Freiwillige Sorgearbeit reproduziert geschlechterspezifische Ungleichheiten

Derzeitige Strukturen produzieren neue Sorgelücken

In sorgenden Gemeinschaften sollen freiwillig Engagierte neben professionellen Dienstleistern eine Mitverantwortung für die Versorgung und Unterstützung älterer Menschen übernehmen. So will es die Politik. Doch Sorgearbeit gilt nach wie vor als weiblich. Yvonne Rubin, Sozialwissenschaftlerin an der Hochschule Fulda, hat untersucht, wie ehrenamtliche Sorgearbeit traditionelle Rollenmuster verfestigt. Sie zeigt: Für beide Seiten – die freiwillig Engagierten wie die auf Unterstützung Angewiesenen – ist die derzeitige Praxis weder bedürfnisgerecht noch praktikabel.

Die Lösung scheint auf den ersten Blick einfach: Um Sorgelücken zu schließen, rufen Politiker nach freiwillig Engagierten, die Aufgaben in der Sorgearbeit für ältere Menschen übernehmen. Yvonne Rubin, Sozialwissenschaftlerin an der Hochschule Fulda, hat in einer empirischen Studie untersucht, was das für die Gleichstellung bedeutet und welche Folgen sich daraus für die freiwillig Engagierten wie die auf Hilfe angewiesenen älteren Menschen ergeben. Die Arbeit entstand als Dissertation im hochschulübergreifenden Promotionszentrum Soziale Arbeit und wurde an der Hochschule Fulda von Prof. Dr. Monika Alisch betreut. Ihre Kernthese: Die Unterstützung und Versorgung älterer Menschen in Form eines freiwilligen Engagements reproduziert geschlechterspezifische Ungleichheiten.

Derzeitige Organisation der Sorgearbeit geht zu Lasten von Frauen

Sorgende Tätigkeiten, so zeigt die Autorin, sind noch immer weiblich konnotiert und werden vornehmlich von Frauen erbracht. Der Ruf nach freiwilligem Engagement zur Versorgung und Unterstützung älterer Menschen gehe damit in erster Linie zu Lasten der Frauen. Häufig reduzierten Frauen ihre Erwerbsarbeit, zahlten dadurch geringere Rentenbeiträge, nähmen nicht nur finanzielle Einbußen durch Teilzeitarbeit in Kauf, sondern langfristig gesehen auch geringere Rentenzahlungen. „Das fördert das Risiko der Altersarmut von Frauen“, argumentiert Yvonne Rubin und erläutert: „Wer im Alter nur eine geringe Rente erhält, ist am wahrscheinlichsten auf freiwilliges Engagement angewiesen – ob als Empfängerin von Hilfeleistungen, weil kein Geld für professionelle Unterstützungsleistungen vorhanden ist, oder als freiwillig Engagierte, weil sogenannten Aufwandsentschädigungen für die freiwillige Tätigkeit als Zusatzeinkommen benötigt werden.“ Auch die Problematik, Erwerbsarbeit und sorgende Tätigkeiten miteinander zu verbinden, bleibe unter den derzeitigen Voraussetzungen in erster Linie ein Problem der Frauen. Denn durch eine nahezu ausschließliche Fokussierung auf Erwerbsarbeit stünden dafür kaum ausreichende Zeitressourcen zur Verfügung. „Wer die derzeitige Organisation sorgender Tätigkeiten fördert, fördert auch geschlechtsspezifische Ungleichheiten“, bringt es die Fuldaer Sozialwissenschaftlerin auf den Punkt.

