Marcel Schreiber fand nach zehn Jahren im SGB II erfolgreich zurück ins Arbeitsleben

„Ich hatte viele Unterstützer“

Marcel Schreiber (rechts) hat den Weg zurück in den Beruf erfolgreich gemeistert. Unterstützung erfuhr er durch (von links) Markus Vogt (KJC), Vasiliki Chatzis-Heil (Bildungsträger FAW), Brigitte Stolle (KJC) und Alexander Kraft (Niederlassungsleiter Raiffeisen Waren GmbH Welkers). Foto: Leoni Rehnert

Manche Sätze erzählen fast eine ganze Geschichte: Marcel Schreiber ist 40, Vater von vier Kindern zwischen 12 und 18 Jahren – und alleinerziehend seit 2008. Das klingt selbst für widerstandsfähige Zeitgenossen nach einem anstrengenden Alltag und vielen Entbehrungen. „Und genauso ist es auch“, sagt der 40-Jährige. Doch er hat nie aufgegeben. Zehn Jahre lang lebte er mit seinen Kindern von Arbeitslosengeld II. Seit einem Jahr hat er wieder einen festen Job. „Ich habe viel gekämpft, und ich hatte viele Menschen, die mich dabei unterstützten“, sagt er.

Marcel Schreiber war Berufskraftfahrer, viel unterwegs und „eigentlich ein Wochenend-Papa“ gewesen, als er vor elf Jahren quasi von eben auf jetzt mit seinen vier Kindern allein war. „Sie waren damals sieben, sechs, zwei und eins. Das war Wahnsinn für mich. Ich wusste manchmal nicht mehr, wo mir der Kopf steht und zwischenzeitlich war ich seelisch und moralisch fix und fertig“, schildert er im Rückblick. Heute kann Marcel Schreiber mit Fug und Recht behaupten, dass er es geschafft hat: Der alleinerziehende Vater machte eine Umschulung bei der Raiffeisen Waren GmbH in Eichenzell-Welkers und wurde dort nach Abschluss im Sommer 2018 übernommen. „Ich bin hier sehr zufrieden“, sagt er. Und sein Chef, Niederlassungsleiter Alexander Kraft, ist es auch: „Marcel ist durch sein Engagement und seine Zuverlässigkeit ein geschätzter Kollege geworden.“

Die Geschichte von Marcel Schreiber ist nicht schnell erzählt, und die Schwierigkeiten, die er zu meistern hatte, hätten ihn gewiss auch nachhaltig ins Trudeln bringen können. Dass es anders kam, verdankt er sich selbst, weil er sich Hilfe suchte, aber vor allem auch einem Bündel von Maßnahmen und etlichen Menschen, die ihn begleitet haben. Brigitte Stolle etwa, die den damals 29-Jährigen im Fuldaer Kreisjobcenter (KJC) Fulda betreute. „Das war eine sehr schwierige Situation für ihn. Sich plötzlich um alles kümmern zu müssen – Haushalt, vier kleine Kinder, Kindergarten, Schule –, das hat ihn massiv gefordert“, sagt die Fallmanagerin, und sie ergänzt: „Unser Ansatz ist es stets, die Ratsuchenden zu stärken und Hilfen anzubieten. Aber das Wichtigste ist eben, dass diese Hilfe auch angenommen wird, so wie Herr Schreiber das getan hat.“ Die Bandbreite, die das KJC zu bieten hat, ist groß und reicht von sozialpsychiatrischer Beratung bis hin zu Hilfen bei der Alltagsbewältigung. „Das hat mir alles sehr geholfen“, sagt Schreiber.

Das Kreisjobcenter und Brigitte Stolle blieben über all die Jahre an seiner Seite. Kontakt gab es immer, wenn es nötig schien. „Manchmal braucht man ein Gespräch zur Motivation. Manchmal gibt es schwierige Phasen wegen der Kinder“, sagt Marcel Schreiber, bei dem im Lauf der Zeit der Wunsch wuchs, „auch endlich mal wieder raus zu kommen“. So übernahm er ab 2010 einige Male Ein-Euro- Jobs, war später bei Grümel tätig und im Kleiderladen. „Ich habe das als Chance gesehen, Leute kennenzulernen. Ich hatte hier niemanden, ich war ja 2008 erst nach Fulda gezogen.“ Zwischendurch gab es immer wieder mal Rückschläge, Konflikte in der Schule, Pubertätsprobleme oder gesundheitliche Schwierigkeiten. Aber der Wunsch blieb, irgendwann wieder voll zu arbeiten. Brigitte Stolle und Vasiliki Chatzis-Heil von der Fortbildungsakademie der Wirtschaft (FAW) planten schließlich mit ihm seinen Weg in den Beruf des Lageristen. 2016 startete er mit einem vom KJC finanzierten dreimonatigen Vorbereitungslehrgang, während die Betreuer ein Unternehmen suchten, das ihm die betriebliche Umschulung ermöglichen würde. „Das ist anspruchsvoll“, sagt Vasiliki Chatzis-Heil, „Marcel Schreiber musste in zwei Jahren lernen, wofür andere drei Jahre Zeit haben – deswegen zuvor der Vorbereitungslehrgang mit täglichem Unterricht von 8 bis 15 Uhr.“

