An der Hochschule Fulda wurde bei einem bundesweiten Workshop über die Zukunft der Personalgewinnung an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften diskutiert. Rund 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer tauschten Erfahrungen aus. Hochschulpräsident Prof. Dr. Karim Khakzar drängt angesichts des bevorstehenden Auslaufens der ersten Förderperiode auf eine Fortsetzung des Programms.
Die Frage steht im Raum, lange bevor die Förderbescheide tatsächlich auslaufen: Wie gelingt es den Hochschulen für Angewandte Wissenschaften, auch künftig genügend qualifizierte Professorinnen und Professoren zu gewinnen? Denn während an den Hochschulen der Bedarf an gut ausgebildetem Personal wächst, verschärft sich zugleich die Konkurrenz um wissenschaftlichen Nachwuchs. Genau an diesem Punkt setzt das Bund-Länder-Programm „FH-Personal“ an. Seit 2021 werden damit insgesamt 98 Hochschulen für Angewandte Wissenschaften in Deutschland gefördert, darunter auch die Hochschule Fulda. Doch die Zeit drängt. Ende März kommenden Jahres laufen die Projekte der ersten Förderrunde aus. Was danach kommt, ist deshalb längst nicht mehr nur eine hochschulpolitische Detailfrage, sondern eine Frage der künftigen Leistungsfähigkeit der HAWs.
Wie wichtig das Thema inzwischen genommen wird, zeigte eine zweitägige Veranstaltung an der Hochschule Fulda, an der rund 200 Personen teilnahmen. Unter dem Motto „Zukunft gestalten: Innovative Ansätze für die nachhaltige Personalgewinnung an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften“ hatte das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gemeinsam mit dem zuständigen Projektträger Jülich zu der bundesweiten Tagung eingeladen. Es ging dabei nicht um eine bloße Bestandsaufnahme. In einer Podiumsdiskussion und zahlreichen Workshops wurden Erfahrungen mit dem Programm „FH-Personal“ ausgetauscht, Stärken und Schwächen der bisherigen Maßnahmen herausgearbeitet und Leitfäden für den Umgang mit unterschiedlichen Instrumenten entwickelt, mit denen Hochschulen Professorinnen und Professoren gewinnen können.
Auffällig war dabei auch die Zusammensetzung der Teilnehmer. Neben den Koordinatorinnen und Koordinatoren sowie den Projektmitarbeitenden des Programms wurden in diesem Jahr zusätzlich die Hochschulleitungen eingeladen. Dahinter steht eine einfache Erkenntnis: Die Zukunft der Personalgewinnung lässt sich nicht allein auf Projektebene entscheiden. Sie betrifft die strategische Entwicklung der Hochschulen insgesamt. Gerade die Präsidentinnen und Präsidenten der Hochschulen für Angewandte Wissenschaften, die früher als Fachhochschulen bezeichnet wurden, wissen, dass es mit dem Ende einer Förderperiode nicht getan ist. Wenn über Jahre aufgebaute Strukturen anschließend wieder verschwinden, wird aus einer erfolgreichen Anschubfinanzierung schnell ein Problem für die langfristige Personalplanung.
Einer, der diese Entwicklung seit Jahren begleitet und vorangetrieben hat, ist der Präsident der Hochschule Fulda, Prof. Dr. Karim Khakzar. Er setzt sich seit vielen Jahren für ein Programm zur Gewinnung von Professorinnen und Professoren an HAWs ein und war maßgeblich an der Konzeption und Ausgestaltung des erfolgreichen Bund-Länder-Programms beteiligt. Das Programm war formal bereits 2019 gestartet; seit 2021 läuft die Förderung der Projekte. Von der Initiative profitiert inzwischen die überwiegende Mehrzahl der staatlichen Hochschulen für Angewandte Wissenschaften.
Vor dem Hintergrund der auslaufenden Projektförderung fand Khakzar in seinen Grußworten deshalb deutliche Worte. Er plädierte eindringlich für eine möglichst nahtlose Fortsetzung des Programms – künftig unter dem aktualisierten Namen „HAW-Personal“. Dahinter steht nicht allein der Wunsch, bewährte Förderstrukturen fortzuschreiben. Es geht um die Frage, ob die Hochschulen die Instrumente behalten können, mit denen sie in den vergangenen Jahren wissenschaftlichen Nachwuchs auf Professuren vorbereitet und geeignete Kandidatinnen und Kandidaten für eine Professur gewonnen haben.
