Die 78. Frankfurter Buchmesse hat einmal mehr ihre Rolle als wichtigster globaler Treffpunkt der Buchbranche unterstrichen. In einer Zeit, die von politischer Polarisierung und rasantem technologischem Wandel geprägt ist, versammelte sich vom 7. bis 11. Oktober 2026 eine handlungsfähige internationale Öffentlichkeit auf dem Messegelände. Mit 236.000 Besucherinnen und Besuchern aus 137 Ländern – davon 119.000 Fachbesucher und 117.000 Privatbesucher – konnte das hohe Niveau des Vorjahres gehalten werden. Besonders bemerkenswert ist die gestiegene geografische Vielfalt: Erstmals waren Delegationen aus 16 neuen Ländern vertreten, darunter Äquatorial-Guinea, Belize, Botswana, Eritrea, Grönland, Guatemala, Guinea, Kap Verde, Namibia, Swasiland, Togo, die Turks- und Caicosinseln, die Zentralafrikanische Republik, Senegal sowie St. Vincent und die Grenadinen. Rund 4.000 Aussteller präsentierten ihre Neuheiten, begleitet von mehr als 3.800 Veranstaltungen.
„Diese Frankfurter Buchmesse hat gezeigt, dass die Zukunft des Buches an mehreren Orten zugleich gestaltet wird: an den Tischen der Rechte-Händler, in der Debatte über KI und Publikationsfreiheit sowie in der direkten Begegnung mit Lesern“, fasste Messedirektor Juergen Boos die Stimmung zusammen. „Frankfurt führt diese Orte zusammen. Hier handelt die Branche, spricht über die Bedingungen ihrer Zukunft und feiert die Literatur gemeinsam mit den Lesern.“ Auch Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, zeigte sich trotz wirtschaftlicher Herausforderungen und sinkender Lesekompetenz bei Jugendlichen zuversichtlich. Die unverändert große öffentliche Aufmerksamkeit und die intensive Auseinandersetzung mit Themen wie Künstlicher Intelligenz seien ein starkes Signal für die Resilienz der Branche.
Neues Hallenlayout: Mehr Luft, weniger Stau
Ein zentraler Diskussionspunkt war in diesem Jahr das komplett überarbeitete Hallenlayout, das auf breite Zustimmung stieß. Die klare Orientierung und die luftigere Aufteilung wurden von Ausstellern und Besuchern gleichermaßen gelobt. Jo Lendle, Verleger bei Hanser und Vorsitzender des Verlegerausschusses, sprach von einem „riesigen Sprung in Richtung Lesefest“: „Mehr Luft, weniger Stau: Frankfurt behält seine Relevanz als Fachmesse und die Publikumstage verliefen spürbar leichter – quirlig, aber nicht gedrängt.“ Auch internationale Agenten wie Anna Soler-Pont von der Pontas Agency hoben die Qualität der neuen LitAg hervor, trotz der logistischen Herausforderung durch die größeren Distanzen zwischen den Ständen.
Audio-Boom und Book-to-Screen: Neue Märkte, neue Medien
Der Hörbuchbereich verzeichnete ein deutliches Wachstum. Spotify kündigte die Expansion in 180 neue Märkte an, während Audible mit einer repräsentativen Umfrage unter 18.000 Nutzern in elf Ländern steigende Hörzeiten belegte. Besonders der Fokus auf lokale Sprachen und indigene Kulturen rückte in den Vordergrund. Henrique Lian, CEO von Proteste/Euroconsumers Brasil, appellierte daran, auch den 295 indigenen Sprachen Brasiliens eine Stimme zu geben. Parallel dazu etablierte sich der „Book-to-Screen Day“ als feste Größe. Verlage, Produktionsfirmen und Filmschaffende diskutierten Adaptionen, wobei ein Panel mit Volker Schlöndorff, Regina Ziegler und Jenny Erpenbeck über die Verfilmung von „Heimsuchung“ sowie der bevorstehende Netflix-Start von Melanie Raabes „Die Falle“ die Brücke zwischen Literatur und visueller Kultur schlugen.
Demokratie, Freiheit und Frauenstimmen
Unter dem Titel „Frankfurt Calling“ rückte das kulturpolitische Programm drängende gesellschaftliche Fragen in den Fokus. In 125 Veranstaltungen diskutierten internationale Größen wie die US-Historikerin Jill Lepore, der Friedenspreisträger Philippe Sands und UN-Kommunikationschefin Melissa Fleming über digitale Kontrolle, Völkerrecht und den Schutz demokratischer Institutionen. Erstmals wurde der „IPA Freedom of Expression Defenders Award“ verliehen, der an die „The Media Coalition“ aus den USA ging, die sich seit 1973 für die Meinungsfreiheit in verschiedenen Mediensektoren einsetzt. Auch Frauenstimmen prägten die Messe nachhaltig. Während in Stockholm Anne Carson den Literaturnobelpreis erhielt, standen in Frankfurt Autorinnen und Aktivistinnen im Mittelpunkt. Gisèle Pelicot appellierte mit ihrer bewegenden Botschaft „Die Scham muss die Seite wechseln“ an die Gesellschaft im Kontext sexueller Gewalt. Im SHEROES-Talk „Vater unser“ diskutierten Natalie Amiri, Düzen Tekkal und Alexa Hennig von Lange über Herkunft und Identität. Das Fachprogramm „PublisHer“ beleuchtete zudem Karrierewege und die Sichtbarkeit von Frauen in der Verlagswelt.
Ehrengast Tschechien: Ein Land an der Küste
Unter dem poetischen Motto „Ein Land an der Küste“ präsentierte sich Tschechien als Ehrengast. Der 2.300 Quadratmeter große Pavillon verwandelte das Messezentrum in eine experience Raum, in dem aufblasbare Design-Elemente, ein leuchtender Leuchtturm und interaktive „Bojen“ die tschechische Literatur mittels KI erlebbar machten. Mehr als 75 Autoren, darunter Stars wie Radka Denemarková, Jáchym Topol und Kateřina Tučková, aber auch neue Stimmen wie Marek Torčík und Anna Beata Háblová, stellten ihre Werke vor. Kunstwerke entstanden vor Ort sogar mit Unterstützung eines Roboters, was die Verbindung von Tradition und Technologie symbolisierte.
Publikumsmagnet und Ausblick
Das Messewochenende bot ein vielfältiges Programm für alle Generationen: Von der Romance- und Fantasy-Ecke in der Festhalle über Manga und Cosplay in Halle 4.0 bis hin zur ersten „Matsuri Stage“ für japanische Popkultur. Die neue Community Stage und die Content Creator Lounge in Kooperation mit Bastei Lübbe wurden zu beliebten Treffpunkten für digitale Multiplikatoren. Auf der Literaturbühne von ARD, ZDF und 3sat traten Schwergewichte wie Colson Whitehead, Robert Habeck und Cornelia Funke auf.
Die 79. Frankfurter Buchmesse findet vom 6. bis 10. Oktober 2027 statt. Ehrengast wird Chile sein, das dann seine Literatur und Kultur in den Mittelpunkt des weltweiten Interesses rücken wird. +++

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