel für die Sanierung des Langwerther Hofs in Eltville im Rheingau-Taunus-Kreis. Die Instandsetzung des ehemaligen Kutschenhauses und des Lichtenstern´schen Palais steht nach Einschätzung der Jury beispielhaft für die Bewahrung regionaler Stadtbau- und Handwerkskunst. Trotz der hohen Kosten sicherten die Eigentümer den Hof denkmalgerecht und schufen zugleich behutsam zeitgemäßen Wohnraum in dem historischen Ensemble.

Auch in Limburg wurde ein stark gefährdetes Gebäude vor dem endgültigen Verlust bewahrt. Dipl.-Ing. Klaus Langschied erhält für die Sanierung des Hauses am Roßmarkt 7 einen ersten Preis und 5.000 Euro. Die Jury würdigte insbesondere seinen Mut, sich der Instandsetzung eines substanziell stark geschädigten Hauses aus dem 14. beziehungsweise 15. Jahrhundert anzunehmen. Zum Zeitpunkt der Entscheidung für die Sanierung war nicht absehbar, ob das Gebäude überhaupt erhalten werden konnte.

Langschied setzte einen erheblichen Aufwand ein, um die historische Fachwerkkonstruktion zu retten. Verwendet wurden dabei denkmalgerechte und ökologische Materialien wie Lehm, Schiefer und Leinölfarben. Gerade solche Projekte zeigen, wie eng Denkmalschutz und traditionelles Handwerk miteinander verbunden sind. Historische Gebäude lassen sich häufig nicht mit den gleichen Verfahren und Materialien behandeln wie moderne Bauten. Wer ihre Substanz erhalten will, muss sich deshalb auf ihre Besonderheiten einlassen.

Ein zweiter Preis und 3.000 Euro gehen nach Fulda. Ausgezeichnet wird Björn Helfrich für die Instandsetzung des Saalbaus Fuldaer Hof. Der im Jahr 1903 errichtete Saalbau ist ein bedeutendes Zeugnis des dörflichen Vereinslebens der Kaiserzeit. Seine besondere Bedeutung ergibt sich unter anderem aus der historischen Ausmalung des Kirchenmalers Hugo Pfister aus den 1920er Jahren sowie aus der Verbindung zum Künstler Franz Erhard Walther, dessen Familie den Saal erbauen ließ.

Der Einsatz Helfrichs sorgte nach Einschätzung der Jury dafür, dass ein nahezu vergessener Ort wieder zu einem lebendigen Mittelpunkt des kulturellen Lebens im Ort werden konnte. Gerade darin liegt eine der praktischen Herausforderungen des Denkmalschutzes: Ein Gebäude bleibt nicht allein dadurch lebendig, dass seine Fassade erhalten wird. Es braucht Menschen, die es nutzen, mit Leben füllen und ihm damit einen Platz in der Gegenwart geben.

Ein weiterer zweiter Preis mit 3.000 Euro geht an Claudia und Hartmut Dietz für die Sanierung der Grafenscheune in Schlitz. Die seit Jahren leerstehende Scheune am Schlosspark war vom Verfall bedroht. Die Eigentümer entschieden sich dafür, das Kulturdenkmal zu retten und in ein Mehrfamilienwohnhaus mit barrierefreien Wohnungen umzuwandeln.

Dabei wurde die historische Bausubstanz mit heutigen Anforderungen an das Wohnen verbunden. Zum Konzept gehören eine Wärmepumpe, Fußbodenheizung, eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung und eine Photovoltaikanlage. Die Grafenscheune steht damit beispielhaft für einen Ansatz, der beim Denkmalschutz zunehmend an Bedeutung gewinnt: Historische Gebäude sollen nicht nur erhalten, sondern sinnvoll und dauerhaft genutzt werden.

Der dritte Preis wird in diesem Jahr zweimal vergeben und ist mit jeweils 2.000 Euro dotiert. Ausgezeichnet werden Dr. Astrid Wegener und Ernst Wegener für den Erhalt eines Ackerbürgerhauses in Spangenberg im Schwalm-Eder-Kreis.

Das Anwesen wurde in enger Abstimmung mit den Denkmalbehörden Schritt für Schritt saniert. Ziel war es, möglichst viel historische Bausubstanz zu erhalten. Gleichzeitig sollten die unterschiedlichen Spuren der Geschichte des Hauses bewahrt werden. Dazu gehören Zeugnisse der seit dem 19. Jahrhundert betriebenen Spedition ebenso wie die Spuren der Flüchtlingsfamilien, die nach dem Zweiten Weltkrieg dort einquartiert wurden.

Ein Gebäude kann damit zu einem historischen Archiv werden, ohne dass darin ein einziges Buch stehen muss. Wände, Räume, Umbauten und Gebrauchsspuren erzählen von den Menschen, die dort gelebt und gearbeitet haben. Der Erhalt solcher Spuren macht Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes greifbar.

Der zweite dritte Preis und ebenfalls 2.000 Euro gehen an Iris Meenken und Matthias Meenken sowie Paulina Meenken und Thomas Scheller für die Instandsetzung des Hauses Hembus in Kronberg im Hochtaunuskreis. Das Fachwerkgebäude wurde 1689 errichtet und gelangte 2023 in den Besitz der Familie Meenken. Über viele Jahre hatte eindringende Feuchtigkeit dem Gebäude erheblich zugesetzt.

Die Sanierung wurde zu einem generationenübergreifenden Familienprojekt. Mit großem Respekt vor der Geschichte des Hauses gelang es den Eigentümern nach Angaben der Jury, zeitgemäßen Wohnkomfort zu schaffen. Entscheidend war dabei die vorbildliche Zusammenarbeit mit den Denkmalbehörden und Handwerksbetrieben.

