Frühstartrente beschlossen: Wie zehn Euro im Monat das Rentenjahr 2085 sichern sollen

Deutsch, Bundestag

Es ist ein Beschluss, dessen tatsächliche Ernte erst in sechs Jahrzehnten eingefahren wird – in einer Zeit, die den meisten heute im Berliner Reichstag versammelten Abgeordneten fremd und fern bleiben dürfte. Am Freitagmittag hat das Parlament die Weichen für einen Systemwechsel in der deutschen Alterssicherung gestellt: Mit der sogenannten Frühstartrente steigt die Bundesrepublik in eine frühe, staatlich geförderte Kapitaldeckung für Kinder ein. Was auf den ersten Blick nach einer unscheinbaren Fußnote im Bundeshaushalt aussieht, birgt den Versuch, das Prinzip des Zinseszinses tief im kollektiven Vorsorgebewusstsein zu verankern.

Die parlamentarische Bruchlinie verlief entlang der klassischen lagerpolitischen Gräben. Die Regierungskoalition aus Union und SPD brachte den Gesetzentwurf in zweiter Lesung durch den Bundestag. Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke stimmten geschlossen dagegen, während sich die Abgeordneten der AfD der Stimme enthielten.

Das verabschiedete Modell setzt denkbar früh an, zielt aber exakt auf eine definierte Zielgruppe: Kinder und Jugendliche im Alter zwischen sechs und 18 Jahren sollen den Grundstein für ihre private Altersvorsorge legen. Erste Nutznießer sind die Jungen und Mädchen des Geburtsjahrgangs 2020. Für ältere Jahrgänge besteht künftig zwar die Option, private Verträge aufzusetzen, eine staatliche Zulage fließt für sie jedoch nicht. Ab dem Jahr 2027 wächst das System schrittweise auf: Jeweils derjenige Jahrgang, der im laufenden Kalenderjahr seinen sechsten Geburtstag feiert, wird neu in die Förderung aufgenommen. Das Vorhaben lässt sich der Bund einiges kosten: Für das Jahr 2027 sind Ausgaben von 198 Millionen Euro veranschlagt, bis zum Jahr 2030 soll das Fördervolumen kontinuierlich auf 411 Millionen Euro jährlich steigen.

Die Mechanik der Frühstartrente ruht auf zwei Säulen. Der Staat gewährt einen Zuschuss von zehn Euro pro Monat und Kind. Um dieses Geld in Anspruch zu nehmen, können Eltern einen individuellen, kapitalgedeckten Altersvorsorgedepot-Vertrag bei einem autorisierten Anbieter abschließen, in den die Förderung direkt einfließt. Dieser Sparplan lässt sich flexibel erweitern: Bis zu 6.840 Euro dürfen Eltern oder Verwandte pro Jahr zusätzlich einzahlen.

Um jedoch zu verhindern, dass die Initiative an den Küchentischen überforderter oder desinteressierter Familien versandet, zieht der Gesetzgeber ein Sicherheitsnetz ein. Schließen Eltern keinen individuellen Vertrag ab, überweist der Bund die zehn Euro monatlich in eine kollektive Anlage am Kapitalmarkt. Zu diesem Zweck wird zum 1. Januar 2028 ein eigenes Bundessondervermögen „Frühstartrente“ aus der Taufe gehoben. Das ersparte Geld ist langfristig gebunden: Eine Auszahlung des geförderten Kapitals ist grundsätzlich erst mit Vollendung des 65. Lebensjahres zulässig. Für den Premierenjahrgang 2020 wird die Kasse somit frühestens im Jahr 2085 geöffnet.

Im Wahlkreis Fulda stößt das Vorhaben auf entschiedene Zustimmung. Der osthessische CDU-Bundestagsabgeordnete Michael Brand wertet das Votum als Meilenstein einer generationenübergreifenden Sozialpolitik und als handfesten Beweis politischer Verlässlichkeit. „Das ist etwas Neues und Großartiges, weil es junge Menschen sehr konkret unterstützt und Anreize setzt, frühzeitig auch selbst für später vorzusorgen“, betont Brand unmittelbar nach der Abstimmung in Berlin.

Aus Sicht des Abgeordneten entfaltet das Vorhaben eine Hebelwirkung, die weit über den bloßen Staatszuschuss hinausgeht. Nach aktuellen Modellrechnungen können die monatlich zehn Euro über die Jahrzehnte bis zum Renteneintritt allein durch Zins und Zinseszins auf rund 53.000 Euro anwachsen. Schießen Eltern, Paten oder Angehörige weitere 50 Euro im Monat zu, überschreitet das Polster bis zum Ruhestand die Marke von 300.000 Euro. Als wesentlichen Vorzug hebt Brand hervor, dass die anfallenden Erträge bis zum Beginn der eigentlichen Auszahlungsphase vollständig steuerfrei bleiben.

„Dieser Einstieg in eine völlig neue, stabile private Säule der Alterssicherung ist für die junge Generation von enormer Bedeutung“, erläutert Brand. „Damit lösen wir ein weiteres Wahlversprechen ein. Auch der heutige Beschluss zeigt, dass nicht geredet, sondern konkret zum Besseren verändert wird.“

Früh anfangen zahle sich messbar aus, so die Überzeugung des Fuldaer Politikers. Indem der Staat die Initiative ergreift und vorlegt, eröffne er Familien den Spielraum, die Startbedingungen ihrer Kinder nachhaltig zu verbessern und ihnen die Basis für einen wirtschaftlich selbstbestimmten Lebensweg zu legen. „Der staatliche Anreiz, früh damit anzufangen, stellt dabei eine ganz wichtige Weiche, um vom jahrzehntelangen Zinseszinseffekt zu profitieren“, konstatiert Brand.

Bei aller finanzmathematischen Logik liegt in der Frühstartrente auch ein kulturpolitischer Schwenk. Jahrzehntelang war die Debatte um die Altersvorsorge in Deutschland von Skepsis gegenüber Aktienmärkten und der fast ausschließlichen Fixierung auf das umlagefinanzierte System geprägt. Die zehn Euro im Monat wirken wie eine symbolische Einstiegsdroge in den Kapitalmarkt – pädagogisch wie fiskalisch. Während Kritiker das Modell als unzureichende Antwort auf das drohende Demografieproblem abtun und die Marktrisiken betonen, setzt die Koalition auf den Faktor Zeit als stärksten Verbündeten.

Ob die Rechnung bis zum Jahr 2085 aufgeht, hängt letztlich nicht nur von globalen Marktrenditen ab, sondern auch davon, wie viele Familien das Angebot nutzen, das Sparkonto ihrer Kinder eigenständig zu dotieren. Mit der Einrichtung des staatlichen Auffangfonds ab 2028 stellt die Bundespolitik jedoch sicher, dass kein Kind leer ausgeht. Der Beschluss von diesem Freitag ist damit mehr als ein Haushaltsdetail: Er ist das Eingeständnis, dass die Rente von morgen dort beginnen muss, wo das Berufsleben noch ein halbes Jahrhundert entfernt ist – im Grundschulalter. +++


Popup-Fenster

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*