„Joseph’s Eis“: Eine süße Hommage an das Handwerk – und ein Plädoyer für Arbeit mit Kopf und Hand

Josephs Eis

Ein Eis kann mehr sein als eine Frage des Geschmacks. Es kann eine Geschichte erzählen, eine Idee transportieren und sogar zum Ausgangspunkt einer gesellschaftlichen Debatte werden. Genau das steckt hinter dem „Joseph’s Eis“, das Joseph Dehler gemeinsam mit Mergim Durmishi vom Eiscafé Monte Carlo in Fulda entwickelt hat. Die ungewöhnliche Eissorte ist dem heiligen Joseph, dem Schutzpatron der Handwerkerinnen und Handwerker, gewidmet und verbindet Zutaten mit historischen Bezügen mit einem Plädoyer für die Bedeutung des Handwerks.

Im Gespräch mit fuldainfo erklärt Joseph Dehler, wie aus einer zunächst eher beiläufigen Idee ein ungewöhnliches Produkt wurde, warum Datteln, Mandelkrokant, Honig, Zimt, Zitrone und Veilchen in der Rezeptur eine Rolle spielen und weshalb er das Eis als eine Art „Widmungseis“ versteht. Zugleich geht es um eine Frage, die für Dehler weit über eine neue Eissorte hinausreicht: die aus seiner Sicht zunehmende Geringschätzung praktischer und handwerklicher Fähigkeiten gegenüber akademischen Bildungswegen.

Dehler spricht dabei nicht nur über Geschmack und Produktentwicklung, sondern auch über Ausbildung, berufliche Perspektiven, politische Entscheidungsträger und seine persönliche Wertschätzung für die Verbindung von Denken und Tun. So wird aus einem ungewöhnlichen Eisprojekt ein Gespräch über die Rolle des Handwerks in einer Gesellschaft, in der vieles digitaler und akademischer wird – und darüber, was verloren gehen könnte, wenn die Fähigkeit, mit den eigenen Händen etwas zu schaffen, an Bedeutung verliert.

Das komplette Interview
Ein etwas längeres Telefoninterview mit Joseph Dehler 

fuldainfo

Danke für Ihre Bereitschaft, spontan mit uns über Ihr neues Projekt zu sprechen. Mit großer Überraschung hatten wir erst Anfang der Woche erfahren, dass Sie gemeinsam mit dem Eiscafé Monte Carlo in Fulda eine neue Eissorte entwickelt haben. Wie kam es denn dazu?

Joseph Dehler

Mergim Dumishi, der Inhaber des Eiscafés Monte Carlo, und ich haben immer wieder über das Eismachen gesprochen. Eines Tages kam die Idee, gemeinsam eine neue Eissorte zu entwickeln. Doch je länger wir darüber nachdachten, desto klarer wurde: Wenn schon, dann sollte es nicht die 1001. Sorte sein. Es müsste etwas Besonderes werden.

fuldainfo

Wie ging es dann weiter?

Joseph Dehler

Wie das bei Produktentwicklern so ist: Zunächst taucht der Gedanke an ein neues Produkt nur hin und wieder auf. Dann läuft er eine Zeit lang ständig neben einem her, bis man irgendwann versucht, die Idee möglichst schnell in eine realisierbare Anwendung zu bringen, weil schon das nächste Projekt wartet. Das ist eine Phase, in der der Wille oft größer ist als das eigene Vermögen, eine zündende Idee zu finden. Man möchte vorankommen, aber der zentrale Gedanke und die Lösung lassen länger als gedacht auf sich warten.

fuldainfo

Wenn wir die zähe Phase der Produktentwicklung einmal überspringen: Wie kam es schließlich gerade zum „Joseph’s Eis“?

Joseph Dehler

Monate später hatte ich zufällig ein kleines Wortgefecht mit einem von seiner Arbeit absolut überzeugten Hochschulpolitiker über die zunehmende Akademisierung unserer Gesellschaft. Er verteidigte sie vehement, während ich der Auffassung war, dass wir bei der zunehmenden Vergeistigung und Digitalisierung unseres Alltags auf keinen Fall das kreative Handwerk und seine Bedeutung für Wirtschaft und Zusammenleben vernachlässigen dürfen. Am liebsten hätte ich dazu gleich ein Papier über die Wertschätzung des Handwerks geschrieben und davor gewarnt, unsere bewährte Berufsausbildung scheibchenweise in die Hochschulen zu verlagern, wie wir das gerade beispielsweise bei den Hebammen und Physiotherapeuten beobachten. Da kam mir – fragen Sie mich bitte nicht, wie – plötzlich wieder die Eissorte in den Sinn, die immer noch auf ihre Bearbeitung wartete. Und damit die Frage: Könnte man zur Wertschätzung des Handwerks vielleicht ein „Handwerker-Eis“ kreieren, ohne dass es nur eine neue Bezeichnung für ein Speiseeis wäre?

fuldainfo

… Eine spannende Gedankenbrücke! Aber wie wurde daraus dann das „Joseph’s Eis“?