Die Präsidentinnen und Präsidenten der deutschen HAWs haben dazu kürzlich ein gemeinsames Eckpunktepapier verabschiedet und Forschungsministerin Dorothee Bär vorgestellt. Khakzar verweist dabei auf die Erfahrungen der vergangenen Jahre: „Fast alle HAWs in Deutschland haben dieses äußerst erfolgreiche Programm genutzt, um Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler auf eine Professur vorzubereiten oder um die geeignetsten Kandidatinnen und Kandidaten auf eine HAW-Professur aufmerksam zu machen.“ Gerade diese gewachsenen Strukturen seien von besonderem Wert. „Dabei sind wertvolle Strukturen an den Hochschulen aufgebaut worden, die unbedingt erhalten werden sollen, denn bis 2030 werden etwa 20 Prozent der Professorinnen und Professoren an HAWs in den Ruhestand gehen.“
Die Zahl macht deutlich, warum Khakzar auf eine möglichst nahtlose Fortsetzung drängt. Ein Personalwechsel dieser Größenordnung lässt sich nicht kurzfristig organisieren. Professuren an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften stellen besondere Anforderungen, weil neben wissenschaftlicher Qualifikation auch berufspraktische Erfahrung eine zentrale Rolle spielt. Wer heute erkennt, dass in einigen Jahren Professorinnen und Professoren fehlen könnten, muss deshalb bereits Jahre vorher mit der Vorbereitung beginnen. „Eine idealerweise nahtlose Fortsetzung wäre daher dringend notwendig, denn die HAWs stehen angesichts dieser demographischen Entwicklung vor großen Herausforderungen“, sagte Khakzar.
Auch der hessische Wissenschaftsminister Timon Gremmels unterstrich in seinem Grußwort die Entwicklung und Bedeutung der Hochschulen für Angewandte Wissenschaften. Bundesweit sind inzwischen mehr als eine Million Studierende an diesen Hochschulen eingeschrieben. Damit wächst zugleich die Bedeutung der Frage, wer diese Studierenden künftig unterrichtet, betreut und in Forschung und Transfer begleitet. Gremmels verwies auf die Herausforderungen, hervorragendes Personal für Lehre, Forschung und Transfer zu gewinnen, und lobte die Erfolge des laufenden Programms.
Aus Sicht des Bundes gibt es zumindest Signale, dass die Sorgen der Hochschulen gehört werden. Das BMFTR war bei der Veranstaltung durch den für das Programm verantwortlichen Ministerialrat Magnus Milde vertreten. In seiner Eröffnungsrede machte er den Hochschulen Mut. Bund und Länder hätten sich in der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) auf die Grundsätze zur Fortsetzung und Weiterentwicklung der Förderung verständigt. „Jetzt wird mit Hochdruck an einer Bund-Länder-Vereinbarung gearbeitet, die dann hoffentlich zeitnah unterzeichnet werden kann“, sagte Milde.
Damit zeichnet sich grundsätzlich eine Perspektive für die Fortsetzung ab. Gleichzeitig bleibt die konkrete Ausgestaltung entscheidend. Denn für die Hochschulen geht es nicht lediglich um die Bezeichnung eines Programms oder die Fortführung einzelner Förderlinien. Entscheidend ist, ob die bisher aufgebauten Strukturen dauerhaft wirksam bleiben können und ob der Übergang zwischen den Förderperioden so gestaltet wird, dass erfolgreiche Projekte nicht in eine Zwischenphase geraten, in der Personal, Konzepte und Netzwerke ihre Grundlage verlieren.
In Fulda lässt sich sehr konkret beobachten, was mit den Fördermitteln in den vergangenen Jahren aufgebaut wurde. Betroffen ist das Projekt „ProGEPP“, das „Programm zur Gewinnung und Entwicklung von Professoralem Personal“. In der ersten Förderrunde erhielt das Projekt 7,4 Millionen Euro. Es läuft vom 1. April 2021 bis zum 31. März 2027. Bundesweit stellen Bund und Länder für „FH-Personal“ derzeit insgesamt mehr als 430 Millionen Euro zur Verfügung.
Für die Hochschule Fulda ist die Förderung nicht abstrakt. Rund 9.500 Menschen studieren derzeit an der Hochschule. Damit die Lehre dauerhaft gesichert werden kann, braucht es Professorinnen und Professoren – und zwar gerade auch in jenen Bereichen, in denen der wissenschaftliche Nachwuchs knapp ist. Dazu gehören unter anderem Gesundheit, Pflege und Technik. In diesen Fächern gibt es vergleichsweise wenig promovierten Nachwuchs, der später für eine Professur an einer Hochschule für Angewandte Wissenschaften infrage kommt.
ProGEPP setzt deshalb an mehreren Stellen gleichzeitig an und umfasst acht Teilprojekte. Ein wichtiger Baustein sind Promotionskollegs, die wissenschaftlichen Nachwuchs interdisziplinär ausbilden. Beispiele dafür sind die Bereiche „Gesundheit und Ernährung“ sowie „Human Rights and Social Justice“. Es geht dabei nicht nur darum, Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler wissenschaftlich zu qualifizieren. Ebenso wichtig ist die frühzeitige Frage, ob und wie aus diesem Nachwuchs später Professorinnen und Professoren an einer HAW werden können.
