Hünfelder SV: Sich positiver Dinge erinnern und künftig einfach wieder das Herz auf dem Platz lassen

Es gibt diese Phasen. Im richtigen Leben und auch im Fußball. Man meint, alles getan zu haben. Mit Abstrichen hat man das ja auch. Mit entscheidenden. Wie einst Sisyphos, der einen Stein den Berg hinauf warf, der zurückkam, er es immer wieder versuchte – es aber nichts brachte. Man lässt Energien, Kraft und Substanz. Nicht nur körperlich, auch psychisch. Eine Menge Arbeit im Kopf ist nötig, um wieder dahin zu kommen, wohin man eigentlich wollte. An einen Ausgangspunkt, an dem sich Arbeit wieder lohnt. Ein Miteinander wieder lohnt. Gemeinsames Vorhaben. Gemeinsame Aktivität. Fußballer sprechen dann – nach guter alter Sitte – gern davon, an einem Strang zu ziehen. So oder so ähnlich müssen sich derzeit die Fußballer des Hünfelder SV fühlen. Nach der 0:3-Heimniederlage gegen die „U21“ des SV Darmstadt 98.

Nur ein Sieg bleibt zurück für den HSV aus den sechs letzten Spielen – der 2:0-Heimsieg am 19. September gegen Hadamar. Hünfelds Fußballer aber an dieser Phase bescheidenen Ertrags zu messen oder gar zu beurteilen, das wäre unangemessen und unfair. Schließlich hatten sie in ihrer starken Phase in den ersten Wochen der Saison fünf Siege und 15 Punkte aus den ersten sechs Spielen geholt. Jetzt sind es insgesamt 19 – macht Rang sieben der Hessenliga-Tabelle. Dies ist eher zweitrangig. Ebenso müßig ist die Frage, ob der Blick sich eher nach unten oder doch nach oben richten solle.

Richten wir die Betrachtung indessen unter die Oberfläche und beginnen mit einem an sich positiven Aspekt, fällt natürlich das fehlende Spielglück ins Auge. In den ersten und erfolgreichen Wochen stand es dem HSV zur Seite – vor allem, weil er sich erarbeitet hatte. Jetzt zerrt der HSV auch daran, aber es fällt nicht auf seine Seite. Zwei sogenannte Knackpunkt-Situationen sind da zu nennen aus dem Vergleich gegen Darmstadt. Zum einen ging Maxi Fröhlichs Kopfball nach Max Lindemanns Freistoß zu Beginn des zweiten Abschnitts knapp vorbei (53.) – hätte er gesessen, hätte dies den Ausgleich bedeutet. Zum anderen landete auch Sven Kemmerzells Flachschuss knapp neben der Kiste – nach gut einer Stunde und kurz vor der Auswechslung des Schützen (63.). Das wäre der Anschlusstreffer zum 1:2 gewesen. Das Spiel, seine Entwicklung und dessen Ausgang aber auf diese Szenen zu reduzieren, das wäre auch nicht okay. Und es wäre Darmstadts guter Leistung gegenüber nicht mit Respekt verbunden. „Darmstadt war besser. Das muss man einfach anerkennen“, lobte auch Hünfelds Trainer Benjamin Fuß. Keinen Zweifel ließ er an der Berechtigung des Gäste-Sieges aufkommen. Ob es nun „Kleinigkeiten“ waren, die das Spiel entschieden hatten, darüber konnte man streiten – oder anderer Auffassung sein. „Die Jungs haben alles gegeben“, schloss er noch an.

Eine andere Frage – und die vielleicht entscheidende – lautete aber: Warum hat der HSV die spielstarke Vertretung der „98er“ derart ins Spiel reingelassen? Fehlten da nicht grundlegende Dinge wie Aggressivität, Laufstärke, Zweikampfverhalten – das ja auch heißt, rechtzeitig in den Situationen zu sein? Sich mal nicht den Schneid vom Gegner abkaufen zu lassen – sondern selbst diese Rolle einzunehmen. Dem Kontrahenten da weh tun, wo er seine Stärken hat? Früher sagte man, „ihm auf die Füße treten“, „ihn beeindrucken“ oder … Lassen wir das. So sehr hat sich das Spiel nicht verändert – auch wenn das von manchen oder gar vielen in der öffentlichen Wahrnehmung so suggeriert wird.

Dabei kam der HSV offensichtlich gut rein in die Partie. In der aktiven Phase. So bewies Paliatka gute Spielübersicht und wechselte die Seite zu Fröhlich, spielte dem aber in den Rücken (3.), brachte Uth eine Flanke auf Lindemann an den zweiten Pfosten, „Linde“ aber keinen Druck hinter den zu hoch geratenen Kopfball bekam (4.) – oder Lindemanns Pass auf Paliatka nicht ankam (5.). Dem ist auch dies zuzurechnen: Der zu diesem Zeitpunkt bereits am Kopf verletzten Dücker, der eine starke Zweikampfquote besaß, gewann den Ball mit dem ihm bekannten Einsatz, nahm Uth mit, der Costa Sabate, der passte raus zu Paliatka, dem die Eingabe missriet (25.).

