Er redet mit Händen und Füßen. Er spricht über Fußball. Aber er ist auch ein Mensch. Er benutzt Gesten. Jedenfalls im Ansatz. Es spricht einiges dafür, dass sich das in seiner Zeit in Fulda noch ändert. Gemeint ist Miroslav Jagatic, der neue Trainer des Südwest-Regionalligisten SG Barockstadt Fulda-Lehnerz. Im Rahmen einer Pressekonferenz stellte die ihn jetzt vor. An der Seite des Coaches hatten Christian Geisendörfer, Vorstand Sport der SGB, und Pressesprecher Maxi Hainer Platz genommen.
Übrigens, und das ist doch die eigentliche Botschaft von Pressekonferenzen, die in Fußball-Deutschland oft überbewertet werden – und man sich gelegentlich fragt, ob die handelnden Personen und insbesondere die Trainer nicht Objekte sind -, die SGB tritt am Samstag in der Regionalliga Südwest beim FC Homburg an. Der Siebte der Rangliste ist Gastgeber des 17. und Vorletzten; der FCH, der in Roland Seitz einen der erfahrensten und renommiertesten Trainer im deutschen professionellen Fußball hat, sollte den Vergleich gegen das Team aus Fulda gewinnen – um vorn dranzubleiben. Fünf Punkte hat der FCH Rückstand auf das Spitzenduo Heilbronn-Freiberg und Kickers Offenbach. Die SGB möchte Punkte für den Erhalt der Liga. Und das unter ihrem neuen Trainer.
Und damit zurück zu Miroslav Jagatic. Christian Geisendörfer dankte zunächst dem SGB-Co-Trainer Yasin Kocatepe, „für den Übergang, den er geleitet und moderiert hat“. Und der Vorstand Sport nahm noch einmal kurz Replik auf Vorgänger Daniyel Cimen. „Wir haben ordentliche Spiele gezeigt“, sagte Geisendörfer, „sind aber in eine Ergebniskrise geschlittert. Wir haben viele 50:50-Spiele nicht für uns entscheiden können.“ Das letzte Spiel beim VfR Mannheim (1:5) sei ein „unwürdiger Auftritt für die SGB“ gewesen, und man wollte der Mannschaft nunmehr kein Alibi geben. Volker Bagus aus dem Vorstandsteam der SGB habe Kontakt zu Jagatic gehabt, ihn stets aufrechterhalten. Schließlich habe der neue Coach sechs Jahre hervorragende Arbeit bei der BSG Chemie Leipzig geleistet. Geisendörfer betonte zudem die Loyalität des neuen SGB-Trainers.
Am Mittwoch leitete Jagatic seine erste Einheit mit der Mannschaft. In den kommenden Minuten deutete er an, was in ihm steckt – und er spielte auf der Klaviatur des Positiven. Bisweilen berührte er die Herzen. „Ich weiß, welches Potenzial im Verein schlummert“, weckte er Zuversicht, „ich habe mir ein Spiel angesehen. Und war sehr positiv überrascht von der Atmosphäre und der Unterstützung der Zuschauer und Fans. Gerade diese Energie hat mich angesprochen.“ Die Frage, was er für ein Trainertyp sei, beantwortete er vielsagend. Heutzutage müsse man nicht zuletzt Psychologe sein, „und ja. Ich habe von allem ein bisschen“. Und überhaupt: Man müsse die Arbeit auf mehrere Schultern verteilen im Verein. Ich bringe meine Qualität ein, aber man müsse sich immer auf Augenhöhe begegnen, respektvoll miteinander umgehen – wobei positive Energie Antriebsfaktor und ständiger Begleiter sein müsse. Mit einem Lächeln müsse man miteinander reden.
Änderungen werde es am Samstag gegen Homburg kaum geben. „In zwei Tagen kannst du nicht alles auf den Kopf stellen“, schob er nach. Es gelte, zunächst so richtig an die Mannschaft ranzukommen; so manches Einzelgespräch half dabei. Jagatic gewann einen guten Eindruck – und die Spieler reagierten mit Überzeugung. „Wir müssen in Homburg einfach die Basics machen und abrufen.“ Und ein eher mittelfristiges Ziel gab Miroslav Jagatic schon mal aus: „Es muss schwierig werden, gegen uns Fußball zu spielen.“ Eine Botschaft, die ankam. Es sei am Samstag wichtig, Kompaktheit in der Defensive zu haben – und „die Spieler in Positionen zu bringen, wo sie ihre Stärken haben“. Und er weckte weiteren Appetit: „Es ist sehr viel Potenzial da.“ Die Spieler sollten merken, dass sie wichtig sind. „Ich bin froh, hier zu sein.“
Apropos Appetit. „Die Currywurst hier im Stadion ist fast Berlin. Sie war schon lecker.“ Spätestens jetzt war Jagatic wieder Mensch. Weniger Fußballtrainer. Die Bemerkung kam an. Sie rief mehr als ein Lächeln hervor. Auch das. „In meinem Job brauchst du eine starke Person hinter dir. Und das ist meine Frau.“ In Homburg – der neue Coach verzichtete bewusst darauf, auf die Stärke des Gegners, was ihn auszeichnet oder auf die Charakteristika einzelner Spieler einzugehen – gelte Folgendes. „Jeder muss seine Stärken einbringen. Das ist der coolste Weg zur Verantwortung. Jeder muss kritikfähig sein. Das gilt auch für mich. Wir müssen uns gegenseitig abholen. Jeder hat eine gewisse Qualität, und es ist die Kunst, wie kannst du das jetzt reinpacken in Homburg.“ Und überhaupt sei es „manchmal gut, dass der Gegner nicht weiß, wie wir auftreten“.
Grundlegendes schiebt er nach. Er wolle nicht wissen, ob Spieler gesperrt und nicht einsatzfähig seien. „Andere können sich dafür beweisen.“ Man wolle „gucken, dass wir Homburg überraschen. Wichtig ist, dass wir uns selber finden und ein Fundament haben. Wollen wir uns immer nach dem Gegner richten?“ Er legte nach. „Es sind gute Spieler, die wir haben. Sie haben Mentalität und können Fußball spielen. Natürlich gebe es Szenen und Situationen, „in denen der Kopf zumache. Das ist aber auch menschlich. Jetzt muss unsere Brust raus. Da müssen wir wieder hinkommen.“ Und er gibt ein Stückchen seiner Mentalität preis: „Ich liebe es, wenn du in ein Stadion kommst, und es sind alle gegen dich.“
In diesen Minuten im ITZ-Zentrum Am Alten Schlachthof in der SGB-Geschäftsstelle war Miroslav Jagatic genug Fußballtrainer. Wieder Zeit, in die ganz normale Rolle des Menschen zu schlüpfen. „Ich bin Berlin aufgewachsen. Bin zwar nicht so ganz preußisch“, spielte er kurz mit einem Augenzwinkern, „aber da geht es nach ganz klaren Regeln. Und da wollen wir hin.“ Bis er wieder ein Stückchen Herzblut hervorkramt. „Ich bin überzeugt, dass wir noch mehr Schritte machen werden.“ War er jetzt doch mehr Fußballtrainer oder eher Mensch? Egal. Es war Teil eins der Unterhaltung mit Miroslav Jagatic. Und es wäre schön, wenn die SGB in Homburg den ersten Schritt machen könnte. +++ rl

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