Irgendwie steckt in dem Morgen ein bisschen Symbolkraft. Es ist ein erwachender Herbstmorgen beim VfL Eiterfeld. Erwachen und Impulse erhalten sollen auch die Kids auf der Anlage Am Hain. Reges Treiben herrscht dort. Eltern bringen ihre Kids. Beide eint eins: Sie scharren mit den Hufen. 30 Kinder und Jugendliche sind es, die mitmachen. Leuchten ihre Augen schon? Es braucht nur Minuten, bis es soweit ist – denn die „05er-Fußballschule“, die des Bundesligisten Mainz, schlägt auf. An drei Tagen darf sich der Nachwuchs auf sechs Trainingseinheiten freuen, zwei pro Tag.
Pünktlich um 9.53 Uhr bittet Ann-Christin Schäfer um Aufmerksamkeit. Sie hat das Camp an der Seite ihrer Schwester Lisa initiiert und organisiert. „Für mich ist es eine Herzensangelegenheit“, sagt Ann-Christin, „ein Heimspiel quasi“. In Ufhausen aufgewachsen, wechselte sie einst von Viktoria Fulda nach Magdeburg, ehe sie sich dem FSV Mainz anschloss. Sie leitet die „05er Fußballschule“ – mit Erfolg. Ann-Christin spricht das aus, was alle erwarten. „Wir versuchen, den Kindern unsere Trainingsphilosophie ein bisschen beizubringen. Viel Eins-gegen-eins. Viele Zweikämpfe.“ Neben Ann-Christin stellen sich auch ihre beiden anderen Partner vor, neben Karl Kunze, der einst für den FSV Mainz 05 in der Zweiten Liga spielte und sich hier um die Torhüter kümmert, noch Jermaine.
Längst sind die Kids schmuck eingekleidet. Nach den Begrüßungsworten gibt es noch ein Gruppenfoto, ehe das Trainingsprogramm eröffnet wird und die erste Einheit ansteht. Interessierte nehmen wahr, dass der VfL Philippsthal – der nach wie vor mit eigenem Gesicht antritt, sowohl Männer- als auch Nachwuchsarbeit noch immer eigenständig betreibt – stark vertreten ist in dieser Gruppe. Acht Kids machen hier mit. Das taugt auch zu einer Fußnote des Tages.
Rein ins Geschehen. Für wenige Minuten folgen wir dem Programm Jermaine, einem der drei Übungsleiter. Auf einem kleinen und überschaubaren Spielfeld warten vier kleine Tore. Spielerisches Erwärmen der Kids, die ihre Seele zum Fußball öffnen sollen, mit diversen Aufgabenstellungen, steht an. Zunächst wird am „Übersteiger“ geknabbert, an dem sich viele im heranwachsenden Nachwuchs so erwärmen – der aber vom Bewegungsablauf gar nicht mal so leicht ist. Im Handumdrehen geht‘s zum Hopserlauf. Jeder kennt das von früher. Dieses Mal aber etwas anders. Jedes der Kinder schnappt sich ein Hütchen. Rot steht für Feuer, Weiß für den Himmel, Gelb für die Sonne. Während des Hopserlaufes tauschen die Kinder ihre Hütchen – dürfen dies aber nicht mit denen derselben Farbe tun. Jetzt aber wird es spannend, interessant und herausfordernd: „Wir trainieren die Wahrnehmung, die Orientierung und machen einen kurzen Sprint“, sagt der Übungsleiter. Klare Ansprache und Kommunikation steht bei ihm auf dem Programm. Wichtig: Er macht das, was er will, vor und mit. Und überhaupt: Wenn man genauer hinsieht, fragt man sich: Wie ist es mit den Anforderungen Wahrnehmung, Orientierung, sich Aufgaben stellend, wach zu sein in Situationen, sich ernsthaft, mit offenen Augen eigentlich in unserem Amateurfußball bestellt? Auch ein Lob ist wichtig und darf nicht fehlen. „Ihr lernt sehr, sehr schnell“, sagt der Coach zu den Kids, „das gefällt mir. Jeder hat mit dem anderen gesprochen.“
Es ist nur ein kleiner Ausschnitt ihres Programms, des Vermittelns an die Kids. Auch Ann-Kathrin Schäfer überzeugt. „Zurückziehen. Öffnen. Orientieren und anspielen“, sagt sie und verlangt von den Kindern einiges. Die wollen das auch. Schließlich sind sie nicht zuletzt zum Lernen hier. In vier Kleingruppen sind sie unterteilt, vier kleine Hütchen liegen in Rautenform versetzt zum Anlaufen bereit. „Zurückziehen“ ist das des Balles mit dem Fuß oder der Sohle, „Öffnen“ ist die Körperstellung in möglichst fließender Bewegung, die Orientierung und das Anspielen zum Mitspieler der nächsten Gruppe folgen. Nein, einfach ist dies nicht. Der, der dies mit Tempo kann, in dessen Bewegungen Tempo auftaucht, ist gut. „Wer nicht, macht es ein bisschen langsamer. Die Sicherheit ist wichtig“, erklärt Ann-Kathrin. Im hiesigen Vereinstraining scheint diese Anforderung eher selten zu sein – wenn es denn überhaupt vorkommen kann. Und wer genau hinhört, tippt sich beim Spazierengehen im Kopf auch jetzt an. „Wir haben Schere gemacht. Haben den Übersteiger gemacht. Die einzige Vorgabe jetzt: Wir kippen alle nach rechts ab. Zwei Minuten geben wir nochmal Vollgas. Dann noch den Zweikampf.“ Sacken lassen, oder? „Die Finte ein bisschen früher ansetzen. Einen Meter vor dem Gegenspieler“, rät sie dann. Man fragt sich, welche Kicker im Männerbereich dies überhaupt können – in den unteren Ligen des Amateurfußballs? Und wie hoch man eigentlich gehen müsste in den Klassen? Spielerische Elemente, in denen ein Stückchen Vororientierung eingebaut ist. Großes Kino im Kleinen eben. Großes Fußball-Kino. Auf wenig Raum. Mit wenig Zeit. Und einem bisschen Gegnerdruck. Auch hier macht es die Wiederholung. Die Periodisierung.
