Profifußballer und Profisportler haben‘s gut. Die erhalten in solchen Phasen mentale Unterstützung. In diesen Sphären bewegen sich die Kicker des Hünfelder SV nicht. Dabei haben sie gar nicht mal groß etwas falsch gemacht. Gut, auswärts zeigen sie oft, was in ihnen steckt – aber auf eigenem Platz, da klemmt‘s in jüngster Vergangenheit. Starke Auftritte legen sie hin, in denen sie fast immer konkurrieren mit ihren Gegnern und mehr oder weniger beziehungsweise lange auf Augenhöhe sind. Auch jetzt war das beim 0:4 (0:1) gegen Eintracht Stadtallendorf so – im Heimspiel zuvor gegen Türk Gücü Friedberg auch.
Da hatte ein Assistent eine Abseitsstellung angezeigt beim entscheidenden 0:2 – jetzt erzielte David Costa Sabate das an sich reguläre Tor zum 1:1 in der 54. Minute. Dachten viele in der Rhönkampfbahn. Doch der Schiedsrichter erkannte den Treffer wegen angeblichen Handspiels nicht an. Die HSV-Fußballer wollen nur Gerechtigkeit, doch die gibt es im Fußball, das ja ein Spiel ist – was viele in ihrer Wahrnehmung, auch in höheren Klassen oder vorm TV vergessen -, nicht. Das alles riecht nach viel psychischer Arbeit. Weniger nach fußballerischer Arbeit; Hünfelds Trainer, der Staff und die Spieler, es sind ja auch nur Menschen. Doch auch die Schiedsrichter tragen zunehmend mehr Verantwortung in einer Zeit, in der sie immer stärker im Mittelpunkt stehen oder dorthin gerückt werden.
Widmen wir uns der Knackpunkt-Situation. Ein feiner, mit Arbeit verbundener Angriff des HSV elektrisierte die Zuschauer dieses temporeichen, heiß umkämpften und rassigen Duells in der Rhönkampfbahn. Luca Uth, auch dieses Mal ein Arbeiter vor dem Herrn, tankte sich über links durch, spielte mit einem Mitspieler Doppelpass, brachte eine auf den ersten Blick lang geratene Flanke herein, Max Lindemann brachte die mit letztem Einsatz vors Tor – und David Costa Sabate drückte die Kugel über die Linie – 1:1? Denkste. Costa Sabate, dem dieses Tor wegen seines arbeitsreichen Einsatzes in der Tat zu gönnen gewesen wäre, soll den Ball mit der Hand gespielt haben. Eine exklusive Sichtweise des Schiedsrichters. Mario Rohde, 1. Vorsitzender und Fußball-Abteilungsleiter des Hünfelder SV, meinte nur trocken und resigniert: „Letztes Mal gegen Türk Gücü schon und heute wieder – Heim-Schiedsrichter haben wir nicht.“
Die Szene des nicht gegebenen Tores hatte Folgen. Natürlich. Fußball ist ja auch ein Spiel. Nur wenige Minuten später nahm der Vergleich seinen Lauf. Der HSV blieb am Drücker, als Lindemanns Abschluss geblockt wurde (59.) – und im Gegenzug stellte Stadtallendorf auf 2:0. Nach einem Konter und schlechter Restverteidigung des Gastgebers war Nico Häuser beim Eins-gegen-eins gegen Loris Weiss auf sich allein gestellt. Mehr noch: Eine Minute darauf traf Lucas Pistor zum 3:0 – mit etwas Glück bei seinem 16. Saisontor. Damijan Heuser setzte gar in Minute 65 das 4:0 drauf. Drei Gegentore in sechs Minuten – ja, es liest sich so. Aber: Das HSV-Team musste diese „Knackpunkt-Situation“ ja erstmal wegstecken, die Szene der „Benachteiligung“ aus der Partie gegen Türk Gücü kommt hinzu – und im Spiel Fußball geht es bisweilen schnell und verdammt zügig, bis eine Entscheidung fällt. Nachlassendes eigenes Verhalten aus HSV-Sicht in kleinen Momenten und die Stärke des Kontrahenten, der nie nachließ und stets an den Ketten zerrte, bis „das Ding durch war“, kamen hinzu.