Joseph Dehler

Zunächst waren wir bald der Meinung, dass ein „Handwerker-Eis“ doch eine etwas zu kühle Bezeichnung für eine neue Eissorte wäre. So entstand der Gedanke, das Eis jemandem zu widmen, der sich mit Leib und Seele für das Handwerk eingesetzt und um dessen Wertschätzung verdient gemacht hat. Und ich fragte mich: Wer gilt denn gemeinhin als der prominenteste Handwerker aller Zeiten? Na, wer denn schon – schnell war klar: der heilige Joseph, Schutzpatron der Handwerkerinnen und Handwerker. Insbesondere der Zimmerleute und Bauhandwerker.

Damit war das „Joseph’s Eis“ geboren. Wir wollten es dem heiligen Joseph widmen und damit das Handwerk ein wenig „in den Himmel heben“. Also ein „Widmungseis“.

Erst einmal musste ich über diesen Gedanken selbst lachen. Dann war ich geradezu erschrocken, diesen berühmten Erdenbewohner aus dem ersten Jahrhundert im Zusammenhang mit einer Eissorte aufleben lassen zu wollen. Gleichzeitig hat mich der Gedanke kurze Zeit später – wie selten zuvor bei einer solchen Produktidee – regelrecht gefesselt.

fuldainfo

Interessant. Da hatten Sie aber noch keine Rezeptur im Kopf, oder?

Joseph Dehler

Natürlich nicht. Zunächst dachte ich, analog zum auf dem Markt befindlichen „Heu-Eis“ könnten wir als Basis „Sägespäne“ extrahieren und einer neutralen Eismasse beimischen. Das erschien mir dann aber doch zu banal – obwohl ich tatsächlich schon darüber nachgedacht hatte, von welchem Baum wir die Sägespäne dafür nehmen könnten.

Also, das war es schon beim ersten Gedanken nicht. Denn wir sollte so ein Eis schmecken!? Erst viel später kam mir die Idee, eine Rezeptur aus Zutaten zu entwickeln, die bereits zu Lebzeiten des heiligen Joseph, also im ersten Jahrhundert, bei den Menschen eine Rolle spielten. Diese Zutaten dann geschmacklich abzurunden und in die heutige Zeit zu übertragen, schien nicht nur plausibel, sondern auch noch ein Alleinstellungsmerkmal zu sein.

Gleichzeitig sollte der bärtige heilige Joseph als ein in die heutige Zeit passender handwerklicher Eismacher erscheinen, um eine einigermaßen identitätsstiftende Wirkung erzeugen zu können.

fuldainfo

Welche Lebensmittel aus dieser Zeit hatten Sie dabei im Blick?

Joseph Dehler

Um die Hauptzutaten kurz zu nennen: Datteln, Mandelkrokant, Honig, Zimt, Zitrone und Veilchen. Die Begründungen für jede einzelne Zutat würden hier zu weit führen. Sie haben jeweils einen geschichtlichen und geografischen Zusammenhang mit der Rezeptur.

fuldainfo

Eine interessante Kombination. Aber muss das sogenannte „Handwerker-Eis“ jedem gleich gut schmecken?

Joseph Dehler

Um Gottes willen, nein. Geschmäcker sind und bleiben unterschiedlich. Allein die Tatsache, dass wir Menschen – je nach individueller Ausprägung – zwischen etwa 2.000 und 8.000 Geschmacksknospen und eine Vielzahl daran liegender Rezeptoren besitzen, zeigt, wie unterschiedlich unser Geschmacksempfinden sein kann. Dazu kommt das Zusammenspiel von Zunge, Nase und Gehirn, das bei jedem Menschen wiederum anders ausgeprägt ist. Für mich war zunächst wichtig, dass das Eis ein klares Profil und eine stimmige Rezeptur hat und – in diesem Fall – durch die ausgewählten Zutaten auch eine historische Dimension erhält. Man sollte deshalb versuchen, das Joseph’s Eis zunächst wirklich zu erschmecken, anstatt bereits beim ersten Löffel den Anspruch zu haben, den gesamten Geschmack erfassen zu können. Bei einem guten Eis sollte man erkennen, welche Zutaten darin stecken und was am Ende aus ihnen entstanden ist – also, was der Handwerker daraus gemacht hat. Genau das macht für mich gutes Eis aus: die Qualität und Klarheit der Zutaten, ihr Zusammenspiel und die handwerkliche Idee, die daraus ein eigenes Geschmackserlebnis entstehen lässt.

fuldainfo

Am Ende aber schmeckt jeder, wie er will und kann. Stimmt’s?

