Fuldaer Sicherheitspolitiker ergründen in Berlin die Brüche deutscher Geschichte

Kaum eine andere Stadt steht so sehr für das Wohl und Wehe der deutschen Geschichte wie Berlin. So facettenreich wie die Vergangenheit und Gegenwart dieser Stadt ist, war auch das Programm der aktuellen Jahresfahrt der Sektion Fulda der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP), die 50 GSP-Mitglieder und Gäste an die Spree führte. Dort erhielten sie in der „Gedenkstätte Deutscher Widerstand“ detailreiche Einblicke in den mutigen, letztlich aber erfolglosen Kampf deutscher Widerständler gegen das NS-Regime: unter anderem auch über die weniger bekannte Rolle des ehemaligen Chefs der Heeresleitung, Kurt Freiherr von Hammerstein-Equord. Hammerstein hatte bereits 1933 offen gegen Hitler und seine in einer Rede vor Generälen vorgetragenen militärischen Ziele, etwa das des „Kriegs gegen Russland“ und Schaffens „neuen Lebensraums im Osten“ opponiert. Sein Einsatz fand jedoch kaum oder gar keine Unterstützung. Ebenso wird in der Gedenkstätte an den früheren Fuldaer Oberbürgermeister Dr. Cuno Raabe erinnert, der zum Widerstandskreis um Carl Goerdeler gehört hatte und nach einem erfolgreichen Umsturz der NS-Regierung Reichsverkehrsminister hätte werden sollen.

An Widerstandskämpfer erinnert

Selbstverständlich standen jedoch die Anführer des Widerstands gegen Hitler im Mittelpunkt der Führung in den Büroräumen des Bendlerblocks, in dessen Innenhof Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg, General Friedrich Olbricht, Oberst Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim und Oberleutnant Werner von Haeften in der Nacht vom 20. auf den 21. Juli 1944 nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler sowie der misslungenen „Operation Walküre“ ermordet worden waren. An sie erinnert neben einer Gedenkplatte am Gebäude Richard Scheibes Skulptur „Junger Mann mit gebundenen Händen“ aus dem Jahr 1951, die symbolhaft für die existenzielle Bedrohung und das unausweichliche Ende der Widerständler steht.

Privileg und besonderes Erlebnis

Auf dem Programm, das Michael Trost, GSP-Sektionsbeauftragter für Informationsfahrten, in einem aufwendigen längeren Vorlauf vorbereitet, organisiert und schließlich durchgeführt hatte, stand neben dem Besuch der Gedenkstätte eine Führung im Humboldt-Forum. Unter dem Motto „Auf den Spuren der Geschichte“ konnte die Besuchergruppe die Entwicklung des Areals im Herzen der Stadt von der Hohenzollernresidenz über den Aufmarschplatz der SED bis hin zum Palast der Republik und letztlich einer Wiese nach dessen Abriss zwischen 2006 und 2008 nachvollziehen. Ein Besuch in der Berliner Julius-Leber-Kaserne, wo Hauptmann Niels-Hendrik Matthes als Presseoffizier die Aufgaben des Wachbataillons beim Bundesministerium der Verteidigung und Oberstleutnant Alexis Kamposch die Entwicklung des Kasernengeländes erläuterten, gewährte den Gästen aus Fulda seltene und einmalige Eindrücke in die Militärgeschichte und gegenwärtige Nutzung des Areals. Abgerundet wurde das dreitägige Programm durch den Vortrag von Hauptmann Florian Dennis Rüb über die „Neue Militärstrategie der Bundeswehr“ sowie zuvor mit einer Spreerundfahrt und einem Ausflug ins Berliner Deutsche Spionagemuseum. Das Echo der Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf Trosts sicherheitspolitische Informationsfahrt in die Bundeshauptstadt fiel entsprechend aus: Das Lob reichte von ein „außergewöhnlich dichtes und informatives Programm“ über ein „besonderes Erlebnis“ oder „Privileg der besonderen Art, einen Blick hinter die Kulissen der deutschen Verteidigungsfähigkeit“ werfen zu können.

