Jeder Fußballer kennt diese Spiele, in die man alles reinwirft. Tut und macht. Aber: Man erhält nichts dafür. Großer Aufwand, null Ertrag. Viel Input. Vergebens. So erging es dem Hünfelder SV nach dessen 0:1-Heimniederlage am Freitagabend gegen den VfB Marburg. Aus Sicht des HSV folgte dem Auftaktsieg beim SC Hanau nun dieses Resultat – und vor dem erneuten auswärtigen Auftritt am Mittwoch bei der Zweiten des KSV Hessen. Marburg indessen ist mit zwei Siegen gestartet – und man muss den ausgebufften VfB erst einmal schlagen. Das ist eine Erkenntnis des durchaus lehrreichen Abends in der Rhönkampfbahn.
HSV-Trainer Benjamin Fuß brauchte nicht einmal mit den Schultern zu zucken, als er nüchtern bemerkte, Marburg stelle halt eine erfahrene Mannschaft. Das hatte der Coach auch im Vorfeld betont. Und falls so mancher nicht so großen Wert auf vorschauende Worte legt – an diesem Abend wurde er Zeuge dessen. Seine Mannschaft dagegen habe sich in der ersten Halbzeit im Zweikampf-Verhalten schülerhaft bewegt. In unzähligen Situationen bekam das der Dritte vor Augen geführt. Und das – die erste und eine wesentliche Erkenntnis -, Zweikampfverhalten hat nicht nur etwas mit Physis zu tun, sondern auch damit, wie schnell oder rechtzeitig Spieler in der Situation sind. Marburg entschied in Hälfte eins fast jedes Eins-gegen-eins-Duell für sich. Auf den ersten Blick wegen der Robustheit und stimmigen Athletik eigentlich aller Spieler. Auch, weil die Spieler fast immer einen Schritt eher am Ball oder nahe dem waren – und weil sie hier und da Überzahl in Ballnähe herstellten. Auch auch immer wieder mal halfen.
Dabei spielte der HSV in der ersten Halbzeit nicht unbedingt schlecht, er mühte und mühte sich – auch wenn der fußballerisch arg fehlerhafte Vortrag gar nicht gut war. Zahlreiche Ballverluste prägten das Spiel – vor allem auch bei Kassa und Paliatka, die sich beide in einigen Situationen festdribbelten. Heraus kam beim HSV insgesamt keine Mannschaftsleistung. Marburg proftietierte davon – auch durch viele Ballgewinne Box-to-box gelangte der Gast zum schnellen Umschalten. Die zeitige Führung – der spielentscheidende Treffer – spielte dem VfB in die Karten. Marcel Dücker ließ sich zu einem Foulspiel an Milano Michel hinreißen, den Elfer nutzte Gentrit Limani. Ausgerechnet der nicht unerfahrene „Dücki“ mochte man denken in dieser Situation. Michel wurde mit dem Rücken zum Tor angespielt, bewegte sich sozusagen weg vom Tor. Doch „Dücki“ weiß es ja selbst. Zu diskutieren braucht an dieser Stelle niemand. Das ereignete sich übrigens in Minute 18.
Dafür leitete Dücker eine von drei Hünfelder Chancen in Häfte eins ein – die waren gut herausgespielt, und es waren keine schlechten. In Minute 43 gewann Dücker energisch einen Ball, nahm „Jemo“ Kassa mit – der nutzte sein starkes Tempodribbling, zog in die Box, schloss mit links aber unglücklich und übers Tor ab. Auch an zwei anderen Situationen war Kassa beteiligt. Beide Male ging es nach einem Konter ratz-Fitz, Kassa überbrückte das Mittelfeld schnell, legte jeweils, als er die Box erreicht hatte, rechts raus zu Paliatka – und dessen gefährliche Eingaben verpasste David Costa Sabate zweimal nur knapp am langen Pfosten. Ein Schuss Pech also gesellte sich hinzu.
Doch auch das in fast allen Fällen defensiv gut organisierte Marburg (bei beiden oben genannten Situationen stimmte die Restverteidigung nicht) hätte vor der Pause das zweite Tor machen können. Zunächst war Hünfelds Keeper Jannis Maul gegen Tom Woiwod zur Stelle (28.), dann ging Jannik Gross‘ beherzter und strammer Linksschuss nur knapp vorbei (33.) – ehe erst Leon Zöll in „höchster Not“ rettete und Sekunden später der Kopfball des Spielertrainers Jörn-Hendrik Starostzik sein Ziel knapp verfehlte (39.).