Wettkampfspiele auf vier Tore beenden das Programm am Nachmittag. Auf kleinen Feldern also. Meist Eins-gegen-eins. Oder Zwei-gegen-eins. Oder Zwei-gegen-zwei. Egal. Das Vorhaben kommt an. Nachwuchs zu fordern und zu fördern. Als Karl Kunze hochkommt vom Kunstrasen, auf dem er sich dem Training mit den Torhütern gewidmet hat, fragt er in die Runde. „Hat es euch denn Spaß gemacht?“ Die Kids zögern nicht und schreien ein spontanes „Ja“ heraus. Karls Reaktion fällt ebenso prompt wie einfach aus. „Dann machen wir es morgen nochmal.“ Wenig später ist Schluss für den ersten Tag. Ann-Christin Schäfer ergreift nochmals kurz das Wort. „Das Training war ein bisschen anders als sonst.“ Sie hat recht. Und sie weiß es auch.
Die Zeit ist reif, um sich den Kids zu widmen. Um die geht es schließlich. Nicht nur heute. An drei Tagen des Wochenendes. Einer von ihnen ist Hannes Kranz vom VfL Philippsthal. Ende November wird er acht. Acht Jahre jung. Er kickt bei den F-Junioren des VfL. Täuscht der Eindruck, dass er viele Tore schießt? „Ja, ich schieße viele“, sagt er mit leiser Stimme. „Er bereitet sie aber lieber und eher vor“, sagt sein Vater Christoph, früher ein Bekannter im heimischen Amateurfußball und heute auch im Nachwuchsbereich engagiert. Ob es Hannes denn gefallen habe? „Ja. Es war sehr, sehr gut“, sagt er entschlossen. Da braucht er nicht lange zu überlegen. Als Hannes am Morgen hierher kam, war er noch sehr aufgeregt. Das legte sich aber mit dem Moment, als er die Kugel am Fuß hatte. Und er mochte auch sagen, was es ihm besonders angetan hatte. „Es waren viele Kinder da. Und es war schon anstrengend. Man musste ganz schön viel laufen.“
Die Schlussakkorde gebühren Ann-Christin Schäfer. Schließlich hat sie es nicht so weit und kehrt für Momente in diesen Tagen in ihr Kinderbett zurück; auch ihre Eltern Sabine und Markus ließen sich das Geschehen vor Ort nicht entgehen. Auch als Dritter hatte man, wie erwähnt, den Eindruck, dass das Programm der 05er-Fußballschule durchaus anspruchsvoll war – in viele Spielformen verpackt. Koordinative, kognitive und konditionelle Elemente waren darunter. Ohne dass die Kids das wirklich realisierten. „Wir wollen die Kinder eher ein bisschen überfordern als unterfordern“, sagte sie. „Viele machen die Übungen zum ersten Mal. Für uns ist in erster Linie wichtig, dass sie etwas lernen.“ Um ihr Vorhaben und um ihre Ziele zu konkretisieren, schiebt sie nach: „In Mainz machen wir das mit Sechs- oder Siebenjährigen. Wir haben da ein Förderprogramm. Jeden Tag am Campus des Nachwuchsleistungszentrums. Die Kids kommen zehn Wochen lang, einmal in der Woche.“
Wenn sich jemand ein Urteil über Stand und Wertigkeit, über eine Einschätzung erlauben kann, dann ist es Ann-Christin Schäfer. „Das Niveau ist relativ hoch hier. Aber die Konzentration ließ dann nach“, bemerkte sie. Kein Wunder. Neue Übungs- und Spielformen, viele Anforderungen und Aufgabenstellungen, nicht zuletzt auch konditionell. Sie ist sich bewusst darüber, „du hast hier in den Vereinen oft 20 Kinder und einen Trainer. Das hier war und ist etwas anderes.“ Und sie relativierte noch einmal. „Wir haben jetzt gerade in Mainz 140 Kinder gehabt. Für zwei Wochen in den Ferien. 16 Trainer hatten wir da zur Verfügung.“ Nochmals betont sie: „Es braucht die Wiederholungen.“
Es sei müßig und schwer zu sagen, ob das Wochenende auch dem gastgebenden VfL etwas bringe. Sie bringt das Folgende aber auf den Punkt und drückt es auch so aus: „Elementar ist, dass die Kinder Freunde finden. Dass sie mal was Neues sehen. Weg von dem Alltag im Verein. Eine Abwechslung. Mal einen anderen Trainer.“ Es gibt sie. Diese Situationen. Reichlich davon, dass die Trainer der „05er-Fußballschule“ auch pädagogisch gefragt sind. „Ja, der Zwiespalt. „Du darfst nicht jede Situation coachen. Aber man auch etwas verlangen.“ Nicht nur ihre Schwester Lisa wäre jetzt stolz auf Ann-Christin, die die Fußballschule des Bundesligisten seit April im Vollzeit-Job leitet, als Trainerin aber schon seit vier Jahren dabei ist. Auch wenn vieles ab Montag wieder im Alltag verschwindet, bei anderen aber noch nachwirkt: Für Momente war es auf und um den Sportplatz Am Hain eine Zeit der Impulse. Eine des Erwachens. +++ rl

and then
Hinterlasse jetzt einen Kommentar