Bedford-Strohm warnt Kirchen vor Verteufelung der Digitalisierung

Wahrheits- und Qualitätskriterien treten hinter die Logik des Kommerzes zurück

EKD-Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm

Der Chef der deutschen Protestanten, Heinrich Bedford-Strohm, warnt die Kirchen vor einer Verteufelung der Digitalisierung: “Theologie und Kirche müssen Tempo aufnehmen, um sich klarer als bislang in die gesellschaftliche Debatte über die Digitalisierung einzubringen”, schreibt er in einem Beitrag für die Wochenzeitung “Die Zeit” zum Reformationstag. “In einer Nische wohlfeiler Untergangsprophetie zu verharren hilft angesichts des großen öffentlichen Orientierungsbedarfs niemandem.” Ethisch sei die digitale Welt “oft noch Terra incognita”, aber darin liege eine Chance: “Digitalisierung ist weder Verheißung noch Verhängnis. Sie muss und kann verantwortlich gestaltet werden.”

Die christliche Tradition berge wertvolles Orientierungswissen genau für diese Gestaltungsaufgabe. “Wir als Kirche sollten daher einen menschendienlichen technologischen Fortschritt nicht unter ethischen Generalverdacht stellen. Die Digitalisierung kann segensreiche Wirkung entfal ten, etwa wenn sie neue medizinische Therapien ermöglicht, wenn durch Fernüberwachung eine sich anbahnende Herzattacke rechtzeitig entdeckt wird, wenn sie Bewegungseinschränkungen oder andere Hindernisse für soziale Teilhabe überwindet.” Bedford-Strohm übte jedoch auch Kritik am technologischen Wandel: “Welche Gefahren die digitale Revolution aber auch mit sich bringt, zeigt die Entwicklung unserer Kommunikationskultur. Kurz nach dem gewaltsamen Tod eines Mannes in Chemnitz baute sich im Internet eine Flut von Fake News auf, voller Verschwörungstheorien und extremistischer Inhalte.”

Gefährlich sei, dass Fake News und Hassbotschaften höhere Klickzahlen und längere Verweildauer im Internet erzeugen. “Wahrheits- und Qualitätskriterien treten hinter die Logik des Kommerzes zurück. Die Verstärkung der eigenen Auffassungen tritt an die Stelle eines kritischen Diskurses.” Bedford-Strohm forderte: “Wir müssen uns daher dringend um eine sozial verträgliche Ausgestaltung der Geschäftsmodelle von Netz-Giganten kümmern. Wir sollten die Gestaltung des öffentlichen Diskursraumes dabei weder dem Markt allein überlassen noch sie einer staatlichen Kontrolle unterwerfen, die zur autoritären Zensur ausarten kann.” +++

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