Denn die Eintracht aus Stadtallendorf präsentierte sich als echtes Spitzenteam und wurde dem Ruf als aktueller Tabellenführer gerecht. Durchaus beeindruckend war ihr Selbstverständnis. Besonders in der Anfangsphase erkannte man das, als der Gast nach gewonnenen Zweikämpfen nicht nur schnell umschaltete, sondern man seinem Spiel anmerkte, dass er die Bälle in Eins-gegen-eins-Situationen auch gewinnen würde. Gut aufgeteilt und geordnet war das Vorgehen, physisch stark und immer mit Druck auf Ball und Gegner gerichtet. Philipps ragte aus der Vierer-Abwehrkette heraus, mit Safiew harmonierte er gut. Die Sechser Funk, der prima arbeitete und stets anspielbar oder bereit für den Aufbau war, und der Ex-Baunataler Berninger-Boshammer dominierten zudem im Mittelfeld. Nicht von ungefähr waren die stärksten Kräfte des Gastes für das 1:0 verantwortlich. Berninger-Boshammer bediente mit punktgenauem Pass in die Tiefe und in die innere Mitte Leon Lindenthal – und der, auffälligster Angriffsspieler Stadtallendorfs und viel unterwegs, traf. In Torjäger-Manier. So, wie er es sein ganzes Leben zuvor gemacht hatte.
Dabei machte es der HSV, bis auf das Verteidigen des 0:1, gar nicht mal schlecht. Massiv und in tiefem Block verteidigte der Gastgeber, verengte geschickt offensive Räume des Gegners – der sie zunächst auch kaum fand. Wenn er nicht den Ball zu leicht im eigenen Besitz verlor und sein mannschaftliches Verhalten öffnete oder die Disziplin aufgab. Doch langsam, aber sicher wurde der HSV im Spiel mit Ball mutiger. Er zeigte durchaus, was in ihm steckt und griff einige Male beherzt an. Erstmals, als Jemo Kassa ein tolles Dribbling aufzog, aus spitzem Winkel jedoch verzog (15.).
Oder als Uths Abschluss im Anschluss an eine Ecke und dem Zusammenspiel mit Lindemann knapp übers lange Eck des Tores ging – vorausgegangen war ein zügiger und schneller Angriff (24.). Dass Hünfeld längst seine anfangs offensive Zurückhaltung abgelegt hatte, wurde auch ersichtlich, als Costa Sabate Maxi Fröhlichs Eingabe im Torraum nicht richtig erwischte (27.). Demgegenüber steht noch eine „dicke Chance“ des Gastes, als Hünfelds starker Innenverteidiger Keanu Banh kurz vor der Linie rettete und das 0:2 verhinderte (35.). Die größte Gelegenheit bot sich dem HSV, als ein schneller Konter über Uth Max Lindemann erreichte, der aus aussichtsreicher Position abzog – Gästekeeper Schneider indessen klasse reagierte am kurzen Pfosten (36.). Und noch einmal war Costa Sabate im Abschluss-Pech, als Uth wie immer stark angetrieben und vorbereitet hatte, Fröhlich mitnahm und der nach innen gab. Wie sagte ein neutraler Zuschauer: „Es hätte 1:1 stehen müssen zur Pause.“
Dann kam die 54. Minute – und die Dinge nahmen ihren Lauf in der Rhönkampfbahn. „Gegen Allendorf kann man mal verlieren“, stimmte der Anhang des Spitzenreiters an. In beachtlicher Stärke waren sie angereist, um ihr Team zu unterstützen. Ein paar Aspekte blieben noch haften beim HSV. Neben der fehlenden Durchschlagskraft, die sich in den vergangenen Wochen schon bemerkbar machte, stimmt auch irgendetwas im Mittelfeld nicht – in jener Zone, in der Spiele entschieden werden. Zudem spielen einige Spieler nicht „mannhaft“ genug. Dennoch – und das bleibt die Kernaussage: Vorwerfen konnte man dem HSV nichts. Wille, Kampf, Leidenschaft waren gegeben, in Sachen Biss und Aggressivität kann man etwas draufpaken. Schon am Freitagabend geht‘s im kommenden Spiel zu Regionalliga-Absteiger Alzenau. Nach getaner psychischer Arbeit wartet die nächste Herausforderung.
Hünfelder SV: Maul – Kemmerzell, Häuser, Banh, Zentgraf – Paliatka (65. Kümmel), Uth – Lindemann, Kassa (83. Roth), Maximilian Fröhlich – Costa Sabate (76. Witkowski)
Eintracht Stadtallendorf: Schneider – David Fröhlich, Philpps, Safiew, Juwara (76. Onyekwere) – Funk (85. Rinderknecht), Berninger-Boshammer – Weiss (76. Bremer), Heuser (74. Stein), Lindenthal – Pistor
Schiedsrichter: Simon Heß
Tore: 0:1 Leon Lindenthal (13.), 0:2 Loris Weiss (59.), 0:3 Jacob Pistor (62.), 0:4 Damijan Heuser (64.) +++ rl

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