Deutschlands Priesterräte suchen in Fulda nach der Zukunft der Seelsorge

Bei der Zusammenkunft in Fulda: In der Bildmitte (vordere Reihe) Bischof Dr. Michael Gerber, rechts neben ihm der Vorsitzende der AGPRD, Pfarrer Jochen Thull aus Köln. Ganz rechts Pfarrer Dr. Michael Müller, Sprecher des Priesterrates des Bistums Fulda. Der zweite Vertreter aus dem Bistum Fulda war Pfarrer Markus Schmitt (hintere Reihe, Dritter von links). Foto: Bistum Fulda

Die Herbstsonne taucht die Sandsteinfassaden des Fuldaer Barockviertels in ein mildes Licht, doch hinter den Mauern des traditionsreichen Bonifatiushauses kreisen die Gedanken um eine Institution im spürbaren Umbruch. Vom 5. bis zum 8. Oktober kamen hier die Delegierten der Arbeitsgemeinschaft der Priesterräte Deutschlands (AGPRD) zusammen. Vertreter aus 19 deutschen (Erz-)Bistümern waren der Einladung gefolgt, um über Grundsatzfragen zu verhandeln, die längst nicht mehr nur theologische Zirkel berühren, sondern das Fundament des katholischen Gemeindelebens vor Ort: Wie verändert sich das Berufsbild und die Identität von Geistlichen in einer säkularisierten Gesellschaft? Welche Antworten verlangen immer größer werdende pastorale Räume, und wie lässt sich das geforderte synodale Miteinander im seelsorgerischen Alltag leben?

Unter der Leitung des Vorsitzenden, Pfarrer Jochen Thull aus Köln, spiegelte die Konferenz die ganze geografische und pastorale Bandbreite der Bundesrepublik wider. Gekommen waren Delegierte aus den Bistümern und Erzdiözesen Köln, Paderborn, Fulda, Trier, Bamberg, Aachen, Eichstätt, Rottenburg-Stuttgart, Hamburg, Passau, Freiburg, Mainz, Augsburg, Limburg, München und Freising, Essen, Würzburg sowie Regensburg. Trotz regionaler Unterschiede – von den weitläufigen Diasporagebieten des Nordens bis zu den traditionsgeprägten Flächen im Süden – zeigte sich rasch ein gemeinsamer Befund: Die Seelsorger stehen vielerorts vor identischen Zerreißproben. Wachsende Verwaltungsaufgaben, schwindende Personalressourcen und die Zusammenlegung ganzer Dekanate fordern ihren Tribut.

Die Perspektive der Deutschen Bischofskonferenz brachte Weihbischof Josef Graf aus Regensburg in die Debatten ein. Als bischöflicher Vertreter zeichnete er ein nüchternes Bild der gegenwärtigen Herausforderungen, vor denen die katholische Kirche bundesweit steht. Dabei ging es nicht allein um Strukturreformen auf dem Papier, sondern um die gelebte Wirklichkeit an der Basis. Die Berichte der Delegierten aus ihren jeweiligen Diözesen machten deutlich, wie dringend der überdiözesane Schulterschluss gebraucht wird: Das Treffen bot Raum, Erfahrungen zu vergleichen, Fehlentwicklungen zu benennen und konkrete Impulse für die pastorale Arbeit in den Pfarreien mitzunehmen.

Ein zentraler Höhepunkt der Zusammenkunft war der Mittwoch, an dem die Teilnehmer zunächst gemeinsam mit dem Fuldaer Bischof Dr. Michael Gerber die Eucharistie feierten. Im anschließenden intensiven Gespräch stellte sich der gastgebende Bischof den drängenden Fragen der Priestervertreter. Im Brennpunkt standen die Idee der Synodalität, die tiefgreifenden gesellschaftlichen Transformationen und die pastoralen Prioritäten der kommenden Jahre. Synodalität – verstanden als gemeinsames Gehen und gegenseitiges Zuhören von Klerus und Laien – verlangt eine Neuausrichtung des priesterlichen Selbstverständnisses: weg von hierarchischer Zentralisierung, hin zu geistlicher Begleitung in multiprofessionellen Teams.

Neben den konzentrierten Sitzungen öffnete das Tagungsprogramm den Blick für die spirituellen und geschichtlichen Wurzeln des Tagungsortes. Bereits am Montagabend führte Pfarrer Dr. Michael Müller, Sprecher des Priesterrates des Bistums Fulda, eine Gruppe durch den Hohen Dom zu Fulda und die benachbarte karolingische Michaelskirche – Orte, die wie kaum andere für die Kontinuität des Glaubens in Mitteleuropa stehen.

Am Mittwochnachmittag unternahmen die Delegierten einen Exkurs in die Bau- und Geistesgeschichte: Nach dem Aufstieg auf den neu renovierten Schlossturm, der ein weites Panorama über die barocke Stadtanlage bis zu den Kuppen der Rhön eröffnete, und einer Führung durch den herbstlichen Schlossgarten führte der Weg hinauf auf den Petersberg. In der geschichtsträchtigen Kirche St. Peter, an der Grablege der heiligen Lioba, empfing Schwester Rut-Maria von der Cella St. Lioba die Geistlichen, um die historische und spirituelle Bedeutung dieses benediktinischen Ursprungsortes zu erläutern. Eine feierliche Vesper in der Liobakirche beschloss den Tag im gemeinsamen Gebet.

Am Donnerstag führten die Delegierten ihre inhaltlichen Beratungen fort. Schwerpunkte bildeten abermals die konkrete Situation des Klerus vor Ort, die Bewältigung ausufernder pastoraler Räume und die Reaktionen auf gesellschaftliche Fliehkräfte. Der regelmäßige Austausch der AGPRD bewies dabei seinen unverzichtbaren Wert: Er dient nicht als unverbindliches Diskussionsforum, sondern als strategische Plattform, um Zusammenarbeit über Diözesangrenzen hinweg zu festigen und Seelsorge zukunftsfähig zu gestalten.

Die Tage von Fulda verdeutlichen: Eine Kirche im Strukturwandel kann nur dann überzeugen, wenn Reformbereitschaft und seelsorgerische Nähe Hand in Hand gehen. Wer Priester künftig in riesigen Verwaltungsräumen alleinlässt, gefährdet die Substanz pastoraler Nähe; wer sie dagegen ermutigt, Verantwortung zu teilen und Synodalität mutig auszufüllen, schafft die Basis für ein tragfähiges Gemeindeleben von morgen. +++


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