Wer trägt 2027 die Krone der deutschen Vogelwelt? Seit dem 8. September können Bürgerinnen und Bürger wieder selbst darüber entscheiden. NABU und sein bayerischer Partner LBV haben die öffentliche Wahl zum „Vogel des Jahres“ eröffnet. Zur Auswahl stehen in diesem Jahr fünf sehr unterschiedliche Kandidaten: Kolkrabe, Kranich, Mehlschwalbe, Trauerschnäpper und Wasseramsel. Jeder von ihnen steht nicht nur für eine besondere Lebensweise, sondern zugleich für ein Naturschutzthema, das zunehmend an Bedeutung gewinnt.
„Die Kandidaten zeigen, wie vielfältig unsere Vogelwelt ist: Trauerschnäpper und Mehlschwalbe ziehen im Winter nach Afrika, der Kranich nur eine kurze Strecke Richtung Süden, Kolkrabe und Wasseramsel leben ganzjährig bei uns“, erklärt der hessische NABU-Vogelexperte Bernd Petri. Gerade diese Unterschiede machen die Wahl zu mehr als einem Wettbewerb um einen beliebten Vogel. Die fünf Kandidaten führen auf unterschiedliche Weise vor Augen, wie eng der Zustand der Vogelwelt mit dem Zustand ihrer Lebensräume verbunden ist.
Der Kolkrabe (Corvus corax) ist ein Vogel, der seit Jahrhunderten die Fantasie der Menschen beschäftigt. In Märchen und Mythen erscheint er als Götterbote, Lichtbringer oder Vermittler zwischen den Welten. Weil Kolkraben als besonders intelligent und sozial gelten und ihre Paare ein Leben lang zusammenbleiben, werden sie auch mit Treue in Verbindung gebracht.
Doch hinter dem geheimnisvollen Image verbirgt sich ein Tier, dessen Verhältnis zum Menschen nicht immer konfliktfrei ist. Manche Menschen lehnen den Kolkraben ab. Abschüsse und Vergiftungen können für ihn zur Bedrohung werden. Männchen und Weibchen sind äußerlich kaum voneinander zu unterscheiden. Beide besitzen ein schwarz glänzendes Gefieder, einen kräftigen Schnabel und erreichen etwa die Größe eines Bussards. Damit ist der Kolkrabe der größte Singvogel der Welt. Sein Wahlkampfslogan lautet: „Schwarze Federn, helles Köpfchen!“
Ganz anders präsentiert sich der Kranich (Grus grus), der mit seinem charakteristischen Trompetenruf auf Stimmenfang geht. Der Zugvogel gehört zu den auffälligsten Erscheinungen der heimischen Vogelwelt. Bis zu 116 Zentimeter kann ein Kranich hoch werden und überragt damit sogar einen Weißstorch. Besonders eindrucksvoll sind seine Balztänze im Frühjahr und der herbstliche Zug in großen Keilformationen.
In vielen Ländern gilt der Kranich als Symbol für Glück, Liebe und Frieden. Für sein Überleben ist allerdings etwas weniger Symbolisches entscheidend: Wasser. Der Vogel ist auf Feuchtgebiete angewiesen, die ihm als Brut- und Rastplätze dienen. Sein Slogan bringt diese Abhängigkeit mit einem Augenzwinkern auf den Punkt: „Allzeit nasse Füße!“
Mit der Mehlschwalbe (Delichon urbicum) tritt ein weiterer Zugvogel an, der vielen Menschen als Frühlingsbote vertraut ist. Sie ist ein geschickter Luftakrobat und ernährt sich von Insekten. Gleichzeitig ist sie auf menschliche Gebäude angewiesen, denn dort baut sie ihre charakteristischen halbkugelförmigen Nester aus Lehm.
