„Die Leser sind nicht dumm“: Funke-Verlegerin rechnet mit der Medienbranche ab

Julia Becker fordert mehr Selbstkritik im Journalismus. Gerade beim Blick auf Ostdeutschland hätten Medien zu oft aus einer westdeutschen Perspektive berichtet. Gleichzeitig warnt die Funke-Verlegerin davor, kritische Fragen an die AfD auszusparen.

Die Medienbranche muss sich nach Ansicht von Funke-Verlegerin Julia Becker stärker mit ihrer eigenen Rolle auseinandersetzen. Zu oft hätten Journalisten den Blick auf bestimmte Teile der Gesellschaft verengt – und damit womöglich selbst dazu beigetragen, dass Menschen das Gefühl entwickelten, von den Medien nicht verstanden zu werden.

Besonders deutlich wurde Becker beim Thema Ostdeutschland. In der Berichterstattung werde noch immer häufig von „dem Osten“ gesprochen, als handele es sich um eine einheitliche gesellschaftliche Kategorie. Ein solcher, vielfach westdeutsch geprägter Blick könne dazu geführt haben, dass sich Menschen dort nicht ausreichend gesehen und verstanden fühlten.

Verständnis heißt nicht Nachsicht

Becker plädierte deshalb für mehr Selbstkritik – ohne daraus einen Verzicht auf kritischen Journalismus abzuleiten. Gerade bei politischen Parteien wie der AfD müsse der Journalismus genau hinschauen.

Auch AfD-Vertreter müssten sich kritischen Fragen stellen. Parteiprogramme gehörten sorgfältig geprüft und politische Aussagen eingeordnet. Mehr Verständnis für unterschiedliche gesellschaftliche Erfahrungen dürfe nicht bedeuten, politische Kontroversen zu vermeiden.

„Die Leser sind nicht dumm“

Gleichzeitig stellte Becker die klassische journalistische Trennung von Nachricht und Meinung heraus. Journalismus müsse verlässliche Informationen liefern. Welche Schlüsse daraus gezogen werden, sollten die Bürger jedoch selbst entscheiden können.

Unterstützung bekam sie von Eric Gujer, Chefredakteur der „Neuen Zürcher Zeitung“. Auch er forderte mehr Offenheit für unterschiedliche Perspektiven. Die Glaubwürdigkeit sei das „höchste Gut“ des Journalismus.

Sein Satz dürfte dabei besonders hängen bleiben: **„Die Leser sind nicht dumm.“** Sie würden sehr wohl bemerken, wenn wichtige Sichtweisen in einer Berichterstattung fehlten.

Die Debatte auf dem Stiftungstag der Brost-Stiftung auf dem Gelände der Zeche Zollverein berührt damit einen wunden Punkt der Branche: Vertrauen lässt sich nicht allein durch mehr Erklärungen zurückgewinnen. Medien müssen sich auch fragen lassen, ob sie tatsächlich alle Teile der Gesellschaft erreichen – und ob sie bereit sind, die eigene Perspektive kritisch zu hinterfragen.

Trotz der wachsenden Herausforderungen blickt Becker optimistisch nach vorn. Hoffnung mache ihr vor allem die Kreativität und das Engagement junger Menschen. +++


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