In den Berliner Parteizentralen herrscht dieser Tage eine eigentümliche Stille. Es ist nicht die hektische Betriebsamkeit einer akuten Krise, sondern die Lähmung vor einem Trend, der sich längst verfestigt hat. Die jüngste Forsa-Erhebung im Auftrag der Sender RTL und ntv zeichnet das Bild einer politischen Landschaft, in der die Bindekräfte der traditionellen Volksparteien in beängstigendem Tempo erodieren. Zum dritten Mal in Folge rutschen CDU und CSU unter die psychologisch wie strategisch bedeutsame 20-Prozent-Marke. Unverändert 19 Prozent der Wählerstimmen – ein Wert, der im Konrad-Adenauer-Haus die Alarmglocken schrillen lassen müsste. Der Abstand zur AfD, die mit 26 Prozent unangefochten den Spitzenplatz verteidigt, beträgt mittlerweile sieben Prozentpunkte.
Doch wer das Dilemma der Union ausschließlich als Triumphmarsch der Rechtsaußen-Konkurrenz interpretiert, verkennt die Tiefenströmung dieses demoskopischen Bebens. Der Blick hinter die Rohdaten legt eine ganz andere, für die Union ungleich schmerzhaftere Wahrheit offen: Ihre früheren Anhänger laufen keineswegs in Scharen geschlossen zur AfD über. Von jenen Bürgern, die bei der Bundestagswahl 2025 noch für CDU oder CSU votierten und sich inzwischen abgewandt haben, wählt der weitaus größte Teil schlicht gar nichts mehr. Satte 37 Prozent dieser ehemaligen Unionswähler haben sich in die Resignation verabschiedet und wollen derzeit überhaupt nicht an die Urne treten.
Nur 18 Prozent aus diesem früheren bürgerlichen Stamm zieht es zur AfD. Fast ebenso viele wandern in die entgegengesetzte Richtung ab: Jeweils 15 Prozent würden heute SPD oder Grüne wählen. Sechs Prozent liebäugeln mit der FDP, sieben Prozent mit sonstigen Gruppierungen, und selbst die Linkspartei schöpft noch zwei Prozent aus dem früheren Unionsreservoir ab. Die Christdemokraten leiden damit nicht an einer punktuellen Flanke, sondern an einem Aderlass nach allen Seiten – vor allem aber an einer Entfremdung von jenen Bürgern, die der Politik gänzlich den Rücken kehren.
Im restlichen Parteienspektrum bewegt sich das Feld im zähen Gleichmaß. Die SPD kann ihre jüngsten Gewinne nach der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern verteidigen und verharrt bei 14 Prozent. Die Grünen behaupten unverändert 17 Prozent. Eine leichte Bewegung verzeichnet die Linke, die um einen Prozentpunkt auf 12 Prozent zulegt und damit den Verlust aus der Vorwoche wieder ausgleicht. Die FDP bleibt bei mageren vier Prozent im parlamentarischen Niemandsland gefangen. Die sonstigen Parteien – das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) eingeschlossen – vereinen gemeinsam acht Prozent auf sich.
Das eigentliche Signal dieser Erhebung liegt jedoch jenseits des Parteiengeplänkels: Das Lager der Nichtwähler und Unentschlossenen wächst unaufhaltsam. Ihr Anteil klettert im Wochenvergleich um einen Prozentpunkt auf 25 Prozent. Jeder vierte wahlberechtigte Bürger sieht sich derzeit von keinem Angebot der Bundespolitik mehr repräsentiert. Dieser Wert liegt dramatisch über der Nichtwählerquote der Bundestagswahl 2025, die damals bei 17,9 Prozent lag.
Die Ursache für diese Entfremdung tritt bei der Frage nach der Lösungskompetenz schonungslos zutage. Ganze 55 Prozent aller Befragten – eine absolute Mehrheit der Bevölkerung – trauen schlicht keiner einzigen Partei mehr zu, mit den drängenden Problemen des Landes fertigzuwerden. Ein fatales Zeugnis für den gesamten parlamentarischen Betrieb. Wo das Zutrauen gänzlich fehlt, schlägt sich selbst ein vermeintlicher Zuwachs kaum in echter Überzeugung nieder: Der AfD trauen aktuell 14 Prozent der Befragten am ehesten Lösungen zu – das ist zwar ein Zähler mehr als in der Vorwoche und der Spitzenwert im Parteienvergleich, aber gemessen an ihren 26 Prozent Wählerstimmen ein ernüchternder Befund.
Die Union stagniert bei ihrer Kernkompetenz bei mageren neun Prozent. Die Regierungspartner SPD und Grüne teilen sich mit jeweils sieben Prozent das Misstrauen der Wähler, während die Linkspartei immerhin um einen Punkt auf sechs Prozent zulegen kann.
Aus dieser demoskopischen Bestandsaufnahme ergibt sich ein klarer Handlungsauftrag: Wer den Niedergang stoppen will, darf sich nicht in symbolpolitischen Grabenkämpfen und gegenseitigen Schuldzuweisungen verbeißen. Das Vakuum, das die Union hinterlässt und aus dem die Resignation der Bürger wächst, lässt sich weder durch Schielen nach rechts noch durch parteitaktisches Lavieren schließen. Nötig ist eine Rückkehr zu unaufgeregter, verlässlicher Sacharbeit, die reale Probleme löst, statt sie rhetorisch aufzuladen. Nur wenn demokratische Politik wieder beweist, dass sie handlungsfähig ist, lässt sich das Vertrauen jener 55 Prozent zurückgewinnen, die den Glauben an die Gestaltungskraft des Staates bereits verloren haben. +++
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