Sensible Kanzleramts-Pläne nach Berliner Cyberattacke im Darknet

Nach dem schweren Cyberangriff auf das Land Berlin haben die Erpresser insgesamt 1,4 Millionen Datensätze veröffentlicht. Die Frist für eine Lösegeldforderung ist abgelaufen. Nun stellen die Angreifer die erbeuteten Informationen öffentlich zum Download bereit – und damit auch Daten, deren Bedeutung weit über die Berliner Landesverwaltung hinausreichen könnte.

Wie der „Spiegel“ berichtet, bieten die Erpresser die geraubten Berlin-Daten in drei Datenpaketen zum Download an. Begleitet wird das Angebot von dem zynischen Kommentar: „Viel Spaß, Datenjäger“. Bereits zuvor hatten die Angreifer einzelne besonders brisante Inhalte angekündigt. Dazu gehörten unter anderem Notfallpläne für die Wasserversorgung in Krisenzeiten.

Eine erste Sichtung der Verzeichnisse mit den insgesamt 1,4 Millionen Datensätzen zeigt, dass es sich keineswegs nur um Verwaltungsunterlagen handelt. In den veröffentlichten Dateien finden sich demnach zahlreiche weitere sensible Informationen. Dazu gehören beispielsweise Unterlagen zum Gefahrenschutz bei der Berliner Feuerwehr. Offen liegen zudem Gehaltslisten und Kontoinformationen, ebenso Scans von Ausweispapieren. Hinzu kommen vertrauliche Personalangelegenheiten, darunter Vorwürfe zu Dienstvergehen und Unterlagen zu Disziplinarangelegenheiten. Auch Dokumente zur Cybersicherheitsstrategie befinden sich unter den veröffentlichten Daten.

Die Tragweite des Angriffs ergibt sich jedoch nicht allein aus der Größe des Datensatzes oder aus der Sensibilität einzelner personenbezogener Informationen. Berlin ist zugleich Bundeshauptstadt. Damit berühren die veröffentlichten Unterlagen auch zahlreiche Belange des Bundes. Eine Stichprobe des „Spiegel“ ergab nach dessen Angaben mehr als 550 Dateien im Zusammenhang mit der Erweiterung des Kanzleramts. Darunter befinden sich Gutachten, Pläne und Stellungnahmen, unter anderem des Landeskriminalamts.

Damit bekommt der Cyberangriff eine Dimension, die über einen klassischen Datendiebstahl hinausweist. Wo Unterlagen zu sicherheitsrelevanten Einrichtungen, kritischer Infrastruktur, Katastrophenschutz oder staatlichen Bauvorhaben öffentlich zugänglich werden, geht es nicht mehr lediglich um die Frage, welche persönlichen Daten in falsche Hände geraten sind. Es stellt sich vielmehr die Frage, welche Informationen sich aus der Vielzahl der Dokumente zu einem Gesamtbild zusammensetzen lassen.

Die Sicherheitsexpertin Bianca Kastl warnt gegenüber dem „Spiegel“ insbesondere vor den Missbrauchsmöglichkeiten jener Daten, die Einrichtungen der kritischen Infrastruktur betreffen, Informationen zum Katastrophenschutz enthalten oder sogar militärische Relevanz haben. Ihre Einschätzung fällt entsprechend deutlich aus: „Wenn jemand einen Plan erarbeiten will, wie man Berlin und damit auch der Bundesregierung direkt schaden kann, findet er hier mehr als genügend Anhaltspunkte.“

Die Veröffentlichung der 1,4 Millionen Datensätze verschiebt damit auch die Bedeutung des ursprünglichen Angriffs. Die Erpresser haben nicht nur Daten entwendet, sondern stellen nun einen umfangreichen Bestand unterschiedlichster Informationen öffentlich zur Verfügung. Die eigentliche Gefahr könnte deshalb weniger in einem einzelnen Dokument liegen als in der Kombination vieler Unterlagen, die zusammengenommen Rückschlüsse auf Abläufe, Strukturen und Sicherheitsvorkehrungen ermöglichen können.

Besonders problematisch ist dabei die Verbindung aus personenbezogenen Informationen, internen Verwaltungsunterlagen und Dokumenten mit möglicher sicherheits- oder infrastruktureller Bedeutung. Während Gehaltslisten, Kontoinformationen und Ausweiskopien vor allem ein erhebliches Risiko für die unmittelbar Betroffenen darstellen, können Unterlagen über kritische Infrastruktur, Katastrophenschutz oder staatliche Bauvorhaben eine andere Qualität erreichen. Der Angriff trifft damit unterschiedliche Ebenen staatlicher Sicherheit zugleich.

Dass sich darunter nach einer Stichprobe des „Spiegel“ auch mehr als 550 Dateien zur Erweiterung des Kanzleramts befinden, macht die politische und sicherheitstechnische Dimension des Vorgangs besonders deutlich. Gutachten, Pläne und Stellungnahmen sind ihrem Wesen nach keine beliebigen Verwaltungsdokumente. Ihre Veröffentlichung kann Informationen zugänglich machen, die ursprünglich innerhalb geschützter Verwaltungsstrukturen verarbeitet wurden.

Der Fall zeigt damit eine der grundlegenden Schwächen moderner digitaler Verwaltung: Die Bedeutung gestohlener Daten lässt sich häufig erst erkennen, wenn einzelne Informationen miteinander verknüpft werden. Ein Dokument mag für sich genommen unspektakulär erscheinen. Zusammen mit Hunderten oder Tausenden weiteren Unterlagen kann daraus jedoch ein Informationsbestand entstehen, der weitreichende Rückschlüsse ermöglicht.

Nach dem Ablauf der Lösegeldfrist haben die Erpresser nun einen Schritt vollzogen, der den Schaden dauerhaft vergrößern kann: Die Daten sind nicht länger allein Bestandteil eines Erpressungsversuchs, sondern stehen zum Download bereit. Damit verliert die betroffene Verwaltung einen wesentlichen Teil der Kontrolle darüber, wer Zugriff auf die Informationen erhält und wie diese verwendet werden.

Die Warnung vor möglichen Folgen richtet sich deshalb nicht nur auf den Schutz einzelner Bürgerinnen und Bürger oder Beschäftigter. Sie betrifft ebenso die Funktionsfähigkeit staatlicher Einrichtungen und den Schutz kritischer Strukturen. Gerade weil Berlin als Bundeshauptstadt eng mit Einrichtungen und Aufgaben des Bundes verbunden ist, reicht die mögliche Wirkung des Datenabflusses über die Grenzen der Landesverwaltung hinaus.

Der Cyberangriff wird damit zu einem Beispiel dafür, dass die Folgen eines erfolgreichen Eindringens in staatliche IT-Systeme nicht mit dem Moment des Datendiebstahls enden. Sie beginnen dort vielmehr unter Umständen erst. Mit der Veröffentlichung der 1,4 Millionen Datensätze entsteht ein neues Risiko: Aus verstreuten Informationen kann Wissen entstehen, das für jene von Interesse ist, die staatliche Strukturen ausforschen oder Schwachstellen gezielt ausnutzen wollen. +++


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