Hat sich der Landarztberuf schon verabschiedet?

Dr. Florian Kircher: „Aufklärungsarbeit tut hier dringend not.“

Immer weniger Humanmediziner entscheiden sich nach ihrer Ausbildung für ein Praktizieren auf dem Land? Die Gründe für diese Entscheidung mögen unterschiedlich sein. Doch sind sie im Vorfeld auch hinreichend erörtert worden und sind Vorurteile gegenüber dem Praktizieren auf dem Land überhaupt gerechtfertigt? Wie ist es aktuell um die ärztliche Versorgung im ländlichen Raum bestellt? Wie kann man im wahrsten Sinne des Wortes einer „Landflucht von Landärzten“ entgegenwirken? Wie kann es gelingen, junge Mediziner (wieder) in den ländlichen Raum zu rekrutieren? Wie schafft man es, den ländlichen Raum für diese Zielgruppe attraktiv zu machen? Welche Bedingungen müssen hierfür erfüllt sein? Mit diesen Fragen setzte sich kürzlich der FDP-Kreisverband Fulda in einer Veranstaltung in Gersfeld (Rhön) im Landkreis Fulda auseinander. Als Referenten fungierten Dr. med. Florian Kircher, praktizierender Internist in einer – nach seinem Studium und der Facharztausbildung in München vorerst von seinen Eltern übernommen Hausarztpraxis – Gemeinschaftspraxis in Gersfeld (Rhön) sowie Dr. med. Alwin Weber, Facharzt für Urologie, in einer urologischen Gemeinschaftspraxis in Michelstadt im Odenwaldkreis.

Laut der aktuellen Prognose des regionalen Gesundheitsreportes des Landkreises Fulda werden von den 161 Landärzten im Landkreis Fulda (Stand 2013) bis 2020 64 neue Stellen zu besetzen sein. Das entspricht innerhalb weniger Jahre einem Bedarf von 40 Prozent, den es zu decken gilt. Ein Blick auf die Altersgruppe der Zusammensetzung zeigt, dass der Anteil derer, die auf das 60. Lebensjahr zugehen, in einem Alter sind, wo sich ein Abschied des Landarztberufes abzeichnet. Noch einmal dramatischer wird diese Entwicklung, wenn man sich die Alterung der Gesamtbevölkerung im Landkreis anschaut: In dem Moment, wo das Durchschnittsalter steigt – im Besonderen der Anteil derer, die über 70 und 80 Jahre sind – bedarf es in den ländlichen Regionen eine vermehrte und auch häufigere ärztliche Betreuung. Diese beiden Effekte machen eine Herbeiführung von Lösungsansätzen dringend erforderlich.

Welches sind die Punkte, die ein junger Mediziner braucht, um für sich sagen zu können, das ist für mich spannend und ausschlaggebend, mich hier niederzulassen und welches sind die Arbeitsvoraussetzungen, die ich benötige, um auch eine Perspektive für die nächsten Jahrzehnte hier haben zu können und welchen Beitrag kann hier die Politik leisten?, sollten den Referenten als Leitfragen gelten. Was sind für einen jungen Mediziner lukrative Anreize, um ihm das Praktizieren auf dem Land sozusagen schmackhaft zu machen und in welcher Ausbildungsphase muss ich Humanmediziner, damit diese eine solche Entscheidung treffen können, abpassen? Ist es möglicherweise zu spät, wenn diese sich bereits in der Facharztausbildung befinden? Zwar bestehen von Seiten des Regionalen Standortmarketings seit Jahren diverse Konzepte, um im Landkreis Fulda den medizinischen Nachwuchs zu sichern, doch können diese die alleinige Lösung sein? Hierzu Dr. Florian Kircher: „In der Ausbildung von Humanmedizinern ist es so, dass bei der ärztlichen Tätigkeit auf dem Land konkret starke Vorurteile bestehen. Der Beruf des Hausarztes gilt bei Studierenden nicht als ein sonderlich attraktives Fach.“ Ist es doch viel schicker, Spezialist für die linke Herzkammer zu sein. „Denn dann hat man ein höheres Phänomen.“, weiß Dr. Kircher. Zumal man im Studium ja ausschließlich mit Spezialisten zu tun hat, wenn man nicht zufällig einen Hausarzt/eine Hausärztin in der Familie hat.

