Jahrzehntelang befanden sich im Museum Schloss Fasanerie in Eichenzell Kunstwerke und Kulturgüter, die während der Zeit des Nationalsozialismus ihren rechtmäßigen Eigentümern entzogen worden waren. Nach einer umfassenden wissenschaftlichen Untersuchung zieht die Kulturstiftung des Hauses Hessen nun Konsequenzen: Insgesamt 24 Objekte werden an die Nachfahren früherer jüdischer Besitzer zurückgegeben.
Das Museum Schloss Fasanerie hat die Ergebnisse eines dreijährigen Provenienzforschungsprojekts vorgestellt, bei dem die Kunstsammlung der Kulturstiftung des Hauses Hessen systematisch auf NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut untersucht wurde. Das vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderte Projekt lief vom 1. Oktober 2022 bis zum 30. September 2025 und gilt als eines der bislang seltenen Beispiele, bei denen eine umfangreiche Privatsammlung freiwillig einer umfassenden Überprüfung auf mögliche NS-verfolgungsbedingte Entzugskontexte unterzogen wurde.
Ziel des Forschungsprojekts war es, Kunst- und Kulturgüter aus dem Sammlungsbestand der Kulturstiftung des Hauses Hessen erstmals systematisch auf ihre Herkunft im Zeitraum zwischen 1933 und 1945 zu überprüfen. Im Mittelpunkt standen insbesondere Erwerbungen von Philipp Prinz von Hessen sowie seines Zwillingsbruders Wolfgang Prinz von Hessen.
Der Kunsthistoriker Sven Pabstmann untersuchte im Verlauf des Projekts insgesamt 200 Sammlungsobjekte auf ihre Herkunft und bewertete deren Provenienzstatus. Damit wurde die ursprünglich geplante Zahl von rund 160 zu prüfenden Objekten deutlich überschritten. Ausschlaggebend dafür war insbesondere die Auswertung zahlreicher Auktionskataloge, vor allem der Kunsthandlung Hugo Helbing in Frankfurt am Main.
Die Recherchen ermöglichten es, zahlreiche Erwerbungen aus der Zeit des Nationalsozialismus im heutigen Museumsbestand zu identifizieren. Gleichzeitig konnten bislang unbekannte oder nicht erkannte Erwerbungszusammenhänge aufgeklärt und Vorprovenienzen einzelner Kunstwerke rekonstruiert werden.
Von besonderer Bedeutung ist die Zahl der Objekte, deren Provenienz nach dem aktuellen Forschungsstand als NS-verfolgungsbedingt belastet gilt. Neben den bereits zu Beginn des Projekts bekannten elf Objekten aus den Sammlungen Rudolf von Goldschmidt-Rothschild und Ottmar Strauss wurden weitere 19 Kunstwerke aus dem Besitz von vier bislang weitgehend unbekannten jüdischen beziehungsweise als jüdisch verfolgten Vorbesitzern identifiziert. In diesen Fällen konnte ein NS-verfolgungsbedingter Entzug nachgewiesen oder mit hoher Wahrscheinlichkeit angenommen werden.
Damit gelten nach aktuellem Forschungsstand insgesamt 30 Objekte aus dem früheren Besitz von sechs jüdischen beziehungsweise als jüdisch verfolgten Vorbesitzern als NS-verfolgungsbedingt belastet und somit als restitutionsrelevant. Für mindestens sechs weitere Objekte bestehen gewichtige Verdachtsmomente auf einen NS-verfolgungsbedingten Entzug. Diese werden als bedenklich eingestuft und sollen im Rahmen weiterer Provenienzrecherchen vertieft untersucht werden.
Mit den Nachfahren des Kölner Sammlers Ottmar Strauss sowie der Familie Goldschmidt-Rothschild wurden in den vergangenen Monaten Rückgabeverhandlungen geführt. Diese konnten erfolgreich abgeschlossen werden. Auf Grundlage von drei Restitutionsvereinbarungen wird das Museum Schloss Fasanerie in diesem Sommer insgesamt 24 Objekte an die Berechtigten zurückgeben.
Donatus Landgraf von Hessen, Vorstandsvorsitzender der Kulturstiftung des Hauses Hessen, bezeichnete die Ergebnisse des Projekts auch persönlich als bedeutsam, da sich die Untersuchungen mit den Erwerbungen Philipp Prinz von Hessens befasst hätten. Es sei wichtig gewesen, die Geschichte der Sammlung wissenschaftlich aufzuarbeiten und dort, wo sich NS-verfolgungsbedingte Entzugskontexte nachweisen ließen, gemeinsam mit den Nachfahren der früheren Eigentümer faire und einvernehmliche Lösungen zu finden. Er freue sich, dass dies in mehreren Fällen gelungen sei.
Darüber hinaus werden sechs chinesische Porzellane mit belasteter Provenienz in der Lost Art-Datenbank veröffentlicht. Sollten sich Anspruchsberechtigte melden, erklärt die Kulturstiftung des Hauses Hessen auch in diesen Fällen ihre Bereitschaft zur Rückgabe der Objekte.
Die Forschungsergebnisse bestätigen nach Angaben der Kulturstiftung die bereits zu Projektbeginn formulierte Annahme, dass beim Ausbau der Sammlung während der Zeit des Nationalsozialismus problematische Erwerbungskontexte eine Rolle spielten. Zugleich unterstreichen sie die Bedeutung der Provenienzforschung für die Kulturstiftung des Hauses Hessen und das Museum Schloss Fasanerie, insbesondere vor dem Hintergrund der lückenhaften historischen Sammlungs- und Erwerbungsdokumentation aus der Zeit vor der Museumsgründung in den 1950er-Jahren.
Der von Sven Pabstmann erarbeitete Abschlussbericht umfasst knapp 600 Seiten. Er dokumentiert die methodische Vorgehensweise, die ausgewerteten Quellen, die untersuchten Objekte sowie die neuen Erkenntnisse zur Erwerbungs- und Sammlungsgeschichte der Kulturstiftung des Hauses Hessen.
Pabstmann erklärte, die Vielzahl neuer Erkenntnisse zu den Objektbiografien und insbesondere zu den unterschiedlichen Schicksalen der als Juden verfolgten Sammler und ihrer Kunstsammlungen während der NS-Zeit habe seine Erwartungen zu Beginn des Projekts übertroffen. Die Ergebnisse zeigten erneut die Bedeutung der Provenienzforschung sowohl für die Rekonstruktion historischer Unrechtskontexte als auch für die wissenschaftliche Aufarbeitung der eigenen Institutions- und Sammlungsgeschichte. Zugleich könnten die Erkenntnisse über das Museum Schloss Fasanerie hinaus wichtige Anhaltspunkte für künftige Forschungen an anderen Häusern liefern.
Das Museum Schloss Fasanerie bewahrt die Kunstsammlung der Kulturstiftung des Hauses Hessen. Grundlage der Bewertungen im Forschungsprojekt sind die Washingtoner Prinzipien von 1998 sowie die Gemeinsame Erklärung von Bund, Ländern und kommunalen Spitzenverbänden aus dem Jahr 1999 zur Auffindung und Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturguts, insbesondere aus jüdischem Besitz.
Museumsdirektor Dr. Markus Miller dankte dem Deutschen Zentrum Kulturgutverluste für die finanzielle Förderung des Projekts über den gesamten Zeitraum von drei Jahren. Erst diese Unterstützung habe die wissenschaftlich fundierte Untersuchung der Sammlung ermöglicht und zu den nun vorliegenden Erkenntnissen über deren Erwerbungsgeschichte beigetragen. +++
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