Deutschlands Kinder- und Jugendärzte verlangen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen deutlich schärfere Regeln für soziale Medien. Der Bundessprecher des Pädiater-Berufsverbandes BVKJ, Jakob Maske, fordert von der Bundesregierung und dem neuen Gesundheitsminister Linnemann, endlich zu handeln. Die Folgen eines unregulierten Umgangs mit sozialen Plattformen seien in den Kinderarztpraxen längst sichtbar.
„Dass Social Media gerade junge Menschen krank und dumm macht, ist längst erwiesen. Die Bundesregierung und der neue Gesundheitsminister Linnemann müssen endlich handeln“, sagte Maske der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Nach seiner Einschätzung ist die Politik nicht darauf beschränkt, die Verantwortung an die Plattformbetreiber oder an die Eltern weiterzureichen. Vielmehr gebe es längst Möglichkeiten, auch national Bedingungen für die Anbieter sozialer Medien zu setzen. „Die Engländer machen es vor. Es geht um die Zukunft unserer Kinder und damit unserer Gesellschaft“, sagte Maske.
Aus Sicht des Kinderarztes liegen konkrete Vorschläge bereits vor. Sie müssten nun allerdings auch umgesetzt werden, ohne sich von der Macht großer Technologiekonzerne abschrecken zu lassen. „Kluge Vorschläge liegen auf dem Tisch. Jetzt müssen sie ohne falsche Rücksichtnahme auf die mächtigen Konzerne beschlossen werden“, sagte der BVKJ-Sprecher.
Maske begründet seine Forderung nicht allein mit abstrakten Studien oder politischen Debatten. Er verweist auf die Erfahrungen aus seiner täglichen Arbeit. In seiner Praxis merke er „fast jeden Tag“, dass sich die Probleme weiter verschärften. Kinder könnten sich der Beeinflussung durch die Plattformen kaum noch entziehen. Für Jugendliche werde es zugleich immer schwieriger, sich eine freie Meinung zu bilden. Die Fälle risikobehafteter Bildschirmnutzung nähmen weiter zu.
Damit richtet sich der Blick allerdings nicht ausschließlich auf die Politik oder die Betreiber der Plattformen. Maske spricht auch von einem „gravierenden Elternversagen, was Social Media und Bildschirmnutzung angeht“. Gerade im Alltag werde sichtbar, wie früh und selbstverständlich Smartphones, Tablets und Kopfhörer inzwischen zum Leben von Kindern gehörten. „Wenn ich ins Wartezimmer schaue, kleben dort Eltern und Kinder an ihren Smartphones. Schon Kleinkinder haben Kopfhörer auf und ein Tablet vor der Nase“, sagte der Kinderarzt.
Besonders problematisch sei aus seiner Sicht der Trend, bereits sehr kleine Kinder mit digitalen Geräten abzulenken, damit sie ruhig seien. Was für Eltern im konkreten Moment eine einfache Lösung sein könne, könne langfristig zu einem problematischen Umgang mit Bildschirmmedien beitragen. Die Verantwortung für den Schutz von Kindern lasse sich deshalb nicht allein beim Staat abladen. Gleichzeitig dürfe die Politik die Eltern mit den wachsenden Problemen aber auch nicht alleinlassen.
Wie schwierig eine wirksame Regulierung sein kann, zeigt nach Ansicht des Kinderarztes auch der Umgang mit einzelnen Plattformen und Spielen. Maske nennt als Beispiel Roblox. Das Spiel sei ab 16 Jahren freigegeben, Nutzer könnten dort jedoch eigene Räume bauen. Dadurch könnten auch Kinder mit Inhalten in Kontakt kommen, die selbst für Erwachsene verstörend sein könnten. „Da können auch Kinder reingeraten und bekommen Dinge zu sehen, die sie als Erwachsener nicht sehen wollen. Das ist verdammt verstörend“, sagte Maske.
Der BVKJ geht inzwischen sogar bei der Frage eines generellen Verbots sozialer Medien für jüngere Jugendliche weiter als bislang. Der Verband sei „durchaus offen für ein Verbot von Social Media, etwa bis 14 Jahren“, sagte Maske. Ein solches Verbot könne ein Baustein sein, die Probleme aber keineswegs allein lösen.
Gerade die Erfahrungen aus Australien zeigen nach seiner Darstellung die Grenzen eines solchen Ansatzes. Dort sei zu beobachten, dass acht von zehn Jugendlichen ein entsprechendes Verbot umgehen und die Anwendungen trotzdem nutzen. Auch technische Schutzvorkehrungen seien kein verlässlicher Ausweg. Voreinstellungen auf dem Smartphone könne jeder einigermaßen pfiffige Jugendliche relativ schnell umgehen.
Damit verschiebt sich die Debatte von der Frage, ob Kinder Social Media nutzen dürfen, zunehmend zu der Frage, unter welchen Bedingungen Plattformen überhaupt betrieben werden dürfen. Ein bloßes Alterslimit, das sich technisch oder praktisch leicht umgehen lässt, würde das Problem aus Sicht der Kinderärzte nicht lösen. Ebenso wenig genügt es, Eltern allein für die Mediennutzung ihrer Kinder verantwortlich zu machen, wenn Plattformen zugleich darauf ausgerichtet sind, Nutzer möglichst lange an sich zu binden.
Für Maske liegt die entscheidende Verantwortung deshalb letztlich bei den Betreibern. „Am Ende braucht es schlicht harte Regeln für die Betreiber“, sagte der BVKJ-Sprecher. Die politische Herausforderung besteht damit darin, einen Schutzrahmen zu schaffen, der tatsächlich funktioniert – und nicht bei Regeln stehen bleibt, die Jugendliche mit wenigen Handgriffen umgehen können.
Die Debatte über Social Media ist damit längst mehr als eine Auseinandersetzung über Bildschirmzeiten. Sie berührt die Frage, wie viel Verantwortung Eltern tragen können, wo staatliche Regulierung beginnen muss und welche Grenzen Unternehmen akzeptieren müssen, wenn ihre Angebote von Kindern und Jugendlichen genutzt werden. Die Forderung der Kinderärzte nach härteren Regeln ist deshalb auch ein Appell, den Schutz junger Menschen nicht allein zur privaten Erziehungsfrage zu erklären. +++

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