Qing Yu Meng war sauer. Verdammt sauer. Der Trainer des TTC RhönSprudel Fulda-Maberzell schien mit seiner Enttäuschung, mit seiner inneren Wut kämpfen zu müssen nach der 2:3-Heimniederlage gegen den TTC Liebherr Ochsenhausen in der Tischtennis-Bundesliga. Verständlich waren seine emotionalen Regungen. Total nachzuvollziehen; gilt er doch als jemand, der jeden Ballwechsel mitlebt. Eine Niederlage gegen das Spitzenteam Ochsenhausen, die kann doch passieren, sagen die einen. Die gastgebende Mannschaft hat doch toll gekämpft – und mit etwas Glück hätte sie das Duell auch gewinnen können. Fand doch der Vergleich erst im Krimi-Doppel seine Entscheidung im Stimmungstempel Hubtex Arena.
Dennoch müssen Fragen gestellt werden. Und verdrängt werden dürfen sie nicht. Eine Erkenntnis lautet: Wenn der TTC Ochsenhausen schon ohne seine Top-Kraft Shunsuke Togami antritt … Oder die nach junger Power. Die bot das Gästeteam: durch den Rumänen Iulian Chirita, der innerhalb kurzer Zeit eine beinahe sensationelle Entwicklung und Stabilität gewonnen hat – und sowohl durch Aggressivität im Offensivspiel als auch durch seine Abwehr-Klasse besticht, Jahrgang 2006. Oder den Portugiesen Tiago Abiodun; Jahrgang 2008. Oder das Doppel Daniel Movileanu/Daniel Berzosa (Spanier, Jahrgang 2006) – das Dimitrij Ovtcharov und Fanbo Meng in Fünfen mit etwas Glück niederrang.
Und was, auch wenn das sicherlich eine finanzielle Geschichte ist – passierte da in Fulda? Sicher könnten die Punktelieferanten Ovtcharov und Filus noch einige Jahre spielen – doch wie lange können sie noch? Und was kommt danach? Ochsenhausen ist weiterhin ungeschlagen mit weißer 12:0-Weste. Und punktgleich mit Tabellenführer Düsseldorf – Maberzell ist leicht abgerutscht; sollte seine Playoff-Spielereien aber erstmal lassen und Siege liefern. Doch kommen Sie mit in die Hubtex Arena, die Reise lohnt sich im Bad der Emotionen. Es lohnt sich. Zurück bleibt ein Abend zwischen Bangen und Zittern. Mit Zuschauern, die mit den Hufen scharren und sich wie kleine Kinder freuen, dass es endlich wieder Tischtennis-Bundesliga gibt in Fulda. Schon weit vor Beginn leuchten ihre Augen. Entspannt scheinen sie. Und hungrig auf Tischtennis.
Die Anmoderation übernimmt heute Vorstandsmitglied Claus-Dieter Schad. Er besticht mit profunden Informationen, wirkt eloquent und souverän. Schad kündigt ein „Top-Spiel“ an – verbunden mit der Info, dass Ochsenhausen in dieser Saison erst eine Niederlage einstecken musste: im Pokal gegen den TTC RhönSprudel Fulda-Maberzell. Sekunden später ruft er die Zuschauer dazu auf, am 3. Januar mitzukommen zum Pokal-Final-Four in Neu-Ulm.
Im Eröffnungseinzel begegnen sich Jonathan Groth und Tiago Abiodun. Es endet mit einer glatten Dreisatz-Niederlage des Dänen, der das Duell nur im Dritten spannend machen kann. Zuvor muss sich Groth den aggressiven Angriffsschlägen seinen Kontrahenten beugen. Der Erste verläuft bis zum 7:7 ausgeglichen – der Portugiese aber macht die entscheidenden Punkte. Der Zweite verläuft für Abiodun, der das Match zunehmend an sich reißt. Beim 6:4 für den Portugiesen verkürzt Groth noch – Abiodun aber zieht davon und hat beim 10:6 vier Satzbälle. 0:2 nach Sätzen aus Sicht des Dänen, und mein Nachbar sagt: „Vielleicht gibt es ja noch ein kleines Wunder, aber ich glaube es nicht.“ Recht hat er. Auch, wenn Spannung aufkommt. Im Dritten bleibt Groth drin, und der Fanclub feuert ihn an. „Auf geht‘s, Jona. Auf geht‘s“, schallt es aus Kehlen. Nach einem 5:5 geht Groth mit 7:5 in Führung, 7:7 heißt es Sekunden später. Und Abiodun will die Entscheidung. Er zieht auf 9:7 weg und braucht noch zwei Punkte bis zum Match. Groth kämpft verbissen. Und er egalisiert zum 9:9. Nach tollem Ballwechsel macht der Portugiese das 10:9 – und hat Matchball. Groth gleicht wieder aus – und hat seinerseits Satzball. Doch Abiodun antwortet. Mit dem 12:11 verschafft er sich seinen zweiten Matchball. Und nutzt den.