Vereine kategorisieren Leistungen wie professionelle Anbieter

Dass neben den strukturellen Rahmenbedingungen auch die Akteurinnen und Akteure in den Bürgerhilfevereinen dazu beitragen, geschlechterspezifische Ungleichheiten zu reproduzieren, zeigt Yvonne Rubin am Beispiel zweier Vereine auf. So arbeitet sie heraus, dass sorgende Tätigkeiten hier ähnlich klassifiziert werden wie in der beruflichen Pflege. Die Akteurinnen und Akteure unterscheiden zwischen Tätigkeiten von höherem und geringerem Stellenwert, zwischen geeigneten und ungeeigneten Tätigkeiten, um zu helfen. Geeignet erscheinen demnach standardisierbare Tätigkeiten, wie eine Fahrt zum Arzt oder ein Einkauf. Sie werden als ‚Hilfe‘ verstanden. Anders solche Tätigkeiten, die darauf ausgerichtet sind, soziale Teilhabe zu ermöglichen, wie etwa sogenannte Waffelcafés. Sie werden nicht als Hilfe bewertet und gelten als zusätzliche, im Stellenwert geringere Angebote des Bürgerhilfevereins, als Freizeitangebote – und werden ausschließlich von Frauen durchgeführt. Diese Kategorisierung wirke sich auch auf diejenigen aus, die die Leistungen der Bürgerhilfevereine in Anspruch nehmen. Denn mit ihren Bedürfnissen werde ähnlich verfahren: Bedürfnisse, die sich auf Gemeinschaft und damit auf weiblich konnotierte Werte wie Emotionalität, Empathie und Anteilnahme beziehen, werden im Vergleich zu Bedürfnissen wie eine Begleitung zum Arzt nicht als legitim anerkannt und auf diese Weise abgewertet.

Derzeitige Strukturen produzieren neue Sorgelücken

So kommt die Fuldaer Sozialwissenschaftlerin zu dem Schluss, dass die derzeitige Praxis der Sorgearbeit gleich aus mehreren Gründen als problematisch zu werten ist: Erstens produziere die Vergesellschaftung der Sorgearbeit unter den genderspezifischen Rahmenbedingungen neue Versorgungslücken, indem sie weibliche Altersarmut begünstige. Zweitens komme den weiblich konnotierten Gemeinschaftsangeboten ein nur geringer Stellenwert zu, obwohl aus der Sicht der älteren Menschen gerade hier großer Bedarf bestehe. Und drittens könne das Ehrenamt schon heute die Versorgungslücken nicht füllen. „Über die Interessensorientierungen freiwillig engagierter Personen wissen wir: Sie entscheiden, wo sie sich engagieren, wie oft und wie lange. Sie engagieren sich schwerpunktmäßig in kurzfristigen Projekten. Und sie entscheiden auch, wann sie sich nicht mehr engagieren wollen“, sagt Yvonne Rubin. Die Übernahme sorgender Tätigkeiten brauche in der Regel jedoch ein langfristiges und verbindliches Engagement. Eine Übernahme sorgender Tätigkeiten könne nicht in kurzfristigen Projekten erfolgen, betont die Fuldaer Sozialwissenschaftlerin.

Sorgearbeit braucht bedürfnisorientierte Rahmenbedingungen

Yvonne Rubin zieht daraus den Schluss: „Wir brauchen für die Sorgearbeit Rahmenbedingungen, die eine Bedürfnisorientierung sowohl auf Seiten der Sorge-Leistenden, als auch auf Seiten der Sorge-Inanspruchnehmenden ermöglichen.“ Der Schlüssel dafür läge in grundsätzlich anderen Strukturen: So forderten Sorgende und Sorgeempfangende derzeit in bundesweiten Zusammenschlüssen eine generelle Reduktion der Erwerbsarbeit auf 30 Stunden pro Woche. „Sorgende Tätigkeiten und die Übernahme sorgender Tätigkeiten dürfen zudem nicht länger in erster Linie aus der Perspektive der Arbeitgebenden und somit möglichst geringer Lohnnebenkosten verhandelt werden, wie es für die derzeitige Pflegeversicherung gelte“, fordert sie. Obgleich sich die Bedingungen für Sorgearbeit momentan als ein Problem darstellten, das vor allem Frauen betreffe, so handle es sich um ein gesamtgesellschaftliches Problem. Männer, die Sorgearbeit übernähmen, stünden ebenso vor der Herausforderung, Erwerbsarbeit und sorgende Tätigkeiten miteinander zu vereinbaren, und müssten bei Teilzeitarbeit ebenso geringere Rentenzahlungen in Kauf nehmen. „Die derzeitige Praxis ist schlecht für alle“, betont Yvonne Rubin und gibt zu bedenken: „In unseren Lebensverläufen sind wir alle zu unterschiedlichen Zeitpunkten auf sorgende Tätigkeiten und auf die Möglichkeit, diese übernehmen zu können, angewiesen.“ +++

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