Doch orientieren wir uns daran, was für den HSV spricht. Und das war nicht wenig. Mit Beginn des zweiten Abschnitts zeigte das Hünfelder Team eine Reaktion – und ein anderes Gesicht. Abgesehen davon, dass Initiator und Impulsgeber Luca Utz zur Pause verletzt raus musste. Mehr Schwung begleitete den Gastgeber, der jetzt höher stand, seinen Laufaufwand als Team erhöhte und mehr zweite Bälle gewann. Petr Paliatka bewegte sich gut zwischen den Linien und bot auch einige vertikale Läufe an, worauf seine Mitspieler zu wenig reagierten. Und was wäre gewesen, wenn Maxi Fröhlichs Kopfball (nach Kassa-Flanke) nicht an den Pfosten gegangen wäre – sondern einige Zentimeter weiter ins Tor? Das war in Minute 51.
Marburg, das im zweiten Abschnitt keine nennenswerten offensiven Szenen mehr hatte, hielt indessen dagegen. Mit derselben Zähigkeit und demselben Widerstand wie zuvor. Bisweilen gefiel der Gast durch ordentliches Mittelfeld-Pressing und hohes Anlaufen. Die HSV-Spieler aber behielten ihren Kopf oben, arbeiteten und und waren wild auf den Ausgleich. Und noch ein zweiter Pfosten-Treffer sprang heraus: Der zur Pause für Uth gekommene Jakob Göbel spielte mit tollem vertikalen Pass Max Lindemann an – und dessen Abschluss aus halbrechter Position landete am „langen Pfosten“. Das Spielglück begleitete den HSV an diesem Abend nicht. In der letzten Minute der regulären Spielzeit missriet Dückers Abschluss-Versuch noch. Marburg schaukelte das Ding nach Hause.
Apropos Lindemann: Der war bester Hünfelder Spieler. Sehr ballsicher, eifrig und mit vielen Kontakten auf seiner neuen Sechser-Position – und das eine oder andere Mal auch torgefährlich. Mehrmals leitete er ansprechende Offensiv-Aktionen ein. Bei erwähntem Pfostenschuss hatte er überdies mächtig Pech. Positive Nachrichten gab‘s aber auch: Mark Zentgraf feierte am Spieltag seinen 26. Geburtstag. Seine Präsenz hätte man sich ebenso gewünscht wie die von Sven Kemmerzell, Jonas Simon, Max Vogler oder auch von Aaron Gadermann. Aber noch ist das Quintett ja verletzt.
Gedanken machten sich breit nach dem Schlusspfiff um 21.10 Uhr in der Rhönkampfbahn. Geht es im Fußball wirklich darum, wer das bessere Team stellt? Oder darum, wer mehr für das Spiel getan hat? Sind das nicht auch oberflächliche Anmerkungen? Oder auch, wenn man sagt, „die hatten doch nicht viele Chancen?“ Der HSV hätte wegen seiner stimmigen zweiten Halbzeit und der beiden Pfostentreffer einen Punkt verdient gehabt. Doch was heißt das schon, „verdient“. Fußball ist ein Spiel – und kein Besuch auf dem Finanzamt. Gewinnt nicht immer die Mannschaft, die ein Tor mehr als der Gegner geschossen hat? So gesehen, hoffen nicht nur die HSV-Fans auf einen positiven Ausgangs des Spiels in Kassel am Mittwoch.
Hünfelder SV: Maul – Häuser (83. Trabert), Dücker, Banh, Zöll – Uth (46. Göbel), Lindemann – Paliatka, Kassa (64. Boas Kümmel), Fröhlich – Costa Sabate (76. Witkowski)
Marburg: Samnik – Gaudermann, Starostzik, Gatamura, Künkel – Gross, Pfalz, Limani (88. Lehr), Grönke (69. Paudyal) – Michel, Woiwod (84. Parson)
Schiedsrichter: Tom Bartholmai
Das Tor: 0:1 Gentrit Limani (18., Foulelfmeter) +++ rl
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