Eine gute Gelegenheit, eines Besseren belehrt zu werden, vergegenwärtigt das Projekt „Landpartie“, das von der Universität Frankfurt am Main betrieben wird. „Das Projekt Landpartie ist ein hervorragendes Projekt, was Medizinstudenten Einblicke in medizinische Einrichtungen auf dem Land ermöglicht und in der Vergangenheit bei den Studierenden für einen großen AH-Effekt sorgte.“, betonte Dr. Kircher. Verwunderlicherweise war „Landarzt zu sein“ gar nicht mehr „monoton“, sondern auf einmal „anspruchsvoll“ und sehr „abwechslungsreich“. „Das ist viel besser, als auf Station, weil hier echt alles reinkommt.“, so eine Aussage einer Studentin während ihres Aufenthaltes in Gersfeld. Natürlich machen solche Aussagen und überaus positive Erfahrungen aber auch deutlich, dass sich die Bewerber schon im Vornhinein mit dem Gedanken des Landarztes auseinandersetzt haben müssen und womöglich beabsichtigen, diesen Weg nach Beendigung ihres Studiums einzuschlagen. „Solche Projekte, wie das Projekt Landpartie, sind einfach unglaublich wichtig, damit Medizinstudenten begreifen, was es überhaupt heißt, Landarzt zu sein. Leider bestehen derzeit aber noch zu viele Vorurteile.“, stellte Dr. Kircher heraus. „Rund um die Uhr Dienst“, „kein Wochenende“, „Bezahlung gleich miserabel“ und „am Ende kommt noch der Regress“. Doch das stimme nur zum Teil, weiß Dr. Florian Kircher: „Das stimmt doch so alles gar nicht. Aufklärungsarbeit tut hier dringend not. Der wichtigste Schritt und auch der Grund dafür, weshalb ich mich in Gersfeld niedergelassen habe, war, dass der ärztliche Bereitschaftsdienst eingeführt wurde; Das heißt, man hat nachts, Mittwoch- und Freitagnachmittag sowie an den Wochenenden frei. Die enorme Dienstbelastung, die ich noch von meinen Eltern her kenne, die ist eigentlich weg. Das ist ein ganz entscheidender Vorteil, der sich bei den Studenten allerdings noch nicht so richtig rumgesprochen hat.“ Die größte Hemmschwelle allerdings stellen aber immer noch die Regresse dar. Das wurde auch von den Projektteilnehmern immer wieder vorgebracht. Hierzu noch einmal Dr. Florian Kircher: „Regresse sind ein Ärgernis und eigentliche eine Unverschämtheit; Das gibt es in keinem Land der Welt, das man für Leistungen, die man verordnet, persönlich haftbar gemacht wird.“.

Als Florian Kircher nach seinem Studium und der Facharztausbildung zum Internisten 2011 zurück in seine Heimat Gersfeld kehrte und sich entschloss, zu bleiben und eine Familie zu gründen, ist ihm dieser Entschluss, wie er heute zugibt, nicht leichtgefallen. „Ich habe diese Entscheidung auch retrospektiv, nie bereut.“, sagt der heute über 40-Jährige. „Ich glaube, dass der Landarztberuf eine ganz attraktive Option für junge Kolleginnen und Kollegen ist. Da mir die Entscheidung damals allerdings nicht leichtgefallen ist, kann ich sehr gut nachvollziehen, was in den jungen Kollegen vorgeht, die sich vielleicht auch bewusst gegen den Landarztberuf entscheiden. Derzeit entsteht leider der Eindruck, dass es auf dem Land überhaupt keine Nachfolge mehr gibt.“, so Dr. Kircher. Um auch diesem Fachkräftemangel wirksam entgegenzusteuern sowie auf die Regressforderungen für Hausbesuche hinzuweisen, hat sich in Fulda ein Verbund von jungen Landärztinnen und – ärzten („Die jungen Landärzte“) zusammengeschlossen. Ausgegangen war der Zusammenschluss von einer Landarztpraxis in Hosenfeld. Hintergrund waren hohe Regressforderungen an eine Landärztin wegen Hausbesuche. Fast zeitgleich ereignete sich in einem weiteren, hessischen Landkreis eine Regressforderung in Höhe von 50.000 Euro. Das Thema sorgte für überregionales Aufsehen, wodurch letztlich in Hessen die Regresse für Hausbesuche abgeschafft wurden.

