Es gibt Entscheidungen, die einen Streit beenden. Und es gibt Entscheidungen, die lediglich dafür sorgen, dass über einen Streit nicht mehr abgestimmt werden muss. Die Entscheidung des Fuldaer Stadtparlaments gegen die Umbenennung der Johannes-Dyba-Allee gehört eher zur zweiten Kategorie. Nach monatelangen Debatten steht nun fest: Die Straße behält ihren Namen. Der politische Vorgang ist damit abgeschlossen. Der gesellschaftliche Konflikt aber ist es nicht.
Johannes Dyba war eine prägende und zugleich höchst umstrittene Persönlichkeit des Bistums Fulda. Er stand in der Kritik, insbesondere wegen seines Umgangs mit Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche. Genau deshalb war die Auseinandersetzung um die Johannes-Dyba-Allee nie lediglich eine Diskussion über ein Straßenschild. Es ging um die Frage, wie eine Stadt mit einer Persönlichkeit umgeht, deren öffentliches Wirken für die einen mit Anerkennung und für die anderen mit schwerwiegender Kritik verbunden ist. Man kann die Entscheidung gegen eine Umbenennung politisch vertreten. Eine demokratische Mehrheit hat das Recht, einen bestehenden Straßennamen beizubehalten. Wer das anders beurteilt, muss dieses Abstimmungsergebnis akzeptieren. Was man allerdings hinterfragen darf, ist die Qualität des politischen Ergebnisses. Denn nach Monaten der Auseinandersetzung hätte Fulda mehr erreichen können als eine Entscheidung zwischen Behalten und Entfernen.
Es hätte keinem einzigen Missbrauchsopfer geholfen.
Für die CDU in der Fuldaer Stadtverordnetenversammlung stellte sich die Lage allerdings anders dar. Die Fraktionsvorsitzende Fehrmann verwies auf den Missbrauchsbericht und sagte: „Aus dem Missbrauchsbericht ist klar zu erkennen, dass es keinen Beleg dafür gibt, dass sich Bischof Dyba schuldig gemacht hat, dass er an der Versetzung von den Tätern beteiligt war.“ Damit war eine zentrale Trennlinie der Debatte benannt. Während die Befürworter einer Umbenennung die politische und moralische Verantwortung des damaligen Bischofs im Zusammenhang mit dem Umgang der katholischen Kirche mit Missbrauchsfällen zum Maßstab machten, stellte die CDU-Fraktionsvorsitzende die Frage nach einem konkreten Beleg für eine persönliche Beteiligung Dybas an der Versetzung von Tätern in den Mittelpunkt.
Gerade an diesem Punkt hätte die Debatte besonders sorgfältig werden müssen. Denn zwischen der Feststellung, dass es keinen Beleg für eine konkrete Beteiligung an der Versetzung von Tätern gibt, und der Frage, welche politische oder moralische Verantwortung ein Bischof für den Umgang einer Diözese mit Missbrauchsfällen trägt, liegt ein erheblicher Unterschied. Das eine beantwortet nicht automatisch das andere. Eine solche Differenzierung hätte der Debatte gutgetan. Sie hätte verhindert, dass aus der Frage nach der historischen Verantwortung eines Bischofs ein schlichtes Schwarz-Weiß-Schema wird. Niemand muss Johannes Dyba persönlich eine konkrete Beteiligung an der Versetzung von Tätern unterstellen, wenn ein entsprechender Beleg nicht vorliegt. Ebenso wenig muss aus dem Fehlen eines solchen Belegs folgen, dass jede Kritik an seinem Umgang mit Missbrauchsfällen gegenstandslos wäre.
Genau diese Zwischenräume fehlten der politischen Auseinandersetzung zunehmend. Dabei wären sie gerade bei einer Person wie Johannes Dyba notwendig gewesen. Denn die Frage, ob ein Mensch für eine konkrete Handlung verantwortlich gemacht werden kann, ist nicht identisch mit der Frage, ob sein Name heute noch ohne kritische Einordnung im öffentlichen Raum präsent sein sollte. Eine Umbenennung hätte selbstverständlich keinem einzigen Missbrauchsopfer geholfen. Kein erlittenes Leid wäre dadurch ungeschehen gemacht worden. Keine Tat wäre rückgängig gemacht, kein Versagen korrigiert und keine Verantwortung nachträglich übernommen worden. Wer behauptet, eine Umbenennung hätte Opfer von Missbrauch tatsächlich entschädigt oder geheilt, würde den symbolischen Charakter einer solchen Entscheidung überhöhen.
Aber daraus folgt nicht, dass eine Umbenennung bedeutungslos gewesen wäre.