Joseph Dehler

Geschmack ist auch Gewöhnung. Und das Natürliche heute herauszuschmecken, ist vor allem denen vorbehalten, die sich einigermaßen natürlich ernähren. Man darf eben nicht vergessen, dass die heutigen Geschmäcker teilweise durch die sich massenhaft auf dem Markt befindlichen industriell verarbeiteten Lebensmittel verkorkst sind, um es mal hart auszudrücken. Deshalb sollten wir wieder anfangen, bewusst etwas zu erschmecken und uns dabei, wie hier angedacht, mit dem Handwerk ein wenig verbrüdern.

fuldainfo

Schmeckt Ihnen denn das Joseph’s Eis?

Joseph Dehler

Bei allem Philosophieren: Obwohl ich, was Geschmack anbelangt, ein sehr kritischer Mensch bin, schmeckt es mir richtig gut. Sonst könnte ich kein grünes Licht geben. Aber wie gesagt, die jeweiligen Geschmäcker sind verschieden. Man muss es ja nicht auf Teufel komm raus essen. Sich aber mal darauf einzulassen, wäre bestimmt eine gute Idee.

fuldainfo

Dann lassen Sie uns noch einmal auf Ihren Grundgedanken zurückkommen: nämlich auf die aus Ihrer Sicht zu geringe Wertschätzung gegenüber dem Handwerk im Vergleich zu akademischen Berufen. Gibt es Zahlen, die uns das plastisch vor Augen führen?

Joseph Dehler

Ich denke, wir werden dieses Thema am Telefon bei Weitem nicht vollständig abarbeiten können. Aber ein paar Zahlen sprechen für sich: Nach Schätzungen des Deutschen Handwerks sind rund 200.000 bis 250.000 Stellen im Handwerk unbesetzt. Der anhaltende Akademisierungstrend zieht junge Menschen systematisch aus den klassischen Ausbildungsberufen heraus, nicht nur aus dem Handwerk. Die Lage können Sie allein am jeweiligen Differenzierungsgrad sehen. In Deutschland gibt es rund 325 staatlich anerkannte Ausbildungsberufe, aber über 22.000 verschiedene Studiengänge werden angeboten. Gleichzeitig sind mehr als 16.000 Lehrstellen unbesetzt. Nach Angaben des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks ist damit etwa jeder neunte Ausbildungsplatz vakant. Ich meine, das zeigt zumindest, dass es große Risse auf dem Ausbildungs- und Studienmarkt gibt. Damit wird damit leider auch der Blick auf die außergewöhnlich guten Karriere- und Aufstiegsmöglichkeiten im Handwerk verstellt.

fuldainfo

Vermutlich läuft da aber auch politisch etwas falsch, oder? Haben wir die falschen oder zumindest zu wenige handwerksorientierte Entscheider in den Gremien und Gesetzgebungsorganen?

Joseph Dehler

Ich möchte ungern polemisch werden. Aber klar, ich beobachte die politische Lage auch vor dem Hintergrund der Gesetze und Förderprogramme, die von Politikerinnen und Politikern gemacht werden, und frage mich, ob sich aus deren früheren Berufen – sofern sie überhaupt einen beruflichen Hintergrund haben – möglicherweise auch Haltungen zur Wertschätzung des Handwerks ableiten lassen. Auch dazu gibt es zumindest bedenkliche Zahlen, die jeder für sich interpretieren kann: Unter den derzeit 630 Abgeordneten des Deutschen Bundestages gibt es gerade einmal sechs Handwerksmeister. Darunter nur eine Frau! Das sind weniger als ein Prozent. Und das bei einer Million Betrieben und etwa 350.000 Handwerkslehrlingen. Wie soll da auf der politischen Ebene eine besondere Wertschätzung für das Handwerk entstehen? Vergleichen Sie doch einmal das Handwerk mit dem öffentlichen Dienst. Beide haben bundesweit etwas um die 5,5 Millionen Beschäftigte. Das Handwerk aber unter den Bundestagsabgeordneten mit sechs Handwerkermeistern nur einen Anteil von 0,95 %, während der öffentliche Dienst mit 179 Abgeordneten 28,4 % vorweisen kann.

fuldainfo

Wissen Sie aus welchen Parteien die HandwerksmeisterInnen kommen?