Neben den privaten Eigentümern und Stiftungen richtet sich der Blick des Hessischen Denkmalschutzpreises traditionell auch auf diejenigen, die ihre Freizeit und Energie in historische Orte investieren. Der von der Hessischen Staatskanzlei gestiftete Ehrenamtspreis ist mit insgesamt 7.500 Euro dotiert und wird in diesem Jahr auf drei Vereine verteilt. Jeweils 2.500 Euro erhalten die Nassauische Touristik-Bahn e. V., Darmstadtia e. V. und die Freunde des Steinbruchs Michelnau e. V.

Der Verein Nassauische Touristik-Bahn aus Wiesbaden wird für sein Engagement zur Revitalisierung der Aartalbahn ausgezeichnet. Die Bahn verband einst die Weltkurstadt Wiesbaden mit dem Frauenheilbad Langenschwalbach, dem heutigen Bad Schwalbach. Die Vereinsmitglieder wollen die unterschiedlichen historischen Zeitschichten bewahren und die Bahn zugleich als funktionsfähiges technisches Denkmal erhalten.

Hier zeigt sich eine weitere Dimension des Denkmalschutzes: Geschichte kann nicht immer auf einem Grundstück oder in einem Museum stehen. Bei einer historischen Bahnstrecke gehören Technik, Strecke und die mit ihr verbundene Landschaft zusammen. Wer ein solches Denkmal erhalten will, muss deshalb nicht nur Vergangenheit dokumentieren, sondern eine Perspektive für seine Nutzung entwickeln.

Der Verein Darmstadtia erhält den Ehrenamtspreis für die Restaurierung und Wiederaufstellung des historischen Altstadtbrunnens in Darmstadt. Der Brunnen wurde 1862 errichtet und stand bis zur Zerstörung der Darmstädter Altstadt vor dem heutigen Justus-Liebig-Haus. Mit seiner Wiederaufstellung hat die Stadt einen ihrer wenigen baulichen Zeitzeugen zurückgewonnen.

Die Freunde des Steinbruchs Michelnau e. V. in Nidda werden für den Schutz und Erhalt eines Steinbruchs ausgezeichnet, der sowohl unter Denkmal- als auch unter Naturschutz steht. In Michelnau wurde vom Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Stilllegung Ende der 1980er Jahre Michelnauer Tuffstein abgebaut. Der Verein vermittelt heute Kulturgeschichte, Geologie und Naturkunde dieses besonderen Ortes.

Damit reicht das Spektrum der diesjährigen Auszeichnungen von der historischen Fachwerksubstanz über eine Reform-Siedlung und einen dörflichen Saalbau bis hin zu Eisenbahn, Brunnen und Steinbruch. Gerade diese Bandbreite macht deutlich, dass kulturelles Erbe nicht auf wenige besonders bekannte Gebäude beschränkt werden kann. Geschichte findet sich auch dort, wo sie im Alltag leicht übersehen wird.

Der Chef der Hessischen Staatskanzlei, Staatssekretär Benedikt Kuhn, hob deshalb insbesondere die Rolle des Ehrenamts hervor. Ehrenamt in der Denkmalpflege sei mehr als die Pflege von Gebäuden. Es sei ein Ausdruck kultureller Identität und der Verbundenheit mit der Geschichte des Landes. Menschen, die sich mit Leidenschaft und Hingabe für den Erhalt historischer Bauwerke einsetzen, leisteten zugleich einen Beitrag zum sozialen Miteinander und stärkten den Zusammenhalt in Städten und Gemeinden.

Mit der Nassauischen Touristik-Bahn, Darmstadtia und den Freunden des Steinbruchs Michelnau würden drei Vereine ausgezeichnet, die Geschichte nicht nur bewahren, sondern lebendig machen, sagte Kuhn. Sie setzten technische Denkmäler instand, holten vergessene Brunnen zurück ins Stadtbild und schützten einzigartige Natur- und Kulturorte. Das Land würdige dieses Engagement mit dem Ehrenamtspreis.

40 Jahre Hessischer Denkmalschutzpreis sind damit auch 40 Jahre Beleg dafür, dass der Erhalt kulturellen Erbes nicht allein eine staatliche Aufgabe ist. Ohne Eigentümer, Handwerker, Stiftungen, Vereine und Ehrenamtliche blieben viele Denkmäler trotz gesetzlicher Schutzvorschriften gefährdet. Ein Eintrag in eine Denkmalliste verhindert noch keinen Verfall.

Entscheidend ist, was danach geschieht. Die diesjährigen Preisträger zeigen, dass sich historische Substanz und zeitgemäße Nutzung nicht grundsätzlich ausschließen. Im Gegenteil: Wo Sanierung mit Augenmaß erfolgt, können aus alten Gebäuden wieder Wohnungen, kulturelle Treffpunkte oder lebendige Orte werden. Das gilt für die Waggonia in Künzell ebenso wie für den Saalbau Fuldaer Hof, die Grafenscheune in Schlitz oder das Haus Hembus in Kronberg.

Der eigentliche Wert des Denkmalschutzes liegt deshalb nicht darin, die Vergangenheit gegen die Gegenwart abzuschotten. Er liegt darin, aus der Vergangenheit etwas für die Zukunft zu bewahren. Genau dafür stehen die Menschen, die in diesem Jahr mit dem Hessischen Denkmalschutzpreis ausgezeichnet wurden. +++


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