Erzähl-Werkstatt für fantasievolle Ferienkinder

Großenlüder. Mit diesem Fadenspiel, das in mir sofort Kindheitserinnerungen weckt und das viel Geschick und Fingerbeweglichkeit erfordert, werde ich von 10 Kindern in der Erzähl-Werkstatt der Bürgerstiftung Großenlüder begrüßt. Und so entsteht unter dem obigen Spruch in erstaunlicher Geschwindigkeit eine Tasse, ein Segelschiff, ein Leuchtturm und ein Kleiderhaken. Ich gehöre dem Vorstand der Bürgerstiftung an und besuche die „Erzähl-Werkstatt“ im Feuerwehrhaus in Großenlüder, die die Bürgerstiftung im Rahmen der gemeindlichen Ferienspiele angeboten hat. Die Ferienkinder aus der Gemeinde genießen vier „Sommergeschichten-Tage“ mit Spaß, Fantasie und Geschichten. Sie werden angeleitet und begleitet von den beiden Profierzählerinnen Gudrun Rathke und Heike Münker.

Nachdem die Kinder mir erzählen, welche Geschichten sie schon gehört haben, geht es los mit dem Geschichten erzählen – selbst ausgedachten Geschichten. Die Kinder haben sich aus drei Hinweisen, die nach dem Prinzip „wer, wo und was ist das Problem“ benannt wurden, eine Geschichte ausgedacht. Und nun stehen sie vor mir und beginnen zu erzählen. Natürlich fängt alles mit „Es war einmal…“ an. Ich bin gespannt, neugierig und überrascht, belustigt und erstaunt. Mit einer erstaunlichen Klarheit werden die ineinandergreifenden Handlungen mit gut dosierten Spannungsmomenten vorgetragen. Alles scheint im Fluss und wie ein roter Faden läuft die Geschichte ab. Sie wird wechselnd von 5 Kindern erzählt. Wenn ich die Augen schließe, höre ich die gut betonten Sätze und weiß nicht mehr, wird hier abgelesen oder vorgetragen.

„Nein“, sie haben sich nichts aufgeschrieben. Sie haben die ausgedachten Geschichten im Kopf und tragen sie im Erzählfluss vor. Es ist eine echte Teamarbeit und jedes Mal darf sich die Geschichte etwas anders anhören. „Beim Erzählen macht die Geschichte einfach, was sie will“, klärt mich Gudrun Rathke auf. „Und wenn fünf Kinder erzählen, kommen fünf Mal unterschiedliche Dinge raus“. Es gibt keine direkt verteilten Rollen. Jedes Kind kann immer weitererzählen, wenn ein Kind die Szene abgibt. Wer sagt eigentlich, Kinder können nicht zuhören? Um eine gemeinsam ausgedachte Geschichte vortragen zu können, muss man zuhören, und zwar sehr konzentriert. Die Ferienkinder jedenfalls können es. Sie wissen innerhalb der Geschichte genau, was jetzt passieren muss, kennen den roten Faden und können alle einspringen, zu jeder Zeit und an jedem Punkt und immer mit ihrer nie erschöpfenden Fantasie.
Vielleicht ist das das Geheimnis, wenn mehrere eine Geschichte erfinden. Die geschriebene Geschichte im Buch ist immer dieselbe. Hier aber beeinflusst jeder die Geschichte. Und beim Erzählen wahrscheinlich immer anders. „Nur der rote Faden ist konstant“, so Rathke.

Und woher kommen die Geschichten? „Sie liegen auf der Strasse, sagt Heike Münker. Und tatsächlich, beim Gang zum Mittagessen, erleben es die Kinder: „Da steht ein einsames Pferd“, oder was ist mit der „einsamen Pommes“ , solche Bemerkungen sind die Grundlage für immer neue Geschichten. Geschichten, die aufgehoben und weiter gesponnen werden wollen. Und die Kinder tun das. Sie zeigen mir wie es geht. Sie ziehen aus einem Glas einen grünen Zettel. Darauf steht die Person „Ein Regenmann“. Auf dem zweiten gelben Zettel steht: „Im Weltall“ und auf dem dritten roten Zettel: „wünscht sich den Mond“. Das reicht für eine Geschichte. Die Kinder sind längst in ihrem Element. Im Sauseschritt betreten sie ihre eigene Fantasiewelt und erfinden eine wunderbare Geschichte, die mit viel Lachen und viel Freude endet. Ich bin begeistert, die Kinder glücklich.

Am nächsten, dem letzten Tag sind Eltern, Geschwister und Freunde zum „bunten Geschichtenreigen“ eingeladen. Jetzt ist Premiere, jetzt zeigt sich, ob die Geschichten auch vor Publikum noch im Kopf sind. Sie sind es. Ja, der rote Faden ist immer noch da. Und mittendrin darf sich etwas verändert haben. Denn davon leben Erzählgeschichten. Heike Münker und Gudrun Rathke überreichen jedem Kind eine Urkunde dafür, dass die Kinder mit durch „Narrare“ reisten, Geschichten hörten, die Geschichtenerfindemaschine in Gang setzten, das Blaue vom Himmel erzählten, den roten Faden fanden und der Fantasie Flügel verliehen. Ich bin sicher, diese Kinder können ab jetzt jederzeit neue Geschichten erfinden und erzählen. Glückwunsch an sonnige Soraya, Jaguar Johanna, chillende Charlotte, Maus Magdalena, mutige Maja, Computer Cosima, Clown Carlotte, Stern Stella, Johannesbeer Jette und Laus Lara. +++

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