Eine weitere Säule bilden Tandem-Programme. Sie bringen Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler mit Praxispartnern und regionalen Unternehmen zusammen. Das hat einen konkreten Hintergrund: Für eine Professur an einer Hochschule für Angewandte Wissenschaften ist neben der wissenschaftlichen Qualifikation auch Berufserfahrung außerhalb der Hochschule notwendig. Die Verbindung von Wissenschaft und Praxis ist damit nicht Beiwerk, sondern Bestandteil des Qualifikationsweges.
Auch die Berufungsverfahren selbst wurden mit Hilfe der Fördermittel weiter professionalisiert. Damit endet die Wirkung des Programms nicht bei der Suche nach geeigneten Bewerberinnen und Bewerbern. Es geht ebenso darum, die Hochschulen organisatorisch so aufzustellen, dass Berufungsverfahren professionell durchgeführt werden können und qualifizierte Kandidatinnen und Kandidaten tatsächlich für eine Professur gewonnen werden.
Darüber hinaus hat die Hochschule Fulda eine bundesweite Informationskampagne zum Karriereweg in eine HAW-Professur aufgebaut. Auch diese Kampagne stieß auf sehr großes Interesse. Sie adressiert damit ein Problem, das häufig erst sichtbar wird, wenn eine Professur ausgeschrieben ist: Viele potenziell geeignete Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kennen den Karriereweg an eine Hochschule für Angewandte Wissenschaften nicht ausreichend oder ziehen ihn nicht frühzeitig in Betracht.
Genau darin liegt eine der zentralen Herausforderungen der kommenden Jahre. Die Hochschulen müssen nicht erst dann nach Professorinnen und Professoren suchen, wenn eine Stelle frei geworden ist. Sie müssen heute Strukturen schaffen, mit denen wissenschaftlicher Nachwuchs langfristig entwickelt, angesprochen und an die Besonderheiten einer HAW-Professur herangeführt wird. Das kostet Zeit – und es setzt voraus, dass Förderprogramme nicht genau dann abbrechen, wenn die aufgebauten Strukturen beginnen, ihre Wirkung zu entfalten.
Auch politisch ist das Thema inzwischen größer geworden. Der Koalitionsvertrag der Bundesregierung sieht die Gründung einer Deutschen Anwendungsforschungsgemeinschaft (DAFG) vor. Unter diesem Dach soll die Förderung der Leistungsdimensionen Forschung, Transfer und Personal an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften verortet sein. Damit könnte die Personalgewinnung künftig noch stärker in eine umfassendere Strategie für Forschung und Transfer an den HAWs eingebettet werden.
Für die Hochschule Fulda und ihre Hochschulleitung geht es damit um mehr als die Fortführung eines erfolgreichen Projekts. Die demografische Entwicklung setzt einen zeitlichen Rahmen, der sich politisch nicht beliebig verschieben lässt. Wenn bis 2030 etwa ein Fünftel der Professorinnen und Professoren an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften in den Ruhestand geht, müssen die Hochschulen rechtzeitig Vorsorge treffen. Eine Unterbrechung bei der Förderung wäre deshalb nicht einfach eine administrative Zäsur. Sie könnte genau jene Strukturen schwächen, die für die Bewältigung des bevorstehenden Generationenwechsels gebraucht werden.
Der Workshop in Fulda hat damit vor allem eines gezeigt: Die entscheidende Frage lautet nicht mehr, ob Personalgewinnung an HAWs notwendig ist. Dass sie notwendig ist, dürfte angesichts der Zahlen kaum noch ernsthaft bestritten werden. Entscheidend ist vielmehr, ob Bund und Länder bereit sind, aus den Erfahrungen der ersten Förderphase dauerhaft Konsequenzen zu ziehen. Die Hochschule Fulda hat mit ProGEPP gezeigt, welche Instrumente funktionieren können. Nun liegt es an Bund und Ländern, daraus eine verlässliche Perspektive zu machen. Die angekündigte Bund-Länder-Vereinbarung wäre dafür ein wichtiger Schritt. Entscheidend wird sein, dass zwischen erfolgreicher Förderung und ihrer Fortsetzung kein Bruch entsteht. Denn Professorinnen und Professoren lassen sich nicht kurzfristig ausbilden, gewinnen oder ersetzen. Wer die Hochschulen für Angewandte Wissenschaften für die kommenden Jahre stärken will, muss deshalb heute investieren – in Menschen, Strukturen und vor allem in Zeit.

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