Der öffentliche Raum hat eine eigene Sprache. Straßennamen sind keine neutralen Adressangaben. Sie machen Namen sichtbar, täglich, beiläufig und über Jahrzehnte hinweg. Sie stehen auf Briefköpfen, Navigationssystemen, Wegweisern und Hauseingängen. Menschen leben an ihnen, arbeiten an ihnen und nennen sie, ohne jedes Mal über die Person nachzudenken, deren Namen sie tragen. Gerade deshalb kann auch die Entscheidung, einen solchen Namen zu entfernen oder beizubehalten, eine gesellschaftliche Bedeutung haben. Der Name eines sehr umstrittenen Bischofs wäre durch eine Umbenennung weniger sichtbar gewesen. Das hätte kein Leid beseitigt. Aber es hätte für Menschen, die die Geschichte des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche und den Umgang damit nicht als abstrakte historische Frage betrachten, ein Signal sein können. Ein Signal, dass die Stadt die Kontroverse nicht nur zur Kenntnis nimmt, sondern bereit ist, Konsequenzen im öffentlichen Raum zu ziehen.
Vielleicht hätte eine solche Entscheidung dem Seelenfrieden gedient.
Das ist kein kleines Argument. Es ist auch kein Argument, das sich in einer politischen Abstimmung in Zahlen messen lässt. Wer selbst nicht betroffen ist, kann leicht sagen, dass ein Straßenschild doch nur ein Straßenschild sei. Für Menschen, die mit Missbrauch, kirchlichem Versagen oder dem Umgang damit persönlich konfrontiert waren, kann die dauerhafte öffentliche Präsenz des Namens einer umstrittenen Persönlichkeit jedoch eine andere Bedeutung bekommen. Politik sollte solche Empfindungen nicht einfach als Befindlichkeiten abtun. Natürlich darf daraus im Umkehrschluss kein Anspruch entstehen, jede historisch oder gesellschaftlich umstrittene Persönlichkeit aus dem öffentlichen Raum zu entfernen. Sonst würde Erinnerungskultur irgendwann nur noch aus dem Tilgen unbequemer Namen bestehen. Eine demokratische Stadt muss Widersprüche aushalten können. Sie muss auch aushalten können, dass Menschen dieselbe historische Figur völlig unterschiedlich beurteilen. Gerade deshalb hätte eine Umbenennung nicht zwingend die einzige sinnvolle Antwort sein müssen. Aber sie wäre eine mögliche Antwort gewesen. Und sie hätte – gerade weil sie nichts ungeschehen machen kann – von einer zusätzlichen politischen und gesellschaftlichen Maßnahme begleitet werden können.
Hier liegt die eigentliche verpasste Chance der vergangenen Monate.
Fulda hätte aus der Kontroverse mehr machen können als einen politischen Lagerkampf. Wenn die Stadt den Namen Johannes Dyba beibehält, hätte sie gleichzeitig die Möglichkeit, dessen Geschichte dort, wo sein Name im Stadtbild präsent ist, kritisch einzuordnen. Eine Informationstafel oder ein dauerhaftes Informationsangebot könnte erklären, wer Dyba war, welche Bedeutung er für Fulda hatte und warum sein Umgang mit Missbrauchsfällen bis heute kritisch betrachtet wird. Das wäre keine nachträgliche Verurteilung und keine Geschichtsklitterung. Es wäre das Gegenteil. Es wäre eine Form von Erinnerung, die nicht nur ehrt, sondern auch hinterfragt. Noch überzeugender wäre ein konkretes Zeichen gegenüber den Betroffenen gewesen. Ein Fonds, mit dem Opfer von Missbrauch unterstützt werden, hätte der monatelangen Debatte eine praktische Dimension gegeben. Dann wäre es nicht bei der Frage geblieben, welcher Name an einer Straße steht. Dann hätte die Stadt aus einer schwierigen historischen Auseinandersetzung zumindest den Versuch unternommen, heute etwas zu bewirken.
Denn genau darin liegt die Schwäche des jetzigen Ergebnisses: Es ist politisch eindeutig, gesellschaftlich aber erstaunlich arm.
Diejenigen, die für die Umbenennung gestritten haben, können nun darauf verweisen, dass ihre Kritik zwar gehört, aber letztlich nicht umgesetzt wurde. Diejenigen, die den Namen erhalten wollten, können sich als Sieger betrachten. Das Stadtparlament hat entschieden. Die Mehrheit hat sich durchgesetzt. Doch was bleibt darüber hinaus? Moralische Gewinner gibt es auf der einen Seite, politische Gewinner auf der anderen. Und dazwischen eine Stadtgesellschaft, die sich monatelang an einer Frage abgearbeitet hat, ohne dass daraus ein gemeinsames Zeichen entstanden ist. Anders gesagt: Am Ende könnten Verlierer auf allen Seiten stehen. Das ist umso bedauerlicher, weil die Debatte durchaus das Potenzial für einen Kompromiss hatte. Ein Kompromiss hätte nicht bedeutet, die Frage nach Dybas Umgang mit Missbrauch zu verwässern. Er hätte auch nicht bedeutet, die Befürworter einer Umbenennung abzuspeisen. Ein Kompromiss hätte darin bestehen können, den Namen beizubehalten und gleichzeitig eine verbindliche kritische historische Einordnung sowie konkrete Hilfe für Betroffene auf den Weg zu bringen. Damit hätte Fulda gezeigt, dass Erinnerungspolitik mehr sein kann als ein Kulturkampf.
