Geschäftsführer des HJK fordert Inflationsausgleich

Michael Sammet im Gespräch

Michael Sammet, Geschäftsführer des Herz-Jesu-Krankenhauses Fulda

Die Infektionszahlen mit dem Corona-Virus steigen aktuell wieder; und das schneller als im vergangenen Jahr zu dieser Zeit. Doch was bedeuten zunehmende Infektionszahlen auch im Hinblick auf die derzeitig kritische Lage und in Zeiten der Energiekrise? Wir haben mit dem Geschäftsführer des Herz-Jesu-Krankenhauses Fulda, Michael Sammet, gesprochen wie er die derzeitige Lage einschätzt und welche Forderungen er an die Bundespolitik hat.

fuldainfo.de: Schönen guten Tag Herr Sammet. Wie ist die momentane Situation auf der Covid-Station?

Michael Sammet: Im Moment ist die Lage auf der Covid-Station noch relativ überschaubar. Aktuell werden bei uns 20 Patienten auf der normalen Station (nicht intensivpflichtig) medizinisch versorgt (Stand: 20. Oktober 2022). In der Regel müssen die Patienten zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht intensiv betreut werden. Aktuell beobachten wir, dass auch die Atemwerkserkrankungen mehr und mehr zunehmen. Man kann sagen, es entwickelt sich eine Dynamik. Man muss abwarten, ob sich diese Dynamik ebenso auf die Intensivstationen auswirkt oder nicht. Sollte es auch zu einem entsprechenden Anstieg der intensivpflichten Patienten kommen, wird die Belastung für unser Personal noch größer. Ohnehin ist die Behandlung von isolationspflichtigen Patienten sehr aufwendig, da das Personal vor jedem Kontakt mit beispielsweise einem Covid-Patienten Schutzkleidung (Kittel, FFP-Maske, Habe, Schutzbrille, Schutzhandschuhe, …) tragen muss. Das bindet zusätzliches Personal.

fuldainfo.de: Die Infektionszahlen nehmen täglich zu. Schneller noch als im Vergleich zum letzten Jahr. Womit rechnen Sie für bevorstehende Herbst- Wintersaison?

Michael Sammet: Ich kann nicht in die Glaskugel schauen. Meine Befürchtung ist, dass die Fallzahlen wieder massiv ansteigen werden; dass sich eine Dynamik dahingehend entwickeln wird. Die Frage, die sich vor diesem Hintergrund stellt, ist, wie sich diese Entwicklung auf den stationären Sektor auswirken wird. Ich hoffe, dass, wenn die Zahlen jetzt wieder steigen, die Bevölkerung wieder vorsichtiger werden wird, und dass sich wieder ein gesteigertes Bewusstsein einstellt und man vor einer Ansteckung versuchen wird sich zu schützen. Das Problem, vor dem wir aller Wahrscheinlichkeit nach wieder stehen werden, ist, dass im Zuge steigender Infektionszahlen auch zusätzliche Personalausfälle zu erwarten sind, die bereits schon jetzt groß genug sind, auch bedingt durch die dauerhaft hohe Belastung im Gesundheitswesen an allen Stellen. Und das in einer Zeit, in der die Notaufnahme ohnehin schon sehr stark frequentiert ist. Wir haben derzeit Zahlen, was die Notfallversorgung anbetrifft, die mit über 2.000 Fällen im Monat, noch nie so hoch waren. Das ist ein enormer Anstieg im Vergleich zu den Vorjahren.

fuldainfo.de: Wie ist die aktuelle Impfsituation? Steigt die Nachfrage nach Auffrischimpfungen oder ist das eher verhalten?

Michael Sammet: Es gibt Anfragen, aber im Vergleich zum Vorjahr ist die Nachfrage nach Impfungen noch eher verhalten.

fuldainfo.de: Corona war und wird auch wieder ein Thema werden – die letzten Monate war es in den Köpfen nicht so präsent, bedingt durch die momentane Lage in Europa und die damit verbunden Krisen. Welches sind Ihre Forderungen vor diesem Hintergrund an die Politik?

Michael Sammet: Wir werden die Häuser nicht so belegen können, wie wir das vor Corona gemacht haben; sei es durch vermehrte Covid-Fälle auf unseren Stationen oder fehlendes Personal. Dies wird, wenn ich das Haus nicht mehr so belegen kann wie früher, logischerweise zu Erlösausfällen führen. In der Vergangenheit haben wir für jedes Bett, was entsprechend nicht belegt ist, entsprechende Ausgleichszahlungen bekommen. Für Covid-Fälle gab es Versorgungszuschläge. All das ist jetzt weggefallen. Das ist natürlich eine Situation, die für uns im Gesundheitswesen schwierig ist. Auf der einen Seite sind wir zur Erfüllung von Vorgaben verpflichtet, wie beispielsweise Betten für Covid-Fälle freizuhalten, oder, dass Notfälle Vorrang haben gegenüber elektiven Fällen; wenn es die Covid-Situation hergibt, müssen wir sogar elektive (geplante, nicht akut erkrankte) Fälle absagen, auf der anderen Seite bekommen wir dafür aber keine Kompensationen.