Seit 20 Jahren ist Dr. Alwin Weber in Michelstadt als Urologe tätig. Daneben ist er Belegarzt. Sein Medizinstudium, welches ihm aufgrund eines lediglich „guten“ NCs über ein Auswahlverfahren zugänglich wurde, absolvierte der gebürtige Rheinland-Pfälzer in Mannheim, wo er auch seine Facharztausbildung absolvierte. Vor seinem Humanmedizinstudium absolvierte er eine Berufsausbildung zum staatlich examinierten Krankenpfleger. Als Politisches Amt begleitet er den FDP-Landesfachausschuss für Gesundheit, Senioren und Soziales, wo er auch den Vorsitz hat. Damit eine Verbesserung der bestehenden Verhältnisse eintreten könne, befürwortet der Vorsitzende des FDP-Landesfachausschusses für Gesundheit, Senioren und Soziales, einen Wegfall von Regressen und plädiert stattdessen für eine Entbudgetierung. Dann werde sich die Situation komplett entspannen, auch auf dem Land, sagte der FDP-Politiker kürzlich in Gersfeld (Rhön). Weiter sprach sich der Facharzt für Urologie auf der Veranstaltung für eine Änderung des Begriffes „ärztliche Versorgung“ aus. „Wenn wir über ärztliche Versorgung auf dem Land reden, dann sollten wir hierfür einen passenderen Begriff finden.“, sagte er. Der Begriff „ärztliche Versorgung“ verkläre den gegenwärtigen Ist-Zustand. Anstelle von „ärztliche Versorgung“ plädierte der Vorsitzende des Landesfachausschusses für „Flächenversorgung“. Und diese sei sehr anspruchsvoll; Sei es infrastrukturell, für Patienten, Ärzte, […] kurzum: für alle geschaffenen Strukturen. Anstelle von Medizinischen Versorgungszentren – zumal diese sowieso nicht kostendeckend arbeiten würden – plädierte der Vorsitzende des Fachausschusses für Gesundheit, Senioren und Soziales für Gesundheitsversorgungszentren – kurz: GVZs. Ihr Charakter: Begegnung und Versorgung von Bürgern unter einem Dach. Damit bei bestehender Problematik konkrete Lösungsansätze gefunden- beziehungsweise erarbeitet werden können, rät er betroffenen Kommunen gemeinsam mit regionalen Anbietern zu einer Konzepterarbeitung. Kommt aktuell eine Kommune in Engpässe, dann hat sie nach dem Vorsitzenden des Landesfachausschusses nicht früh genug reagiert. Jenen Kommunen, deren Kind „noch nicht in den Brunnen gefallen“ ist, prophezeit er: „Wenn Sie nicht rechtzeitig auf Ihre Bürgermeister zugehen, werden Sie eine ärztliche Unterversorgung bekommen.“ Damit Lösungsansätze jedoch erarbeitet werden können, bedarf es vorerst einer konkreten Benennung der bestehenden Probleme. Wichtig dabei: Die Bürgerperspektive.

Abschließend hielt Dr. Alwin Weber fest, dass es wichtig ist, kurz-, mittel- und langfristige Maßnahmen zu ergreifen. Hierzu zählt auch der Wunsch, dass in Hessen zwischen dem Sozialministerium und der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) ein Konsens gefunden wird, der es erlaubt, in die betroffenen Regionen hineinzugehen, ohne, dass dort in einer Kontroverse auf oberste Ebene Dinge strapaziert werden, wo es in den Regionen schon schwer genug ist. Langfristig befürwortet er eine Versorgung, die nicht in Silos arbeitet – weder stationär, noch ambulant. „Die ländlichen Gemeinden müssen sich für die Zukunft gut aufstellen. Politisch betrachtet, muss das Regresswesen und das Prüfverfahren abgeschafft- oder zumindest geändert werden. Auf medizinischer Ebene bedarf es innerhalb der Ärzteschaft dringend eine Aufwertung des Landarztberufes. Unter anderem auch durch die Steuerung von Behandlungspfaden. Dringend müssen die Operationszahlen heruntergefahren werden. Es ist höchst alarmierend, welch hohe Zahlen wir im Landkreis haben, was die Operationen an der Wirbelsäule anbetrifft.“, hielt Dr. Florian Kircher abschließend fest. +++ ja

FDP-Landtagsabgeordneter und aktueller Kandidat für die Hessischen Landtagswahl, Jürgen Lenders MdL; Dr. Florian Kircher; Rebecca Lauterbach; FDP-Landtagskandidat für die Hessische Landtagswahl im Wahlkreis Nr. 15 (Fulda II), Jörg Witzel und Mario Klotzsche, Vorsitzender des FDP Kreisverbandes Fulda (v.l.) Hintere Reihe: Vorsitzender des FDP-Landesfachausschusses für Gesundheit, Senioren und Soziales, Dr. Alwin Weber.
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