Emeritierter Papst Benedikt XVI. sorgt mit einem Interview erneut für Wirbel

Einflussnahme in die aktuelle Kirchenpolitik

Der emeritierte Papst Benedikt XVI.

Wenn sich der emeritierte Papst Benedikt XVI. zur Kirchenpolitik äußert, gefällt dies Kritikern nicht. Doch er hat es wieder getan. Hierbei geht er mit Amtsträgern der katholischen Kirche in Deutschland ins Gericht. Wir sind Kirche hat das Interview kritisiert.

Bei allem Respekt vor seiner Lebensleistung finden es viele Gläubige verstörend, dass Joseph Ratzinger – auf dem Titelblatt der Herder Korrespondenz noch fälschlicherweise als Benedikt XVI. bezeichnet – mit diesem „schriftlichen Gespräch“ zum wiederholten Male sein Wort bricht, „verborgen vor der Welt zu leben“, das er bei seinem Rücktritt gegeben hatte. Auch wenn in diesem Fall vor allem auf seine kurze Zeit als Seelsorger in München zurückgeblickt wird, so ist doch die Gefahr groß, dass konservative Kräfte in der katholischen Kirche dies auch als Festhalten am Priesterbild der damaligen Zeit lange vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) deuten.

Einflussnahme in die aktuelle Kirchenpolitik
Die Kontroversen um den Kurs seines Nachfolgers Papst Franziskus zeigen, welche irritierenden Wirkungen die immer wieder erfolgten Einmischungen des ehemaligen Papstes – das wäre die richtige Bezeichnung – zu aktuellen Debatten, wie beispielsweise nach der Panamazonien-Synode in der Zölibatsfrage hatten. Es mag Zufall sein, dass die Veröffentlichung des im Frühsommer 2021 brieflich geführten „Gesprächs“ just in dem Moment erfolgt, in dem Papst Franziskus mit dem Motu Proprio „Traditionis custodes“ die 2007 durch Papst Benedikt XVI. mit „Summorum Pontificum“ erfolgte völlige Freigabe des vorkonziliaren Mess-Ritus korrigiert, bei dem es keineswegs nur um die lateinische Sprache, sondern um ein völlig anderes Gottesdienst- und Priester-Verständnis ging.

Versuch, die Deutungshoheit über sein eigenes amtskirchliches Handeln zu behalten
Das sehr ausführliche Gespräch mag interessante Hinweise dafür liefern, wie die kurzen, aber intensiven Erfahrungen des jungen Ratzinger in einer Münchner Stadtrandgemeinde seine spätere wissenschaftliche und kirchenleitende Karriere beeinflusst haben. Gleichzeitig stellt es den nicht unproblematischen Versuch dar, auch jetzt noch die Deutungshoheit über sein eigenes jahrzehntelanges amtskirchliches Handeln oder auch Nichthandeln in München und vor allem in Rom behalten zu wollen, wie dies auch bei der vor einem Jahr von Peter Seewald herausgebrachten Biografie der Fall war.

Kritik an deutschen Bischöfen und am Synodalen Weg
Wenn er konkret „die Amtskirche“ kritisiert, meint er wohl in erster Linie die Kollegen Bischöfe in Deutschland, die sich seiner Meinung nach bei der Würzburger Synode (1971-1975) oder auch jetzt beim Synodalen Weg in Deutschland von Laien im wahrsten Sinn des Wortes etwas „vorschreiben“ lassen. Wenn er den von ihm 2011 in seiner Freiburger Rede verwendeten Begriff der „Entweltlichung“ jetzt lieber als Heraustreten in das „Freie des Glaubens“ verstanden wissen möchte, so sollte er nicht vergessen, wie vielen Menschen er in seinen 23 Jahren als Präfekt der Glaubenskongregation das „Freie des Glaubens“ versagt und ganz konkret Theologen wie Leonardo Boff oder Jon Sobrino und viele andere abgestraft und zum Schweigen gebracht hat.

Versuch sein möglicherweise offenbar werdendes eigenes Versagen zu entschuldigen
Für die derzeit vorhandene Distanzierung vieler Menschen vom kirchlichen Leben ist gerade auch das konkrete Fehlverhalten der Amtsträger verantwortlich zu machen. Angesichts des in Kürze zu erwartenden neuen Missbrauchsberichts für die Erzdiözese München und Freising, deren Erzbischof er zwischen 1977 und 1981 war, könnte die Gesprächsaussage „Zum Bischofsamt sollten nur Leute zugelassen werden, die ohne Flecken aus der Verfolgungszeit sich den Gläubigen als Glaubende darstellten“ auch ein vorauseilender Versuch sein, sein möglicherweise dann offenbar werdendes eigenes Versagen zu entschuldigen, heißt es von „Wir sind Kirche“ . +++

Es gibt einige Regeln, die alle Diskussionsteilnehmer einhalten müssen. Wir bitten um Beachtung.

[Kommentarregeln hier klicken]

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Demokratie braucht Teilhabe!