Außerdem sind wir mit drastischen Kostensteigerungen konfrontiert. Krankenhäuser bekommen gegenüber vielen anderen Unternehmen vom Gesetzgeber den Preis für eine Krankenhausbehandlung vorgeschrieben. Dieser ist in diesem Jahr nur 2,3 Prozent höher als im vergangenen Jahr. Auf der anderen Seite werden wir allerdings mit massiven Kostensteigerungen in sämtlichen Bereichen konfrontiert, die weit im zweistelligen prozentualen Bereich liegen, teilweise bei bis zu 25%. Hinzu kommen noch die immensen Energiekostenerhöhungen, die teilweise bei 400 bis 500 Prozent liegen. Dies kann keine Branche ausgleichen und über längere Zeit aushalten. Ich kann einerseits nicht 20 Prozent mehr Kosten haben und auf der anderen Seite nur 2,3 Prozent an die Kunden weitergeben. Das ganz große Problem ist das Thema Energie. Wir sind ja als Krankenhaus sehr Energie-lastig. Hier tun wir schon, was wir tun können, um Energie einzusparen. Wir haben überall modernste LED-Technik, versuchen die Heizkosten zu senken, da, wo es geht. Dennoch ist die Kostenexplosion im Energiebereich nahezu unvorstellbar. Wir haben Häuser in unserem Verbund, die in den letzten Jahren stets Energiekosten in Höhe von 800.000 bis 1 Million Euro Kosten p.a. an Gas und Strom hatten. Die Energieverträge laufen Ende des Jahres aus. Auf Basis der aktuellen Preise ergeben sich Mehrkosten in Höhe von 4 Mio. Euro.

Sammet: Ich habe den Eindruck, dass die Bundespolitik den Blick für die Basis vor Ort völlig verloren hat.

Wir sind gedeckelt auf Basis der Veränderungsrate der Beitragsentwicklung der Krankenkassen und die lag eben für dieses Jahr bei 2,3 Prozent. Also der Preis wie hoch die Krankenhausleistung maximal steigen darf. Das reicht bei Weitem nicht. Und deswegen ist die Forderung an die Politik, dass sie kurzfristig reagieren und unterstützen muss. Aus diesem Grund wird auch von unseren Interessensvertretern ein sofortiger Aufschlag in Form eines Inflationsausgleiches auf jede Rechnung gefordert, damit wir diese massive Inflation irgendwie kompensieren können.

Das zweite Problem betrifft die Bürokratie, wir werden gegängelt. Ständig neue Vorgaben auch sanktioniert mit immer wieder finanziellen Mitteln, die uns Krankenhäuser betreffen. Die Bürokratie ist inzwischen so massiv angestiegen, dass wertvolle Zeit verloren geht; wertvolle Zeit, die man eigentlich haben könnte, um beispielsweise die Patienten zu versorgen, weil auch unsere Mitarbeiter inzwischen so viele bürokratische Hürden überwinden müssen. Ich habe den Eindruck, dass die Bundespolitik den Blick für die Basis vor Ort völlig verloren hat. Zudem kämpft die Branche mit massivem Fachkräftemangel auf allen Ebenen.

Im Bereich der Pflege gibt es bundesweit einen großen Fachkräftemangel. Dies hält sich zwar in unserem Haus hier in Fulda noch in Grenzen, es gibt aber im Rhein-Main-Gebiet Häuser, die betreiben schon heute ganze Stationen mit Fachkräften aus dem Ausland, weil es auf dem deutschen Markt eben keine Fachkräfte in ausreichendem Maße gibt. Und da muss dringend gehandelt werden. Ich sehe, dass es massive Versorgungsengpässe geben wird, wenn die Politik hier nicht handelt. Vielleicht ist es aber auch teilweise so gewollt, Häuser abzubauen, weil man der Auffassung ist, dass es viel zu viele Kliniken gibt. Sicherlich kann man hier und da Standorte infrage stellen, aber dann sollte die Politik auch so fair sein und klar benennen, von welchen Standorten sie sich in Deutschland trennen möchte. Aber das macht niemand, sondern man lässt es laufen und schaut, wer am Ende übrigbleibt.

Darüber hinaus herrscht in Deutschland ein Ärztemangel, der meines Erachtens selbst verschuldet ist. Es gibt genügend junge Menschen, die darauf brennen, Medizin zu studieren, es gibt jedoch zu wenig Studienplätze, was sicherlich daran liegt, dass jeder zusätzliche Studienplatz auch zusätzliches Geld kostet. Wir wissen, dass wir rund 5.000 Arztstellen pro Jahr zu wenig ausbilden, die man eigentlich ausbilden müsste, um diesem drohenden, existenziellen Medizinermangel entgegentreten zu können.

fuldainfo.de: Was müsste sich Ihrer Meinung nach im Gesundheitssystem ändern, um auch in Zukunft handlungsfähig bleiben zu können?

Michael Sammet: Ich hatte es vorhin schon angesprochen. Neben dem immensen finanziellen Druck hat die Bürokratie mittlerweile ein nicht mehr händelbares Ausmaß angenommen. Hier müsste dringend gehandelt werden, damit wieder mehr Zeit für das Wesentliche bleibt, nämlich für die Versorgung der Patienten. Wir wollen die Patienten gerne versorgen, aber wir werden hier mit Vorgaben, beispielsweise auch Personalvorgaben drangsaliert und bei Nichteinhaltung sanktioniert. Wenn ich die Vorgaben nicht einhalten kann, muss ich eben die Versorgung einschränken, was wiederum bedeutet, dass in vielen Regionen Deutschlands die Versorgung dann eben nach und nach eingeschränkt wird.

fuldainfo.de: Danke Ihnen fürs Gespräch, Herr Sammet. +++

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