Es war eine Wahl mit Signalwirkung, genau zum richtigen Zeitpunkt. Auf ihrer 19. Bundesdelegiertenversammlung hat Deutschlands größte Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer, der WEISSE RING, die Weichen für die Zukunft gestellt. Im Jahr des 50-jährigen Bestehens wurde Barbara Richstein mit deutlicher Mehrheit als Bundesvorsitzende bestätigt. Die 61-Jährige, die zuvor zwei Jahrzehnte im Brandenburger Landtag saß und zeitweise als Justizministerin amtierte, führt den Verein damit weitere vier Jahre an der Spitze. Ihre Bilanz nach zwei Jahren im Amt kann sich sehen lassen, doch der Blick ist strikt nach vorn gerichtet. „Wir dürfen im Kampf um den bestmöglichen Opferschutz nicht nachlassen“, mahnte Richstein. Ihre Agenda ist klar: Prävention und Unterstützung für Gewaltbetroffene müssen Priorität bleiben, gestützt durch zukunftsfeste Strukturen im Haupt- und Ehrenamt.
Dass der WEISSE RING in diesen turbulenten Zeiten nicht an Einfluss verliert, sondern ihn ausbaut, verdankt er auch der personellen Neuaufstellung im sechsköpfigen Geschäftsführenden Bundesvorstand. Drei neue Gesichter bringen frischen Wind und geballte politische Erfahrung ein. Allen voran Nancy Faeser. Die ehemalige Bundesinnenministerin, die von 2021 bis 2025 das Amt bekleidete und seit 2025 den Wahlkreis Main-Taunus im Bundestag vertritt, wechselt nun von der Gesetzgebung direkt in die operative Opferhilfe. Ihre Botschaft ist unmissverständlich: Der Schutz von Frauen vor häuslicher Gewalt, die konsequente Nutzung elektronischer Fußfesseln und der Kampf gegen digitale Hasskriminalität sind keine Optionen, sondern Notwendigkeiten. „Jedes Mal, wenn ein Kind Opfer von Gewalt wird, ist einmal zu viel“, betonte Faeser. Ihre Präsenz im Vorstand ist ein klares Statement: Opferschutz ist Chefsache und braucht starke politische Fürsprecher auf höchster Ebene.
An Faesers Seite zieht Dr. Rolf Schmachtenberg in den Vorstand ein. Der frühere Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium kennt die Materie aus dem Effeff: Über 15 Jahre lang war er maßgeblich an der Neuregelung der Opferentschädigung im Sozialgesetzbuch XIV beteiligt. Was ihn von vielen anderen Politikern unterscheidet, ist der praktische Bezug. Bereits 2020 ließ er sich zum Opferhelfer ausbilden, um die Beratungsarbeit des Vereins aus der Innenperspektive zu verstehen. Nun, im Ruhestand und seit April 2026 als Landesvorsitzender in Berlin aktiv, will er den Verein als zentralen Akteur noch sichtbarer machen. Sein Ziel ist pragmatisch und ambitioniert zugleich: mehr Mitglieder, mehr Ehrenamtliche und mehr finanzielle Mittel, um die wachsenden Aufgaben stemmen zu können.
Die dritte Neubesetzung kommt aus den eigenen Reihen. Benedikt Wemmer, 36 Jahre alt und seit 2013 Mitglied, wurde zum stellvertretenden Bundesvorsitzenden gewählt. Der Jurist aus Nordrhein-Westfalen verkörpert die nächste Generation der Opferhelfer. Als stellvertretender Landesvorsitzender und Vertreter der „Jungen Mitarbeitenden“ weiß er, wie wichtig es ist, das Ehrenamt für junge Menschen attraktiv zu halten. Seine Wahl zeigt, dass der WEISSE RING erfolgreich den Spagat zwischen erfahrener Politik und jugendlichem Engagement meistert.
Doch Kontinuität ist ebenso wichtig wie Erneuerung. An der Seite von Richstein und Wemmer bleibt Petra Klein als weitere stellvertretende Vorsitzende. Die frühere Kriminalbeamtin und Leiterin der Oldenburger Außenstelle bringt nicht nur polizeiliche Expertise mit, sondern vertritt den Verein auch auf europäischer Ebene bei „Victim Support Europe“. Auch Schatzmeister Bert Christmann, Betriebswirt bei der Volksbank Darmstadt Mainz, wurde in seinem Amt bestätigt. Er garantiert die finanzielle Stabilität eines Vereins, der sich bis heute stolz ausschließlich durch Spenden, Mitgliedsbeiträge und Geldbußen finanziert – ohne einen einzigen Euro staatlicher Zuschüsse.
Ein Kapitel wurde auf der Versammlung jedoch auch ehrfürchtig geschlossen. Dr. Patrick Liesching, Präsident des Landgerichts Fulda und früherer Bundesvorsitzender, kandidierte nicht mehr. Stattdessen wurde er zum Ehrenvorsitzenden gewählt, eine Würdigung für seine langjährigen Verdienste. Auch dem verstorbenen Vorstandsmitglied Manuela Söller-Winkler und Ansgar Heveling, der aufgrund seiner neuen Aufgabe als Präsident des Bundesrechnungshofs sein Amt niederlegen musste, wurde die Ehrenmitgliedschaft verliehen.
Die Zahlen, die der WEISSE RING im Jubiläumsjahr vorlegt, sind beeindruckend und unterstreichen die Dringlichkeit der Arbeit. Seit 50 Jahren sind rund 3.000 Ehrenamtliche im Einsatz – vor Ort, am Telefon und online. Mehr als 680.000 Menschen haben sie in diesem halben Jahrhundert betreut, über 170 Millionen Euro an direkter Opferhilfe ausgezahlt. Fast 40.000 Mitglieder stehen hinter dieser Armee der Helfer.
Mit der neuen Mannschaft um Richstein und Faeser geht der Verein gestärkt in die nächste Dekade. Die Herausforderungen wachsen: Digitale Gewalt, komplexe Betrugsdelikte und die nach wie vor hohe Zahl häuslicher Übergriffe erfordern ständige Anpassung. Doch die Botschaft der neuen Führung ist klar: Der WEISSE RING wird nicht nachlassen. Mit starker politischer Rückendeckung, fundierter juristischer Expertise und dem unermüdlichen Einsatz Tausender Ehrenamtlicher bleibt die Organisation der wichtigste Anker für Kriminalitätsopfer in Deutschland. Der Grundstein für die nächsten 50 Jahre ist gelegt.





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