Nah dran am Zeitgeschehen

Wer an das Wachbataillon der Bundeswehr denkt, denkt automatisch an den obligatorischen roten Teppich, die protokollarischen Aufgaben der Soldatinnen und Soldaten in ihren schicken Uniformen sowie an absolut präzise militärische Formation. Doch das allein ist es nicht, womit sich die in der Julius-Leber-Kaserne stationierte Truppe beschäftigt. In ihren Händen liegt ebenso der Schutz der Regierungseinrichtungen im Spannungs- oder Verteidigungsfall. Das 1957 ursprünglich als „Wachregiment Bonn“ ins Leben gerufene Wachbataillon ist eben alles andere als eine „Show-Truppe“, wovon sich die Gäste aus Osthessen bei einer kleinen infanteristischen Schau-Übung überzeugen konnten. Unter dem Wahlspruch „SEMPER TALIS – stets gleich“ versuchen die rund 1000 zum Bataillon gehörenden Soldatinnen und Soldaten unter dem Kommando von Oberstleutnant Maik Teichgräber, täglich ihr Bestes zu geben. Übrigens: Seit dem Wegfall der Wehrpflicht muss längst niemand mehr mindestens1,80 bis1,85 Meter groß sein, um im Wachbataillon dienen zu können, räumt der Presseoffizier mit einer landläufigen Meinung auf. „Wir stellen bereits ab 1,60 bis zwei Meter ein“, betonte Matthes und nannte als besonderen Reiz dieses Dienstes, dass man „sehr nah dran am Zeitgeschehen“ sei, was „es so spannend macht.“

„Schönste Kaserne“

Die rund 90 Hektar große nach dem Widerstandskämpfer Julius Leber benannte Kaserne, in der eine der größten Einheiten der Bundeswehr heute untergebracht ist, hat eine wechselvolle Geschichte. 1824 als Artillerie-Schießplatz angelegt, 1898 zur Luftschifferkaserne umgebaut, als Polizei-Kaserne (1918) und als Soldatenwohnstadt Hermann Göring in der NS-Zeit genutzt, diente sie den Franzosen 49 Jahre lang als Hauptquartier in Berlin unter der Bezeichnung „Quartier Napoleon“. Wie Oberstleutnant Alexis Kamposch erläuterte, hätten auf dem Flugplatz der Kaserne unter anderem die beiden Luftfahrtpioniere Rudolf Nebel und Wernher von Braun ihre Raketen erprobt. Der großzügige Ausbau der Fläche in den 30er Jahren im Stil einer Gartenstadt mit vielen Grünflächen habe der Anlage in der NS-Propaganda den Titel der „schönsten Kaserne der Welt“ beschert. Inzwischen steht das Gelände der Julius-Leber-Kaserne unter Denkmalschutz, soll aber in den nächsten Jahren an die gestiegenen Anforderungen der Landes- und Bündnisverteidigung durch Neubauten und Modernisierungen angepasst werden.

Truppe in Transformation

Eine zahlen- und faktenreiche Übersicht über eine „Truppe in Transformation“ lieferte Hauptmann Rüb in einem der Vortragssäle im historischen Gebäude des Bundesverteidigungsministeriums. „Die Neue Militärstrategie der Bundeswehr“, lautete der Titel von Rübs Vortrag, in dem er unter anderem über die Entwicklungsgeschichte der 1955 mit dem Ziel der Landes- und Bündnisverteidigung gegründete Armee referierte, die sich in den 90er und folgenden Jahren zu einer Einsatzarmee gewandelt habe. Spätestens seit Russlands Angriff auf die Ukraine 2022, der Zeitenwende-Rede des damaligen Bundeskanzlers Olaf Scholz und dem 100 Milliarden Euro starken Sondervermögen für das Militär sei jedoch der Punkt gekommen, an dem die Bundeswehr wieder zu ihrer ursprünglichen Aufgabenstellung zurückkehren müsse. Dies verändere die Bundeswehr sowohl personell als auch materiell. Laut Rüb müsse nun die Frage gestellt werden: „Welche Streitkräfte brauchen wir?“ Auf alle Fälle eine Armee, die spürbar aufwächst, wie der Offizier mit Blick auf Zahlen betonte: von derzeit 186.705 Soldatinnen und Soldaten auf die Zielgröße von 260.000 Mann (plus 200.000 Reservisten) Mitte der 2030er Jahre. Und: Die Armee müsse technologisch überlegen sein. Zu Zeiten der KFOR-Einsätze auf dem Balkan habe die Bundeswehr keine hochmodernen Waffen wie den US-Jet F 35 benötigt. „Jetzt aber brauchen wir diese hochmodernen Waffen.“ Denn die Weltlage habe sich grundlegend geändert. Russland gelte als „große Bedrohung.“ Hybride Angriffe, ein volatiles internationales Umfeld und technologische Trends seien weitere Faktoren, „mit denen umgegangen werden muss.“

Dank an Trost

In Anlehnung an das Motto des Wachbataillons dankte Fuldas Sektionsleiter Michael Schwab seinem Amtsvorgänger und GSP-Beauftragten für Informationsfahrten für seinen außergewöhnlichen Einsatz. Im Sinne von „SEMPER TALIS“ sei das Programm der diesjährigen großen Berlin-Fahrt „vollkommen gewesen, informativ und ausgesprochen anregend“, wie auch die Mitreisenden in ihren Reaktionen bestätigt hätten. +++


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