Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung in Kliniken weit verbreitet

Gesundheit

Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung gehören nach einer bundesweiten Mitgliederbefragung des Marburger Bundes für viele Ärztinnen und Ärzte zum Arbeitsalltag. Die Gewerkschaft hat erstmals erhoben, wie häufig Grenzüberschreitungen im ärztlichen Umfeld vorkommen, welche Formen sie annehmen und welche Folgen sie für Betroffene haben.

An der Online-Befragung beteiligten sich vom 6. Februar bis 13. März 2026 insgesamt 9.073 angestellte Ärztinnen und Ärzte. Mehr als zwei Drittel der Teilnehmenden waren Frauen. Rund 90 Prozent arbeiten in Krankenhäusern, zehn Prozent in ambulanten Versorgungseinrichtungen. Mehr als die Hälfte der Befragten ist 40 Jahre oder jünger.

Nach Angaben des Marburger Bundes berichteten 49 Prozent der Teilnehmenden, in den vergangenen zwölf Monaten persönlich Machtmissbrauch durch ärztliche Beschäftigte erlebt zu haben. In den meisten Fällen ging dieser von ärztlichen Vorgesetzten aus. Nur ein kleinerer Teil entfiel auf Kolleginnen und Kollegen. Viele Betroffene gaben an, die Vorfälle wiederholt erlebt zu haben – teilweise mehrmals pro Woche.

Besonders häufig äußerte sich Machtmissbrauch laut Umfrage in einem respektlosen oder herablassenden Umgangston. Ebenfalls häufig genannt wurden das grundlose Infragestellen fachlicher Kompetenzen sowie öffentliche Bloßstellungen oder Mobbing. Darüber hinaus berichteten Betroffene von unfairer Dienst- und Urlaubsplanung, Benachteiligungen in der Weiterbildung oder Diskriminierung aufgrund familiärer Situationen.

Die Folgen seien für viele erheblich. Die meisten Betroffenen nannten emotionale Erschöpfung und anhaltende Anspannung. Viele berichteten zudem von sinkender Arbeitsmotivation oder dem Wunsch, die Abteilung oder Klinik zu wechseln.

Drei Viertel der Betroffenen meldeten die Vorfälle nach eigenen Angaben nicht. Hauptgründe seien Zweifel an wirksamen Konsequenzen, die Sorge vor beruflichen Nachteilen sowie fehlende vertrauliche oder anonyme Meldemöglichkeiten. In vielen Fällen seien nach einer Meldung keine Maßnahmen ergriffen worden.

Auch die Bereitschaft, Machtmissbrauch offen anzusprechen, ist laut der Umfrage gering. Nur ein kleiner Teil der Befragten fühlt sich sicher genug, entsprechende Vorfälle zu thematisieren. Gleichzeitig berichteten mehr als die Hälfte der Teilnehmenden, im vergangenen Jahr Zeuge von Machtmissbrauch geworden zu sein. Viele hätten sich jedoch aus Angst vor Nachteilen oder aus Neutralität nicht eingeschaltet.

Im zweiten Teil der Befragung ging es um sexuelle Belästigung im ärztlichen Arbeitsumfeld. 13 Prozent der Befragten erklärten, in den vergangenen zwölf Monaten selbst sexuelle Belästigung erlebt zu haben. In rund zwei Dritteln der Fälle seien ärztliche Vorgesetzte verantwortlich gewesen. Die Betroffenen machten überwiegend Männer für die Vorfälle verantwortlich.

Die Formen sexueller Belästigung reichten von sexualbezogenen Kommentaren und anzüglichen Gesprächen bis hin zu unerwünschter körperlicher Nähe und Berührungen. Viele Betroffene berichteten von psychischen Belastungen, Erniedrigung, vermindertem Selbstwertgefühl oder dauerhafter innerer Anspannung. Teilweise habe dies auch berufliche Konsequenzen gehabt, etwa Kündigungen, Arbeitsplatzwechsel oder den Wechsel der Abteilung.

Auch bei sexueller Belästigung bleibt die Mehrheit der Vorfälle nach Angaben des Marburger Bundes ohne offizielle Meldung. 84 Prozent der Betroffenen hätten keine Anzeige oder Beschwerde eingereicht. Als Gründe nannten sie fehlendes Vertrauen in Konsequenzen, hierarchische Abhängigkeiten, Angst vor beruflichen Nachteilen sowie fehlende vertrauliche Meldewege.

Der Bezug zu Fulda ergibt sich laut regionalen Berichten und Aussagen betroffener Medizinerinnen daraus, dass ähnliche Erfahrungen nicht nur an großen Universitätskliniken gemacht werden. Eine Medizinerin aus Fulda schilderte demnach, dass sexistische Bemerkungen, Grenzüberschreitungen und Machtgefälle auch im Klinikalltag kleinerer Häuser präsent seien. Viele Betroffene würden aus Sorge um ihre berufliche Zukunft schweigen. Die Diskussion auf dem Ärztetag habe deshalb bundesweit Aufmerksamkeit ausgelöst.

Der Marburger Bund sieht in den Ergebnissen deutliche Hinweise darauf, dass Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung im ärztlichen Arbeitsumfeld keine Einzelfälle sind. Die Umfrage zeige, dass hierarchische Strukturen und fehlende Schutzmechanismen dazu beitragen, dass viele Vorfälle ungemeldet bleiben. +++


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