Vielleicht hat Trainer Qing Yu Meng etwas unglücklich aufgestellt – doch es wäre unfair, ihm die Schuld für die Niederlage zuzuschreiben. Entscheiden müssen immer noch die Spieler, wenn sie an der Platte stehen. Sind sie nicht in der Lage, ihr Herz dazulassen, kann auch der beste Trainer der Welt nichts machen. Wie gesagt, diese Sichtweise grenzt an Unfairness.
Einzel Nummer zwei war nicht nur ein hochqualitatives Match – es sollte auch zum Schlüssel des Abends werden. Dass der TTC RhönSprudel überhaupt noch eine Chance auf den Sieg haben würde, das hatte er Dima zu verdanken. Nach verlorenem Ersten zeigte er fantastischen Kampfgeist – und machte das schier Unmögliche möglich. Dima spielte nicht besonders gut an diesem Abend, man merkte ihm seine Bizeps-Verletzung an, auch den Rhythmus durch die entstandene Pause. Ihm unterliefen manch kleiner Fehler, die man so von ihm nicht gewöhnt ist. Im Zweiten beißt er sich durch. Bis zum 7:7 ist es ausgeglichen, dann schnappt sich Dima mit vier Punkten in Folge den Satz. Die Zuschauer sind begeistert, und sie spüren, dass Dima Unterstützung will. Es ist ein Geben und Nehmen. Auch das Publikum möchte den ersten Punkt für Maberzell.
Doch es steht erst einmal 1:1 nach Sätzen. Und was jetzt im Dritten folgt, das haben auch die Zuschauer noch nicht erlebt. Dima lässt sein Kämpfer-Herz auf der Platte. Er fightet wie Nero Corleone. Er liegt schon mit 3:9 zurück gegen Chirita, der seine Klasse beweist und zu manch spektakulärem Ballwechsel beiträgt. Nicht nur durch brutales und aggressives Angriffstennis besticht er – auch durch brillantes Defensivtennis; fast meint man, er wäre bei Ruwen Filus in die Lehre gegangen. Wie sich dieser erst 20-jährige Rumäne entwickelt hat, ist mehr als erstaunlich. Eine Freude für jeden Sportler. Mein Nachbar meint scherzhaft, ob es sich bei diesem Zwischenstand überhaupt noch lohne zu kämpfen. Doch Dima tut es. Genau dies. Er bläst zu einer fulminanten Aufholjagd, kommt bis auf 8:9 heran. Beim 10:9 hat Chirita Satzball. Und noch einen Aufschlag. Dima aber gleicht aus. Die Halle tobt. Nein, die Zuschauer tun es. 11:10 – und dritter Satzball Chirita. Wieder gleicht Dima aus. Hat er ein Herz aus Stahl? Beim 12:11 hat er Satzball. Jetzt egalisiert der Rumäne. 13:12 – und den zweiten Satzball nutzt Dima. Er führt jetzt 2:1 nach Sätzen. Im besten Einzel des Abends. Dima hat dem Rumänen jetzt den Zahn gezogen – mit 11:2 holt er sich den Vierten. Und der TTC RhönSprudel hat zum 1:1 ausgeglichen.
Über beide noch folgenden Einzel des Abends gibt es nicht so viel zu sagen. Sie bieten keine neuen Erkenntnisse, geben keinen neuen Aufschluss. Zunächst besiegt Ruwen Filus den zweiten Rumänen, Darius Movileanu, glatt in Dreien. Was sich so deutlich anhört, ist es nicht. Man könnte sagen, Erfahrung schlägt ungestümes Talent. Filus spielt solide, aber nicht wirklich gut. Der junge Rumäne hat durchaus das Zeug, in seiner starken Vorhand steckt viel Energie und Wucht – aber: er macht zu viele Fehler. Wenn er die Reifung seines Teamkollegen Chirita hinter sich hat, könnte es durchaus was werden. Bis hierhin allerdings nicht. Filus siegt dreimal 11:8. Wirklich eng ist kein Satz, spannend ist es höchstens im Dritten. 6:6 und 8:8 heißt es da – bis sich Filus beim 10:8 zwei Matchbälle verschafft. Der erste sitzt. Und es steht 2:1 für Fulda-Maberzell.