Darmstadt war bis dahin vor allem mit schnellen Umschaltmomenten gefährlich. Erstmals, als der offensiv stark drängende Marcello Maier knapp am kurzen Eck vorbeitraf (14.). Erkennbar aber und zunehmend auffallend: Der HSV, der anfangs sichtlich bemüht war, defensiv gut zu stehen, gewann zu wenig zweite Bälle. Viel zu wenig. Die Folge: Darmstadt riss das Zentrum an sich. Und initiierte viel. Wirkte dort nicht nur stabil – sondern, mit der fixen Größe, dem Ex-Profi Yannick Stark im Rücken, auch kreativ und bestimmend. Hatte der HSV noch Glück, als wieder Marcello Maier am langen Eck vorbeitraf (38.) und Boas Kümmel beherzt und mit tollem Einsatz einen Konter unterband (39.) – gelang dem Gast wenig später die Führung. Noch vor der Pause. Und das 1:0 war irgendwie sinnbildlich für den Verlauf und den sich spätestens jetzt bemerkbar machenden Unterschied beider Teams.

Bezeichnend, dass der HSV den Treffer durch sein taktisches Fehlverhalten einleitete – klasse, wie Darmstadt dies nutzte. Hünfelds Zentrum war offen, Stark leitete ein und lief auf die letzte Linie des Gastgebers zu, Darmstadt hatte die rechte Halbposition durch fixes Nachrücken überladen oder war in Überzahl, Stark aber spielte durchs Zentrum auf den Torschützen Held, „Linde“ bekam die „innere Linie“ nicht zu … und es passierte. Benjamin Fuß haderte zurecht damit, nicht nur dem 0:0 in die Pause gekommen zu sein.

Zwei Aspekte noch: Boas Kümmel gewann mehr defensive als offensive Zweikämpfe – in dieser Hinsicht machte er einen wichtigen Schritt nach vorn. Weniger gut aber beim HSV: Einige Male war zu beobachten, dass Spieler die „innere Seite“ nicht geschlossen bekamen im Eins-gegen-eins; innen steht bekanntlich das Tor, außen die Eckfahne. Zu Hälfte eins gehört auch, dass HSV-Keeper Jannis Maul wagemutig und beherzt gegen Mark Maier rettete (45.) und Darmstadts stets an den Ketten zerrender und den Ball festmachender „Neuner“ Vincent Hofer den nicht leichten zweiten Ball nicht kontrollieren konnte – und dass Kümmel erneut mit starkem Einsatz einen Konter verhinderte (45.+2). Aus Hünfelder Sicht musste sich etwas ändern – und das tat es auch.

Der HSV wurde mit Beginn des zweiten Abschnitts mutiger und offensiver. Lindemann und Häuser standen wesentlich höher, der Gastgeber besetzte offensive Räume und gewann eine Zeitlang mehr Zweite Bälle. Und wer weiß, welchen Verlauf und welche Entwicklung das Spiel genommen hätte, wenn Fröhlichs Kopfball gesessen hätte; doch das hatten wir schon. Stattdessen gelang Darmstadt das 2:0. Und das war wegweisend – und Nachhinein betrachtet – spielentscheidend. Hünfeld kassierte ein Tor nach einem Standard – nach einer Ecke. Es ist nicht überliefert, wie viele Kopfballtore Yannick Stark in seiner Laufbahn gemacht hat – dieses Mal traf er. Auch Kemmerzells Möglichkeit, auf 1:2 zu verkürzen, ist genannt. Gewiss eine „Kleinigkeit“. Das Spielglück aber läuft dem HSV in dieser Phase nicht nach.

Das Spiel war mithin entschieden. Darmstadt kontrollierte das Geschehen, wirkte abgeklärt und reifer. Ehe der eingewechselte Dos Santos Pereira in der Nachspielzeit auf 3:0 stellte, hätte Tor Nummer drei früher fallen müssen für die Gäste. Doch Hofer, der stets anspielbar war im Zentrum und die Bälle gut festmachte, hatte Abschluss-Pech, als er am langen Eck vorbeizog (73.), Pereira traf an die Latten-Unterkante (82.) – und derselbe Spieler war zu verspielt und legte aus wenigen Metern quer, anstatt selbst abzuschließen (85.). Hünfelds Spieler mühten sich, einige gingen gefühlt auf dem Zahnfleisch – doch es reichte nicht. Der Aufwand stand überhaupt nicht in gesundem Verhältnis zum Ertrag.

Solche Phasen könne man kriegen, meinte Benjamin Fuß noch. Recht hat er. Auch, dass wieder mehr mit etwas Glück behaftete Zeitabschnitte kommen. Vielleicht sollte man ein Etikett aus dem Fußball von früher noch hervorkramen. Einfach mal nichts mit Fußball machen. In Klausur gehen und sich zurückziehen. Freier im Kopf werden. So, dass sich irgendwelche Sperren oder Bremsen lösen. Wenn es auch leicht gesagt ist: Sich positiver Dinge erinnern und einfach das Herz auf dem Platz lassen.

Eine positive Begleiterscheinung gab es doch aus osthessischer Sicht: die erstklassige Spielleitung von Tobias Lecke. Für seinen Vater Frank, ebenfalls vor Ort, ist dies der Überlieferung nach nichts Neues mehr. Auch wenn beide als bescheiden gelten.

Hünfelder SV: Maul – Häuser, Dücker, Banh (86. Rok), Lindemann – Kemmerzell (64. Hütsch), Uth (56. Kassa) – Kümmel (70. Witkowski), Paliatka, Fröhlich – Costa Sabate

Darmstadt 98 U21: Ebert – Balmert, Pfister, Keranovic, Mark Maier – Stark, Rauch (87. Makwaya) – Marcello Maier (89. Hartelt), Fritz, Held (71. Dos Santos Pereira) – Hofer (78. Volkmann)

Schiedsrichter: Tobias Lecke (FC Gilfershausen)

Tore: 0:1 Henry Held (41.), 0:2 Yannick Stark (55.), 0:3 Diogo Dos Santos Pereira (90.+2) +++ rl


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