Joseph Dehler

Soweit ich weiß, ein Fleischermeister aus der CSU, unser Landwirtschaftsminister Rainer, eine Fleischermeisterin aus der CDU. … Woher die restlichen kommen, können Sie gerne raten oder selbst recherchieren.

fuldainfo

Und wie sieht ansonsten die Abschlussqualifikation der Abgeordneten im Bundestag aus?

Joseph Dehler

81 Prozent der Abgeordneten im Deutschen Bundestag haben ein Hochschulstudium abgeschlossen. In der Gesamtbevölkerung sind es gerade einmal rund 21 Prozent. 40 Abgeordnete haben, soweit ich es noch in Erinnerung habe, gar keinen Abschluss. Ich nehme an, dass ich Ihren Leserinnen und Lesern nicht erklären muss, welche Probleme sich daraus allein schon in der Verständigung zwischen den Entscheidungsträgern und der Bürgerschaft ergeben.

fuldainfo

Im Leben kommt man hin und wieder an einen Punkt, an dem man sich etwas wünscht, von dem man gleichzeitig weiß, dass es kaum realisierbar ist. Was würden Sie sich wünschen, wenn Sie an eine zukunftsfähige Politik, das Handwerk und die Persönlichkeit politischer Entscheidungsträger denken?

Joseph Dehler

Dass jeder und jede von ihnen einmal im Leben mit der eigenen Hände Arbeit den kompletten Lebensunterhalt verdient haben müsste, bevor er oder sie Zugang zu politischen Ämtern jeglicher Art bekommt.

fuldainfo

Was schätzen Sie am Handwerk besonders?

Joseph Dehler

Was ich am Handwerk besonders schätze, ist die unauflösliche Verbindung von Kopf und Hand, von Denken und Tun. Nehmen wir den Schreinerberuf, weil der gerade zum Joseph’s Eis passt: Bevor die Säge läuft, wurde schon viel Denkarbeit geleistet. Kundenwünsche müssen verstanden, Konstruktionen geplant und berechnet, Materialien ausgewählt und Maschinen beherrscht werden. Gleichzeitig braucht es ein räumliches Vorstellungsvermögen und ein gutes Gespür für das zu verarbeitende Material. … Holz ist „lebendig“. Der Umgang damit verlangt Erfahrung und Fingerspitzengefühl. Am Ende kommt es auf die Präzisionskraft der Hände an – u. a. beim Hobeln, Ölen oder Lackieren. Diese Verbindung aus Wissen und handwerklichem Geschick beeindruckt mich schon immer. Deshalb habe ich nicht nur große Wertschätzung, sondern auch großen Respekt vor dem Handwerk.

fuldainfo

Das hört sich ja fast so an, als wären Sie selbst Schreiner.

Joseph Dehler

Nein, natürlich nicht. Aber ich stehe dem Beruf sehr nahe – durch meine Schreinerfreunde, aber auch durch meine einstmals eigene kleine Schreinerwerkstatt. Ich habe dort auch Tische gebaut. Na ja, ein Profi hätte schon bei der Ansicht meiner Produkte aus Gründen der fehlenden Feinarbeit und Exaktheit den Kopf geschüttelt. Gleich wie, ich liebe es, mit Holz zu arbeiten.

fuldainfo

Können Sie uns abschließend ein paar Punkte nennen, weshalb ein junger Mensch zur eigenen persönlichen Zufriedenheit einen Handwerksberuf erlernen sollte?