Fast erwartungsgemäß auf verlorenem Posten stand Fanbo Meng gegen Iulian Chririta im Spitzeneinzel. Die beiden ersten Durchgänge musste der Fuldaer klar abgeben – gerade mal sechs Punkte bekam er in beiden. Der Dritte aber verlief sehr spannend. Und er erinnerte daran, wie Fanbo in seinem Wohnzimmer mit dem Publikum spielt – es auf seine Seite bringt und es idealerweise anzündet. Vom 5:5 setzt sich der nun vehement kämpfende Fuldaer bis auf 8:5 ab – Chirita aber gleicht aus. Beim 10:9 hat der Rumäne gar Matchball. Mit einem trockenen Rückhand-Konter wehrt Fanbo indessen ab. Sogar einen Satzball erkämpft er sich. Den wehrt Chirita erneut ab. Auch einen zweiten besitzt Fanbo Meng Sekunden später. Nein 13:12 hat er den dritten – und den verwandelt er. Der Fuldaer ist zurück. Die Stimmung in der Hubtex Arena ist nicht zu überbieten. Sie kriecht in jeden Zuschauer hinein. Und wieder hinaus. Der Vierte verläuft ähnlich aufreibend. Als der Rumäne aber mit 9:6 in Front geht, bemerkt mein Nachbar: „Na ja, das war‘s.“ Noch nicht ganz. Nein 10:8 hat Chirita zwei weitere Matchbälle. Fanbo kämpft weiter. Ringt noch einmal. Verkürzt auf 9:11. Aber jetzt nutzt der junge Rumäne den Matchball. Er gewinnt mit 11:9. In Vieren. Und gleicht zum 2:2 aus.
Wieder einmal muss das Doppel entscheiden. Dima und Fanbo treffen auf die spannende internationale Ochsenhäuser Formation des Spaniers Berzosa und des Rumänen Movileanu. Ein gutes Gefühl begleitet die Fuldaer, haben sie doch schon einige Male aufgetrumpft im Doppel. Doch in den beiden ersten Sätzen harmonieren die Gegner etwas besser, sie pushen sich immer wieder und sichern sich die Durchgänge. Der Zweite ist eng, die Kontrahenten machen aber am Ende die entscheidenden Punkte. Bis die Fuldaer kommen. Der Fight steht auf des Messers Schneide. 5:8 liegen die Fuldaer hinten. Die Felle scheinen davonzuschwimmen. Sie gleichen indessen zum 8:8 aus. Bis die Ochsenhäuser beim 10:8 zwei Matchbälle haben. Doch Fulda-Maberzell egalisiert. Sogar 11:10 und Satzball. Berzosa schlägt den Ball ins Netz. Ovtcharov/Fanbo haben auf 1:2 nach Sätzen verkürzt.
Auch im Vierten gibt so mancher kaum noch einen Pfifferling auf sie. 0:5 liegen sie schon zurück. Machen aber beinahe sagenhafte elf Punkte in Folge. Und schnappen sich auch diesen Satz. 2:2 steht‘s nach Sätzen. Um die englische Sprache zu bemühen: Der „Decider“ muss entscheiden im „Decider“. Sprich der fünfte Satz. Mehr geht nicht. Wieder tobt das Publikum. Wieder einmal ist die Hubtex Arena der Hexenkessel schlechthin. 5:5 steht‘s. Sekunden später 7:5 für Ochsenhausen – und mein Nachbar bangt: „Jetzt wird‘s eng.“ 8:6 für Ochsenhausen. 9:6. Und beim 10:6 vier weitere Matchbälle. Der zweite sitzt zum 11:7. Das Doppel des Gästeteams hat 3:2 gewonnen. Mit diesem Ergebnis siegt auch ihr Team. Ihr junges Team. Um 22.11 Uhr ist Schluss am einem denkwürdigen Abend. Voller Spannung. Voller Klasse. Voller Unterhaltung.
Die Ergebnisse im Einzelnen
TTC RhönSprudel Fulda-Maberzell – TTC Liebherr Ochsenhausen 2:3
Jonathan Groth – Tiago Abiodun 0:3 (7:11, 6:11, 11:13)
Dimitrij Ovtcharov – Iulian Chirita 3:1 (5:11, 11:7, 14:12, 11:2)
Ruwen Filus – Darius Movileanu 3:0 (11:8, 11:8, 11:8)
Fanbo Meng – Iulian Chirita 1:3 (5:11, 1:11, 14:12, 9:11)
Ovtcharov/Meng – Berzosa/Movileanu 2:3 (9:11, 8:11, 12:10, 11:5, 7:11) +++ rl


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