Damit steht die Mehlschwalbe gleich vor zwei Problemen. Der Rückgang der Insekten verringert ihr Nahrungsangebot. Gleichzeitig gehen Nistmöglichkeiten verloren, wenn Gebäude saniert werden und die Nester entfernt werden. Die Mehlschwalbe gilt laut Roter Liste als gefährdet. Ihr Wahlkampfslogan lautet deshalb passend: „Auf gute Nachbarschaft!“
Der Trauerschnäpper (Ficedula hypoleuca) trägt zwar einen Namen, der nach Schwermut klingt, ist aber tatsächlich ein lebhafter Luftakrobat. Von einer Sitzwarte aus startet er immer wieder zum Fang seiner Beute und erbeutet Insekten häufig direkt im Flug.
Doch auch für ihn wird die Nahrung knapper. Hinzu kommt ein Problem, das sich nicht so leicht erkennen lässt: die Zeit. Durch die Klimakrise beginnt der Frühling früher. Wenn der Trauerschnäpper aus seinem Winterquartier südlich der Sahara zurückkehrt, sind viele geeignete Baumhöhlen und Nistkästen bereits besetzt. Gleichzeitig ist die Entwicklung der Insekten teilweise schon weit fortgeschritten. Der Vogel gerät damit bei der Suche nach Nahrung und geeigneten Brutplätzen zunehmend ins Hintertreffen. Auch der Trauerschnäpper gilt als gefährdet. Sein Appell zur Wahl lautet: „Mach Tempo fürs Klima!“
Der fünfte Kandidat ist ein Spezialist unter den heimischen Singvögeln. Die Wasseramsel (Cinclus cinclus) kann tauchen, schwimmen und sogar unter Wasser laufen. Ihr überwiegend braunes, besonders dichtes Gefieder ist optimal an diese ungewöhnliche Lebensweise angepasst.
Die Wasseramsel brütet vor allem in Mittel- bis Süddeutschland. Ihr Lebensraum sind geröllreiche, schnell fließende Bäche und Flüsse in Wald- und Berglandschaften. Ihre Nester baut sie in Uferböschungen oder Mauerlöchern. Anders als die drei gefährdeten Kandidaten Mehlschwalbe und Trauerschnäpper sowie der durch menschliche Konflikte bedrohte Kolkrabe gilt die Wasseramsel derzeit als ungefährdet. Sie lässt sich das ganze Jahr über beobachten. Ihr Wahlkampfslogan ist zugleich eine Botschaft für den Lebensraum, auf den sie angewiesen ist: „Klarer Bach, klarer Fall!“
Die Entscheidung fällt nun öffentlich. Am 8. September um 10 Uhr wurde das virtuelle Wahllokal freigeschaltet. Bis zum 15. Oktober um 11 Uhr kann abgestimmt werden. Noch am selben Tag soll der Sieger bekanntgegeben werden. Die Wahl zum „Vogel des Jahres“ hat in Deutschland eine lange Tradition. Erstmals wurde die Auszeichnung 1971 vergeben. Seit 2021 wird der Vogel des Jahres durch eine öffentliche Wahl bestimmt. Der aktuelle Titelträger ist das Rebhuhn.
Wer 2027 auf dem symbolischen Thron der Vogelwelt sitzen wird, entscheiden damit nicht allein Ornithologen oder Naturschutzverbände. Die Wahl gibt jedem die Möglichkeit, einem der fünf Kandidaten seine Stimme zu geben – und damit zugleich ein Naturschutzthema ins Rampenlicht zu rücken. Denn hinter Kolkrabe, Kranich, Mehlschwalbe, Trauerschnäpper und Wasseramsel stehen sehr unterschiedliche Fragen: der Umgang des Menschen mit Wildtieren, der Schutz von Feuchtgebieten, der Rückgang der Insekten, die Folgen des Klimawandels und der Erhalt sauberer, naturnaher Gewässer.
Die Wahl ist deshalb auch eine kleine Abstimmung darüber, welchen Teil der heimischen Natur die Öffentlichkeit im kommenden Jahr besonders aufmerksam betrachten möchte. +++

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