Auch die Rolle der AfD verdient in diesem Zusammenhang eine genauere Betrachtung. Die Partei konnte ihren eigenen Antrag nicht durchsetzen und stimmte gegen eine Umbenennung. Das ist zunächst ihre demokratische Entscheidung. Politisch interessanter ist jedoch, welche Möglichkeit sie damit ungenutzt ließ. Die AfD hätte sich klar gegen ein Schwarz-Weiß-Denken stellen können, wie es in der Debatte auch bei der Fuldaer CDU sichtbar wurde. Sie hätte sagen können: Eine Umbenennung allein hilft keinem Opfer, aber der Umgang mit dem Namen Johannes Dyba muss deshalb nicht folgenlos bleiben. Sie hätte eine kritische historische Einordnung fordern können. Sie hätte ein Informationsangebot zur Geschichte des Missbrauchs und des kirchlichen Umgangs damit unterstützen können. Und sie hätte sich für konkrete Hilfe für Betroffene einsetzen können. Das wäre eine eigenständige politische Position gewesen. Stattdessen blieb am Ende vor allem die Frontstellung bestehen.
Auch die CDU hätte die Chance gehabt, über ihre eigene politische Komfortzone hinauszugehen. Wer einen Straßennamen verteidigt, muss deshalb nicht jede Kritik an der Person zurückweisen. Wer Johannes Dyba im Stadtbild erhalten will, kann gleichzeitig anerkennen, dass sein Name für andere Menschen mit einer belastenden Geschichte verbunden ist. Gerade diese Differenzierung hätte der Debatte gutgetan. Denn eine Stadtgesellschaft ist nicht dadurch stark, dass alle dasselbe denken. Sie ist stark, wenn sie unterschiedliche Erfahrungen und Bewertungen nebeneinander aushalten kann, ohne daraus sofort einen politischen Grabenkampf zu machen.
Die Johannes-Dyba-Allee bleibt nun bestehen. Das ist die Entscheidung des Stadtparlaments. Sie muss akzeptiert werden. Aber sie sollte nicht als Schlusspunkt einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung verstanden werden. Denn die entscheidende Frage ist längst nicht mehr, ob ein Straßenschild geändert wird. Die entscheidende Frage lautet, was Fulda aus der Debatte macht. Wenn die Stadt nach der Abstimmung einfach zur Tagesordnung übergeht, bleibt von monatelanger Diskussion vor allem ein Mehrheitsbeschluss. Dann wurde ein Streit beendet, aber keine Brücke gebaut. Wenn Fulda dagegen den bestehenden Namen zum Anlass nimmt, Geschichte sichtbar zu machen, Widersprüche offen zu benennen und Betroffenen konkrete Unterstützung anzubieten, könnte aus der Kontroverse doch noch etwas entstehen, das über den Tag der Abstimmung hinaus Bestand hat. Eine Umbenennung wäre keine Wiedergutmachung gewesen. Das sollte niemand behaupten. Sie hätte kein Opfer geheilt und kein Leid beseitigt. Aber sie hätte ein sichtbares Zeichen setzen können. Der Verzicht auf eine Umbenennung hätte deshalb ebenso ein Zeichen gebraucht.
Genau dieses Zeichen fehlt bislang.
Ein Straßenschild kann keine Geschichte verändern. Eine Stadt kann aber entscheiden, wie sie mit ihrer Geschichte umgeht. Und vielleicht wäre das die eigentliche Aufgabe gewesen, die sich Fulda in diesen Monaten hätte stellen müssen: nicht zu entscheiden, wer in einem politischen Streit recht bekommt, sondern einen Weg zu finden, auf dem sich möglichst viele Menschen trotz unterschiedlicher Positionen wiederfinden können. Der Name Johannes Dyba bleibt. Die Erinnerung an seine Bedeutung für Fulda bleibt ebenfalls. Aber ebenso bleibt die Verantwortung, sich mit den dunklen Seiten dieser Geschichte auseinanderzusetzen. Der politische Streit ist beendet. Die Auseinandersetzung darüber, was eine Stadt aus ihrer Geschichte lernen will, sollte es nicht sein. +++
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