Joseph Dehler

Ich finde, ein Handwerksberuf bietet jungen Menschen etwas, das heute besonders wertvoll ist: gute Zukunftsaussichten und das Gefühl, gebraucht zu werden. Handwerker werden überall gesucht, die Verdienst- und Aufstiegsmöglichkeiten sind gut. Und mit dem Meistertitel stehen viele Türen offen – zur Selbstständigkeit, zur Ausbildung junger Menschen oder sogar zu einem späteren Studium. Ich glaube auch, dass die Zufriedenheit eine große Rolle spielt. Man sieht am Ende des Tages, was man mit den eigenen Händen geschaffen oder repariert hat. Dass ich etwas bewirkt habe, was in geistigen Berufen meist nicht sofort eintritt: Das Möbel ist fertig, die Heizung läuft wieder, das Brot ist gebacken, das Haus ist jetzt schöner oder die Solaranlage produziert Strom. Und dafür bekommt man oft ein direktes und ehrliches Dankeschön. Was man nicht vergessen sollte: Man ist als Handwerkerin oder Handwerker außerdem ein Teil von etwas Größerem. In der Energiewende, beim nachhaltigen Bauen, mit der Förderung von guten Lebensmitteln und so weiter. Jedenfalls: Ohne Handwerkerinnen und Handwerker bleibt vieles nur eine gute Idee. Handwerk macht Zukunft überhaupt erst möglich. Und man gewinnt mit jedem Handgriff immer mehr Vertrauen in die eigene Fähigkeit, wenn ich das so sagen darf.


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Joseph Dehler

Zur Person
Joseph Dehler kam 1944 unter widrigen Umständen in Marbach, sechs Kilometer von Lehnerz entfernt, zur Welt, wohin seine Mutter mit seiner Schwester vor dem Bombenhagel auf Fulda geflohen war; sein Vater befand sich zu dieser Zeit im Krieg. Zurück in seinem Heimatdorf Lehnerz wuchs Joseph Dehler mit drei Geschwistern in einfachsten Verhältnissen einer christlich geprägten Großfamilie auf. Die Mutter war Schneiderin, der Vater Bäcker, später Gleisbauer und Eisenbahner. Nach der achtjährigen Volksschule begann er mit 14 Jahren eine Ausbildung zum Koch im Hotel Zum Kurfürsten. Es folgte eine berufliche Laufbahn in Hotels und Restaurants. Seinen Wehrdienst leistete er bei der Bundespolizei/BGS ab. Gleichzeitig stand der Ringkampfsport immer im Mittelpunkt seines sportlichen Lebens.

Nach den Hotelfachschulen in Tegernsee und Bad Wiessee brach er seine Laufbahn im Hotelfach abrupt ab. Obwohl er seinen Beruf liebte, wurde für ihn die persönliche Kluft zu seinen noblen Gästen unüberbrückbar. So wurde er Hilfsarbeiter in einer Drahtwarenfabrik – eine gravierende Wende in seinem Leben, die ihn schließlich über den zweiten Bildungsweg an die Abendschule führte. Neben seinen jeweiligen Hauptberufen studierte er unter anderem Sozialarbeit, Erziehungswissenschaften, Psychologie und Soziologie und promovierte zum Dr. phil. Seine Habilitationsschrift verfasste er später in Politikwissenschaften. Anschließend war er zunächst Abteilungsleiter für Gesellschaft und Politik an der VHS in Bad Homburg und einige Jahre Berufsschullehrer, bevor er in die Lehre und Forschung wechselte. Nach seiner Zeit als Hochschullehrer war er erst Prorektor und dann von 1982 bis 1994 Rektor der Hochschule Fulda. Gleichzeitig war er viele Jahre Vorstandsvorsitzender des Regionalen Zentrums für Wissenschaft, Technik und Kultur (RWZ).

Danach wurde er zum Hessischen Regierungsbeauftragten für Innovation und Technologieentwicklung berufen – und war in vergleichbaren Positionen der Innovationspolitik später unter anderem für die deutsche und österreichische Bundesregierung sowie das Land Sachsen-Anhalt tätig – dort zugleich als Ministerialdirigent, Abteilungsleiter Mittelstand und Innovationspolitik und später Zentralabteilungsleiter im Ministerium für Wirtschaft und Arbeit. Seit 2009 ist Joseph Dehler als freier Politik- und Innovationsberater tätig. Von 2012 bis 2019 betrieb er mit seiner Familie das Altstadtcafé Mandelrose in Fulda und entwickelte dort die internationale Marke „Mandelrose®“. Seit 1972 engagiert er sich in der Umwelt- und Regionalentwicklung. 1998 war er Oberbürgermeisterkandidat der demokratischen Opposition in Fulda – SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, CWE und FDP. Joseph Dehler ist Autor zahlreicher Bücher, zunächst Fachbücher. Zuletzt erschienen Fremdgelenkt. Im Strudel von Macht und Liebe; Nasentanz. Früchtchen aus dem Garten der Macht; Die große Luftnummer; Generation Bonjos – Die Zeit zwischen den Stühlen sowie die Biografie Hans Hartz – Auf ein Wort.


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