Marcel Schreiber hielt durch und hatte Glück, dass Alexander Kraft, Raiffeisen-Niederlassungsleiter in Welkers, zu jenen Menschen gehört, die nicht nur Gutes tun, wenn es ohne Risiko ist. Denn Schreibers Vorbereitung auf die Umschulung sollte im Juni 2016 beginnen. „Die Sommermonate sind bei uns aber absolute Hochsaison. Da geht es zu wie in einem Ameisenhaufen, und es bleibt keine Zeit, einen neuen Mann vernünftig einzuarbeiten. Wir haben hier im Lager immerhin rund 50.000 Artikel. Und ich wollte die 25 Kolleginnen und Kollegen nicht zusätzlich belasten“, sagt Kraft, der zunächst ablehnte. Doch die FAW blieb hartnäckig, und der Chef ließ sich erweichen, als er Marcel Schreiber persönlich kennenlernte. „Ja, ich war erst skeptisch. Wie sollte das funktionieren, ein alleinerziehender Mann, vollkommen neu, mitten in der Saison? Aber ich war auch beeindruckt von ihm“, sagt Alexander Kraft.

Marcel Schreiber kam im März 2016 zum Probearbeiten, hörte seinen Chef sagen: „Wir können Dich nicht gemächlich anlernen. Du musst Gas geben, aber lass Dich nicht entmutigen“ , und startete durch: „Ich habe geübt, mich mit dem Sortiment vertraut gemacht, den Kollegen über die Schulter geschaut. Sie haben mich toll aufgenommen und mir Zeit gegeben. Ich war ja ziemlich eigenbrötlerisch geworden.“ Unterstützung erhielt er weiterhin vom Kreisjobcenter, das ihm beispielsweise ein Darlehen für den Kauf eines Autos zur Verfügung stellte. Anfangs war er mit dem Zug von Fulda gekommen, dann mit dem Roller, schließlich legte er sich ein Auto zu. „Wir haben verschiedene Fördermöglichkeiten“, sagt Brigitte Stolle und fügt an: „Ein Auto war in seinem Fall absolut notwendig, um Arbeit und Kinderbetreuung unter einen Hut zu bringen.“

Die Kinder waren allerdings zunächst vom beruflichen Erfolg ihres Vaters weniger begeistert. „Naja, es war zu Hause eben nicht mehr alles wie von selbst erledigt. Jetzt mussten sie auch mal putzen, einkaufen, Essen machen“, sagt er. „Dann habe ich ihnen erklärt, dass wir uns jetzt auch mehr leisten können, nicht mehr jeden Cent umdrehen müssen.“ Doch für Marcel Schreiber war dieser Schritt weit mehr: „Meine Kinder haben gemerkt, dass es mir gut damit geht. Und ich möchte ihnen auch zeigen, dass es wichtig ist, nicht ausschließlich und dauerhaft Geld vom Amt zu beziehen“, sagt er und ist stolz, „dass mein Ältester jetzt eine Ausbildung macht“.

Nach seinem sehr erfolgreichen Abschluss wurde Marcel Schreiber eingestellt. Mittlerweile arbeitet er seit einem Jahr im Raiffeisen-Team – und er hat sich nicht nur etabliert, sondern weiterentwickelt. „Derzeit ist er zur Hälfte im Lager tätig, zur anderen Hälfte für die Einteilung der Lkw zuständig. Und das ist ebenfalls anspruchsvoll“, sagt Alexander Kraft. Zur Hochsaison kommen dort täglich zehn 40-Tonner zur Anlieferung auf den Hof, und gut 40 Touren liefern an die Kunden. „Das zu organisieren, ist Teamplay auf ganz hohem Niveau.“ Für Markus Vogt, Sachgebietsleiter Eingliederung im Kreisjobcenter, ist das ein voller Erfolg: „Am Ende ist allen geholfen – Marcel Schreiber, seinen Kindern, dem Unternehmen. Und auch für uns im Kreisjobcenter ist es schön, jemandem ermöglicht zu haben, ein Leben jenseits des SGB II zu führen.“ Marcel Schreiber ist dankbar, und sein Fazit kurz und knapp: „Zehn Jahre KJC, das ist jetzt vorbei.“ +++ pm

Print Friendly, PDF & Email
DER KOPF HAT EINEN PLAN, DAS HERZ EINE GESCHICHTE
NOCH NIE BEGANN EINE
GUTE STORY DAMIT, DASS JEMAND SALAT ISST.
Slider

Es gibt einige Regeln, die alle Diskussionsteilnehmer einhalten müssen. Wir bitten um Beachtung.

[Kommentarregeln hier klicken]

1 Kommentar

  1. Meinen herzlichen Glückwunsch an all diejenigen, die diesem Mann geholfen haben, wieder einen Einstieg in den Beruf zu finden. Das war aber nur möglich, weil dieser Mann extrem belastbar war und unter der zusätzlichen Last, vier kleine Kinder zu betreuen, nicht zusammengebrochen ist.

    Viele Menschen allerdings, die ins Hartz IV rutschen, sind psychisch krank und daher oft nicht belastbar. Das sieht man von außen allerdings nicht. Nämlich ob jemand gesund oder krank ist, ob er massive Probleme im privaten Bereich hat oder nicht. Und viele verbergen dies auch aus Scham. Oder weil sie sich nicht helfen lassen wollen. Bis es eben gar nicht mehr geht. Das es im KJC Menschen gibt, die so etwas rechtzeitig erkennen und helfen ist ein großer Gewinn. Auch wenn das mitunter bedeutet, aus dem SGB II auszuscheiden, weil man nicht mehr arbeitsfähig ist.

Demokratie braucht Teilhabe!